Auspuff an einem VW-Dieselfahrzeug © dpa
Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

gehören Sie auch zu denen, die sich regelmäßig die Zunge am Tee verbrennen? Oder sich immer dieselbe Stelle des Schienbeins am Stuhl stoßen? Es gibt Momente, da zweifelt man an der menschlichen Lernfähigkeit.

Und man kann auch sehr ins Zweifeln kommen bei der Nachricht, dass die Stadt Hamburg mit ihren 24 stationären Blitzgeräten im letzten Jahr wieder mehr Geld einnahm als im Jahr zuvor. Eine Million Euro mehr, insgesamt 5,87 Millionen Euro. Wie gesagt, es geht hier nicht um mobile Radarfallen, die plötzlich hinter betont unauffälligen grauen Kombis auftauchen. Sondern um stationäre. Säulen und Kästen also, die seit Jahr und Tag an ein und derselben Stelle stehen. Und mehr noch: Die Stadt stellt sogar eine Karte ins Internet, auf der man sehen kann, wo die Dinger sich befinden. Warum also machen wir immer wieder dieselben Fehler?

Darauf noch einen Schluck Tee.

Motorwäsche ohne nass machen

"Meinungsaustausch", so nennt man das, wenn sich führende Politiker aus Großstädten mit führenden Köpfen der Autoindustrie zusammensetzen. DieLuft ist schlecht in vielen deutschen Städten, 29 Regionen haben Probleme, die Grenzwerte für Stickoxide einzuhalten.Und im Hamburger Rathaus "beriet man", was der Verkehrssektor zur Entlastung der Großstädte beitragen kann: Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU), Berlins Bürgermeister Michael Müller (SPD) und Bürgermeister Olaf Scholz trafen sich mit Mitgliedern der Vorstände deutscher Automobilhersteller, von VW bis BMW. Und merkwürdigerweise waren sich alle bei diesem Austausch ganz einig, dass man keine Fahrverbote wolle. Sondern dass allein die Technik besser werden müsse. Damit, flötete VW-Chef Matthias Müller, er kennt sich mit kreativen Lösungen aus, sei das Auto dann nicht nur Teil des Problems, sondern vor allem Teil der Lösung. Und Dobrindt erzählt, man wolle mehr Mobilität mit weniger Emissionen. Ah ja. Und wir wollen mehr Schokolade mit weniger Körperfett! Im Ernst: Die Einzigen, die störten, waren, na klar, die Umweltschützer. Aber die mussten draußen bleiben. Manfred Braasch, Geschäftsführer vom BUND, organisierte eine Demo vor dem Rathaus. Die Karawane ist unterdessen weitergezogen, nach Berlin, zum Gespräch mit Angela Merkel. Es ist zu befürchten, dass das wieder ein "Meinungsaustausch" wird.

Zurück in den Krieg

Mohammed Abbas, 43, ist ein syrischer Ingenieur, der vor dem Krieg nach Deutschland floh – und der jetzt zurückwill nach Aleppo. Für uns mag das fast verrückt klingen: Der Mann ist aus einem Land geflohen, in dem Streubomben fallen, hat sich durchgeschlagen von Griechenland über Mazedonien, Serbien, Kroatien, immer weiter, bis nach Deutschland. Und nun will er auf demselben Weg dorthin, wo er herkam. Weil er das Warten in Deutschland nicht mehr erträgt. Seit Anfang November ist er hier, über einen Monat dauerte es, bis die Behörden ihn registriert hatten, seitdem herrscht Stillstand, sein nächster Termin zur "erkennungsdienstlichen Behandlung und Aktenlage" soll "bis Juni stattfinden". Wann genau, sagt ihm niemand. Und Abbas ist nicht der Einzige: Immer mehr Menschen mit guten Aussichten auf Asyl möchten in ihre krisengebeutelten Heimatländer zurück. Sie haben dort Familien, die auf sie zählen, sie sind hergekommen, um hier zu leben, zu arbeiten, um ihren Kindern eine Zukunft zu bieten. Dass sie nun in Flüchtlingsheimen und in Ungewissheit ausharren müssen, das ertragen sie nicht. Mehr in der berührenden Geschichte von Sebastian Kempkens in der aktuellen ZEIT:Hamburg.

Ärzte: Ärmel ab!

