Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

es war eine ungewöhnliche Ansprache, die Hamburgs Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit gestern zur ersten Bürgerschaftssitzung in diesem Jahr hielt. "Aufrechte Demokraten lassen sich nicht einschüchtern!", sagte sie. "Lassen Sie uns nicht den dummen Fehler machen, von ein paar Facebook-Kommentaren auf die Meinung "der" Hamburgerinnen und Hamburger zu schließen!"

Was war passiert? Auch Hamburger Politiker mussten sich daran gewöhnen, in Sozialen Netzwerken und per Mail beschimpft zu werden. In letzter Zeit aber mündet die verbale Enthemmung immer häufiger in brutale Drohungen. "Du wirst schon sehen, was mit dir passiert" ist nicht mehr ungewöhnlich. Wie das "Hamburger Abendblatt" berichtet, drohte ein Mailschreiber einem Abgeordneten, er werde ihm beim nächsten Treffen "die Eier abschneiden". Einer Abgeordneten wünschte man eine Massenvergewaltigung durch Flüchtlinge, und man werde auch bei ihr vorbeikommen.

Nur Dampfablassen, sagen Experten. Aber auch das schürt die Stimmung. Und was ist, wenn es einen Idioten gibt, der das wörtlich nimmt?

Eine Politikerin, die Drohungen bekam wie "Wenn wir dich kriegen, wirst du aufgehängt!!!", erstattete Anzeige. Und musste allen Ernstes erfahren, dass es sich oft um Meinungsäußerungen handele. Oder man die Täter nicht ermitteln könne.

In Zeiten allgegenwärtiger Überwachung des Internets ist das wahlweise kaum zu glauben oder ein Armutszeugnis für die Ermittler. Und die Pöbler können einfach weitermachen.

Grote ohne Worte

Andy Grote ist nun offiziell Innensenator der Stadt Hamburg. Gestern wurde er von der Hamburger Bürgerschaft bestätigt. Grote erhielt 72 von 118 Stimmen – genauso viele Sitze teilen sich die Regierungsparteien in der Bürgerschaft. Reden durfte Grote allerdings noch nicht. Die CDU hatte darauf bestanden, dass die Wahl erst nach der aktuellen Stunde abgehalten wurde. Um so ohne direkten Widerstand zum innenpolitischen Rundumschlag ausholen zu können. Als Thema war eigentlich angekündigt: "Sexuelle Übergriffe auf Frauen, Abschiebestau und mehr als eine Million Überstunden bei der Polizei". Aber  Fraktionsvorsitzender André Trepoll ging in seiner Rede erst den Bürgermeister an. "Das Theater um den Rücktritt von Michael Neumann ist für Olaf Scholz ein Glaubwürdigkeits-GAU." Trepoll kritisierte vor allem, dass es Gerüchte um einen möglichen Rücktritt des ehemaligen Innensenators Michael Neumann (SPD) schon länger gab, der Bürgermeister aber stets dementiert habe. "Der Bürgermeister hat also den Hamburgern bewusst die Unwahrheit gesagt. Er hat auch billigend in Kauf genommen, dass die großen Sicherheitsprobleme in Hamburg monatelang verschleppt wurden und ungelöst blieben", sagte Trepoll. SPD-Fraktionschef Andreas Dressel antwortete auf Trepoll: "Das ist Kindergartenniveau." Auch Anjes Tjarks, Vorsitzender der Grünen Bürgerschaftsfraktion, verteidigte die Politik der Regierung. Heute Nachmittag wird die Diskussion in der Bürgerschaft fortgeführt. Dann soll es konkret um die sexuellen Übergriffe der Silvesternacht gehen. Und Grote wird dann auch sprechen dürfen.

Nordsee wird immer wärmer

Der warme Herbst hat auch dem Nordsee-Oberflächenwasser eine Rekordtemperatur beschert. Mit 9,5 Grad im vergangenen Dezember sei der bisherige Wärmerekord aus dem Dezember 2006 getoppt worden, sagt Bernd Brügge, Abteilungsleiter für Meereskunde im Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie. Besonders ungewöhnlich sei ein Wärmeanstieg zwischen dem 22. und 24. Dezember gewesen, zwar minimal, aber: "Das haben wir noch nie beobachtet", so Brügge. Es müsse noch geklärt werden, ob dies nur Schwankungen seien oder ob es einen Trend gebe, der dem Klimawandel entspreche, ergänzt die Präsidentin des Bundesamtes, Monika Breuch-Moritz, bei der Präsentation der Ergebnisse. Schon vor einem Jahr hatte Breuch-Moritz für 2014 so hohe Temperaturen in der Nordsee vermeldet wie noch nie. "Und das entspricht einem Trend, dass es seit etwa hundert Jahren wärmer wird. Das ist aus unserer Sicht ein Zeichen des Klimawandels beziehungsweise der Erwärmung", sagte sie damals im Deutschlandfunk.

