Mark Spörrle © Vera Tammen

Liebe Leser,

was hat Bremen, was Hamburg nicht hat? Nach diesem Wochenende wissen wir es: Angelique Kerber. Nein, wir suchen nicht heimlich nach Dokumenten, die belegen, dass Kerber nicht in Bremen, sondern doch –  unter falschem Namen – im Albertinen-Krankenhaus in Schnelsen geboren wurde. Nein, wir ärgern uns nicht, dass Kiel sogar noch mehr Kerber als Bremen hat, weil sie dort lebte und trainierte. Und darüber, dass Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer deshalb nicht über Obergrenzen für Flüchtlinge sprechen muss wie Olaf Scholz, sondern Sachen sagen kann wie: "Großartig. Herzlichen Glückwunsch an unsere Olympia-Botschafterin Angelique Kerber!" 

Nein, wir ärgern uns nicht. Nicht darüber, dass bei uns nichts mit Olympia läuft, trotz Kosten von angeblich nun mindestens elf Millionen Euro, trotz (oder wegen?) der teuren Olympia-Logos auf Müllwagen und Faultürmen. Wir ärgern uns auch nicht darüber, dass hier gerade eine Spitzenhandballmannschaft unterging, und man sich jetzt schon wieder Gedanken um die Fußballer des HSV machen muss.

Wir gratulieren einfach. Ganz ehrlich.

Volksinitiative gegen Großunterkünfte

Wie sollen Flüchtlinge in Hamburg wohnen? Seit Monaten können sich Politik und Bürger nicht auf eine Antwort einigen; der Senat setzt auf Großunterkünfte, Bürger wehren sich. Am Sonntag demonstrierten in Neugraben 700 Menschen gegen eine ungleiche Verteilung der Flüchtlinge in Hamburg; aufgerufen zur Demo hatte die Bürgerinitiative Neugraben-Fischbek. Gemeinsam mit sechs anderen Gruppen will sie im Dachverband "Initiativen für erfolgreiche Integration Hamburg" jetzt eine Volksinitiative gegen Massenunterkünfte für Flüchtlinge starten. Dabei müssen innerhalb von sechs Monaten 10.000 Unterschriften gesammelt werden. "Es ist das gute Recht dieser Bürgerinitiativen, eine Volksinitiative auf den Weg zu bringen", hieß es in einer Mitteilung der Fraktionsvorsitzenden Andreas Dressel (SPD) und Anjes Tjarks (Grüne). "Gleichwohl sehen wir mit Sorge, dass ein solches Verfahren eine Polarisierung in unserer Stadt bewirken und das Klima vergiften kann." Was sagt der Vorsitzende des Dachverbands der Bürgerinitiativen, Klaus Schomacker?

Herr Schomacker, warum wollen Sie eine Volksinitiative?

Weil Gespräche mit der Politik zwar stattfinden, aber nicht auf Augenhöhe. Die Fischbeker Initiative zum Beispiel legte Ende des Jahres einen Kompromissvorschlag vor; der wurde am letzten Tag von der Stadt zurückgewiesen. Das einzige politische Mittel, was uns noch bleibt, um gegen Ghettoisierung vorzugehen und Flüchtlinge wirklich zu integrieren, ist die Volksinitiative.

Es wird doch schon etwas gegen die Ghettoisierung getan: In Altona zum Beispiel sollen 800 Expresswohnungen nicht alle an einem Ort entstehen, sondern auf vier unterschiedlichen Flächen.

Ist mit vier Standorten eine maximale Dezentralisierung und damit eine Integration sichergestellt? Nein. Es gibt in Altona 181 Bauprojekte und mehr als 20 Standorte, die man hätte nutzen können. Die vier Standorte sind der nächste kleine Schritt, aber nicht die richtige politische Antwort –  sie sollen nur die Bevölkerung beruhigen, die man nicht genug in Entscheidungsprozesse einbindet.

Die Bevölkerung einzubinden könnte allen Ernstes alle Vorbehalte abbauen?

Die gesellschaftliche Diskussion können wir Initiativen natürlich nicht bestimmen. Wir äußern uns nicht zur Flüchtlingspolitik, sondern reagieren auf das, was ist – und versuchen, Demokratie zu erhalten.

