Es ist auf den Tag genau ein Jahr her, dass bei einer Schlägerei vor einem Club auf St. Pauli ein Türsteher angeschossen wurde. Ein langes Jahr und ein noch längerer Prozess, der am 4. Januar 2016, 365 Tage nach der Tat, mit der Urteilssprechung sein Ende fand.

Endlich, da scheinen sich alle Beteiligten einig zu sein: Der Richter, der sich abenteuerliche Aussagen anhören und etliche Anträge auf Befangenheit ablehnen musste; die vier Angeklagten, die aussagten, nur zufällig in die Situation auf dem Kiez gestolpert zu sein und nichts von einer Waffe gewusst zu haben; den Schöffen, die ausgetauscht werden mussten, weil einer von ihnen einer Anwältin Liebesnachrichten geschrieben hatte; die vielen Anwälte, die entnervt einen neuen Prozesstermin nach dem anderen abstimmen mussten.

Was klingt wie der Stoff für eine Vorabendserie, fand jetzt sein nüchternes Ende: Gefährliche Körperverletzung in vier Fällen, vier Jahre Haft für den Angeklagten Erdal K., drei Jahre und ein Monat für Mohamad H., zwei Jahre und drei Monate für Christian E. Nur Maik B., der einzige ohne Vorstrafen, kommt mit einem Jahr und sechs Monaten auf Bewährung davon.

Sefadin L. wurde im Milieu als Vermittler eingesetzt

Bis zu vier Jahre Haft also für Männer, die mit einem Klappmesser drohten, schlugen, rempelten oder Aschenbecher warfen. Der Schütze hingegen, der auf den Türsteher feuerte, hat sich ins Ausland abgesetzt, der Schuss selbst ist nicht Gegenstand des Prozesses.

Vier Jahre, das Strafmaß hatte auch die Staatsanwaltschaft gefordert. Es ist die höchste Strafe, die ein Amtsgericht verhängen kann. "Es gab keine Notwehrsituation", erklärt der Richter das Urteil, "nicht die Angeklagten wurden angegriffen, sie waren die Angreifer." Die Videos der Überwachungskameras hätten deutlich gezeigt, wie die Männer einen gemeinsamen Tatplan entwickelt und zum Club zurückgekehrt seien, dort habe der Schütze dann das Startsignal für die Gewalt gegeben. "Niemand ist erschrocken, als tatsächlich geschossen wurde, niemand ist überrascht gewesen", so der Richter.

Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass die vier Männer den Plan fassten, die Türsteher des Clubs anzugreifen, mit dem Ziel, die kriminellen Interessen von Sefadin L. zu wahren. Sefadin L. ist der ehemalige Betreiber des Bordells Eros-Center und, so vermutet die Polizei, der Anführer der sogenannten Eros-Center-Gang, einer Gruppe, die Teile des Kiez für sich beansprucht haben, und der mindestens drei der vier Angeklagten angehören sollen.

Sefadin L. aber entzieht sich seit Monaten dem Prozess, er hat sich mit seiner Familie in den Kosovo abgesetzt. Und: Alle Angeklagten und Zeugen hatten im Prozess die Existenz der Eros-Center-Gang geleugnet. "Mit Ausnahme der Polizei litten alle Zeugen an vorgeschobenen Erinnerungslücken, deswegen geht das Gericht davon aus, dass mit den Zeugen vorher gesprochen wurde", sagt der Richter und blickt zu den Angeklagten. Da springt Mohamad H. auf und ruft: "Schieberei!" Es ist die einzige Reaktion von der Anklagebank an diesem Tag, keiner ergreift die Chance auf ein letztes Wort.

"Wir müssen mit dem Urteil deutlich machen, dass Selbstjustiz nicht geduldet wird", sagt der Richter zum Schluss. Und fügt hinzu: Ebenso wenig sei die Durchsetzung krimineller Interessen geduldet. Das Verfahren habe die Nähe der Polizei zur Hamburger Kriminalität erschreckend deutlich gemacht. Die Beamten hätten Sefadin L. als Vermittler im Milieu eingesetzt und damit die Durchsetzung krimineller Interessen geduldet.