Ihre Arbeit wird in der Türkei mit großem Interesse verfolgt: Handan Aksünger, Professorin für das Alevitentum an der Uni Hamburg. © Cem Mirzanli

ZEIT ONLINE: Frau Aksünger, Sie haben Ethnologie studiert, jetzt besetzen Sie die erste Professur für das Alevitentum auf der Welt. Wie kommt man dazu?

Handan Aksünger: Fürs Alevtitentum habe ich mich anfangs wenig interessiert. Meine Eltern hatten einen Laden in Berlin-Neukölln, wo sie Textilien und allerlei Schnickschnack verkauften. Unsere Kundschaft war bunt gemischt. Das hat mich wohl geprägt. Mich hat schon immer interessiert, wie Gemeinschaften funktionieren, wie sie aufgebaut sind und welche Werte ihnen wichtig sind. Deshalb habe ich Ethnologie studiert, mit den Schwerpunkten Südostasien und Ostafrika.

ZEIT ONLINE: Und wie sind Sie dann aufs Alevitentum gekommen?

Aksünger: In der Ethnologie sagt man, dass man das Fremde erst mit dem Vergleich mit dem Eigenen versteht. Meine Professoren haben mich daher ermuntert, meine Magisterarbeit über meinen eigenen alevitischen Hintergrund zu schreiben. Das war der Anfang. Danach habe ich für den Integrationsbeauftragten Nordrhein-Westfalens gearbeitet und angefangen, erste Lehraufträge entgegenzunehmen. Nach meiner Promotion in Ethnologie habe ich ein Gastsemester an der Akademie der Weltreligionen in Hamburg verbracht. Und als die Professur für alevitische Religion ausgeschrieben wurde, habe ich mich sofort beworben.

ZEIT ONLINE: Warum ist die erste Professur gerade in Hamburg entstanden?

Aksünger: Das geht auf einen langen Prozess zurück. Die Hamburger Aleviten haben sich schon früh in interreligiösen Arbeitskreisen der Stadt engagiert. Bereits 1989 gab es hier an der Universität eine alevitische Kulturwoche. Das erste Mal, dass die Aleviten mit ihrem Schweigegebot brachen. Ein großer Schritt für die Gläubigen auf der ganzen Welt. 

ZEIT ONLINE: Welche Folgen hatte er für Hamburg?

Aksünger: Es wurden hier nach und nach alevitische Elemente in den Religionsunterricht an Schulen aufgenommen. 2012 dann folgte der Staatsvertrag, der Aleviten das Recht zugestand, eigenen Religionsunterricht anzubieten. Das hat den Weg für die Professur und den ersten Bachelor-Studiengang Alevitische Religion geebnet. Hamburg ist dadurch sehr wichtig für die Aleviten und ihre Selbstbehauptung. Meine Professur wurde auch in der Türkei und anderen europäischen Ländern mit viel Interesse verfolgt.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie sonst für Feedback bekommen?

Aksünger: Viele Aleviten waren ziemlich überrascht von diesem Angebot. Die Eltern meiner Studenten konnten es teilweise gar nicht wahrhaben. Ich bekomme E-Mails und Anrufe von jungen Aleviten, die zum Beispiel Literaturempfehlungen haben möchten. Für viele bedeutet diese Professur auch ein Stück Emanzipation: Viele Aleviten stehen zunehmend zu ihrem Glauben, in den Familien wird mehr diskutiert und immer mehr trauen sich, verborgene Quellen aus ihren Verstecken zu holen. Es gibt also viel Forschungsbedarf für angehende Wissenschaftler.