Sie wollen mit Ihrer Initiative ja auch mit Parteien zusammenarbeiten. Auch mit der AfD?

Die fragen immer an, die Schreiben haben wir noch nie beantwortet. Wir müssen fürchterlich aufpassen, dass wir nicht für rechtes Gedankengut instrumentalisiert werden, ja. Aber das ist kein Grund, gar nichts zu tun. Dezentral und trotzdem Ärger

Trotz aller Kritik: Die vier Standorte, die der Bezirk Altona für die vom Senat geforderten 800 Expresswohnungen vorsieht, könnte man als Impuls verstehen, Flüchtlinge zumindest etwas dezentraler unterzubringen. Auf der Fläche hinter dem Krankenhaus Rissen sollen 400 Wohnungen errichtet werden, die anderen 400 sollen in Othmarschen und Ottensen entstehen: in der Baurstraße hinter dem UCI-Kino, auf einer Gewerbefläche am Bauwagenplatz Gaußstraße – und in einem Hinterhof am Hohenzollernring. Die Anwohner dort fühlen sich übergangen: "Während wir noch am Runden Tisch verhandeln, kommt der Investor plötzlich mit einer ganz neuen Geschichte, die er hintenrum mit der Politik ausgemauschelt hat", beschwerte sich ein Mitglied der Initiative "Otte 60" gegenüber dem NDR. SPD-Fraktionschef Thomas Adrian sagte uns dazu: "Ich habe Verständnis für den Ärger der Bürger." Trotzdem stehe er zu dem Vorgehen: "Wir hatten nur wenige Wochen Zeit und mussten in Ottensen zunächst prüfen, ob der Grundeigentümer überhaupt bereit ist, in Richtung einer Großunterkunft zu denken." Und wenn man den Prozess vom ersten Gespräch an transparent gemacht hätte? "Dann hätte man eine Riesendiskussion losgetreten, bevor überhaupt klar ist, was kommt", so Adrian. "Ich hatte eine Liste von circa zehn Standorten vorliegen, die wir prüfen mussten. Es wäre zeitlich schlicht nicht möglich gewesen, auf alle Anwohner zuzugehen."

Ausstellung: Die Nordkirche in der NS-Zeit

350 Seiten voller Geschichten von Schweigen, Zwiespalt und Gesprächsversuchen: Das ist die Dokumentation über die Nordkirche und ihre NS-Vergangenheit des Historikers Stephan Linck. Da geht es um Menschen wie zum Beispiel Joachim Ziegenrücker, ehemaliger Studentenpfarrer in Kiel, ab 1963 Leiter der renommierten Evangelischen Akademie in Hamburg. Ein Mann, der sich um die jüdisch-christliche Verständigung und die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit verdient gemacht hat – nur nicht im eigenen Fall: Jahrgang 1912, war er 1931 dem "Stahlhelm" beigetreten, dem bewaffneten Arm der Deutschnationalen Volkspartei, wurde Mitglied in Hitlers NSDAP, engagierte sich in der Hitlerjugend und arbeitete während des Zweiten Weltkriegs im Nachrichtenwesen des Außenministeriums. Eine Wanderausstellung, basierend auf Lincks Forschung, beschäftigt sich mit einer Kirchengeschichte voller Ambivalenz und blinder Flecken und ist nun in der Hauptkirche St. Jacobi zu sehen. ZEIT-Autor Wolfgang Thielmann beschreibt in der aktuellen ZEIT:Hamburg, warum noch immer nicht alle mit der NS-Vergangenheit ihrer Kirche umgehen können. Und warum die Nordkirche mit ihrer Aufarbeitung über siebzig Jahre nach Kriegsende dennoch eine Vorreiterin ist unter den 20 evangelischen Landeskirchen in Deutschland.