Die Erwärmung hat vor allem Folgen für die Tierwelt: Einerseits wandert zum Beispiel der Kälte liebende Dorsch immer weiter Richtung Norden. Andererseits leben hier schon an wärmere Gewässer gewöhnte Sardellen, Schnecken und Austern aus dem Pazifikraum. Ob das auf Dauer gut oder schlecht ist, ist noch nicht abzusehen. Eindeutig gute Nachrichten hatten die Experten jedoch für die Ostsee. In die drückten Stürme im letzten Jahr einen großen Schwall Wasser aus der Nordsee. Dieses sei sauerstoffreicher als das Brackwasser der Ostsee, sagte Breuch-Moritz, und sei so für das Gewässer mit seinen sauerstoffarmen "Todeszonen" am Grund "jedes Mal eine sehr gute Durchlüftung".

Studium für Flüchtlinge

Die Wissenschaftsbehörde hat ein millionenschweres Sonderprogramm für Flüchtlinge gestartet. Für 17 Studienprojekte stellt sie 3,1 Millionen Euro zur Verfügung. Dazu zählen ein Flüchtlings-Koordinationszentrum, Studieneignungstests, der Ausbau von Bibliotheken, Sprachkurse, Mentoring-Programme und Angebote an künstlerischen Hochschulen. "Es gibt viele junge geflüchtete Menschen, die für ein Studium qualifiziert sind", sagt Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank (Grüne). Es mangele eben nur häufig an ausreichenden Sprachkenntnissen. Am Programm beteiligen sich verschiedene Universitäten und Hochschulen in Hamburg. Bisher war vor allem die Universität Hamburg (UHH) im Flüchtlingsbereich aktiv. Bereits seit vergangenem Oktober gibt es dort für Flüchtlinge unter anderem Sprachkurse, individuelle Studienberatung, Studieneignungstests und Mathe-Kurse. Momentan werden etwa 500 Flüchtlinge so betreut. Wie sind also die Erfahrungen? "Die Angebote werden unterschiedlich angenommen, sagt Silke Boenigk, Flüchtlingsbeauftragte der UHH, "vor allem an Sprachmodulen und individueller Beratung haben die Leute großes Interesse. Und der Frauenstammtisch war ein voller Erfolg.

HSV-Handballer sind raus

In Hamburg scheint Spitzensport nur dann eine Chance zu haben, wenn es sich um Fußball handelt: Seit gestern Nachmittag ist klar: Der HSV Hamburg muss die Handball-Bundesliga verlassen. Denn der Ligaverband HBL entzog dem bereits insolventen Verein zum Ende der Saison 2015/16 nun auch noch die Lizenz. Grund: Die Spielberechtigung für diese Saison sei "nicht auf der Grundlage vollständig und wahrheitsgemäß vorgelegter Unterlagen erfolgt". Der HSV hatte eine Zusatzvereinbarung mit Mäzen Andreas Rudolph über eine Summe von 2,5 Millionen Euro geschlossen und diese im Lizenzverfahren nicht angegeben. Ob und wie der Spielbetrieb nun fortgeführt wird, ist offen. Einzige Perspektive für den ehemaligen deutschen Meister und Champions-League-Sieger in der nächsten Saison: als Drittligist zu starten. Wieso das Aus der HSV-Handballer so beschämend ist, das schreibt Kilian Trotier, Sportexperte der ZEIT:Hamburg, in der aktuellen Ausgabe.

Den richtigen Fisch essen

Essen Sie gern Karpfen? Gut für Sie. Und für die Umwelt. Laut dem neuen Einkaufsratgeber von Greenpeace ist Karpfen quasi der einzige Fisch, den man bedenkenlos kaufen und essen kann. Afrikanischer Wels und Hering sind, bis auf gewisse Bestände, eigentlich auch in Ordnung. Überhaupt nicht gehen laut der Umweltschutzorganisation Aal, Rotbarsch, Makrele und Alaska-Seelachs – der in vielen Fischstäbchen und Schlemmerfilets steckt.

