Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

sitzen Sie gerade im Auto, lesen unseren Letter, weil sich vor Ihnen wieder nichts bewegt, und fragen sich: Ist das mit dem Stau nur in Hamburg so schlimm? Die Antwort: Bei uns ist es zumindest schlimmer als anderswo. Laut ADAC-Staubilanz liegt Hamburg hinter (natürlich) Berlin auf Platz zwei im deutschlandweiten Stau-Vergleich. Mehr als 9000 Stunden verplemperten die Hamburger im vergangenen Jahr in Autos, die im Verkehr feststeckten.

Und warum gibt es so viel Stau? Wir glauben insgeheim: Eigentlich will hier niemand zur Arbeit. Deswegen fahren alle unbewusst langsam, so wie Kinder trödeln, die sich vor den Mathehausaufgaben drücken. Dennis Thering, der verkehrspolitische Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion, allerdings sagt allen Ernstes, die vielen Baustellen seien schuld. Deswegen fordert er einen "Stau- und Baustellenkoordinator" für die Metropolregion Hamburg. Gute Idee! Der könnte dann erstens dafür sorgen, dass an gewissen Tagen, sagen wir an Montagen und Freitagen, alle Baustellen Hamburgs dermaßen viel Stau produzieren, dass es erstens überhaupt keinen Sinn hätte, sich auf den Weg zur Arbeit zu machen. Und zweitens hätte man mit ihm endlich jemanden, dem man ganz prima die Schuld geben könnte.

Also: Wir sind dafür. Und bis es so weit ist: Beißen Sie die Zähne zusammen oder notfalls ins Lenkrad.

(Und falls Sie jetzt doch in der U-Bahn sitzen: Gut gemacht!)

Mehr Proteste gegen Großunterkünfte

Das Thema Flüchtlinge treibt Hamburg weiter um. Am Samstag haben im Stadtteil Rissen Hunderte gegen die Pläne des Senats demonstriert, Flüchtlinge in Großunterkünften unterzubringen. Der Ton wird immer rauer. "Demokratie statt Olaf-Scholz-Ghettos" stand auf den Postern der Demonstranten. Einige hielten rote Karten in die Höhe. Die galten der Stadt. Organisator der Aktion waren die Initiativen für erfolgreiche Integration Hamburg, der Dachverband der Initiativen, die sich gegen eine Unterbringung von Flüchtlingen in größeren Siedlungen wehren. Ihre Vorstellung: die Flüchtlinge gleichmäßig auf die ganze Stadt zu verteilen, ein Ziel, das sie zur Not auch per Volksabstimmung durchsetzen wollen. Doch ist eine solche Verteilung überhaupt realistisch? Nicht wenn es nach Flüchtlingskoordinator Anselm Sprandel geht. "Eine völlige Gleichverteilung über die Stadt ist illusorisch", sagte er. Die Zahl der Geflohenen sei einfach zu hoch, man könne Zehntausende nicht ohne Weiteres gleichmäßig verteilen.

Die Bürgerinitiativen sehen das anders. Sie haben Bürgermeister Olaf Scholz in einem offenen Brief dazu aufgefordert, seine Flüchtlingspolitik zu überdenken. "Erst nachdenken – dann handeln", so lautet ihr Ratschlag für den Bürgermeister. An anderer Stelle fragen die Verfasser: "Was ist aus Ihnen geworden? Gelten demokratische Werte nicht mehr für Sie?" Was an dem zweiseitigen Schreiben auffällt: Es enthält zwar 30 Fragen – aber keine einzige Antwort.

G 20 in Hamburg?

Das Gerücht gibt es schon länger, jetzt wurde es dem NDR aus Senatskreisen bestätigt. Hamburg bemüht sich um den G-20-Gipfel im kommenden Jahr, das Treffen der 20 wichtigsten Staatsoberhäupter der Welt. Für die Stadt wäre das eine prestigeträchtige Sache. Die internationale Aufmerksamkeit wäre enorm, und das Ereignis böte die Chance, Investitionen, zum Beispiel in die Infrastruktur, zu tätigen und stadtpolitische Projekte voranzutreiben. Das Problem ist allerdings, dass viele Hamburger nicht viel von solchen Großereignissen zu halten scheinen – man denke nur an Olympia. Und dann sind da noch die Kosten; die spielen bei den G-20-Gipfeln den Treffen aller großen Industrie- und Schwellenländer, und den G-7-Gipfeln, den Treffen der großen westlichen Nationen, immer eine große Rolle. Den Rekord hält der Gipfel in Toronto 2010 mit 860 Millionen Euro. Beim G-7-Treffen im vergangenen Jahr im bayerischen Elmau sprach das Innenministerium von 200 Millionen Euro und der Bund der Steuerzahler von rund 360 Millionen Euro. Die Treffen werden auch deshalb so teuer, weil der Aufwand für die Sicherheit enorm hoch ist. In Hamburg müssten Polizisten aus dem gesamten Bundesgebiet anrücken, Teile der Stadt müssten wohl gesperrt werden. Und da sind noch die Demonstrationen; die autonome Szene in Hamburg ist nicht gerade für ihre Zurückhaltung bekannt und würde vermutlich aus ganz Europa Verstärkung bekommen. Der Preis für die Stadt wäre jedenfalls beachtlich. Zwar ist zu hören, dass die Kosten natürlich mit dem Bund geteilt würden. Aber das kennen wir ja schon von Olympia.