bis 21. 2.; weitere Ausstellungsorte

Faire Preise und kleine Konzerte

Seit vier Jahren gibt es in Hamburg FairTix – ein Modell, das Musikfans eine faire Alternative zu den üblichen hohen Kartenvorverkaufsgebühren bieten soll und bei dem viele Clubs mitmachen, vom Molotow bis zum Uebel & Gefährlich: Der Ticket-Dienstleister TixforGigs verzichtet bei FairTix auf die Hälfte des üblichen Vorverkaufssalärs und führt pro verkauftem Ticket einen sogenannten ClubEuro an die gemeinnützige Hamburger Clubstiftung ab, die mit den Spenden Nischenkonzerte finanziert. Das klappt offenbar ganz gut: Laut Clubstiftung wuchs das Spendenaufkommen im Vergleich zum Vorjahr um 70 Prozent auf 28.786 Euro. Dazu stellte die Clubstiftung zur Förderung von Kleinstveranstaltungen ergänzend zum jährlichen Budget von 150.000 Euro weitere 15.000 Euro zur Verfügung. Die Kulturbehörde schoss zusätzliche 20.000 Euro zu. Gute Zeiten also für alle, die mal mit ihrer experimentellen Knirsch-und-Knacke-Jazz-Combo auf die Bühne wollen, sich aber immer sorgten, dass kein Zuhörer kommen würde.

Hat Hamburg keine Meise mehr?

Wir können Sie beruhigen: Doch, natürlich! Aber eben nicht so viele Meisen wie Amseln: Laut der aktuellen Vogelzählung des Naturschutzbunds Nabu hat die Amsel die Kohlmeise von Platz eins im Häufigkeitsranking der Wintervögel verdrängt. Auf Platz drei konnte sich erneut die Blaumeise behaupten – mit deutlichem Abstand zum Viertplatzierten, dem Haussperling alias Spatz. Der sei nur noch in 32 Prozent der Hamburger Gärten und Parks anzutreffen, so der Nabu – im Gegensatz zum restlichen Deutschland, wo er nach wie vor auf Platz eins des Rankings steht und wo dafür die Amsel nur auf Platz fünf kommt. Fragt sich: Was macht Hamburg so attraktiv für Amseln? Und so unattraktiv für Spatzen? Die große Überraschung legte übrigens der Erlenzeisig hin: Er landete von ferner liefen auf dem elften Rang – weil so viele der gelb-grünen Finkenvögel aus Skandinavien zum Überwintern nach Deutschland kamen. Ein echter Shootingstar also. Und damit wäre an dieser Stelle sicherlich eine letzte, elegante Angelique-Kerber-Anspielung möglich – wenn uns eine einfiele. Wir braten uns deshalb lieber einen Storch. 

Mittagstisch 

Brummgerät und Blechnapf

Ein Besuch im Badshah lässt sich nicht verbergen. Kommt man nach der Mittagspause zurück ins Büro, umweht einen unweigerlich sein Geruch. Woraus er sich zusammensetzt? Bratfett auf jeden Fall, aber das ist längst nicht alles: Dazu gesellt sich eine undefinierbare Würze. Sie ist das Geheimnis des indischen Schnellrestaurants, das einen immer wieder zurückkehren lässt – egal, wie oft der Kollege am Tisch gegenüber demonstrativ das Fenster aufreißt. Man geht wieder in die Bremer Reihe 24 in St. Georg, steigt hinab ins Souterrain, steht vor der offenen Küche, stiert auf die dreiseitige Karte und bestellt dann doch immer wieder das Gleiche: Palak Paneer Thali oder Mattar Paneer. Beides kostet 5,90 Euro, und beides beinhaltet hausgemachten indischen Käse, bei der ersten Speise umgibt ihn pürierter Spinat, bei der zweiten Erbsen und eine Curry-Sauce. Dazu gibt es Reis und frisches Chapati, auf dem ein paar Tropfen Butter zerlaufen. Man sucht sich einen Platz an den dicht an dicht stehenden Tischen, man bekommt, oh ja Hightech!, ein kleines schwarzes Gerät mit einer Nummer darauf, das brummt , wenn das Essen fertig ist. Dann steht man auf und hält kurz darauf ein Blechtablett in der Hand, in dessen eckige Mulden die Köche das Essen gefüllt haben. Das Badshah ist herrlich unkompliziert – und bleibt doch ein großartiges Rätsel.

