Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

zu Beginn der aktuellen Spielzeit rief das Thalia Theater dazu auf, 100.000 Euro für Flüchtlinge zu sammeln. Bis Anfang dieses Jahres kamen bereits 120.000 Euro zusammen. Das Thalia ist seit Jahren in der Flüchtlingshilfe engagiert; was vor einigen Wochen den lettischen Starregisseur Alvis Hermanis dazu brachte, eine Inszenierung abzusagen. Hermanis, der gern beeindruckende Räume, opulente Gewänder und kauende Tiere auf die Bühne bringt, sagte einmal, bei seinen Inszenierungen käme es auf "geistig-seelische Erlebnisse" an, an deutschen Bühnen wolle man dagegen eher "das soziale Miteinander verbessern". Ja und?

Hilft Videoüberwachung gegen Übergriffe?

Es wirkt schon fast etwas reflexhaft, dass nach den Übergriffen auf junge Frauen in der Silvesternacht in Köln und Hamburg jetzt wieder der Ruf nach mehr Überwachung im öffentlichen Raum zu hören ist: Schon am kommenden Wochenende will die Polizei in Hamburg auf der Reeperbahn mobile Videoüberwachung einsetzen. Auf dem Kiez sind außerdem bereits mehrere Videokameras installiert. Jens Hälterlein, der an der TU Berlin zu Kameraüberwachung forscht, ist skeptisch: "Studien können belegen, dass Videoüberwachung präventiv nur bei Diebstahldelikten eine Wirkung hat." Bei Gewaltdelikten, so der Soziologe, ließe sich keine Verringerung von Übergriffen feststellen. "Diese passieren häufig aus einem emotionalen, aggressiven Impuls. Da ist es egal, ob da eine Kamera hängt." Laut Polizei lagen am Donnerstag für den Silvesterabend 70 Anzeigen wegen sexueller Belästigung vor, in 23 Fällen wurden Frauen auch beraubt oder bestohlen. Dabei ist aber nicht eindeutig geklärt, ob und wann die sexuellen Attacken als Ablenkungsmanöver für einen Diebstahl eingesetzt wurden. Die "Welt" berichtet aktuell, dass es den Tätern in Köln laut anwesenden Polizisten vor allem um "sexuelles Amüsement" gegangen sei. Zu den Attacken in Hamburg gibt es aber auch vermehrt Hinweise von Kneipenbetreibern auf eine bereits etablierte, organisierte Diebstahlsmasche, bei der Frauen durch Belästigung abgelenkt und dann bestohlen würden. "Für die Frage, ob Überwachungskameras präventiv wirken könnten", so Hälterlein, "wäre es aber eben ein entscheidender Unterschied, ob der Gedanke des Diebstahls oder derjenige der Gewalt ausschlaggebend war."

Wo sollen die Neu-Hamburger leben?

22.299 – eine Zahl, die für Hamburg die wichtigsten Geschehnisse des vergangenen Jahres zusammenfasst wie keine andere: Denn 22.299 Flüchtlinge nahm Hamburg nach Auskunft des Senats im vergangenen Jahr auf, 21.000 von ihnen mussten auch in der Stadt untergebracht werden (zum Vergleich: Im Jahr 2014 waren es noch 6000). Die meisten kamen im September und Oktober, zum Jahresende wurden es weniger (wir berichteten). Wo die vielen Neu-Hamburger nun aber längerfristig leben sollen, darüber streiten Politik und Bürger seit Monaten – und jetzt gibt es weiteren Zunder: Das Verwaltungsgericht Hamburg hat am Donnerstag erneut einen Baustopp gegen die geplante Flüchtlingsunterkunft in Klein Borstel verhängt. Die Stadt hatte das Wohnheim für rund 700 Flüchtlinge zunächst per Polizeirecht durchsetzen wollen. Als sie damit vor Gericht scheiterte, erteilte sie eine Baugenehmigung. Die Anwohnerinitiative "Lebenswertes Klein Borstel" ging dagegen mit einem Eilantrag vor, nun folgte der gerichtliche Baustopp. Wir empfehlen noch einmal den Artikel, den unser ZEIT:Hamburg-Kollege Frank Drieschner aus Klein Borstel im August über das Engagement seiner Nachbarn schrieb: "Noch vor fünf Wochen konnte ich mir nicht vorstellen, dass einige in unserer Neubausiedlung angesichts der Aussicht, neben einer Unterkunft für Flüchtlinge leben zu müssen, in Tränen ausbrechen würden."

Klinker, der erinnert

Wie soll Hamburg zeigen, dass es nicht vergessen will? Die Nazis deportierten zwischen 1940 und 1945 mindestens 7692 Menschen vom damaligen Hannoverschen Bahnhof in Konzentrationslager. Jetzt wurde das architektonische Konzept für das Dokumentationszentrum "Denk.mal Hannoverscher Bahnhof" am Lohsepark in der HafenCity auf dem ehemaligen Gelände des Bahnhofs vorgestellt. Das Frankfurter Büro Wandel Lorch gestaltet das siebenstöckige Gebäude; die Architekten hatten sich im Wettbewerb durchgesetzt mit ihrer Idee eines zurückhaltenden, aber typisch norddeutschen Klinkerbaus. "Im oberen Teil des Gebäudes werden sich Büroräume befinden, im unteren wird das Dokumentationszentrum sein", so Thomas Wach vom Architektenbüro. Im Erdgeschoss soll das Gebäude mit einer Glasfront den Blick zum Lohsepark weiten. "Wir haben darauf geachtet, das Gebäude nicht als Tatort oder Mahnmal zu konzipieren", erklärt Wach. Es sei "in erster Linie neutral" gedacht. "Das Dokumentationszentrum ist hier ein Ergänzungsbaustein", sagte Hamburgs Oberbaudirektor Jörn Walter laut NDR. Der wichtigste Ort seien ganz klar die noch vorhandenen Bahngleise, auf denen die Menschen in den Tod fuhren.

Das Leben nach Max Bahr

"20 Prozent auf alles außer Tiernahrung" – klingelt da noch etwas bei Ihnen? Genau: Mit diesem Werbeversprechen warb die Baumarktkette Praktiker – bis die Hamburger Praktiker AG, zu der auch Max Bahr gehörte, 2013 ihre Zahlungsunfähigkeit erklärten musste. Rund 15.000 Menschen, die bei Praktiker und Max Bahr beschäftigt waren, verloren ihren Job. Nach der Insolvenz wechselten 8000 von ihnen in Transfergesellschaften, ein Instrument, das die Einschnitte für die Angestellten abfedern soll; bis zu einem Jahr werden sie qualifiziert, gecoacht und im besten Fall an neue Arbeitgeber vermittelt. Kritiker bemängeln, dass in solche Transfergesellschaften zu viel Geld gesteckt werde. Dass die Mitarbeiter doch einen Nutzen haben können, zeigten jetzt Sozialforscher des Helex-Instituts in Bochum: In einer Studie kamen sie zu dem Ergebnis, dass diese Übergangslösung eine Hilfe für die Beschäftigten darstellte: Knapp 70 Prozent der in Transfergesellschaften Gewechselten fühlten sich gut oder sehr gut beraten, knapp zwei Drittel gaben an, mit den Leistungen insgesamt zufrieden oder sehr zufrieden gewesen zu sein. Im Frühjahr 2015 waren obendrein mehr als zwei Drittel wieder in einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung. Wobei Letzteres nicht nur auf Vermittlungserfolge zurückzuführen ist, sondern auch darauf, dass viele der Filialen von anderen Baumarktketten komplett mit Personal übernommen wurden.

FDP liebt Tennis

Neues Jahr, neues Glück? Zumindest für zwei: Katja Suding, FDP-Fraktionsvorsitzende in der Hamburger Bürgerschaft und Parteivorsitzende, sowie der Ex-Tennisprofi Udo Riglewski sind ein Paar – das bestätigte die Hamburger FDP, nachdem das "People"-Magazin Aufnahmen aus dem gemeinsamen Urlaub der beiden in Tirol veröffentlicht hatte. "Es ist noch frisch, fühlt sich aber sehr gut an", sagte Suding dem Boulevardblatt. Wir freuen uns ja für sie. Allein schon, weil FDP und Tennis ja eine Zeitlang ziemlich gut zusammenpassten. Zumindest so lange, bis die FDP sich dem Golf zuwandte, weil Tennis auf einmal Mainstream war. Beziehungsweise, bis die FDP von den bei Wahlen erreichten Prozenten her zu sehr Underground für Tennis wurde. Und jetzt? Vielleicht suchen sich Suding und Riglewski um der Liebe willen gemeinsam ein neues Hobby. Oder eine neue Partei.

Mittagstisch

Für Grünkohl-Gourmets

Im Goldbeker fällt erst mal das viele Holz auf: Dielenboden, dunkel glänzen Stühle und Tische, hier und da flackern Kerzen. Die Mittagskarte passt sich der gemütlich-rustikalen Atmosphäre an: Es gibt Kartoffelsuppe und geschmortes Rind, Ofenkartoffeln und riesige Schnitzel. Wegen der großen Nachfrage steht auch immer noch Grünkohl in vielen Variationen auf der Karte. Besonders positiv fällt bei jedem Besuch auf, dass die Küche und der Service trotz vollem Haus schnell arbeiten. Meist kommen alle Gerichte gleichzeitig, garniert mit einem netten Lächeln. Die Preise bewegen sich zwischen 6,70 und 7,20 Euro. Tipp: Falls das Goldbeker im vorderen Teil proppenvoll ist, probieren Sie es mal weiter hinten. Schinkelstraße 20, Mittagstisch von 11.30 Uhr bis 16.30 Uhr.

Elmar Stein


Was geht

Performance: Ein Abend, der dem Versuch gewidmet ist, erwachsen zu werden – das klingt verheißungsvoll experimentell. "Ein weiteres Beispiel für die Durchlässigkeit gewisser Grenzen (mit Texten von David Foster Wallace)" ist eine Abschlussarbeit der Theaterakademie Hamburg. Kampnagel,Jarrestraße 20, 19.30 Uhr

Ewige Kinder: Wer wiederum gar nicht erst erwachsen werden will, kann bei "Peter Pan – Das Nimmerlandsmusical" mitfiebern, wenn Pan, Wendy und Tinkerbell auf ihrer fantastischen Reise gegen Captain Hook antreten. Gruenspan, Große Freiheit 58, 16 Uhr

Feiern: Sich zurück in die wilden Sechziger tanzen: Garage, Trash und Beat legen die DJs im Kometen an diesem Freitag auf – für ein angenehm gemischtes Publikum. Und sogar eine stilechte Jukebox ist vorhanden. Komet, Erichstraße 11, ab 22 Uhr

Was kommt

Fotografie: Die Arbeiten von Michael Köster sind eine ästhetische Verbeugung vor dem Urbanen. Seine Schwarz-Weiß-Fotografien zeigen Aufnahmen aus Berlin, Lissabon, Prag – und natürlich Hamburg. Junges Hotel, Kurt-Schumacher-Allee 14, täglich 12–22 Uhr

Konzert: Haben Sie dieNase voll von grauer Wintertristesse?Die Klezmer-Band Mischpoke mischt Traditionelles mit Jazz, Klassik und Weltmusik – und will dem Publikum bei ihrem Neujahrskonzert am Samstag die Sonnenseiten des Lebens zeigen. Kulturzentrum Marstall, Lübecker Straße 8, Ahrensburg, 18 Uhr

Debatte: Unter dem Motto "Reden, um gehört zu werden" messen sich am Wochenende über 90 Studenten aus ganz Deutschland beim Turnier des Hamburger Debattierclubs, das in Zusammenarbeit mit der ZEIT ausgerichtet wird. Die zwei besten Teams treten am Sonntag gegeneinander an - wer Spaß an Diskussion und Rhetorik hat, sollte das öffentliche Finale um 14 Uhr nicht verpassen. Agathe-Lasch-Hörsaal, Edmund-Siemens-Allee 1

Hamburger Schnack

Ein mittelälteres Paar unterhält sich in der S1 Richtung Poppenbüttel über das Internet. Er: "Nur noch Internet. Immer dieses Runterladen, runterladen, runterladen. Die Therapeuten werden künftig noch ihre Freude haben. Früher war Koma-Saufen angesagt. Jetzt Koma-Internet."

Gehört von Kirsten Wohlfahrt


Meine Stadt

»... angeblich ist es nur ein Gerücht, dass das HafenCity-Management nun Eisbrecher einsetzt ...« © Michael Kobienia


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Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende.

Montag lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle

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