Es ist schon länger her, dass Ärzte als Halbgötter in Weiß bezeichnet wurden – und niemand schmunzelte. Und so sollte man eigentlich meinen, es sei keine große Revolution, die die Asklepios-Kliniken da mit ihrer neuen Dienstkleidung angestoßen haben. In Zukunft tragen dort nämlich auch die Ärztinnen und Ärzte kurze Ärmel. Nicht weil man sich bei Asklepios dachte, "Sex sells" – sondern weil sich auf Ärmeln mehr Keime finden. Hände werden desinfiziert, aber ein Kittel bleibt den ganzen Tag derselbe. Darum sind kurze Ärmel auf Intensivstationen und im OP-Saal schon lange Standard, aber ab jetzt sollen sie überall getragen werden – trotz der Bedenken älterer Ärzte, die sehr an dem langärmligen Statussymbol hängen, manche sogar aufgepeppt mit Silberknöpfen (man spricht vom "Eppendorfer"). Ach wo, nicht wegen dieser Göttergeschichte. Nein, manche waren einfach der Überzeugung, allein ihr Kittel habe einen Placeboeffekt auf die Patienten: Diese fühlten sich schon deshalb besser, weil sie einen echten Arzt in voller Montur gesehen hätten. Und das ist gar nicht so verrückt. Es gibt verschiedenste Studien, die zeigen, dass die Psyche großen Einfluss auf die Genesung hat.

Vielleicht auch deshalb hat man im Universitätsklinikum Eppendorf, wo die Dienstkleidung ebenfalls kurzärmelig ist, die traditionellen Kittel nicht abgeschafft. Bevor sich aber Mediziner nach dem Auftritt mit wehenden Ärmeln dem Patienten nähern, müssen sie, so heißt es, den Langarm ausziehen und an den Haken hängen.

Wahl der Qual

Bis Freitag müssen sich Hamburgs Viertklässler – immerhin 15.200 – und deren Eltern entscheiden: Auf welcher Schule soll es weitergehen? Hartnäckig halten sich Gerüchte, nach denen man dies nicht entscheiden darf, sondern seine Kinder nur zu einer Schule schicken kann, in deren "Einzugsgebiet" man lebt. Stimmt nicht, sagt Peter Albrecht, Sprecher der Schulbehörde. "Jeder darf sich eine Schule aussuchen. Nur wenn es dort zu viele Bewerber gibt, wird nach drei Kriterien ausgewählt: Liegt ein Härtefall vor? Hat das Kind Geschwister an der Schule? Erst dann geht es um die Entfernung des Wohnorts zur Schule, in konzentrischen Kreisen." Es gibt trotzdem einzelne Schulen, die so begehrt sind, dass Eltern angeblich nicht davor zurückschrecken, alle denkbaren Härtefälle in Kauf zu nehmen, wenn dafür ihr Spross dorthin darf. Aber im Großen und Ganzen kamen im vergangenen Jahr 96,2 Prozent derer, die aufs Gymnasium wollten, auf ihre Wunschschule; bei den Stadtteilschulen waren es 92,9 Prozent. An die scheinen sich die Hamburger Eltern allmählich zu gewöhnen; obwohl immer noch mehr Schüler aufs Gymnasium gingen, gab es zumindest im letzten Jahr einen leichten Trend zu der anderen Schulform mit ihren kleineren Klassen und dem einen Jahr mehr Zeit bis zum Abitur.

"Unterwerfung" im Schauspielhaus

Es ist ein düsteres Zukunftsszenario für unsere "westlichen Werte", das der französische Autor Michel Houellebecq in seinem Roman "Unterwerfung" beschreibt: Es ist das Jahr 2022. Frankreich bekommt seinen ersten muslimischen Präsidenten, legal gewählt und öffentlich akzeptiert. Bald verschwinden Frauen aus dem öffentlichen Leben, rückt die Familie ins Zentrum der Sozialpolitik, wird Polygamie eingeführt. All das wird betrachtet und kommentiert aus der Perspektive von François, einem einsamen Literaturprofessor mit Hang zu jungen Studentinnen und gutem Wein. Am Sonntag bringt das Schauspielhaus als erstes deutsches Theater "Unterwerfung" auf die Bühne, mit Edgar Selge als François. Was am Roman besonders fasziniert, ist die bestechend präzise Gesellschaftsanalyse Houellebecqs: Die Einsamkeit und Orientierungslosigkeit unserer auf Individualismus ausgerichteten Welt ist unsere größte Schwäche. Und vielleicht ist die Mehrheit ja gar nicht willens, für diese Welt zu kämpfen. Nach den Anschlägen von Paris ist der Stoff aktueller denn je. Ob es gelingen wird, die lebensklugen, philosophischen und distanzierten Beobachtungen des Autors auf die Bühne zu übertragen und so Raum für Diskussion zu schaffen, das dürfte spannend bleiben.

