ZEIT ONLINE: "Sport in Deutschland ist tot. Jetzt auch offiziell!", haben Sie nach dem Nein zur Olympia-Bewerbung in den sozialen Netzwerken gepostet. Ist es so schlimm? 

Moritz Fürste: Das war in der ersten Emotion meine Gefühlslage. Ich war mit der Hockey-Nationalmannschaft in Indien; als das Ergebnis kam, war es bei uns 2.30 Uhr früh. Trotzdem waren wir noch wach – und richtiggehend geschockt. Die Nicht-Hamburger noch mehr als wir Einheimischen. Wir wussten ja schon, dass es knapp werden könnte.

ZEIT ONLINE: Und was genau ist jetzt gestorben?

Fürste: Mir geht es vor allem um die große Diskrepanz zwischen Fußball und allen anderen Sportarten. Die großen deutschen Medienhäuser zum Beispiel unterscheiden ganz offiziell zwischen Sport – das ist Fußball – und Buntsport, das ist alles andere. Für mich ist der Ausgang des Referendums ein deutliches Zeichen, dass es noch weiter in diese Richtung gehen wird. Denn gegen eine Fußball-EM im eigenen Land hat niemand etwas einzuwenden. Ich übrigens auch überhaupt nicht – im Gegenteil. Aber für alle anderen Sportarten heißt es: Kann, soll gerne stattfinden, aber nicht bei uns. Das zeigt auch die gerade gescheiterte Bewerbung um den Ryder Cup im Golf.

ZEIT ONLINE: Hätte Olympia in Hamburg an dieser Dominanz des Fußballs etwas geändert?

Fürste: Es geht ja in erster Linie gar nicht um die paar Wochen Olympische Spiele im Sommer 2024. Wichtig ist der Zeitraum bis dahin, sind die Investitionen, die in den nächsten zehn Jahren in den Sport gesteckt worden wären. Das hätte ihn strukturell verändert. Und zwar alle Sportarten. Die Gegner haben behauptet, Olympia sei eine Veranstaltung nur für die oberen Zehntausend. Das sehe ich ganz anders. In London, wo ich dabei war, sind jeden Tag 70.000 Menschen für zehn Pfund Eintritt in den Olympic Park – eine öffentliche Fläche, also kein Stadion – gegangen und haben die Spiele live erlebt. Die Stimmung war unfassbar. So eine Atmosphäre in meiner eigenen Stadt zu erleben, hätte ich traumhaft gefunden.

ZEIT ONLINE: Ein Argument der Gegner war, dass Olympia ohnehin nur eine Veranstaltung für den dopingverseuchten Spitzensport sei und das Geld besser in den Breitensport investiert werden solle.

Fürste: Das ist natürlich total naiv, wenn man glaubt, dass jetzt die sieben Milliarden Euro, die man bei Olympia 2024 spart, in neue Turnhallen und Trainingsplätze gesteckt werden. Der Breitensport wäre der größte Profiteur der Bewerbung gewesen. Die Fördermittel wären in erster Linie an die Vereine gegangen und nicht in die 350 deutschen Spitzenathleten gepumpt worden. Kaum einer der Sportler, die im kommenden Jahr nach Rio fahren, wird 2024 noch aktiv sein. Deshalb ist das Interesse aller Geldgeber und Förderer an denen gering. Die hätten in den Grundstock investiert, in die Jugendabteilungen und in Sportstätten, an denen die Olympiasieger von morgen heranwachsen. Das wäre eine große Chance gewesen.

ZEIT ONLINE: Einige der aktuellen Spitzenathleten haben das Nein als persönliche Demütigung empfunden: Sie reißen sich für ihr Land den Hintern auf, aber eigentlich will man sie gar nicht haben. Empfinden Sie das auch so?

Fürste: Der Eindruck ist schon, dass der Spitzensport vielen gleichgültig ist. Dennoch ist der Wunsch nach Medaillen und einer Top-Platzierung im Medaillenspiegel in der Bevölkerung und bei den Verbänden riesig. Das stört viele Sportler: Alle vier Jahre sind wir eine Ware, die dazu da ist, Deutschland stolz zu machen. Und wehe, das klappt nicht! Dann wird auf einem Hamburger Schwimmer, der Vierter wird, herumgehackt, er wäre abgesoffen – dabei ist er persönliche Bestleistung geschwommen. Das ist nicht nur respektlos, sondern weit, weit weg von der Wahrheit. In Wahrheit waren nämlich nur drei Leute auf der Welt besser. Für die Voraussetzungen solcher Bestleistungen interessiert sich vier Jahre lang kein Mensch. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten haben mit Blick auf Rio ganz klar gesagt: Bis Juli 2016 interessieren wir uns nicht für Olympia, bis dahin ist nur Fußball. Das zeigt, wie es um den Sport hierzulande bestellt ist.