Demonstration gegen geplante Großunterkünfte für Flüchtlinge in Hamburg © dpa
Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

gerade wollten wir in einem internen Ranking Hamburg zur denkbar unattraktivsten Stadt küren, des nassen und trüben Pseudowinters wegen, der wieder mal entschieden zu lange dauert. Da erfahren wir von einer Erhebung des Meinungsforschungsinstituts YouGov. Gefragt, welche Stadt zum Leben die attraktivste sei, antworteten die meisten Deutschen: Hamburg.

Was in der Umfrage außerdem auffällt, ist der Absturz Berlins. Die ehemals hippste Stadt ever ist zwar auch ganz vorn – allerdings auf der Liste der Städte, in denen die Befragten am wenigsten gern leben wollen. Auch für viele Berliner dürfte die Hauptstadt unterm Strich nur noch erträglich sein, weil dort "Tagesspiegel"-Kollege Lorenz Maroldt mit seinem Newsletter "Checkpoint" unermüdlich gegen Trübsinn, Behördenwahn und für Gerechtigkeit kämpft. Dennoch startete in der "Berliner Morgenpost" Autor Kristjan Knall nun einen leidenschaftlichen Appell. Gegen Berlin: "Jeder, der mindestens noch das Hirn einer Ratte hat, verlässt das sinkende Schiff – jetzt!" Brauchen wir also bald noch mehr Großunterkünfte in Hamburg?

Demo gegen "Ghettos"

"Integration JA, Olaf-Scholz-Ghettos NEIN" – so lautete das Motto der Demonstration, die gestern vom Gänsemarkt zum Kongresszentrum CCH zog. Zum Protest aufgerufen hatte der Dachverband von sieben Hamburger Bürgerinitiativen gegen Großunterkünfte für Flüchtlinge. Die Demo war für 1500 Teilnehmer angemeldet, nach Schätzungen der Polizei kamen 500, laut den Organisatoren 750 Menschen. Am Ziel, der öffentlichen Sitzung des Stadtentwicklungs-Ausschusses im CCH, trug der Verband seine Kritikpunkte vor: Großunterkünfte verhinderten die Integration der Neuankömmlinge und überforderten die Anwohner. "Nach aktueller Planung sollen 80 Prozent der Flüchtlinge auf nur 32 Stadtteile verteilt werden", erklärte er. "Hamburg hat jedoch 104 Stadtteile." Diese Aufteilung sei unfair. "Behörden weisen unsere Kritikpunkte als nicht verhandelbar zurück", ärgerte sich Klaas Klaassen vom Verein Lebenswertes Klein Borstel. "Notwendig wäre ein Runder Tisch bereits zu Beginn der Planungen gewesen."

Dorothee Stapelfeld (SPD), Hamburger Senatorin für Wissenschaft, gab sich gesprächsbereit. Aber Kompromisse seien unumgänglich. "Wir sind uns einig im Wunsch nach kleinen Unterkünften", betonte die Senatorin. "Aber leider reichen sie nicht aus, wenn wir die Aufgabe meistern wollen." Stapelfeld rechnete vor: Würde man versuchen, rund 40.000 Neuankömmlinge im Jahr auch nur in Wohnsiedlungen mit jeweils 250 Menschen zu verteilen, müsste man jährlich 160 neue Standorte eröffnen. "Das ist weder planerisch noch technisch möglich."

Flocken geht – AfD schrumpft

Um seinem Rauswurf zuvorzukommen, ist der AfD-Abgeordnete Ludwig Flocken freiwillig aus der Bürgerschaftsfraktion ausgetreten. Er bleibt als fraktionsloser Abgeordneter im Hamburger Parlament. Flocken, Facharzt für Orthopädie, in der Öffentlichkeit dadurch bekannt geworden, dass er seinen Patienten freistellte, wie viel sie für ihre Behandlung zahlen wollen, war immer wieder mit seiner Gesinnung aufgefallen, die offenbar selbst für die AfD zu rechts war. Pegida-Gegner etwa bezeichnete er als "die neue SA". "Herr Flocken ist einem Ausschlussverfahren zuvorgekommen", bestätigte der Parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Fraktion, Alexander Wolf. Er bemängelte zugleich die Unfähigkeit des ehemaligen Kollegen, im Team zu arbeiten. Hintergrund der Auseinandersetzung sind auch Kleine Anfragen an den Senat, die Flocken – wie er sagte – an der Fraktion "vorbeigeleitet" habe. In ihnen äußerte sich der Politiker Kritikern zufolge mit einer Mischung aus Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.Ein weiterer Grund für Flocken, der Partei den Rücken zu kehren: "Die Fraktion akzeptiert es nicht, dass ich zu Pegida gehe." Mit dem Austritt des Bergedorfers hat die AfD-Fraktion in Hamburg nun nur noch sieben Mitglieder.

