Das Saugbaggerschiff "Brabo" auf der Elbe vor Hamburg © dpa
Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

nirgendwo geht die direkte Demokratie so inbrünstig zur Sache wie in Hamburg, ganz egal, ob es sich um Schulkonzepte dreht oder um Großsiedlungen für Flüchtlinge. Und man darf schon gespannt sein: Was kommt als Nächstes? In ihrer aktuellen Titelgeschichte beschreiben die Kollegen von ZEIT:Hamburg auf höchst satirische Weise eine Reihe von weiteren Initiativen, die es gar nicht mehr erwarten können, ans Licht der Öffentlichkeit zu kommen. Nur so viel: Wer schulpflichtige Kinder hat, wer immer noch glaubt, die Stadt brauche noch andere Kulturorte als die Elphilharmonie, oder wen der Begriff "Kreuzfahrt" schon immer nachdenklich stimmte, der sollte sich das ruhig mal  ansehen, man weiß ja nie.

Und klar, es könnten noch jede Menge anderer Volksinitiativen und -begehren aus der Deckung kommen. Was halten Sie zum Beispiel von "Stopp den DOM – zu teuer, zu riskant, zu christlich"? Oder von "Schluss mit dem Plastikbeutelterror: Kotfreiheit für unterdrückte Hunde und Herrchen!"? Oder hiervon: "Gegen die Bevormundung im HVV – Für das Feierabendbier"? – Moment, nein, die gab es schon...

Wie der Schlick im Hafen weniger wird

Seit Jahren kämpft Hamburg gegen Schlick im Hafenbecken wie gegen den süßen Brei aus dem Märchen – am Dienstag beschloss Schleswig-Holstein, dass die Stadt in den nächsten fünf Jahren die Sedimente einfach in der Nordsee verklappen darf. Klingt wie eine Lösung, behandelt aber vor allem das Symptom. Zumindest kündigte Hamburgs Wirtschaftssenator Frank Horch auch an, "Strombaumaßnahmen" zu entwickeln und umzusetzen, "damit das anfallende Baggergut nachhaltig reduziert werden kann". Was versteckt sich hinter dem sperrigen Begriff "Strombaumaßnahmen"? "Vor allem das Schaffen von Flutraum, etwa durch die Öffnung von Nebenarmen", sagt Herbert Nix vom Verein Rettet die Elbe. "Das ist das einzige nachhaltige Mittel gegen den Schlick, weil sich so das Wasservolumen auf einen breiteren Querschnitt verteilt, die Strömungsgeschwindigkeit niedriger wird und weniger Sediment transportiert." Und es klingt so, als ob eine Elbvertiefung dabei ziemlich kontraproduktiv wäre. Hamburg will die Maßnahmen gemeinsam mit Schleswig-Holstein, Niedersachsen und dem Bund entwickeln. Nach der Sommerpause, teilte uns die Hamburg Port Authority mit, sollen Wissenschaftler, Fachbehörden, Betroffene und Interessengruppen zusammenkommen, um eine verbindliche Liste von Projekten für vor allem die obere Tideelbe zu erstellen; bis 2030 soll alles umgesetzt sein. "Viel zu lange hin", findet Nix. 


Autobahn, Deckel drauf: "Dann ist da auf einmal die Zielgerade"

Über 20 Jahre lang setzte sich Bernt Grabow mit seiner Initiative  "Ohne Dach ist Krach" für die Abdeckung der Autobahn A7 in Othmarschen ein – ein städtebauliches Mammutprojekt Lärmschutzdeckel, so die Pläne der rot-grünen Koalition, tatsächlich nicht nur 730, sondern 2300 Meter lang werden.

Herr Grabow, mehr als 20 Jahre haben Sie für den Autobahndeckel gekämpft. Jetzt soll er kommen. Und in dieser Länge! Wie fühlen Sie sich?

Ich komme gerade aus der Aktuellen Stunde der Hamburger Bürgerschaft zu dem Thema. Als uns Anjes Tjarks, der Vorsitzende der grünen Bürgerschaftsfraktion, erwähnt hat und es dann Applaus gab – das war schon ein bewegender Moment. Weil man spürt, dass man etwas bewirkt hat. Es ist ein bisschen, als habe man einen unglaublich langen Waldlauf gestartet, von dem man nicht weiß, wann er endet. Und dann ist da auf einmal die Zielgerade.

Wie haben Sie es geschafft, so lange durchzuhalten?

Wir sind eine tolle Gruppe, viele sind schon lange dabei, bei den Treffen kommen so zwischen fünf und 15 Leute. Außerdem haben wir immer versucht, den Weg des Arguments zu gehen, konstruktiv zu bleiben – purer Aktionismus generiert häufig kurz Aufmerksamkeit, dann ist man aber wieder weg vom Fenster.

Sie und Ihre Mitstreiter trafen sich bis jetzt jeden Dienstag. Ist das nun vorbei?

