Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

unser gestriges Thema "Zugezogen in Hamburg – warum das denn?" hat unsere Leser rege beschäftigt und die Frage aufgeworfen: Wer ist eigentlich Hamburger? Wer darf sich so nennen? Denn wer im Umland geboren wurde, kann so lange in Hamburg leben, wie er will, statistisch wird er immer nur ein Zugezogener sein. Für eine Leserin ein besonders "wundes Thema". Denn sie selbst sei in Henstedt-Ulzburg geboren, ohne etwas mit dieser Stadt zu tun zu haben. "Die Klinik hatte nur so einen guten Ruf, dass meine Mutter extra aus Hamburg dorthin gefahren ist." Die Geburt ging gut, aber Henstedt-Ulzburg, klagt sie, "wird mein Leben lang in meinem Pass stehen". Und vermutet: "Das geht wahrscheinlich vielen in der Statistik so. Sie sind gar keine Reinbeker, die vielen Tausend dort Geborenen." Das wollen wir hier nicht weiter vertiefen. Möchten wohl aber darauf hinweisen, dass zwar, wie gestern erwähnt, die meisten der nach Hamburg Zugezogenen laut "Hamburger Abendblatt" aus Berlin kamen. Dass aber, umgekehrt, auch die meisten Berlin-Einwanderer aus Hamburg stammen, und dies, wie ein Leser schrieb, "trotz der vielen Unzulänglichkeiten" in der Hauptstadt. Laut dem Zugezogenen-Atlas der "Berliner Morgenpost" leben 20.956 gebürtige Hamburger an der Spree. Wahrscheinlich wollten die meisten von ihnen aber eigentlich nur vom neuen Flughafen aus in den Urlaub fliegen.

Hafen-Projekte viel teurer

Wenn die – echten und zugezogenen – Hamburger ein Unwort des Jahrzehnts bestimmen könnten, dann wäre es wohl dieses: Mehrkosten. Als hätte die Stadt nicht schon für die Elbphilharmonie genug Extra-Groschen löhnen müssen: Die Hafenbehörde (Hamburg Port Authority) hat sich verkalkuliert. Nicht etwa bei einem Projekt, sondern gleich bei zwölf Stück, mit einem Gesamtvolumen von 1,5 Milliarden Euro. Nun kam die Beichte: Die Bauvorhaben werden, errechnete der NDR, rund 70 Millionen Euro teuer als geplant. Denn: Zwar seien Mehrkosten etwa durch die Inflation eingeplant worden, die Preise für Bauleistungen seien wegen "überhitzter Baukonjunktur" aber noch stärker gestiegen als erwartet, allein bei der Kattwykbrücke um 36 Millionen Euro. Hat da jemand, das lernt jeder Häuslebauer im Beratungsgespräch bei der Verbraucherzentrale, im Vorfeld wieder glatt vergessen, einen Endpreis zu fixen? So aber, und da die Brücke erst 2020 fertig sein soll, können wir beruhigt von, sagen wir mal, weiteren 20 Millionen plus ausgehen.

Neue Spekulationen um den Golden Pudel Club

Eine weitere Folge in unserer Daily Crime Story um den bunten Hund an der Hafenstraße: Nach dem Brand im Golden Pudel Club ist die Trauer groß, Fans legten Blumen nieder, und der Täter ist noch immer nicht gefasst (das wäre auch dramaturgisch ungeschickt im Hinblick auf weitere Folgen). "Hamburg ohne Pudel ist wie Hamburg ohne Elbe", heißt es in einem Eintrag in der Facebook-Gruppe des Clubs. Und weiter, der Autor verfolgte den Brand live: "Wer und was auch immer den Brand gelegt oder ausgelöst hat, hat nicht nur ein kleines Haus angegriffen. Vor unseren Augen fackelt gerade eine Legende ab. Lebenswerk von einigen, erste Adresse von anderen, ein Stück Heimat und Freiraum für die meisten. Hier konnte man sein, wie man ist. Quasi ungeschminkt. Fernab der Touris ..." Schnell hatte sich anfangs die These verbreitet, dass hier jemand im Vorfeld der anstehenden Zwangsversteigerung mögliche Kaufinteressenten habe abschrecken wollen. Dass der Brand in einem Schuppen neben dem Club ausbrach, lässt nun weitere Mutmaßungen zu. Nach Informationen der "Welt" habe in besagtem Schuppen ein Lampedusa-Flüchtling geschlafen. Auf St. Pauli spekuliere man daher, ob die Tat rassistisch motiviert sein könnte.

Wird nun morgen ein Touri auftauchen, der behauptet, er habe etwas gesehen? Und was wird Rocko Schamoni dazu sagen? Wir sind gespannt.

Bus ahoi!

Ein schwimmender Bus auf der Elbe – klingt nach einem Dreh für eine Watermovie-Komödie mit Til Schweiger und Family. Aber nein, das Ding gibt es wirklich. Der Bus kann 36 Passagiere plus drei Crew-Mitglieder befördern, macht 65 Kilometer pro Stunde an Land und zu Wasser sieben Knoten, rund 14 km/h. Und ist seegangstauglich, angeblich sogar bis Windstärke 6 (große Wellen mit weißen Schaumflächen). War das also der hochgeheime Scoop der Verkehrsbehörde zur Anbindung der olympischen Spielstätten auf dem Kleinen Grasbrook – und können wir, wenn es schon mit den Spielen nichts wird, demnächst wenigstens mit dem HVV-Ticket über die Elbe pendeln? Leider nein. Zwei Hamburger wollen mit dem Amphibien-Fahrzeug Stadt- und Hafenrundfahrten anbieten. "Das ist ein rein touristisches Projekt", sagt Benoît Surin von der Agentur Raikeschwertner. Technisch sei das Fahrzeug fertig. "Jetzt warten wir nur noch auf eine Genehmigung der Hafenverwaltung für die Passagierbeförderung auf der Elbe." Die Verkehrsbehörde möchte sich nicht äußern, ob sie vielleicht doch Interesse hat, das Amphibienfahrzeug auch im Linienverkehr einzusetzen. Vielleicht ärgert man sich aber auch nur, weil man genau diese Idee für Olympia nicht hatte.