Watt’n Fall!

3,14 Euro im Monat – so viel müssen Kunden im Grundversorgungstarif und mit 2500 kWh Jahresverbrauch künftig mehr an Vattenfall zahlen. Der Stromriese erklärte, er gebe lediglich gestiegene Kosten weiter. Der Haken: Diese Kosten sind für alle Hamburger Stromanbieter gleichermaßen gestiegen. Nur Vattenfall jedoch hat seinen Strompreis erhöht. Das klingt nach einer Kamikaze-Aktion; ein Stromanbieter ist schnell gewechselt. Wir fragten Pressesprecherin Barbara Meyer-Buckow.

Wieso erhöhen Sie als Einziger die Strompreise?

Diese Darstellung ist so nicht richtig. Der Großteil der Wettbewerber hat seine Preise bereits zum 1. Januar angezogen, da haben wir noch abgewartet.

Ihre Hauptkonkurrenten hier – Hamburg Energie und LichtBlick – haben im Januar nicht erhöht. Und wollen das auch in nächster Zeit nicht. Haben Sie keine Angst, Kunden zu verlieren?

Nein, wir scheuen keinen Vergleich. Vattenfall hat lediglich gestiegene Kosten an den Verbraucher weitergegeben.

Sie meinen die Abgaben zur Nutzung der Stromnetze, die ja – wie erwähnt – für alle gestiegen sind.

Unter anderem, ja. Der Konzern muss mehr für die Netzentgelte zahlen. Aber auch die Umlagen sind gestiegen, unter anderem die EEG-Abgabe zur Förderung von Ökostrom, die Offshore-Haftung und die Stromnetz-Entgelt-Verordnung.

Auch diese Kosten betreffen alle Mitbewerber. Die Strompreise an der Börse hingegen sinken. Die Hamburger Verbraucherzentrale kritisiert Vattenfall deshalb scharf – das Argument, man gebe die Kosten weiter, sei mathematisch und betriebswirtschaftlich Unsinn. Was sagen Sie dazu?

Vattenfall stellt sich dem Wettbewerb.

Fascho-Fußball?

Heute kickt der FC St. Pauli im ausverkauften Millerntorstadion gegen Tabellenführer RB Leipzig. Bei dem Spitzenspiel prallen nicht nur sportlich zwei Welten aufeinander – immerhin geht es beiden Vereinen um den Aufstieg in die erste Liga. Auch politisch bahnte sich im Vorfeld ein Hickhack an. Zunächst verkündete St. Pauli, anlässlich der Partie ein neues Trikot mit dem Schriftzug "Kein Fußball den Faschisten" tragen zu wollen. Diese Botschaft prangt schon eine ganze Weile in großen Lettern im Stadion. So weit, so gut – hätte Trainer Ewald Lienen bei einer Pressekonferenz kurz darauf nicht unerwartet losgepoltert. Ein Reporter fragte ihn, ob er Bedingungen wie beim mit viel Geld unterstützten Gegner aus Leipzig als Paradies empfände. "Wenn die Alternative wäre, den Fußball den Faschisten und dem Kommerz zu überlassen, verzichte ich gerne auf die Möglichkeit", schnaubte Lienen. Die Medienleute fragten nach: Ob der Coach damit andeuten wolle, die Leipziger kämen vom rechten Rand? "Das sollte kein Angriff auf Leipzig sein", ruderte Paulis Medienchef Christoph Pieper rasch zurück. "Das war von Ewald Lienen unglücklich formuliert." Fest steht: Der Trainer der Hamburger hat nicht nur Sport im Kopf, wenn er von Fußball spricht. Er verbindet sein Aufstiegsziel mit Werten, für die St. Pauli bekannt und beliebt ist. Bleibt abzuwarten, ob die hehren Ambitionen auch auf dem Platz helfen. Favorit sind eindeutig die Gäste. Die haben in der laufenden Serie in allen zehn Auswärtsspielen Punkte mit nach Hause gebracht.