Auf keinen Fall. Im Frühjahr wird ein Zeitplan für die Bauarbeiten erarbeitet – wir passen auf, dass er auch eingehalten wird. Und versuchen, die Deckelflächen mitzugestalten. Am liebsten wäre uns eine Verzahnung aus Kleingärten und öffentlichem Grün; ein Ort also, an dem man gerne spazieren geht. Ich bin jetzt 68, bis 2024 soll der Bau abgeschlossen sein – selbst wenn ich das nicht mehr erlebe, haben auf jeden Fall meine Kinder etwas davon.

Sie leben seit Jahren mit der Autobahn – gewöhnt man sich nicht irgendwann an den Lärm?

Nein. Immer wenn ich an einem anderen Ort bin, kann ich auf einmal die Stille hören. Das ist purer Genuss.

Zu wenig Schutzraum für weibliche Flüchtlinge

In der Flüchtlingsdiskussion stehen vor allem Männer im Mittelpunkt – besonders natürlich seit den Ereignissen in der Silvesternacht, aber auch schon in den Monaten zuvor. Und ja: Im Jahr 2015 waren ungefähr 70 Prozent der Asylantragsteller in Deutschland männlich. Das heißt aber auch: Etwa 30 Prozent waren Frauen und Mädchen. Unter welchen Lebensumständen sie in Hamburg leben, darüber spricht heute eine Podiumsrunde, bestehend aus geflüchteten Frauen und Wissenschaftlerinnen der Universität Hamburg. Brisanter Hintergrund: In den vergangenen Monaten gab es immer wieder Berichte über sexuelle Übergriffe in Hamburger Flüchtlingsheimen. "In den meisten Unterkünften gibt es zu wenige Schutzräume für Frauen", sagt Daniela Rastetter, die die Veranstaltung organisiert und zu Gleichstellungspolitik forscht. "Das gilt aber auch schon während der Flucht. Wir beobachten, dass die Frauen oft alleine den Männern folgen, schutzlos. Wenn der Familiennachzug jetzt erschwert wird, wird die Situation für sie noch gefährlicher." Rastetter will mehr Aufmerksamkeit dafür schaffen, dass geflüchtete Frauen selten dem "Klischeebild von der Frau mit Kopftuch und vier Kindern" entsprechen. "Das sind ganz unterschiedliche Biografien." Weibliche Flüchtlinge brauchten in Hamburg mehr Angebote und Qualifizierungsmaßnahmen. Außerdem sei es wichtig, Entlastung für die Frauen zu schaffen, etwa Kinderbetreuung. "Viele Frauen sind auch deshalb gefangen in den Unterkünften."

Frauen auf der Flucht – Leerstellen aktueller Flüchtlingsdiskurse, Universität Hamburg, Von-Melle-Park 9, Raum S 30, 19 Uhr

Malerei zwischen Zauber und Wirklichkeit

Das Gesicht des jungen Manns auf dem Ölgemälde lässt den Betrachter nicht mehr los; es liegt an dieser bewegten Wehmut im Blick des Nackten – beinahe mit fotografischem Blick näherte sich der dänische Maler Christoffer Wilhelm Eckersberg seinen Modellen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, damals blühte die dänische Kulturproduktion, schuf er Landschaftsbilder, Porträts und Historiengemälde. Jetzt würdigt die Hamburger Kunsthalle ihn, einen der wichtigsten dänischen Maler, mit einer Retrospektive; der ersten in Europa außerhalb Dänemarks. Eckersberg, der sich von 1814 an mit Malkasten und Klappstuhl nach Rom aufmachte – die Freilichtmalerei hatte in Dänemark in dieser Epoche besonders viele Vertreter –, bewies ein ganz besonderes Gespür für die Bildkomposition: Geometrie und Perspektive bildeten auch die wichtigsten Inhalte seiner Lehre an der Kopenhagener Akademie, wo er als Professor arbeitete. In seinen Werken spiegelt sich dieses besondere Talent: Ob römische Ruinen oder Menschen: Sie balancieren stets zwischen Zauber und Wirklichkeit, geradlinig, aber doch das Gemüt des Betrachters bewegend. Anders gesagt: Wer nach einem anstrengenden Arbeitstag zwischen seinen Malereien steht, bekommt einen Kopf, klar wie eine nordische Meeresbrise.

Eckersberg – Faszination Wirklichkeit. Ab heute in der Kunsthalle, Glockengießerwall

"I am Steven from Germany"

Doch, Sie kennen ihn vermutlich, diesen blonden Hamburger mit den Augen, die so blau sind wie ein Schluck Wasser in der Kurve: Steven Gätjen ist der Mann, der in den letzten Jahren nicht nur alle Raab-Events wegmoderierte, sondern dem ProSieben auch immer wieder Schuhe hinstellte, die ihm zu groß waren. So interviewte Gätjen mit Pseudo-US-Akzent immer wieder penetrant, aber gut gelaunt Hollywoodstars auf dem Oscar-Teppich: "I am Steven from Germany!" Was dann kam, war verlässlich jenseits der Fremdschämgrenze. Manchmal passten die ProSieben-Schuhe Gätjen aber doch, waren dann allerdings ziemlich hässlich: Beim Emanzipationshorror  "Germany’s Next Topmodel" gab Gätjen mal – unüberzeugend, das muss man ihm lassen – den fiesen Journalisten, der die Medientauglichkeit der Aspirantinnen testet. Jetzt macht er was anderes: Am Samstag moderiert Gätjen zum ersten Mal in seiner neuen Sendeheimat, dem ZDF, die Show "Versteckte Kamera 2016 – Prominent reingelegt". Unter den Gästen: Löffelbieger Uri Geller und Schauspieler Uwe Ochsenknecht. Das klingt tatsächlich nach einem Format, das weder zu sehr Hollywood noch zu frauenverachtend ist. "Ich hab einfach Bock drauf", sagt Gätjen auch selbst. Was sich stark nach einem Zitat von Til Schweiger anhört, der auch da sein wird. Wobei – ist der nicht vielleicht eine Nummer zu groß für Gätjen?  

Was geht

Wissen: Hatte er einen Plan? Der Kritiker Jürgen Tietz befragt den Architekten Meinhard von Gerkan zu seinem künstlerischen Werdegang. Freie Akademie der Künste, Klosterwall 23, 19 Uhr

Oper: So ein Käse! In "Der Fliegende Holländer" von Richard Wagner muss ein Seemann segeln, bis ihn die Liebe einer Frau erlöst. Staatsoper, Große Theaterstraße 25, 19.30 Uhr

Puppentheater: Kasper ist der Schlingel, der es faustdick hinter den Ohren hat. Und der alles weiß und sogar alle Verkehrsregeln kennt. Oder doch nicht? Für alle ab vier Jahren erklärt das Puppenspiel "Vorsicht! Kasper!", warum Vorsicht und Rücksicht so wichtig auf der Straße sind. Fundus Theater, Hasselbrookstraße 25, 10 Uhr

Die lange Nacht der ZEIT:Pecha Kucha

All denjenigen, die im Arbeitsleben zu häufig von langweiligen PowerPoint-Präsentationen gequält werden, sei bei der "Langen Nacht der  ZEIT" ganz besonders unsere Veranstaltung "Pecha Kucha" ans Herz gelegt. Klingt wie ein gesunder Lifestyle-Drink und, richtig ausgesprochen ("Petscha Kutscha"), wie ein japanischer Abzählreim. Stammt auch tatsächlich aus Japan und ist eine Vortragstechnik, die auf Unterhaltung und Schnelligkeit setzt: Acht Köpfe der ZEIT haben je 6:40 Minuten, um zu erzählen, wofür sie brennen (im übertragenen Sinne versteht sich). Einer dieser Köpfe werde vermutlich ich sein. Und wie es aussieht, rede ich über das Einhandsegeln. Vielleicht aber auch über Tauben. Die Veranstaltung ist schon ausgebucht, wir verlosen aber noch mal zwei mal zwei Karten – einfach eine Mail an elbvertiefung@zeit.de schicken. 20. Februar, Uebel & Gefährlich, Feldstraße 66, 20.20 Uhr

Mittagstisch

   

Hauptsache, Italien

   

Lust auf Italien? Das ist nicht nur die Frage, die man seinem Partner beim nächsten Urlaubspläneschmieden stellen sollte – nein, so heißt ein Restaurant am Hamburger Hafen. Zugegeben, es gibt ansprechendere Namen. Aber wer braucht die schon, wenn Essen und Ambiente die Kundschaft ohnehin überzeugen? Wer genug hat von den Fischrestaurants und -bistros in der Gegend, für den ist Lust auf Italien die Alternative: Jeden Tag gibt es drei Mittagsgerichte: Nudeln vegetarisch (Linguine mit Fenchel in Zitronensauce), Nudeln und Risotto für Fleischliebhaber (Risotto mit Huhn, Erbsen und Schinken in Buttersauce) und ein richtiges Fleisch- oder Fischgericht (Lammkeule mit grünen Bohnen und Salzkartoffeln). Oder natürlich Pizza. Und alles für 6 bis 8,50 Euro. Bestellt wird am Tresen, und zwar zackig, schließlich ist viel los. Danach nimmt man Getränk und Besteck, greift im Vorbeigehen nach einem Brotkörbchen und lässt sich auf einer der vielen langen Holzbänke nieder. Warten muss man dann nicht mehr lange, versprochen. Große Elbstraße 133, Mittagstisch 12–15 Uhr (geöffnet bis 24 Uhr).

Amelie Abrams

 


Hamburger Schnack

   

In der S-Bahn, wir fahren an einer Freifläche vorbei. Ein Mann zu seiner Begleiterin: "Hier kann man auch Container hinstellen."

Gehört von Anne Fleck in der S1 Richtung Wedel

Haben Sie auch Schnack aufgeschnappt? Wir freuen uns darüber: elbvertiefung@zeit.de, Stichwort: Schnack, Schnack, Schnack!

 


Meine Stadt

»Quasi ein Vier- und Marschlande-Start-up« © Andreas Schroeter

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Kommen Sie gut durch den Donnerstag. Und wenn Sie mehr von mir lesen möchten: In meiner Kolumne "Warum funktioniert das nicht?" in der ZEIT:Hamburg beantworte ich diese Woche die Frage: "Ist die Rolltreppe am Jungfernstieg depressiv?" 

Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr