Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

auch Trickbetrüger bleiben auf der Höhe der Zeit. Ganz aktuell machen sie sich ein neues Gesetz zunutze: Seit Anfang des Jahres sind Rauchmelder in Wohnungen Pflicht. Deshalb klingeln falsche Feuerwehrleute unangemeldet an der Tür, um zu kontrollieren, ob die Dinger auch wirklich an den Zimmerdecken hängen. Was daran so schlimm ist? Nachher fehlen auch noch Geld und Schmuck. Jedenfalls in Niedersachsen; in Hamburg hat man es nach Auskunft der Polizei bisher eher mit falschen Polizisten zu tun, falschen Heizungsablesern und falschen Klempnern. (Und ich dachte die ganze Zeit, die Firma, die seit Monaten bei mir daheim am Lüftungsschacht rumfrickelt, sei einfach nur schlecht!)

Kann Grote Innensenator?

Der designierte Innensenator Andy Grote war gestern nicht zu fassen. "Sein Kalender ist außer Kraft gesetzt", war die Auskunft seiner alten Arbeitsstelle. "Er war noch nicht hier", hieß es an seinem künftigen Arbeitsplatz. Für Grote geht es gerade ganz schnell: Heute muss die Bürgerschaft seine Ernennung bestätigen. Und, wie soll es anders sein, es wird weiter diskutiert. Die Anmerkung der FDP-Fraktionsvorsitzenden Katja Suding, Grote sei bisher nur "als Bauexperte in der Bürgerschaft aufgefallen", klang noch recht mild. Schärfere Töne schlägt CDU-Fraktionschef André Trepoll im Gespräch mit uns an: "Wir hätten uns einen innenpolitischen Fachmann gewünscht – das ist offenbar nicht geschehen. Hier war der Parteiproporz entscheidend." Auch Grotes politische Erfahrung in St. Pauli, etwa im erfolgreich gelösten Konflikt um die Esso-Häuser, lässt Trepoll nicht gelten: "Die Herausforderung in diesem Amt beschränkt sich nicht auf ein bisschen Kiezerfahrung, hier geht es um eine Millionenmetropole." Zu den schwierigsten Themen von Grotes bisheriger politischer Arbeit gehörte sicherlich der gewaltsame Tod des dreijährigen Mädchens Yagmur im Jahr 2014. Grote war als Bezirksamtsleiter für das zuständige Jugendamt verantwortlich, Trepoll und andere Oppositionspolitiker hatten damals seinen Rücktritt gefordert. Grote räumte daraufhin Fehler ein, reformierte das Jugendamt – und blieb. Seine neuen Herausforderungen: Rockerkriege, Drogenprobleme, die Nachwirkungen der Silvester-Übergriffe. Und nicht zu vergessen die Erstunterbringung der Flüchtlinge.

Als heiß gehandelter Nachfolger Grotes als Leiter des Bezirksamts Mitte gilt übrigens Falko Droßmann, Fraktionschef der SPD in der Bezirksversammlung Mitte. Er war bereits 2011 in den Schlagzeilen, als ein Anschlag auf sein Auto verübt wurde. Zuvor hatte er den Bau eines Zauns an der Kersten-Miles-Brücke unterstützt, der Obdachlose fernhalten sollte.

Mehr Wohnungen für sozial Schwache

Erschwinglicher Wohnraum ist in Hamburg knapp – das war schon vor dem Anstieg der Flüchtlingszahlen so. Und immerhin: Der rot-grüne Regierung hat gestern eine konkrete Maßnahme beschlossen. 300 Wohnungen mehr als bisher soll die städtische Wohnungsgesellschaft Saga pro Jahr für Menschen mit prekärer Wohnsituation bereitstellen – insgesamt also 2000 statt 1700 –, außerdem will die Stadt jedes Jahr statt wie bisher geplant 2000 Wohnungen 2300 neue bauen. Anspruch auf eine solche Sozialwohnung haben zum Beispiel Obdachlose, von Obdachlosigkeit Bedrohte, Menschen aus stationären Einrichtungen oder Frauen aus Frauenhäusern. Der Senat sieht diese Entscheidung naturgemäß als großen Fortschritt; Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt (SPD) sprach davon, künftig "deutlich mehr Haushalte mit bezahlbarem Wohnraum versorgen" zu können. Die Zahl der entsprechend bedürftigen Haushalte liegt allerdings bei 8000. Also kritisierte die wohnungspolitische Sprecherin der Linksfraktion, Heike Sudmann, die Maßnahme als unzureichend. Im Jahr 2014 sei nur ein gutes Drittel der infrage kommenden Haushalte mit einer Wohnung versorgt gewesen. "Konkret haben also von den rund 8000 anspruchsberechtigten Haushalten 5000 in die Röhre geguckt." Da seien nur 600 Wohnungen mehr im Jahr "schon rein rechnerisch völlig abwegig".

Integration konkret

Von Integration redet im Moment alle Welt, und sie ist auch dringend notwendig. Deshalb verschweigen wir an dieser Stelle nicht, dass die mit uns verschwisterte ZEIT-Stiftung für ihr Projekt "Weichenstellung für Zuwandererkinder" vom Familienministerium mit einer Million Euro gefördert wird. Weichenstellung, das heißt: Studenten unterstützen ein Jahr lang Flüchtlingskinder in Vorbereitungsklassen, damit diese den Übergang in die normalen Schulklassen besser schaffen, lernen mindestens vier Stunden in der Woche mit ihnen Deutsch und helfen ihnen in der Schule. Die studentischen Mentoren wiederum werden von Lehrern und Erziehungswissenschaftlern gecoacht. Das neue Projekt startete im vergangenen Herbst mit rund 40 Schülern an einem Gymnasium in Hamm und soll jetzt mithilfe des Fördergeldes auf andere Schulen ausgeweitet werden. "Die neue Idee daran ist das Konzept der individuellen Patenschaften. Das hat das Familienministerium überzeugt", so ZEIT-Stiftung-Vorstandschef Michael Göring. Das Ministerium sehe in der Initiative ein "vorbildliches Bildungsprojekt mit Referenzcharakter". Ist die Idee der Stiftung weiterhin erfolgreich, soll sie auch andernorts Schule machen. Ein Grundproblem löst allerdings auch dieses Projekt nicht: Laut der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft fehlt es für die Vorbereitungsklassen schlicht an geeigneten Lehrkräften.

Mitfahren und Mitverdienen

Autoteilen liegt im Trend. Mit anderen mitzufahren, jene spezielle Form des Carsharings, die das gute alte Fahren per Anhalter ersetzt hat, ist außerdem ein bisschen wie Interrail auf der Straße: Die Weggenossen führen interessante Gespräche, freunden sich vielleicht an – und sogar manches Liebespaar soll sich so schon gefunden haben. Diese automobile Romantik könnte bald vorbei sein, und das liegt am Marktführer unter den Mitfahrzentralen, BlaBlaCar. An einem durchschnittlichen Wochenende startet in Hamburg "alle zwei Minuten" eine von dem Unternehmen vermittelte Fahrt, wie Sprecherin Marei Martens mitteilt. Bisher kostet die Vermittlung nichts. Sicher, der Fahrer bekam Benzingeld, aber nicht so viel, dass er Gewinn gemacht hätte. Schrittweise aber wird mit BlaBlaCar jetzt aus der rollenden Solidargemeinschaft ein Geschäft. Schon bald will das Unternehmen eine Vermittlungsgebühr verlangen, abhängig von Strecke und Fahrpreis. Der ersten Schritt ist bereits getan: Ab sofort läuft die Bezahlung der Fahrer nur noch über eine Online-Transaktion. Künftig könnte die Firma dabei ihren Anteil einfach mitkassieren. Wem das zu kommerziell und zu unkuschelig wird, der muss sich bald doch wieder ein Interrail-Ticket kaufen.

Wie geht es Hamburg?

Auf diese Frage gibt wohl jeder von uns eine andere Antwort. Ein möglichst repräsentatives Bild von der Lebenssituation der Bürger soll der Mikrozensus liefern, an dem jährlich 9000 Hamburgerinnen und Hamburger teilnehmen. Es kann also sein, dass in diesen Tagen bei Ihnen das Telefon klingelt und man Sie zur Teilnahme an der Mini-Volksbefragung auffordert. Die Auswahl findet nach dem Zufallsprinzip statt. Wie die Befragung stattfindet, können Sie mitentscheiden: entweder persönlich bei einem Hausbesuch (Vorsicht, wenn ein Feuerwehrmann auftaucht!) oder schriftlich. Festgelegt sind allerdings die Fragen, und die reichen von der Arbeits-, und Einkommenssituation über die Rentenversicherung zu Fragen nach Herkunft und Wohnung. Sehr private Daten also – doch wer ausgewählt wird, hat keine Wahl: eine Weigerung zieht ein Bußgeld nach sich. Veröffentlicht werden die Daten dann aber anonym. Der Mikrozensus dient als Grundlage für die Regierungs- und Verwaltungsarbeit und als Informationspool für Unternehmen und Privatleute. Und vielleicht beruhigt es Sie: Ein paar der Fragen sind dann doch freiwillig. So muss zum Beispiel ein Unverheirateter nicht verraten, mit wem er zusammenlebt. Das Gleiche gilt für die Frage nach konkreten Arbeitsinhalten oder nach Überstunden (!). Und falls der Befrager auf einmal wissen will, wo Ihr Rauchmelder hängt, sollten Sie sowieso vorsichtig sein.