Greenpeace hat insgesamt 115 Arten Fisch bewertet. Der Hintergrund: Um viele Fischbestände steht es schlecht. Laut Welternährungsorganisation (FAO) sind 28,2 Prozent der weltweiten Speisebestände überfischt oder erschöpft, 61,3 Prozent werden an der Grenze der Erschöpfung genutzt. Der Bundesverband der deutschen Fischindustrie hält, wenig überraschend, den Ratgeber für wirklichkeitsfremd. "Das sind ideologische Empfehlungen", sagtVerbandsgeschäftsführer Matthias Keller. Zum Beispiel rate Greenpeace von Kabeljau ab. Bei dem komme aber der Großteil der Fische aus nachhaltigem Fang.

Die entscheidende Frage ist wohl, wie man "nachhaltig" definiert. So ist der Alaska-Seelachs zwar nur mancherorts überfischt. Allerdings wird er mit Schleppnetzen gefangen. Und die wiederum, warnt Greenpeace und rät deshalb ab, zerstören zum Beispiel Korallenriffe.

Wie soll der Fischliebhaber sich also verhalten? "Wir haben dazu zwei Empfehlungen", sagt Sandra Schöttner von Greenpeace: "erstens Fisch und Meeresfrüchte nicht als Fast Food anzusehen, sondern als Delikatessen für besondere Anlässe. Und zweitens immer zu gucken, wo der Fisch gefangen oder wo er gezüchtet wurde". Wie soll man das schaffen? Eben mit dem Fischratgeber  

Mittagstisch

Eine echte Hamburgensie

Eigentlich möchte man keine Werbung für den Laden machen, denn die Vorstellung, dass er von hippen Reklamemittelherstellern entdeckt, bevölkert und deformiert wird, ist schrecklich. Hoffen wir also, dass nur Menschen diese Zeilen lesen, die ein Faible für das Ursprüngliche haben. Daniel Wischer ist Hamburgs führende Fischbratküche – Punkt. Liebhaber bevorzugen die Filiale in der Steinstraße, denn sie hat Einrichtungsmoden getrotzt und präsentiert sich noch im Gaststättenlook der fünfziger Jahre. Wer Glück hat, trifft sogar eine Dame mit Hut an. Zu essen gibt es allerlei Fischgerichte, über die der Autor wenig sagen kann, weil er immer das Gleiche bestellt: Fischfrikadellen mit Kartoffelmus zu 8,50 Euro und dazu ein Glas Fassbrause, serviert von freundlich-bodenständigen Kellnerinnen. So schmeckt Hamburg. 11–16 Uhr, Steinstraße 15a

Thomas Kerstan

Was geht

Gespräch:
 Haben Sie schon mal von Toshio Hosokawa gehört? Nein? Lernen Sie ihn kennen. Japans wichtigster zeitgenössischer Komponist stellt sich im Gespräch vor. In der Staatsoper, Opera Stabile, Große Theaterstraße 25, 19.30 Uhr

Party: Wie jeden Donnerstag ist in der Neo Soul Bar wieder die Reihe NuSoulCity angesagt. Das heißt: Neo Soul, R&B Classic und Slow Jams in lässiger Atmosphäre. Mandalay, Neuer Pferdemarkt 13, 20 Uhr

Schlager: Mögen Sie eigentlich die neuen Schlager-Stars? Etwa Helene Fischer? Oder Saskia Leppin – die "Helene Fischer von Bergedorf"? Dann mögen Sie sicher auch die alten. Zum Beispiel die Kastelruther Spatzen. Im Congress Center Hamburg, Saal 2, am Dammtor, 20 Uhr

Hamburger Schnack

Im Bus sitzen zwei türkisch aussehende Heranwachsende. Fragt der eine: "Gehst du morgen zur Schule"? Antwortet der andere: "Nö man. Wenn die Schule um 9 anfangen würde, würde ich jeden Tag hingehen."

Gehört von Karin Gillwald

Meine Stadt

Heute ist übrigens Ihre letzte Chance, sich an der großen Leser-Umfrage unseres Letters zu beteiligen. Die Idee ist ganz einfach: Sie sagen uns, wie Sie unsere Arbeit finden. Unter den Teilnehmern verlosen wir 3 x 2 Gutscheine für das Passage-Kino.

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Haben Sie niveauvollen Schnack für uns? Außergewöhnliche Fotos? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.