Was, verflixt, heißt hanseatisch?

Wenn ein Bestattungsinstitut damit wirbt, Kunden "hanseatisch preiswert"unter die Erde zu bringen, wirft das die Frage auf: Was heißt "hanseatisch"? "Der Begriff wird derzeit wirklich inflationär benutzt. Auch im Stadtmarketing", sagt die Historikerin Lu Seegers im Interview mit Marc Widmann von der ZEIT:Hamburg. Ja, und warum? "Er gilt als positiv", so Seegers, "für was auch immer." Hanseatisch, das heiße quasi: irgendwie bedeutsam. Gibt es denn wenigstens Konsens darüber, was ein Hanseat ist? (Abgesehen von dem süßen Teil aus der Bäckerei.) Ursprünglich seien damit Kaufleute und Juristen gemeint gewesen, sagt Historikerin Seegers, "vor allem diejenigen, die sich für das städtische Wohl eingesetzt haben. Senat und Bürgerschaft bestanden zum Großteil aus dieser Elite." Noch heute assoziiere man mit einem Hanseaten "auf jeden Fall Weltoffenheit und Toleranz. Aber eben auch Pragmatismus und Vernunft." Eine "hanseatisch preiswerte" Bestattung ist demnach eine Bestattung, die noch preiswerter ist, als es eine an sich schon pragmatisch-bescheidene, eben "hanseatische" ohnehin wäre. Das klingt nach nichts, auf das man sich nach seinem Tod freuen könnte. Seit wann der Hamburger als Hanseat angesprochen wurde und was die AfD damit zu tun hat, lesen Sie in der ZEIT vom vergangenen Donnerstag.

Mittagstisch

   

Mmmmamalicious

   

"Hello, what can I get you?" Bitte nicht erschrecken – im Mamalicious wird der Gast von Welt auf Englisch angesprochen. Eigentlich ist das kanadische Frühstücksrestaurant für seine Pancakes mit Ahornsirup (6,90 Euro) bekannt, die es nicht nur morgens, sondern all day long gibt. Unter Veganern und Vegetariern wird "die Mama" aber besonders für ihre Burger geliebt. Denn hier werden die Vegi-Burger nicht aus einer schnöden Gemüsefrikadelle gebastelt. Der deftige Havana etwa ist belegt mit einer Bulette aus schwarzen Bohnen, Avocado und einer würzigen Salsa-Soße (9,90 Euro). Dazu gibt es hausgemachte Kartoffelecken, Salat, Pommes oder Suppe (in der auch manchmal Popcorn schwimmt). Wer also glaubt, von vegetarischen Essen könnte man nicht satt werden, wird sich wundern. Na ja, und dick werden kann man hier auch – vor den lecker-süßen Milchshakes und Cupcakes sei hiermit ausdrücklich gewarnt!

Mamalicious, Max-Brauer-Allee 277, neuerdings auch am Montag geöffnet, wechselnde Öffnungszeiten

Lisa-Marie Eckardt

 

Was geht

Lesung: Absolventen der Prosawerkstatt "Schreiblabor" präsentieren ihre Texte in einer großen Abschlusslesung. Die Nachwuchsliteraten sind zwischen 14 und 18 Jahre alt. Literaturhaus, Schwanenwik 38, 19.30 Uhr

Konzert:"The Tallest Man on Earth" ist der Mann mit der hochemotionalen Kratzbürsten-Stimme, Folk-Update fürs 21. Jahrhundert. Kampnagel, Jarrestraße 20, K6, 20 Uhr

Infoabend: In der HafenCity entsteht eine neue Flüchtlingsunterkunft für 720 Bewohner. Anwohner werden über die Pläne zu Wohncontainern an der Kirchenpauerstraße informiert. HafenCity-Infocenter Kesselhaus, Am Sandtorkai 30, 18.30 Uhr

Streitgespräch: Wie weit hilft Russland dem Nahen Osten? Es diskutieren Lina Khatib von der Arab Reform Initiative und Professor Dr. Vitaly Naumkin. KörberForum, Kehrwieder 12, 19 Uhr

Messe: Der Berg ruft! "Reisen Hamburg" bringt "AlpenTräume" ins Flachland – inklusive Après-Ski-Party. Bis 21. Februar: Hamburg Messe, Messeplatz 1, 10–18 Uhr

Hamburger Schnack

   

Während der Bombenentschärfung in Eppendorf.

Fragt eine Omi einen schmucken Feuerwehrmann im breitesten Hamburgisch: "Sachen Se mal, woran merken wir denn, dass alles geklappt hat?"

Der Feuerwehrmann ganz trocken: "Na ja – wenn’s Rumms macht, hat’s nich geklappt."

Die Omi nur: "Jo, das passt!"

 

Gehört von Svea Zahn

 

Meine Stadt

»Ein bisschen beschissen sieht der Heine schon aus, oder?« © Hans-Ronald Niehus

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.

Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen! 

Ihr

Mark Spörrle



PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.