Mittagstisch

Maultaschen im Retro-Look

Wie schafft man es, dass alle Gäste gut gelaunt sind, noch bevor ihre Bestellung überhaupt auf dem Tisch steht? Man stellt ihnen einfach ungefragt schon mal was anderes vor die Nase: warmes, selbst gebackenes Brot und eine kleine Schale Süßes. "Hier schon mal der Nachtisch", sagt die Dame mit einem Lächeln. Es soll Neulinge gegeben haben, die das Dessert unsicher auf das Brot schmierten. Geht auch, ist aber eigentlich Verschwendung. Viele Besucher im Retro-Café Juli sind aber eh Stammgäste, vielleicht wegen des Desserts. Vielleicht aber auch, weil die täglich wechselnden Nudel- und Fischgerichte und Eintöpfe ab 6,90 Euro wirklich köstlich sind. Und noch ein Tipp für Exil-Süddeutsche: Es gibt einen Salat mit gebratenen (vegetarischen!) Maultaschen für 7,20 Euro. Schulterblatt 114, Mittagstisch Montag bis Freitag, 12 bis 17 Uhr.

Tamara Gehrke

Was geht

Film: Ein Ort mit traumatischer Geschichte wird in "War Is Looming" erkundet: Regisseurin Claire Angelini zeigt Rivesaltes, ein 1938 in Südfrankreich errichtetes Camp für Flüchtlinge aus dem Spanischen Bürgerkrieg. 1940 wurde es ein NS-Konzentrationslager, anschließend ein Gefangenenlager für Wehrmachtssoldaten, ab den 1960ern ein Internierungslager der algerischen Harkis. Seit den 80er Jahren wurde Rivesaltes als Lager für illegale Einwanderer genutzt, bis es 2007 geschlossen wurde. So viel Leid auf so wenig Raum! Metropolis-Kino, kleine Theaterstraße 10, 19 Uhr 

Konzert: Sind das nicht die, die Techno erfunden haben? Genau! Oder besser quasi ... Fraktus, Große Freiheit 36, 19 Uhr

Diskussion: Dafür verlässt man gern das Bett: Konstantin Wecker in "Scheitern erlaubt! Vom Fallen und Wiederauferstehen – woher nehmen wir die Kraft?"

St. Katharinen, Katharinenkirchhof 1, 19 Uhr 

Party: Wo Gothic-Fans zum Leben erwachen, tappen andere im Dunkeln: die "Schwarze Nacht" für Freunde höllisch guten Sounds. Kaiserkeller, Große Freiheit 36, 22 Uhr

Ausstellung: Kein unbeschriebenes Blatt: Uwe Herbst ist einer der bekanntesten zeitgenössischen Impressionisten. Hier zu sehen sind seine "Französischen Landschaften". Kunsthaus an der Alster, Alsterchaussee 3, 11–13 Uhr

Hamburger Schnack

19 Uhr in einem kleinen Supermarkt: Ein Verkäufer zwängt sich, mit Kästen beladen, durch eine Lücke zwischen Brot- und Käsetheke. Die wartende Frau, die danebensteht, möchte ihm helfen und den rollbaren Stand etwas verschieben. Er: "Keine Sorge, das mach ich schon. Sie sind hier, um sich zu entspannen."

Gehört von Haike Falkenberg

Meine Stadt

Schwarz zieht – und setzt in zwei Zügen matt. Aber wie? Wenn Sie mögen, schicken Sie die Lösung an 70jahre@zeit.de (Stichwort »Elbvertiefung!«) – unter den Einsendungen verlosen wir den allerletzten von 70 Plätzen für das Spiel gegen Schachweltmeister Magnus Carlsen am 20. Februar zum 70-jährigen Jubiläum der ZEIT. © DIE ZEIT

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.

Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen! 

Ihr

Mark Spörrle 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr