Stadtansicht von Hamburg © PATRIK STOLLARZ/AFP/Getty Images
Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

die meisten Hamburger waren nicht immer Hamburger. Denn die Mehrheit, genauer gesagt 55 Prozent aller in Hamburg gemeldeten Personen sind anderswo geboren. Hat das "Hamburger Abendblatt" herausgefunden. Das wäre ja vielleicht noch erwartbar. Aber viel interessanter sind die Orte, aus denen laut "Abendblatt" die meisten Zugezogenen kommen. Auf Platz drei des Rankings findet sich da: Kabul in Afghanistan. 11.267 Menschen zogen von hier nach Hamburg. Nicht der nächste Weg, aber man kann das gut verstehen, wenn man die Zustände in Kabul und in Hamburg vergleicht. Platz zwei erstaunt auch auf Anhieb, nur anders: 12.625 der Hamburger stammen in Wahrheit aus Reinbek, einem Ort gleich nebenan, der beträchtlich größer wäre, wären alle zwölftausend dort geblieben, statt dem Lockruf der großen Stadt zu folgen. Platz eins hingegen war  dann doch wieder erwartbar angesichts dessen, was dort tagtäglich passiert und was dort alles nicht funktioniert: 24.887 Hamburger kommen ursprünglich aus Berlin.

Unter den Top 20 der Zuwandererorte finden sich auch Teheran im Iran und die beiden polnischen Städte Gdansk (Danzig) und Szczecin (Stettin), aus denen viele der heute älteren Einwohner Hamburgs stammen. Dass es keine türkische Stadt auf die oberen Plätze geschafft hat, obwohl die größte Gruppe der Hamburger Einwanderer türkischstämmig ist, hat übrigens einen simplen Grund: Diese Menschen kommen aus vielen unterschiedlichen Städten.

Hamburg an über 469 Unternehmen beteiligt

Aus Sicht der Stadt Hamburg ist der Landesrechnungshof ein fieser kleiner Besserwisser – natürlich hat er recht, aber er nervt trotzdem. Denn sein Job ist es, die Ausgaben der öffentlichen Verwaltung zu überprüfen: Sind sie ordnungsgemäß? Lohnen sie sich? Einmal im Jahr, so auch gestern, kommt dann das große Vorrechnen, wo Senat und Bürgerschaft überall Geld verschwendet haben. Dieses Jahr steht die hohe Zahl an Unternehmensbeteiligungen der Hansestadt Hamburg im Fokus. Seit 1986 habe sie sich auf 469 verdreifacht. Und weil jede Beteiligung eine rechtlich selbstständige Einrichtung ist, werden die Kontrollmöglichkeiten des Parlaments immer geringer. "Zum Teil werden Schulden vom Senat bewusst auf städtische Unternehmen verlagert, wie zum Beispiel derzeit bei Fördern & Wohnen oder den Unibauten", beklagte der CDU-Haushaltsexperte Thilo Kleibauer. Der Präsident des Rechnungshofes Stefan Schulz forderte, der Senat müsse das Parlament künftig öfter, ausführlicher und regelmäßiger informieren. Dem Rechnungshof sind noch weitere Unregelmäßigkeiten aufgefallen, etwa unzulässige Verflechtungen zwischen Verteilern und Empfängern von Bußgeldern. Anscheinend haben Richter, die darüber entscheiden, wo Bußgelder hingehen, Vereine bevorzugt, in denen sie selbst Mitglied sind. Der Rechnungshof-Präsident betonte aber auch: "Wir haben keine Anhaltspunkte für persönliche Bereicherungen vorgefunden." Na immerhin. 

Weiter Baustopp für Flüchtlingsunterkunft Fiersbarg

In Lemsahl-Mellingstedt wird sich am Status quo der Flüchtlingsunterkunft Fiersbarg erst mal nichts ändern. Im Dezember wurde per Eilantrag ein Baustopp verhängt. Diese Entscheidung wurde jetzt vom Verwaltungsgericht Hamburg bestätigt. Eigentlich wollte die Stadt die Unterkunft schon im vergangenen November als Zentrale Erstaufnahmestelle (ZEA) nutzen und bis zu 950 Flüchtlinge dort unterbringen. Doch einigen der zukünftigen Nachbarn ging es gegen den Strich, dass die Unterkunft drei Fünftel eines Bebauungsplanes in Beschlag nehmen sollte, gemäß dem eigentlich ein herkömmliches Wohngebiet geplant war. Sie zogen vor Gericht. Das entschied, dass die Flüchtlingsunterkunft in einem reinen Wohngebiet "störend wirken" würde. Daraufhin versuchte die Stadt Hamburg es mit einer auf drei Jahre befristeten Baugenehmigung für nur 250 Flüchtlinge, die das Gericht mit Hinweis auf den Bebauungsplan nun wieder kassierte. Zwei Wochen lang kann die Stadt jetzt Beschwerde einlegen. Scheitert sie wieder, muss ein neuer Bebauungsplan her. Dann würden auch die Bürger beteiligt. Einerseits wäre das erfreulich. Andererseits hieße das, dass wahrscheinlich das ganze nächste Jahr eine der großen Unterkünfte nicht fertig wird, die man für Neuankömmlinge in Hamburg dringend braucht.

Strafgefangene Frauen kommen nach Billwerder

Am 5. März werden über 60 weibliche Häftlinge, zwei von ihnen mit kleinen Kindern, aus der Justizvollzugsanstalt auf der Elbinsel Hahnöfersand in die Justizvollzugsanstalt Billwerder umziehen. Dort gibt es nun 62 Zellen für strafgefangene Frauen und 40 für Frauen in Untersuchungshaft, strikt getrennt von denen der Männer. Anders als ursprünglich geplant, werde es auch keine gemeinsamen Arbeits- und Qualifizierungsangebote geben, betonte Justizsenator Till Steffen (Grüne) am Montag. Die CDU warf ihm dennoch eine "Rolle rückwärts" vor. Vor der Bürgerschaftswahl hätten die Grünen eine Unterbringung von Frauen und Männern im gleichen Gefängnis noch abgelehnt. "Sollte auch nur ein Übergriff von Männern auf Frauen wegen der Verlagerung vorkommen, trägt der Justizsenator dafür eine Mitverantwortung", erklärte der Abgeordnete Richard Seelmaecker. Auf Hahnöfersand ist damit nur noch der Jugendvollzug untergebracht, und da wird schon nach einer Lösung mit Schleswig-Holstein gesucht. Beide Länder arbeiten bereits zusammen, um Sicherungsverwahrte unterzubringen. Eine Sanierung des über hundert Jahre alten, schwer zu erreichenden Gefängnisses auf der Elbinsel, das Siegfried Lenz in seinem Roman "Deutschstunde" bekannt machte – Hauptfigur Siggi Jepsen saß dort ein –, würde viele Millionen Euro kosten. Der Senat hofft, die JVA in einiger Zeit schließen zu können.

Der Pudel brennt, es lebe der Pudel!

Beim Feuer im "Golden Pudel" geht die Polizei nun tatsächlich von schwerer Brandstiftung aus. Mehr Details will sie aber bisher nicht preisgeben. In der Zwischenzeit wird weiter laut darüber nachgedacht, was mit der Örtlichkeit passieren soll. In einigen Wochen wird das Gebäude teilversteigert. Gestern legte sich zuerst der designierte Bezirksamtsleiter von Mitte, Falko Droßmann, auf ein Zentrum für die Off-Szene fest: "Ich kann mir für die Fläche keine andere Nutzung vorstellen", sagte er dem "Hamburger Abendblatt". Das ist erfreulich, doch leider fällt das Gebäude überhaupt nicht in seinen Zuständigkeitsbereich. Es ist eines der ersten hinter der Altonaer Grenze. Inhaltlich stimmt Droßmann allerdings ein Sprecher des Bezirksamtes Altona zu: "Wir würden uns freuen, wenn es weiterhin an dieser Stelle einen Ort gäbe, an dem sich die unkonventionelle Szene treffen könnte." Um das sicherzustellen, hat das Bezirksamt das Gebäude übrigens schon im Bebauungsplan 2001 explizit als "Gaststätte" ausgewiesen.

Mitten in Altona: "Deutsche, integriert euch!"

Jetzt läuft es mal andersherum. Auf dem Platz vor Ikea in Altona hat das Performancekollektiv God’s Entertainment einen Verschlag aufgebaut, gestrichen in Schwarz-Rot-Gold. Darauf steht in großen Lettern: "Deutsche integriert euch!" Die aus Wien angereisten Künstler fordern Deutsche auf, ebenfalls das zu tun, was sie von den Hergekommenen verlangen, nämlich sich zu integrieren, nur in Richtung der Flüchtlinge. Und wollen Passanten mittels psychologischer Tests darauf testen, ob sie integrationsfähig und -willig sind. Beim "Einstiegstest" fragt jemand ab, wie viele türkische Migranten, wie viele Homosexuelle und wie viele Zigeuner in der Nachbarschaft der Teilnehmer wohnten – und woran man das eigentlich erkenne. Auf Fotos muss man angeben, welche der abgebildeten Personen man in Ordnung findet. Das Ergebnis: Auch noch so sympathisch aussehende alte Herren können sich als Nazi-Schergen oder afrikanische Diktatoren entpuppen. Ob die Aktion auch die Leute erreicht, die nicht sowieso um Toleranz bemüht sind? Einer der Macher erzählt, es seien schon am ersten Tag ein paar gekommen, die sich sicher waren, auf der guten Seite zu stehen – und dann ziemlich ernüchtert waren, als ihnen God’s Entertainment Rassismus attestierte.

Mittagstisch

   

Sehnsucht nach zu Hause

   

Wer Wert auf frisch zubereitete regionale Produkte legt, ist beim Juwelier an der richtigen Adresse. Neben erstklassigem Kaffee in den Morgenstunden bietet das Restaurant in der Weidenallee seinem Publikum, darunter viele Kreative und Werber, in der kleinen Espressobar auch einen formidablen Mittagstisch. Herzhafte deutsche Klassiker wie Linseneintopf mit Wurzelgemüse, rustikales Cordon bleu mit Blattsalat oder hausgemachte Maultaschen erinnern an zu Hause. Eine sichere Bank ist auch immer die Pasta des Hauses, zum Beispiel mit einem leichten Fischragout in Tomatensoße und Lauch. Nur gelegentlich muss man nach der Pfeffermühle fragen. Auch wenn die Portionen reichhaltig sind, lohnt sich hinterher ein Blick in den Glastresen, die selbst gebackenen Torten und Küchlein thronen dort verführerisch und sind das ideale Dessert zum abschließenden Espresso. Gerichte zwischen 5 und 8,50 Euro, Weidenallee 27, 20357 Hamburg, Mittagstisch Montag bis Samstag 12 bis 15 Uhr, geöffnet 8 bis 18 Uhr, Samstag nur bis 16 Uhr

Stephanie Wilde

 


Was geht

Kino: Ein junges Paar im Jahre 1776 will eine eigene Farm aufbauen und wird dabei in den Unabhängigkeitskrieg gegen die Briten verwickelt. John Fords erster Farbfilm "Drums Along the Mohawk" zeigt die düsteren Seiten des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges. Mit Henry Fonda. Metropolis, Kleine Theaterstraße 10, 21.15 Uhr

Lesung: "Wir können alle tun, was wir wollen, ohne uns vor den Folgen fürchten zu müssen. Das ist das Gute daran, wenn es keine Zukunft gibt", schreibt Karen Duve in ihrem neuen Roman "Macht". Er spielt im Jahre 2031 – und es sieht nicht gut aus für die Menschheit. Literaturhaus, Schwanenwik 38, 19.30 Uhr

Konzert: Wem die Fröhlichkeit der Menschen zuwider ist, nur weil heute mal die Sonne rausgekommen ist, dem sei die Record-Release-Show der Band "unhappybirthday" empfohlen. Laut Ankündigung klingt die "mal knartzig und verrauscht, mal klebrig wie Kaugummi, mal aus kühler Distanz, doch immer zum Heulen schön". Goldener Salon/Hafenklang, Große Elbstraße 84, 21.30 Uhr

Die Lange Nacht der ZEIT

Regelmäßig laden wir einige Elbvertiefungs-Leser ein, die ZEIT-Redaktion zu besuchen und hinter den Kulissen zu erleben, wie unser Blatt Woche für Woche entsteht. Weil es so viele Anmeldungen gibt, müssen wir jedes Mal eine Auswahl treffen. Deshalb gibt es anlässlich des 70. Geburtstags der ZEIT nun auch einen Film über sieben Jahrzehnte ZEIT-Geschichte, mit einzigartigen Archiv-Aufnahmen und Interviews mit Menschen, die DIE ZEIT geprägt haben. Mehr Infos dazu finden Sie hier. Wir verlosen unter unseren Lesern zehnmal die Jubiläumsausgabe der ZEIT inklusive des Jubiläumsfilms. Schreiben Sie einfach eine E-Mail an elbvertiefung@zeit.de

Hamburger Schnack

   

Ich stehe im Zimmer meines zehnjährigen Sohnes und frage ihn ziemlich angesäuert: "Wie schaffst du es eigentlich immer wieder, innerhalb nur eines Tages dein Zimmer in eine Müllkippe zu verwandeln?" Er zwinkert mir zu und sagt: "Magie!"

Kathrin Zach

 


Meine Stadt

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Dienstag.

Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen.

Ihr

Mark Spörrle

 

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