Leser-Umfrage der Elbvertiefung

Es haben sich schon viele Leser an der großen Umfrage zu unserem Letter beteiligt. Wenn ich nun hier noch mal dazu aufrufe, dann aus zwei Gründen: Erstens, weil ich gestern völlig vergaß, zu erwähnen, dass wir unter den Teilnehmern 3 x 2 Gutscheine fürs Passage-Kino verlosen. Zweitens, um alle zu beruhigen, die bisher völlig altruistisch an unserer Befragung teilgenommen haben – und sich dann sehr über die Kinofrage wunderten. Ja, auch Sie nehmen an der Verlosung teil. Egal, was Sie über unseren Meteorologen geschrieben haben.

Mittagstisch

Eines vorweg: Das Gasthaus an der Alster liegt nicht direkt an der Alster. Die Sicht aufs Wasser versperrt ein riesiger gräulicher Klotz: die Reederei Hapag-Lloyd. Ansonsten aber erfüllt es, was sein Name erwarten lässt: uriges Interieur, schnörkellos-freundlichen Service und solide Hausmannskost. Es gibt jeden Tag zwei Gerichte zur Auswahl (eins für 5,90 Euro, eins für 6,90 Euro) – und es empfiehlt sich, das Angebot vorab auf der Homepage zu überprüfen. An manchen Tagen schmeckt es ein wenig fad, das geben sogar Stammkunden zu. Weniger beliebt ist bei ihnen beispielsweise Seelachsfilet mit Speckkartoffelsalat. Ins Schwärmen geraten sie bei Eintöpfen. Die werden in einer Schüssel serviert, aus der sich mit einer Kelle drei Teller abschöpfen lassen. Besonders empfehlenswert: Rinderbrust mit Bouillonkartoffeln und Meerrettichsauce. Ferdinandstraße 65–67, Mittagstisch von 11.30 bis 15 Uhr

Johan Dehoust

Was geht

Indie-Pop mit Cembalo: Das schwäbisch-griechische Musikerehepaar Sea + Air (laut aussprechen!) ist in jeder Hinsicht ungewöhnlich. Daniel Benjamin und Eleni Zafiriadou sind nur zu zweit, spielen aber jede Menge Instrumente. Im Knust, Neuer Kamp 30, 21 Uhr

Lesung für Kinder: Wie gut Kuchen tut, davon schreibt Christian Duda in seinem Buch "Elke. Ein schmales Buch über die Wirkung von Kuchen". Noch mehr als um Süßkram geht es dabei um die Freundschaft zwischen einer starken Frau und einem kleinen Jungen. Der Autor liest (für Kinder ab sechs Jahren) im Literaturhaus, Schwanenwik 38, um 9 und 11 Uhr

Podiumsdiskussion: Was darf man den Medien noch glauben? Dieser Frage stellt sich Georg Mascolo, Ex-Spiegel-Chefredakteur und Leiter des Rechercheverbundes NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung",in einer Diskussion über Glaubwürdigkeit im Journalismus. "Wehe dem, der lügt", Literaturhaus, 19.30 Uhr

Hamburger Schnack

Vor einiger Zeit bei einem Status-Quo-Konzert im Stadtpark. Eine Frau und ein Mann, beide um die fünfzig. Ihre Kleidung: Lederjacke, Hose, Jeansweste mit Stickern. Er: Haarfrisur Vokuhila. Im tiefsten Hamburger Platt:

Sie: "Wo ist eigentlich Uwe?" Er: "Ach der! Der sitzt zu Hause und ist mit Altern beschäftigt!"

Gehört von Carsten Wend in Winterhude

Haben auch Sie Schnack aufgeschnappt? Wir freuen uns darüber: elbvertiefung@zeit.de, Stichwort: Schnack

Meine Stadt

»Ein klares Statement gegen Diskriminierung gibt der Club Sommersalon ab. Keine Ausreden mehr für mieses Verhalten!« © Claudius Fehlandt

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

 

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.

Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.