Royales Festmahl

Seit dem Jahr 1356 laden Hamburgs Regierende zum Matthiae-Mahl ins Rathaus ein. 400 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur tummeln sich auch diesmal wieder bei dem ältesten Festmahl der Welt. Der Namenstag des heiligen Matthias ("Matthiae") markierte früher den Frühlingsanfang und den Start des Geschäfts- und Wahljahres. Heute Abend wird Kanzlerin Angela Merkel die Tafel schmücken. An ihrer Seite thront der britische Premier David Cameron. Eine potenziell explosive Kombination. Immerhin ringt Großbritannien derzeit mit sturen EU-Skeptikern. Möglicherweise noch dieses Jahr will Cameron das Volk über einen "Brexit", einen Austritt aus der Europäischen Union, abstimmen lassen. Ob Merkel das – zumindest heute Abend – unkommentiert lassen wird? Traditionell soll das Mahl ja ein Zeichen der Freundschaft für alle "Hamburg wohlgesinnten Kräfte" sein. Das Kammerorchester der Hochschule für Musik und Theater spielt Georg Philipp Telemanns Tafelmusik, und Sternekoch Heinz Wehmann vom Landhaus Scherrer kreiert ein edles Vier-Gänge-Menü. Vielleicht ein Grund für Cameron, es sich mit dem EU-Referendum noch mal zu überlegen. Sonst wird er bestimmt nicht noch mal zum Matthiae-Mahl eingeladen.

Mittagstisch

   

Öko-Food aus der Kaffeeklappe

   

Vegan, käsig oder animalisch – in der Kaffeeklappe in Wilhelmsburg bekommt der hippe Hafenarbeiter Stullen aus Biobrot. Gastronom Volker von Witzleben kombiniert die alte Tradition der bezahlbaren Hafenarbeiterkantine mit moderner, nachhaltiger Küche. Der Mittagstisch kostet in der vegetarischen Variante 5,20 Euro. Für 6,90 Euro gibt es das Ganze mit Fleisch. Das Menü "Klapperschlapper" für 8,80 bzw. 9,80 Euro bietet dazu ein Getränk und Salat, Suppe oder Kuchen. Jeden Tag steht ein anderes Gericht auf dem Plan, etwa Kokos-Limetten-Reis mit roten Bohnen (mit oder ohne knusprigen Hühnerflügeln), Grünkern-Kartoffelpuffer (auf Wunsch mit Bulette) oder experimentelle Kreationen wie Arepas (venezolanische Maisgrießküchlein). Die Wochenkarte gibt es auf Facebook. Eingerichtet ist die Klappe übrigens nicht wie eine Kantine, sondern wie ein gemütliches Café – mit großem Moosgemälde und einem Stück Hafengitterzaun.

Fährstraße 69, Mittagstisch: Dienstag bis Freitag, 11.30 bis 15 Uhr

Lisa-Marie Eckardt

 


Was geht

Küssen oder werfen? Der Froschkönig will knutschen. Welche Prinzessin hat darauf schon Lust? Vielleicht findet das Kindertheater Wackelzahn eine Lösung, angefeuert von jungen Hüpfern ab vier Jahren. Hoftheater Ottensen, Abbestraße 33, heute um 16 Uhr

Krasse Liebe:Hip-Hop lebt – und kann sogar Romantik. Die Rapper Vega & Bosca stellen heute ihr neues Album vor. "Alte Liebe rostet nicht" ist aber auch etwas für junge Verliebte. Knust, Neuer Kamp 30, heute um 21 Uhr

