Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

bei uns Deutschen hat sich etwas geändert. Wir wollen weniger verreisen. In einer Studie des Meinungsforschungsinstituts GfK für die BAT-Stiftung für Zukunftsfragen erklärten 21 Prozent der Befragten, sie wollten in diesem Jahr nicht in Urlaub fahren. Im letzten Jahr hatten noch 19 Prozent verzichten wollen; gefragt wurde nach einer Reise von mindestens fünf Tagen Dauer.

Zwei Prozent weniger, das klingt erst mal nicht viel. Anders, wenn man diese Zahl nach Altersklassen aufschlüsselt: Von den 35- bis 54-Jährigen wollen demnach sogar zwei Prozent mehr verreisen als im letzten Jahr. Aber die Reiselust der 14- bis 34-Jährigen sank um vier Prozent – und die der Deutschen ab 55, die in der Vergangenheit gar nicht mehr aufhören konnten, alle mit ihren Reiseplänen neidisch zu machen, sogar um sechs Prozent. Schuld, glauben die Forscher, seien die Furcht vor Terroranschlägen und wirtschaftliche Ängste. Dass die Welt anders geworden ist, scheint auch in der Generation der Freizeitboomer angekommen zu sein. Und vielleicht passt das sogar zu dem starken, scheinbar gegensätzlichen Trend zur Kreuzfahrt, bei der man sich unterwegs und zugleich komfortabel in sicherer Entfernung von allem wähnt, was gefährlich werden kann.

Den Jüngeren dagegen bleibt der Trip ins Internet. "Oftmals langt es dann vielleicht schon mitzubekommen, wenn die Freunde unterwegs sind", sagt der Leiter der BAT-Stiftung Ulrich Reinhardt, "um dieses Urlaubsgefühl ein Stück weit auf Facebook nachempfinden zu können."

Neue Fragen zum Tod der kleinen Rana

Wir berichteten schon über den Tod des zehn Monate alten Flüchtlingsbabys Rana. Die Ärzte im vom UKE betriebenen medizinischen Stützpunkt in der Erstaufnahmestelle Rugenbarg hatten es trotz Bitten der Eltern zweimal abgelehnt, das kranke Baby an ein Krankenhaus zu überweisen. Jetzt kam heraus: Nach Informationen des NDR war Ranas Familie bereits seit Ende Oktober 2015 bei der AOK Bremen gesetzlich krankenversichert. Das heißt: Die Eltern hätten mit ihrem Kind jederzeit zu einem Arzt außerhalb der Einrichtung gehen können. Das wussten sie offensichtlich nicht. Sie hatten auch – obwohl versichert – keine Gesundheitskarte. Ohne diese kann man allerdings praktisch keine ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Nach wie vor ungeklärt ist auch, wodurch die kleine Rana starb. Nach ihrem Tod im UKE ermittelte die Staatsanwaltschaft als Todesursache multiples Organversagen. Doch niemand teilte das der Familie mit. Erst als sie um einen Termin bei der Rechtsmedizin baten, erfuhren die Eltern, dass die Obduktion schon abgeschlossen war. Wie es allerdings zu dem Organversagen kam, konnte der Familie noch niemand beantworten. Der Leiter der Rechtsmedizin am UKE, erzählte der Vater, Ibraheem A., gegenüber dem NDR, habe gesagt, "ich müsste mindestens drei Monate warten, bis ich Antworten auf meine Fragen bekomme". Das klingt erklärungsbedürftig. Und auch all die anderen Fragen stehen weiterhin im Raum: Woran ist die kleine Rana gestorben? Warum wurde sie nicht früher an ein Krankenhaus überwiesen? Wieso wusste die Familie nicht, dass sie versichert war? Wo ist ihre Versichertenkarte? Und schließlich: Wer hätte sich um diesen Fall gekümmert, wenn die Kollegen vom NDR es nicht getan hätten?

Was läuft alles in den Schulen falsch?

