Hamburg: Wie viel Stadt kann man mit Kameras überwachen? © REUTERS/Fabian Bimmer

ZEIT ONLINE: Herr Hälterlein, können Kameras helfen, um Übergriffe wie die auf St. Pauli an Silvester zu verhindern, bei denen zahlreiche Frauen sexuell belästig und bestohlen wurden?

Jens Hälterlein: Bei der präventiven Wirkung von Überwachungskameras muss man zwischen unterschiedlichen Arten von Straftaten differenzieren: Videoüberwachung zeigt vor allem bei Eigentumsdelikten eine Wirkung. Studien belegen etwa, dass es in Parkhäusern, die rund um die Uhr überwacht werden, seltener zu Autodiebstählen kommt. Aber wenn wir über Gewaltverbrechen – also auch über Sexualdelikte – sprechen, ist eine präventive Wirkung in der Regel nicht vorhanden.

ZEIT ONLINE: Warum?

Hälterlein: Weil ein Diebstahl überlegt passiert, Gewalt aber emotional. Der Täter denkt eben nicht "Oha, da hängt eine Videokamera, ich fahre jetzt meine Aggressionen mal besser wieder runter". Bei den Hamburger Attacken an Silvester ist nach wie vor nicht geklärt, ob und wann das Sexualdelikte waren oder ob es sich um organisierten Diebstahl handelte, also "Antanztrickdiebe", die sexuelle Belästigung als Ablenkungsmanöver nutzten. Beide Möglichkeiten sind natürlich schlimm für die Opfer. Für die Frage, ob Videoüberwachung präventiv wirken würde, wäre es aber interessant, welche es war – wobei sich selbst bei gezielten Diebstählen die Frage stellt, ob die Prävention tatsächlich wirkt wie gewollt. Weil sich etwa die Kriminalität dann auch häufig einfach in andere Stadtteile verschiebt. Hamburg komplett flächendeckend zu überwachen, ist ja keine Lösung – und rechtlich ohnehin nicht möglich.

ZEIT ONLINE: Haben Kameras bei der Strafverfolgung einen Effekt? Bis vor vier Jahren waren auf der Reeperbahn noch zwölf Kameras in Betrieb, um gegen wachsende Kriminalität vorzugehen. Damals räumte selbst Hamburgs Datenschutzbeauftragter Johannes Caspar ein, dass sie die Aufklärung von Straftaten erleichtern.

Hälterlein: Aber der Preis für die vermeintliche Sicherheit ist hoch, weil so viele in ihrer Freiheit eingeschränkt werden. Weil eine Bürgerin auf ihr Recht auf informelle Selbstbestimmung klagte, werden die Kameras auf der Reeperbahn heute ja auch nicht mehr genutzt. Und bei der Strafverfolgung muss man auch ganz genau hinschauen. Bei Pilotprojekten gibt es manchmal Evaluierungen von der Polizei, das stimmt. Aber darüber, wann Aufnahmen wirklich zur Identifizierung eines Täters führten, und nicht nur Beweise stützten – dazu ist mir keine wissenschaftliche Untersuchung bekannt.

ZEIT ONLINE: Welche Schwierigkeiten gibt es denn, wenn man Videoüberwachung zur Aufklärung von Straftaten heranzieht?

Hälterlein: Den mutmaßlichen Täter findet man häufig nur, wenn er schon erfasst ist, man also abgleichen kann. Häufig ist auch die Qualität der Aufnahmen ein Problem. Die Kameras, die in Deutschland an öffentlichen Plätzen installiert werden, sind in der Regel nicht HD. Und auch mit schwenkbaren und zoomfähigen Kameras kann man offene Flächen nicht komplett überwachen. Selbst wenn die zwölf Kameras auf der Reeperbahn noch in Betrieb gewesen wären, bezweifle ich stark, dass sie zwischen dem Rauch, den Lichtblitzen des Feuerwerks und den Menschenmassen verwertbare Ergebnisse gebracht hätten. Aber gerade um diese Art von Großereignissen geht es Polizei und Politik ja, wenn über Videoüberwachung diskutiert wird.

ZEIT ONLINE: Gibt es denn bei Bürgern eine subjektive Steigerung des Sicherheitsgefühls durch Videoüberwachung?

Hälterlein: Schwierig. Es gibt Studien zum öffentlichen Nahverkehr, die belegen, dass das Sicherheitsgefühl durch Sicherheitspersonal viel mehr gesteigert wird als durch eine Kamera – weil klar ist, dass dieses gleich eingreifen kann.