Johan Dehoust

                                                 

Was geht

Rock: "You believe in a thing called love?" Diese Männer auf jeden Fall: Die britischen Glamrocker "The Darkness" kommen auf Tee und Krach vorbei – und sehen dabei hoffentlich auch noch gut aus: Sänger Justin Hawkins trägt bei Konzerten gern Spandexanzüge mit bauchnabeltiefem Ausschnitt. Gruenspan, Große Freiheit 58, 20 Uhr

Wissen: Spinnenfäden sind reißfest, bakterienhemmend und beschleunigen sogar Wundheilungen – welche Potenziale noch in dem Seidenmaterial stecken, erklärt Thomas Scheibel, Professor für Biomaterialien, in der Gesprächsreihe "Forscher fragen" beim KoerberForum, Kehrwieder 12, 19 Uhr

Blasphemie: Gott ist ein Tyrann, der in einem Hochhaus in Brüssel haust? Der Film "Das brandneue Testament" erzählt eine aberwitzige Geschichte über Glauben und Leben – und erinnert stilistisch an eine morbide Version der "Fabelhaften Welt der Amélie". Zeisekinos, Friedensallee 7, 21.30 Uhr

Was kommt

Mitreden: Sind sie willkommen, um zu bleiben? Der Journalist Michael Richter diskutiert am Dienstag in "Fluchtpunkt Europa" die aktuelle Flüchtlingspolitik. BegegnungsCentrum Haus im Park, Gräpelweg 8, 17 Uhr

68er:Konstantin Wecker spricht mit Pastorin Ulrike Murmann in der Reihe "Scheitern erlaubt! Vom Fallen und Wiederauferstehen", die NDR Info gemeinsam mit der ZEIT-Stiftung organisiert. Die Frage am Mittwoch: Woher nehmen wir die Kraft? St. Katharinen, Katharinenkirchhof 1,19 Uhr

Kinder: Benny ist ein Bücherwurm – und sauer, weil seine große Schwester alles bestimmt. Also fast alles. Denn in seinem Wunschbuch kann Benny sein eigenes Abenteuer erleben – und alle von 4 bis 10 Jahren am Mittwoch mit ihm.Hamburger Puppentheater im Haus Flachsland, Bramfelder Straße 9, 10 Uhr

Die Wahrheit liegt auf dem Platz    

Aimen Abdulaziz-Said, schreibt bei ZEIT ONLINE die HSV-Kolumne

Für den HSV war es eine Woche zum Vergessen. Am vergangenen Montag hieß es zunächst, die Verpflichtung von Carlos Mané vom portugiesischen Erstligisten Sporting Lissabon sei nahezu perfekt. Es gehe lediglich um Details. Am Donnerstag musste HSV-Sportdirektor Peter Knäbel dann das Scheitern des Leihgeschäfts bekanntgeben. Der HSV wollte lediglich eine Million Euro für den 21-jährigen Mané zahlen, Sporting Lissabon wollte zwei Millionen haben. Differenz: eine Million. Für manche Menschen ist das viel Geld, für den stets solventen HSV lediglich ein Detail. In der Zwischenzeit war auch schon der Deal mit Chelsea Londons Bertrand Traoré geplatzt. Und zum krönenden Abschluss verlor der HSV am Sonnabend auch noch 1:2 gegen den VfB Stuttgart. Heute Abend endet übrigens die Transferperiode. Die HSV-Bilanz: Abgänge: 3. Neuzugänge: 0.

Erik Hauth, bloggt auf ZEIT ONLINE über den FC St. Pauli

Der FC St. Pauli ist eine Woche vor dem Start der Zweiten Bundesliga aus seinem Trainingslager an der türkischen Riviera aus der Winterpause zurückgekehrt und hat am Wochenende den letzten Härtetest am heimischen Millerntor gegen AaB Aalborg, immerhin vierfacher Champions-League-Teilnehmer, mit 4:2 verloren. Dabei reichte allerdings ein Zettel nicht aus, um die offenbarten Schwächen zu notieren. Um der misslungenen Generalprobe eine erfolgreiche Premiere beim Auswärtsspiel in Fürth am kommenden Sonntag folgen zu lassen, müssen die Kiezkicker verstärkt an Standards und Schüssen aus der zweiten Reihe arbeiten. 

Meine Stadt

»Begegnung im Wohlerspark« © Sandra Gau

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die Woche – lassen Sie sich nicht vom Regen ärgern!

Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle

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