Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

jetzt, da die Weihnachtszeit allmählich vorbei ist, kann man ja drüber reden. Hatten Sie beim Glühweintrinken auf dem Weihnachtsmarkt nicht auch ab und zu das unheimliche Gefühl, das Gebräu in Ihrem Becher rieche erstens nach Mäuseurin und mache zweitens nicht mal ordentlich betrunken? Nun, lediglich einen guten Monat und viele Becher später teilt das Rostocker Landesamt für Lebensmittelsicherheit mit: Sie hatten recht. Bei jeder fünften der auch in Hamburg genommenen Proben stellte man Mängel fest: Geruch nach Mäuseharn (wo auch immer der herkam), einen zu hohen Nickelgehalt oder zu wenig Alkohol.

Wir wissen nicht genau, was wir da wirklich tranken, aber prompt folgt die Strafe auf dem Fuße: Gestern Abend sollten in Hamburg die Ausläufer einer Sturmflut über den Weihnachtsmarkt rollen – nein, über den Fischmarkt; die Elemente können manchmal nicht so differenzieren. Aber falls Sie dort wohnen: Hatten Sie Ihr Auto umgeparkt?

Werte-Katalog für Flüchtlinge

Flüchtlinge sollen in Hamburg schon kurz nach ihrer Ankunft mit den hier geltenden Regeln und Werten vertraut gemacht werden. Nachdem die CDU bereits Ende vergangenen Jahres einen Werte-Katalog forderte, haben neben der FDP nun auch SPD und Grüne einen entsprechenden Antrag formuliert. Neuankömmlinge sollten möglichst schnell "Klarheit gewinnen über die eigenen Rechte und Pflichten, über das hier geteilte Werte- und Rechtssystem sowie über die Funktionsweise der gesellschaftlichen Institutionen und Behörden". Geplant sind Informationsbroschüren in mehreren Sprachen und Unterricht mit Richtern. Die CDU hingegen will, dass Flüchtlinge eine Grundlagenvereinbarung unterschreiben. Darüber will die Bürgerschaft am 10. Februar debattieren. Die Vermittlung von Werten wurde bisher als Teil der Integrationsmaßnahmen betrachtet, die Flüchtlingen erst zustehen, wenn ihr Aufenthaltsstatus geklärt ist. Wir fragten dazu Antje Möller, Flüchtlingsexpertin der Grünen:

Warum handeln Sie jetzt? Ist Ihr Antrag eine Reaktion auf die Ereignisse in der Silvesternacht?

"Das ist keine Reaktion auf einzelne Straftaten. Wir sehen eher ein strukturelles Problem, weil sich die Verweildauer in der Erstaufnahme in den vergangenen Monaten leider bundesweit verlängert hat. Diese Zeit gilt es so gut, wie es geht, zu nutzen. Wir wollen Vertrauen aufbauen und Missverständnisse vermeiden. Und dazu gehören auch Informationen zu unserer Gesellschaft und unseren Werten."

Lassen sich die Übergriffe auf Frauen vor Wochen auf dem Kiez denn damit erklären, dass versäumt wurde, die Flüchtlinge über unsere Werte aufzuklären?

"Die Übergriffe sind nicht durch fehlende Wertevermittlung zu erklären, sondern sind schlichtweg kriminelles Verhalten. Wir haben aber an anderen Stellen die Erfahrung gemacht, dass insbesondere Frauen nicht vollständig über ihre Rechte in unserer Gesellschaft informiert sind. Dies wollen wir ändern. An einigen Stellen wird derzeit sicher zu viel darüber gesprochen, dass Flüchtlinge unsere Werte annehmen müssen, und zu wenig darüber, wie wir sie gut informieren können. Auch dies wollen wir ändern."

 SPD und Grüne fordern in ihrem Antrag ein "umfangreiches Ankunftspaket". Wie genau soll das aussehen?

"Wir setzen auf frühzeitige und hochqualitative Information gegenüber den Geflüchteten. Unser Antrag zielt auf ein kooperatives Miteinander ab, ohne gleich mit Repressalien zu drohen."

Warum lehnen Sie den Vorschlag der CDU zum Bekenntnis per Unterschrift ab?

"Das ist reine Symbolpolitik. Was soll denn die Unterschrift bewirken? Etwaige Gesetzesverstöße können wir auch ohne eine solche Unterschrift verfolgen, und es wird sich kein Krimineller durch eine solche Unterschrift vom Diebstahl oder Ähnlichem abgehalten. Stattdessen ist es wichtig, so schnell und gut wie möglich über die Grundregeln zu informieren. Dies baut Vertrauen auf und vermeidet Missverständnisse."

Flüchtlingsunterkunft in Lokstedt erlaubt

Die Flüchtlingsunterkunft Hagendeel darf doch in der geplanten Größe mit 538 Plätzen gebaut werden. So hat jetzt das Oberverwaltungsgericht entschieden. Zuvor war der Bau eines Teils der Anlage in einem Überschwemmungsgebiet per Eilantrag teilweise gestoppt worden, weil zwei Anwohner Beschwerde eingelegt hatten. Und zwar nicht – wie sonst bei besorgten Bürgern oft üblich – aus Angst vor einer Flut von Neuankömmlingen, sondern aus Angst vor einer echten Flut: Sie fürchteten eine größere Hochwassergefahr für ihre Grundstücke. Dass der Bau auf der Überschwemmungsfläche an der Alten Kollau nun fortgesetzt werden kann, sei "ein starkes Signal", sagte der Bezirksamtsleiter von Eimsbüttel, Torsten Sevecke (SPD), dem "Hamburger Abendblatt". Die Botschaft, dass der Rechtsweg gegen Unterkünfte nicht immer von Erfolg gekrönt ist, sei wichtig bei der künftigen Suche nach Wohnmöglichkeiten. Dennoch will Sevecke mit den Anwohnern nun gemeinsam nach Wegen suchen, den Wasserabfluss aus dem Überschwemmungsgebiet zu optimieren.

Termin für Dr. Sound

In einem knappen Jahr eröffnet die Elbphilharmonie. Aber wie wird sie klingen? Das weiß niemand besser als der Star-Akustiker Yasuhisa Toyota. Er hatte aber auch wirklich lange genug Zeit, darüber nachzudenken. Sieben Jahre später als geplant, tritt der Klangarchitekt seinen Job in Hamburg an. Warten gehört zu seinem Beruf. "Ohne Geduld", sagt Toyota im ZEIT-Interview, "kommst du in dieser Branche nicht weit." Heute um 10 Uhr wird er mit Kultursenatorin Barbara Kisseler (parteilos) und Generalintendant Christoph Lieben-Seutter die sogenannte weiße Haut des Großen Saals präsentieren, die Innenverkleidung aus 10 000 Gipsfaserplatten, alle individuell zugeschnitten und unterschiedlich in Form, Gewicht und Oberflächenstruktur, mit dem Ziel, für optimale Akustik zu sorgen. Yasuhisa Toyota, 63, ist der Designer des Unsichtbaren. Einer, dessen Arbeit ein Konzerthaus an die Weltspitze katapultieren kann – oder in die Bedeutungslosigkeit. Auf der ganzen Welt, vom Sydney Opera House in Australien über die Philharmonie in Paris bis zur Walt Disney Concert Hall in Los Angels, hat der Japaner schon die Akustik von Konzertsälen designt. Eines der höchsten Ziele seiner Arbeit sei, sagt er, "dass das Publikum überall gleich gut hören kann. Egal, ob jemand in der ersten oder letzten Reihe sitzt." Wie er das anstellt, darüber sprach Toyota mit ZEIT:Hamburg-Autorin Catalina Schröder. Zu lesen in der aktuellen ZEIT, die heute noch am Kiosk erhältlich ist – und im Digitalabo viel länger.

Bye-bye, grüner Pfeil

Seien wir ehrlich. Viele verstehen bis heute nicht, wie der grüne Pfeil funktioniert, dieses Zusatzschild an manchen Ampeln. Es gibt immer noch Autofahrer, die der Ansicht sind, dieses Signal habe nur dann Bedeutung, wenn die Ampel ausfällt. Andere glauben, es habe niemals eine Bedeutung. Wieder andere scheinen davon überzeugt, dass der grüne Pfeil ihnen Vorrang vor allem und jedem einräumt. Offenbar war die Verwirrung letzten Endes zu groß: Auch wegen "Sicherheitsbedenken" hat die Stadt in den vergangenen Jahren fast 200 der grünen Pfeile wieder abgebaut. Nun gibt es noch 168, teilte der Senat auf eine Kleine Anfrage des Verkehrsexperten der Grünen, Martin Bill, hin mit. 2002 hingen in Hamburg noch 360 Stück. Die "Grünpfeilschilder" waren einer der wenigen DDR-Importe, die es (von den Menschen abgesehen) in den Westen schafften. Im Osten war der Pfeil eine günstige Methode gewesen, den Verkehrsfluss zu steigern. Heute gibt es dafür die verkehrsabhängige Ampelsteuerung. Aber vielleicht war mancher Hamburger Wessi auch einfach zu stur, um sich an einen Ost-Pfeil zu gewöhnen. Oder er wusste nicht ... – okay, hier nochmal, nur zur Sicherheit: Der grüne Pfeil ist im Grunde wie ein Stoppschild für Rechtsabbieger – man muss kurz halten und darf dann fahren, aber eben nur, wenn die Straße frei ist. Das wussten Sie doch längst? Dann schnell zur Subkultur.