Interview zu "Unterwerfung"

Das meistdiskutierte Buch des vergangenen Jahres war wohl Michel Houellebecqs "Unterwerfung". Es erzählt von einer nahen Zukunft, in der in Frankreich eine Islamische Republik herrscht. Ein Buch, das den Untergang des Abendlandes beschwört. Das Schauspielhaus hat Houellebecqs Roman nun auf die Bühne gebracht. Am Samstag feierte das Stück Premiere, mit Edgar Selge in der Hauptrolle – und war ein voller Erfolg. Aber: Kann man so ein Stück überhaupt feiern? "Natürlich haben wir uns auch gefragt: Kann man so was auf der Bühne sagen? Oder blasen wir damit Pegida ins Horn?", sagt Karin Beier, Intendantin des Schauspielhauses, diedas Stück inszeniert hat. Aber der Roman provoziere Diskussionen, und das sei das Wichtige. "Das Falscheste wäre, diese Themen nicht zuzulassen", bekräftigt Beier. Im Interview mit ZEIT-Reporter Christoph Twickel beschreibt die Intendantin, wie das Theater in Zeiten der Flüchtlingskrise zunehmend politisch wird. In einer anderen Inszenierung etwa, "Schiff der Träume", sagt eine Schauspielerin, die Balkanflüchtlinge sollten doch zu Hause bleiben. Deutschland solle keine Machos aufnehmen. "In der ersten Vorstellung nach der Silvesternacht gab es Szenenapplaus in den Monolog hinein", erzählt Beier. "Da saß ich hinter der Bühne und habe mich gefragt: Will ich diesen Applaus haben?" Mehr lesen Sie in der aktuellen ZEIT: Hamburg.

Goldene Kamera: Promis und deutliche Worte

So viele Prominente wie gestern waren schon lange nicht mehr in Hamburg. Sie waren alle eingeladen zu der 51. Verleihung der Goldenen Kamera der Fernsehzeitschrift "Hörzu". Unter den Gästen waren deutsche Stars – Ulrich Tukur, Uschi Glas, Sibel Kekilli –, aber auch internationale Prominente: Die US-amerikanisch-britische Schauspielerin Julianne Moore ("Still Alice") und ihr schottischer Kollege Gerard Butler wurden als beste internationale Schauspieler ausgezeichnet. Die Goldene Kamera als beste deutsche Schauspieler bekamen Jörg Hartmann ("Weissensee") und Maria Simon, letztere fürihre Verkörperung einer Amokläuferin in "Silvia S. – Blinde Wut" (ZDF). Schauspielerin Helen Mirren ("Die Queen") erhielt die Auszeichnung für ihr Lebenswerk. Sie erzählte, sie habe über ihre Dankesrede nachgedacht, während sie im Michel saß und dem Orgelspiel lauschte. Die TV-Journalistin Dunja Hayali, ausgezeichnet in der Kategorie "Beste Information", hielt eine Dankesrede gegen Hass und "Lügenpresse"-Vorwürfe. In einem bewegenden Appell wandte sie sich direkt an die Kritiker. Sie rief diese dazu auf, offen zu sein: "Legen Sie doch gern den Finger in die Wunde, und streiten Sie mit uns, diskutieren Sie mit uns, weisen Sie uns auf Fehler hin", sagte sie. "Wir sind Journalisten, wir sind keine Übermenschen, wir machen Fehler – deshalb sind wir aber noch lange keine Lügner."

Mittagstisch

   

Kein schnelles Essen

   

Es pressiere ihnen ein wenig, erklären die beiden Damen, die das Restaurant betreten, schon beim Hereinkommen. Sie lassen sich am runden Tisch vor dem Fenster nieder und bestellen sich zwei Gläser Wein. Im Rexrodt auf der Uhlenhorst speist es sich in eleganter Atmosphäre zu Mittag. Überdimensionierte Weinflaschen und eine riesige Vase mit einem cremefarbenen Blumenarrangement fügen sich in das Interieur von gediegenen dunklen Holzmöbeln, weißen Tischdecken und Jugendstilkacheln samt bemalter Glasdecke der ehemaligen Schlachterei, die hier 1896 ihre Pforten öffnete. Aus der Küche kommt ein raffiniertes Apfel-Sellerie-Süppchen mit Honig-Balsamico und eine Süßkartoffel-Lauchtarte mit Ziegenkäse und knackigem Blattsalat. Den Nachtisch bildet ein warmes Apfel-Zimt-Crumble, das vielleicht eine Spur zu süß geraten ist. Für schnelle Mittagessensgänger ist das Rexrodt nichts. Für das Drei-Gang-Menü (18 Euro) der dreimal wöchentlich wechselnden Mittagstischkarte sollte man gut anderthalb Stunden einplanen, für den Hauptgang (rund 11 Euro) eine Dreiviertelstunde. Die zwei Damen allerdings, die am runden Tisch sitzen, sind immer noch da, als wir das Rexrodt nach einer guten Stunde verlassen. Rexrodt in der Papenhuder Straße 35, Mittagstisch 12 bis 15 Uhr.

   

Elizabeth Knoblauch

 

Was geht

Pop: Disclosure ist eines der smoothesten britischen Garage-Duos unserer Zeit. Im September brachten die beiden Brüder aus Südengland ihr neues Album "Caracal" raus, jetzt touren sie um die Welt und stellen es vor. Auch in Hamburg. Sporthalle, Krochmannstraße 55, 20 Uhr

Party: Falls Sie es noch nicht bemerkt haben: Es ist Karneval! Für alle Gesinnungsrheinländer: Beim Rosenmontag im Hühnerposten gibt’s Gaffel Kölsch vom Fass und Karnevalsklassiker von DJ Tom. Hühnerposten 1a, 18 Uhr

Kunst: Was ist Dada? Anti-Kunst. Nicht-Kunst. Absurde Kunst. Der "Dadaismus" entstand im Zürich des frühen 20. Jahrhunderts. 1916, um genau zu sein. Zum 100. Geburtstag des Dadaismus zeigt das Metropolis Kino sechs Kurzfilme. Und keine Sorge, vorher gibt es eine kleine Einführung. Metropolis Kino, Kleine Theaterstraße 10, 21.15 Uhr

Was kommt

Diskussion: Das bekannteste unbekannteste Buch der Welt: "Mein Kampf. Karriere eines deutschen Buches", eine Debatte über Hintergründe und Wirkung. Am Dienstag im KörberForum, Kehrwieder 12, 19 Uhr

Klassik: Das wird der Kracher: "Das große Chinesische Neujahrskonzert: Ins Jahr der Affen" bringt Frühlingsstimmung nach Hamburg. Am Mittwoch in der Laeiszhalle,Johannes-Brahms-Platz, 20 Uhr

Kinder: Sie lesen gern Klassiker? Ihre Kinder vielleicht auch. Das Kindertheater Wackelzahn bringt den "Froschkönig" auf die Bühne, das klassische Märchen der Brüder Grimm. Zum Beispiel am Samstag. Hoftheater Ottensen, Kindertheater Wackelzahn, Abbestraße 33, 15 Uhr.

Die Wahrheit liegt auf dem Platz

Aimen Abdulaziz-Said, schreibt bei ZEIT ONLINE die HSV-Kolumne

"Der HSV wartet weiter auf den ersten Sieg der Rückrunde: Gegen den 1. FC Köln hat er sich ein 1:1-Unentschieden erkämpft. Nachdem die Hamburger sich in der ersten Halbzeit mal wieder für die zweite Liga empfohlen hatten, kamen sie in der zweiten Hälfte besser ins Spiel und erzielten in Person von Nicolai Müller den Ausgleich. In der Tabelle ging es trotzdem einen Platz nach unten: Der HSV ist jetzt auf Platz 13. Neuzugang Josip Drimic blieb gegen Köln über weite Strecken blass."

Erik Hauth, bloggt auf ZEIT ONLINE über den FC St. Pauli

"Das Sprichwort stimmt also doch: Der missratenen Generalprobe gegen Aalborg letzte Woche folgte am Sonntag eine gelungene Premiere beim ungefährdeten 2:0-Sieg gegen Greuther Fürth. Vor allem die Defensive stand im ersten Pflichtspiel des Jahres 2016 sicher. Außer einigen gefährlichen Fernschüssen und Freistößen gelang Fürth wenig. Im Gegenzug konterten sich die Kiezkicker phasenweise in einen Rausch. Vor allem der quirlige Waldemar Sobota und der wieder genesene Enis Alushi überrannten die robusten Fürther das eine oder andere Mal erfolgreich. St. Pauli bleibt also erweiterter Aufstiegskandidat, sosehr Ewald Lienen und seine Spieler auch dementieren. Das Spiel gegen Leipzig am nächsten Freitag wird also zu einem echten Spitzenspiel."

Hamburger Schnack

   

Eine von drei schnatternden jungen Frauen in der U-Bahn-Linie U1, kurz vor dem Jungfernstieg: "Eigentlich bin ich ja katholisch. Aber dies ewige Aufstehen, Hinsetzen, Knien, Aufstehen, Hinsetzen, Knien, Aufstehen, Hinsetzen, Knien – das nervt mich total."

Gehört von Margret Kaufel

 

Meine Stadt

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns:elbvertiefung@zeit.de.

Schreiben Sie uns bitte unbedingt auch, wenn Sie guten Schnack gehört haben. Irgendwie, vielleicht liegt es am Wetter, scheinen die Hamburger in letzter Zeit weniger Witziges, Bedenkenswertes, Abgefahrenes zu äußern. Und wenn, dann nur verschlüsselt, wie etwa in dieser Einsendung:

"Rudi, geh doch schon mal vor!"

"Muss noch zum Müll!"

Also, wenn Sie etwas hören, das diesen Schnack noch toppen kann: Denken Sie an uns!

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle


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