Prosecco trifft Dichtung: Joachim Kersten und Annemarie Stoltenberg machen sich einen Reim auf Detlev von Liliencrons Gedichte. Seine Lyrik gilt als bedeutender Meilenstein des Naturalismus im späten 19. Jahrhundert. Dazu gibt es Prickelbrause. Jacques’ Wein-Depot, Sievekingsallee 68, heute um 20 Uhr

Was kommt

Herr Lottemann beim Papst: Loriots charmanter Humor lebt – morgen zum Beispiel auf der Engelsaal-Bühne. Das Volkstheater Hamburg präsentiert die schönsten dramatischen Werke wie "Die Eheberatung" oder "Der Lottogewinner".Engelsaal, Valentinskamp 40–42, Samstag um 15 Uhr

Kommt in Fahrt: Der cleine cammerchor altona trällert morgen seine "Reifenoper". Paul-Gerhardt-Kirche, Bei der Paul-Gerhardt-Kirche 4, Samstag um 19 Uhr

Für Flieger und Überflieger: Im Hotel Atlantic steigt der 66. "Ball über den Wolken". Der Eintritt kostet schlappe 260 Euro – dafür gibt es neben Glamour, Stars und Sternchen ein fürstliches Menü plus Austernbuffet und eine Reise in die sechziger Jahre und zu Frank Abagnale, dem Mann, der sich – "Catch Me If You Can" – als Pan-Am-Pilot ausgab. Die Spendeneinnahmen des Abends gehen an die Stiftung Kulturglück. Hotel Atlantic Kempinski, An der Alster 72, Samstag ab 18.30 Uhr

Be my Valentine: Am Valentinstag erklärt die Sondertour "Tierisch verliebt", wie Viecher einander finden – und ob die Liebe hält. Welche Tiere bleiben ein Leben lang treu, welche gehen notorisch fremd? Tierpark Hagenbeck, Lokstedter Grenzstraße 2, Sonntag um 12 und 14 Uhr

Naturgetreue Malerei: Wagen Sie einen "Blick durch drei Bögen im dritten Stockwerk des Kolosseums", eines der großen Werke von Christoffer Wilhelm Eckersberg. Mit einer Retrospektive würdigt die Hamburger Kunsthalle den dänischen Maler. "Eckersberg – Faszination Wirklichkeit", Kunsthalle,Glockengießerwall, Sonntag von 10 bis 18 Uhr

Radiosalon: Prof. Udo Di Fabio, ehemaliger Richter am Bundesverfassungsgericht, und Navid Kermani, Schriftsteller, sinnen über die "Unordnung der Welt und die Zukunft des Westens" nach. Den Dialog moderieren Elisabeth von Thadden (DIE ZEIT) und Jürgen Wiebicke (WDR 5). Live auf allen ARD-Kulturradios, Sonntag ab 11 Uhr

Hamburger Schnack

   

Fiete: "Guck mal, Papa, da ist Deniz. Der hat einen elektrischen Hubschrauber, den er für 20 Dollar verkaufen will." Herbert: "Euro, Schatz. Mit Dollar bezahlt man in Amerika." Fiete reagiert nicht. Herbert: "Hast du mir zugehört?" Fiete: "Ja, hab ich." Herbert: "Was habe ich gesagt?" Fiete: "In England bezahlt man mit Pfund."

Gehört von Waltraut Arp

 

Meine Stadt

Vorgestern berichteten wir noch, dass die Hamburger Polizei eine Plakatkampagne gegen Einbruchsdiebstahl startete, mit Promis wie Gerhard Delling und Olivia Jones und dem Motto: "Schon beim kleinsten Verdacht … wähle ich 110". Auch HSV-Trainer Bruno Labbadia stellte seinen Namen zur Verfügung. Und was passierte dann? Man klaute ihm auf dem Plakat ein b aus seinem Nachnamen! Das Schlimmste: Die Täter waren nicht irgendwelche nur für ein paar Einbrüche aus Chile eingereiste Kriminaltouristen, nein, dem Vernehmen nach steckt dahinter gar die Polizei selbst. Beziehungsweise deren Drucker.  

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende. Am Montag lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

 

Ihr 

Mark Spörrle

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.