Pudel unterm Hammer

Es ist das Ende einer Ära. Wer morgens aus den Kiezclubs stolperte und noch nicht genug hatte, konnte hier bei herrlichem Elbblick dem Sonnenaufgang entgegentanzen. Nun wird der Golden Pudel Club zwangsversteigert. "Baujahr circa 1872, 2 Etagen, 269 Quadratmeter Gewerbefläche, teilunterkellert, Gaszentralheizung, Gaststättenfläche, Musikclub im Erdgeschoss. Mögliches Mindestangebot: 255.000 Euro." Das Angebot bei ImmobilienScout24 ist das Ergebnis eines jahrelangen Streits zwischen zwei einstigen Freunden: Rocko Schamoni (Autor, Sänger und Mitglied bei Studio Braun) und Wolf Richter. 2008 kauften die Jugendfreunde die schmucke Hütte an der Hafenstraße. Schamoni eröffnete im Erdgeschoss mit seinem Golden Pudel Club einen nicht kommerziellen Musikclub. Richter zog mit dem Lokal Oberstübchen unters Dach und wollte dort durchaus auch Geld verdienen. Die Untergrundszene um den Pudel und das angepasstere Oberstübchen: Irgendwann ging das nicht mehr gut. Die Freunde entzweiten sich und ließen Anwälte für sich sprechen. Nun muss der Pudel unter den Hammer: Teilungsversteigerung – klingt nach Scheidung. Und was machen die Scheidungskinder? Rebellion! Der Pudel Verein für Gegenkultur (VerFüGe) kündigte an: "Der Golden Pudel Club wehrt sich mit allen Solidarischen gegen einen drohenden Einkauf per erzwungener Teilungsversteigerung und wird mit einer endlosen Kampagnethe freaks are alright‹ einen der letzten, bitter nötigen offenen Orte auf St. Pauli und anderswo behaupten." Da heißt es: tapfer durchtanzen.

Mittagstisch

Zum Schulterblatt auf dem Schulterblatt

Wer braucht schon stilvolles Ambiente, wenn er aus dem Fenster die Rote Flora betrachten kann? Und das ist meistens spannender als Fernsehen. Im Escápula (zu Deutsch wenig einfallsreich: Schulterblatt) stimmt aber vor allem eins: das Essen. Spaghetti alho e oleo mit Cherrytomaten und Basilikum für 6,30 Euro, gemischter Fischteller in Weißweinsoße mit Reis für 7,50 Euro, die Karte wechselt wöchentlich, es schmeckt und macht satt. Das Beste aber: Im Preis inbegriffen ist ein Salat oder Dessert. Gesundheitsbewusste Menschen mit wichtigen Terminen wählen natürlich den Salat – über dessen Qualität kann die Autorin nichts sagen. Aber das Tiramisu ist spitze! Schulterblatt 98, Montag bis Sonntag, ab 9 Uhr

Melinda Bäumer

Was geht

Konzert: Die Legende ist zurück. In ihrer Mockumentary feierte Fraktus 2012 als fiktive Synthiepopband ihr Comeback. Heute ist die Band kein Mysterium mehr. Große Freiheit 36, 20 Uhr

Comiclesung: Fünf Zeichnerinnen stellen ihre Comics vor. Sie alle sind Absolventinnen der HAW. Ihre Bücher tragen Namen wie "Supercool", "Obstsalat" und "Katze hasst Welt". HAW Kunst- und Mediencampus, Karl-H.-Ditze-Hörsaal, Finkenau 35, 19 Uhr

Diskussion: Dafür verlässt man gern das Bett: Konstantin Wecker in "Scheitern erlaubt! Vom Fallen und Wiederauferstehen – woher nehmen wir die Kraft?". St. Katharinen, Katharinenkirchhof 1, 19 Uhr

Party: Wo Gothic-Fans zum Leben erwachen, tappen andere im Dunkeln: die "Schwarze Nacht" für Freunde höllisch guten Sounds. Kaiserkeller, Große Freiheit 36, 22 Uhr

Ausstellung: Kein unbeschriebenes Blatt: Uwe Herbst ist einer der bekanntesten zeitgenössischen Impressionisten. Hier zu sehen sind seine "Französischen Landschaften". Kunsthaus an der Alster, Alsterchaussee 3, 11–13 Uhr

Meine Stadt

Möglicherweise ist Ihnen oben bei den Veranstaltungsterminen etwas aufgefallen: Drei davon standen schon in der gestrigen Elbvertiefung. Uns ist nämlich peinlicherweise ein saudummer Fehler unterlaufen: Die zuständige Kollegin ist beim Übertragen der Termine aus dem Kalender in der Datumszeile verrutscht. In Wirklichkeit findet die "Schwarze Nacht" erst heute statt, auch Uwe Herbsts "Französische Landschaften" sind erst heute zu sehen. Und es lohnte sich gestern nicht mal für Konstantin Wecker aufzustehen. Wir bitten Sie sehr, das Versehen zu entschuldigen, und versprechen, uns zu bessern.

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, guten Schnack liefern, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns:elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.

Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen! 

Ihr

Mark Spörrle


PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr