Nach der Silvesternacht: 153 Anzeigen sind inzwischen bei der Polizei eingegangen (Foto: Davidwache). © Alexander Hassenstein/Getty Images
Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

153 Anzeigen gibt es wegen der Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht in Hamburg. Es ist damit zu rechnen, dass sich noch mehr Frauen melden werden, die angefasst, begrapscht und bestohlen wurden.

Das BKA glaubt mittlerweile, dass es sich um "taharrush gamea" handelte, so heißt die gemeinschaftliche sexuelle Belästigung von Frauen, die in einigen arabischen Ländern verbreitet ist: Gruppen jüngerer Männer kreisen ihre weiblichen Opfer in der Anonymität größerer Menschenansammlungen ein, attackieren sie manchmal über Stunden körperlich und beschimpfen und verhöhnen sie. Die Übergriffe, sagte das BKA der "Welt am Sonntag", reichen von sexueller Belästigung bis zur Vergewaltigung. Ein zutiefst frauenverachtendes, abscheuliches Treiben – das sich zu Silvester offenbar auch in Deutschland zum ersten Mal mehr oder weniger Bahn brach.

Opfer, Zeugen und Polizei in Hamburg sprechen von "arabisch" oder "nordafrikanisch" aussehenden Männern; in Köln sind unter den festgenommenen Tatverdächtigen zehn Asylbewerber. Dass das in Hamburg auch so ist, steht nicht fest; bis Montagabend wurde hier noch kein Verdächtiger festgenommen.

Aber es gab weitere Vorfälle. In Eidelstedt wurde am Sonntagmorgen eine 24-Jährige beim Verlassen eines Linienbusses sexuell belästigt. Die Frau sei, so die Polizeimeldung, von mehreren zugestiegenen "Südländern" "an unterschiedlichen Körperstellen" berührt worden. Schon am Freitag hatten Ermittler einen 23-jährigen Asylbewerber aus Somalia festgenommen. Er hatte ein zehnjähriges Mädchen auf einem Schulhof in Ohlstedt auf den Mund geküsst und an der Hüfte gepackt.

Der Mann gestand und wurde dann in eine andere Unterkunft verlegt. Wird er sich deshalb minderjährigen Mädchen nicht mehr nähern?

Ansonsten gibt es in Hamburg, anders als in Köln, bisher nur Verdachtsmomente und Vermutungen. Es soll und darf keinesfalls um pauschale Verdächtigungen von Flüchtlingen gehen. Aber das, was geschah, zeugt eindeutig von einem frauenverachtenden Weltbild einiger, das nicht zu unserer Gesellschaft passt. Zu keiner Gesellschaft. "Viele Flüchtlinge aus Ländern wie Algerien wissen, dass sie kaum eine Chance haben, hier zu arbeiten, hier zu studieren. Sie werden eh zurückgeschickt. Deswegen denken sie, für sie gelten keine Regeln, sie können tun, was immer sie wollen. Das erzählen sie auch so offen", sagt auf ZEIT Online Basel Esa, ein 23-Jähriger aus Syrien, selbst Flüchtling, der in der Silvesternacht auf der Kölner Domplatte feiern wollte und entsetzt verfolgte, was geschah.

 Am Wochenende erhöhte die Polizei ihre Präsenz in St. Pauli und stockte die Ermittlergruppe auf. Aber Polizeipräsenz und Videokameras, das reicht nicht. Wer hierherkommt, muss sehr deutlich über unsere Werte und Regeln aufgeklärt werden – und über die Sanktionsmöglichkeiten. Dass diese Anwendung finden, unmittelbar und in angemessener Härte, vielleicht wesentlich unmittelbarer und härter als bisher, das muss klar sein. Nicht nur, um rechten Populisten keinen Auftrieb zu geben und um zu verhindern, dass, wie in Köln, Schlägertrupps meinen, es ausländisch aussehenden Männern heimzahlen zu müssen.

Sondern auch um all der vielen Flüchtlinge wegen, denen ein solch abscheuliches Verhalten völlig fremd ist, und die es verurteilen. 

 "Ich verstehe nicht, wieso ihr Deutschen diese Verbrecher nicht sofort aus eurem Land schmeißt. Das wäre ein gutes Signal an die anderen", sagt Basal Esa weiter auf ZEIT Online. Und auf die Vorhaltung von Reporter Lukas Koschnitzke, dendeutschen Rechtsstaat zeichne es doch aus, dass er jedem eine zweite Chance gebe, sagt er: "Ich glaube, eure Regeln sind zu lasch."

Es kann dumm ausgehen, wenn das bei einigen Leuten so ankommt.

Ziemlich beste Feinde?

Eigentlich sind der Naturschutzbund NABU und die Hamburg Port Authority (HPA) nicht gerade dicke Freunde: Die einen unterstützen den Schutz der Lachseeschwalbe, die anderen wollen die Elbvertiefung, also die im Fluss, nicht uns. Entsprechend liest sich auch die Mitteilung des Naturschutzbundes zur Eröffnung der Kreuzfahrtsaison: "Es wird gejubelt, dass noch größere Luxus-Liner 2016 in der Hansestadt anlegen. Dass die Schiffsriesen dabei auch eine Riesenmenge gesundheitsschädlicher Abgase in die Stadt pusten, wird auch von begeisterten Zuschauern und Reisenden ausgeblendet."Die Umweltschützer fordern die Stadt Hamburg auf, besser zu regulieren: Die Landstromanlagen, die die Schiffe mit Energie versorgen sollen, damit die nicht ihre Maschinen laufen lassen, würden aber zu selten genutzt. Die HPA will sich daraus keinen Vorwurf machen lassen. Neue Schiffe würden mit der LNG-Bargen-Technologie ausgestattet, mit der sie in der HafenCity Strom aus umweltfreundlichem Flüssiggas beziehen können. Doch bis alle Schiffe so weit sind, kann es noch lange dauern. "Die Kosten, die da für Gesundheit und Umwelt entstehen, bleiben vor Ort, während die Kreuzfahrtreeder die Gewinne einstreichen. Da hat eine Stadt doch Verantwortung für ihre Bürger",schimpft Malte Siegert vom NABU. Was denn passieren müsste, um den Prozess zu beschleunigen? Es ist erstaunlich, aber da sind sich HPA und NABU auf einmal einig: Europaweite Regeln müssen her. Doch bis es dazu kommt, sollte der Hamburger Hafen das Nutzen der Landstromanlage wenigstens mit starken Anreizen versehen oder verpflichtend machen, findet Siegert.

Psychisch krank mit Kind

Immer wieder kommt es in Hamburg zu Familiendramen mit kleinen Kindern. Der einjährige Taylor wurde zum Beispiel kurz vor Weihnachten zu Tode geschüttelt. Die Eltern sind in solchen Fällen meist überfordert, verzweifelt und ohne Unterstützung. Und wir Journalisten stellen danach immer die gleichen Fragen: Wie konnte es dazu kommen? Was hätte anders laufen müssen? Wann werden Eltern zur Gefahr für ihr Kind? Oft bleibt nicht viel Zeit, um sich den Antworten zu nähern. ZEIT:Hamburg-Autor Jonas Breng hat sie sich genommen und eine junge Mutter wochenlang begleitet. Melanie hat Angst, keine gute Mutter zu sein, ihrem Kind eines Tages etwas anzutun. Denn Melanie ist psychisch krank. Sie leidet an der Borderline-Störung. Menschen mit dieser Krankheit wechseln ihre Stimmung, ihr Selbstbild oder ihre Meinung zu anderen Menschen in kürzester Zeit. Stabile Beziehungen sind deshalb schwer. Melanie weiß das. Ihre Schwangerschaft ist zuerst ein Schreck. Und trotzdem entscheidet sie sich für ihr Kind; zusammen mit ihrem Partner. Von ihrem Kampf mit der Krankheit und den erstaunlichen Lichtblicken auf ihrem Weg lesen Sie in dem bewegenden Protokoll in der aktuellen ZEIT:Hamburg – die noch bis morgen am Kiosk liegt.

Hockeyspieler im Glück

Außer Fußball haben fast alle Sportarten in Deutschland ein Problem: Man kann kaum Geld damit verdienen. So auch Hockey. Obwohl der Sport eine der besten olympischen Mannschaftsdisziplinen für Deutschland ist, sind in der Bundesliga kaum mehr als Aufwandsentschädigungen drin. Umso schöner für die Athleten, dass einige von ihnen nun in Indien richtig Geld verdienen können. Denn in Indien liebt man Hockey – hat aber nach dem Wechsel von Naturrasen auf Kunstrasen den Anschluss an die Weltspitze verloren. Deshalb wurde die Hockey India League, kurz HIL, ins Leben gerufen: Für etwa einen Monat messen sich Indiens Nachwuchstalente mit den besten Spielern der Welt, um Taktik und Tempo zu trainieren. Am Montag hieß es Abflug für die deutschen Olympiasieger Moritz Fürste, Tobias Hauke und Florian Fuchs sowie Torhüter Nicolas Jacobi. Fünf Wochen verdienen sie nun in der HIL – und da geht es auf einmal um ganz andere Summen. Fürste bekommt 93 000 Euro von den Kalinga Lancers, Fuchs 85 000 Euro von den Dabang Mumbai, und Kapitän Hauke und Jacobi beziehen von den Uttar Pradesh Wizards und den Jaypee Warriors jeweils 24 000 Euro. "Wir waren erst mal alle perplex und völlig fertig", sagt Fuchs. Hoffen wir, dass sie trotzdem spielen können.

Wettstreit der Worte 

Julius Steen, Sabrina Effenberger und Peter Giertzuch, zusammen die "Schönrederei", sind die Sieger der ZEIT Debatte vom Wochenende. Beim Finale des Turniers im Agathe-Lasch-Hörsaal der Universität setzten sich die Heidelberger knapp gegen das aus der Hauptstadt angereiste Team "Berlin B" durch. 90 Studierende waren auf Einladung des Debattierclubs Hamburg zum sportlichen Debattieren nach festen Regeln und Zeiten gekommen. Die Vorausscheidungen liefen im Gymnasium Allee (nach der ersten Vorrunde reichte man Bier). Zum öffentlichen Finale am Sonntag im Uni-Hauptgebäude sprang den studentischen Juroren eine prominente Ehrenjury bei, bestehend aus dem Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun, Michael Fehling, Professor für Rechtswissenschaften an der Bucerius Law School, Carsten Ovens von der Hamburgischen Bürgerschaft (CDU) und Thore Wojke von der Deutschen Debattiergesellschaft. Seit 15 Jahren unterstützt die ZEIT den zentralen Debattierwettbewerb des Verbands der Debattierclubs an Hochschulen als Sponsor und Namensgeber, und die Ehre der Auftaktrede fiel mir zu. Ich erinnerte an den verstorbenen Schirmherrn der ZEIT-Debatten, Helmut Schmidt, der nicht nur ein so brillanter wie polemischer Redner war, sondern auch nach dem handelte, was er als wichtig vertrat. Friedemann Schulz von Thun ging darauf ein, dass ein Sprecher viel mehr preisgibt, als er sagt, nämlich über sich selbst und über seine Beziehung zum Publikum. Das Thema des Finales war dann: "Sollen Gefährder erheblich in ihrer Freiheit eingeschränkt werden können, ohne dass sie konkrete Straftaten begangen haben?" Das siegreiche Heidelberger Team vertrat die Rolle der Opposition. Bester Einzelredner wurde allerdings einer der Befürworter: Kai Dittmann aus dem Berliner Team.

Mittagstisch

Geduzt werden im Geyer

Es ist eine Institution: Schon lange bevor St. Pauli als Wohnort hip wurde, eröffnete Gastronom Werner Geyer das Eckcafé am idyllischen Hein-Köllisch-Platz – da, wo der Kiez noch was von "unserem Viertel" hat. Das Café Geyer "scheint das Potenzial des Viertels schon früh erkannt zu haben", schreibt die Hamburger Tourismusbehörde auf ihrer Website. Doch das Charmante am "Geyer", wie die Nachbarn sagen, ist gerade, dass der Laden abseits der Touristen-Massenverkostungsindustrie liegt. Betreiber Bojan ist immer im aufgekratzten Duz-Modus – hier kennt man sich oder kann wenigstens glaubwürdig so tun, selbst die Gentrifizierer unter den Gästen gentrifizieren das Viertel schon lange. Weil die Büroetagen Hamburgs weit weg liegen, gibt’s mittags im Geyer auch immer einen Platz, obwohl die Küche grundsolide ist: An dem Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln für schlanke 8,50 Euro gibt’s nichts zu meckern, auch nicht an dem Grünkohl mit Kasseler und Kochwurst für 8,50 Euro. Ansonsten ist die Karte eher vegetarisch geprägt, zum Beispiel mit Kartoffel-Möhren-Röstis (6,30 Euro) oder einer vegetarischen Lasagne (6,80 Euro).

Hein-Köllisch-Platz 4, geöffnet 10.00 – 1.00 Uhr

Christoph Twickel

Was geht

Pop: Sieht aus wie ein Holzfäller – haut seine Fans aber höchstens mit seiner rauchigen Stimme um: Vollbartträger Ben Caplan kommt mit hymnischem Folk. Nochtspeicher, Bernhard-Nocht-Straße 69, 20 Uhr

Spielen: Wer immer noch glaubt, dass Zocken einsam macht, schaue einmal hier vorbei: Mario-Kart-Wii-Meisterschaft in der Superbude. Viel Spaß beim Pilzesammeln! Superbude St. Georg, Spaldingstr. 152, 19 Uhr

Klassik: Ist sicherlich à la couleur: "Französische Farben", ein Kammerkonzert mit Mitgliedern des NDR Sinfonieorchesters. Bucerius Kunst Forum, Rathausmarkt 2, 20 Uhr

Tanzen: Wer hier gefühlsduselig wird, hat sich vielleicht einmal zu oft gedreht: "Salsa Feelings" mit kostenfreiem Tanzkurs. Kulturzentrum Rieckhof, Rieckhoffstraße 12, 19 Uhr

Jugendliteratur: Die Autorinnen Katrin Seddig und Sigrid Behrens haben mit den Klassen 8 und 10 aus den Stadtteilschulen Süderelbe und Eppendorf Schulhausromane erarbeitet. Es soll um Gangs, Rotkäppchen, DDR und die Stasi gehen – viel Stoff für einen Abend! Literaturhaus Hamburg, Schwanenwik 38, 19.30 Uhr

Hamburger Schnack

Ein paar Viertklässler in der S-Bahn tauschen sich über das Rauchverhalten ihrer Eltern aus. Dazu erklärt ein Mädchen:

"Meine Eltern rauchen beide. Die haben jetzt dunkle Schatten auf den Lungen. Unsere Lungen sind grün."

Gehört von Petra Dohrendorf

Meine Stadt

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

 

Ihr

Mark Spörrle


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