Wie steht es um die Hamburger Schulen? Die Zahlen zumindest sind besorgniserregend. Mehr als zehn Prozent der Hamburger Fünftklässler können nicht ausreichend lesen und rechnen. In der neunten Klasse hat fast der gleiche Anteil immer noch immense Probleme in Deutsch und Mathe. Doch darüber wird nicht gerne gesprochen. Kein Lehrer lässt sich gerne für seine Arbeit kritisieren. Und zu groß ist bei Schulleitern die Angst, dem Ruf der eigenen Schule zu schaden. Kay Stöck leitete bis Ende Januar eine Stadtteilschule. Jetzt ist er in Pension und kann frei sprechen: "Wenn Kinder am Ende der zehnten Klasse nicht ausreichend lesen, schreiben und rechnen können, haben wir versagt, ja. Es tut weh, das zu sagen." In der aktuellen ZEIT:Hamburg redet Stöck offen über die Probleme, mit denen Lehrer jeden Tag zu kämpfen haben, über die Hürden, an denen viele Schüler scheitern, und über die Eltern dieser Kinder, die manchmal einfach schlechte Vorbilder sind. "Die Schule macht viel falsch", sagt Stöck. Aus dem Gespräch, das Oliver Hollenstein von der  ZEIT:Hamburg führte, sind fünf Thesen zum Hamburger Schulsystem entstanden:

1. Politiker wollen nicht öffentlich über Probleme in den Schulen sprechen, deshalb müssen es Schulleiter, Lehrer und Eltern tun.

2. Wir erreichen einen Teil unserer Schüler nicht. Wir entlassen Jugendliche ins Leben, die nicht ausreichend lesen, schreiben und rechnen können.

3. Wir trichtern Schülern Wissen ein, geben ihnen aber kaum Chancen, es anzuwenden.

4. Lehrer müssen aufhören, sich als Einzelkämpfer zu sehen, und sollten sich in der unterrichtsfreien Zeit gemeinsam vorbereiten, statt in der Schulzeit 50 Stunden und mehr zu arbeiten.

5. Die Ausbildung unserer Lehrer ist praxisfern: Schüler brauchen keine Fachgenies, sondern Pädagogen, die ihre Probleme verstehen.

Über diese Thesen möchte die ZEIT in den kommenden Wochen mit Lehrern, Eltern und Experten diskutieren. Dafür sind wir aber auf möglichst viele Erfahrungsberichte angewiesen. Decken sich Ihre Erfahrungen mit denen von Kay Stöck? Haben Sie das Gegenteil erlebt? Bitte mailen Sie, gerne mit möglichst konkreten Erfahrungen, an hamburg@zeit.de. Und diskutieren Sie mit uns auf Facebook oder bei Twitter @zeit_hh

Brand im Golden Pudel (Folge 3): Gibt es einen Zeugen?

Und die Crime-Story geht weiter: Der Brand im Golden Pudel Club, Folge 3: "Der mysteriöse Lampedusa-Mann". Was ist bisher geschehen? Gestern berichteten wir, dass in einem Schuppen neben dem Pudel-Club ein "Lampedusa-Flüchtling" gelebt haben soll. Einige spekulierten daraufhin, ob die Brandstiftung rassistisch motiviert gewesen sei. Andere wiederum hatten den Flüchtling selbst in Verdacht. Inzwischen wurde der Mann jedoch entlastet. Zuerst hatte er angegeben, er habe eine Kerze auf der Terrasse brennen gelassen. Doch die Feuerwehr legte sich darauf fest, dass der Brand im Schuppen selbst gelegt wurde, nicht außerhalb, und dann auf den Club übersprang. Dabei verbrannten auch die Papiere des Flüchtlings. Als dieser zur Ausländerbehörde ging, um sich neue zu besorgen, wollte man ihn noch am selben Abend abschieben. Nachdem am Flughafen rund 30 Unterstützer protestiert hatten, ließ die Polizei den Mann wieder laufen. Und nun kommt die nächste Wende im Fall "Golden Pudel": Wie dasHamburger Abendblatt vermutet, hat der Flüchtling den Täter vielleicht gesehen: Am Abend der Tat sei ein Mann in den Schuppen gekommen und habe vergeblich versucht, den Flüchtling davon zu überzeugen, den Verschlag zu verlassen. Erst später sei der Lampedusa-Mann nach unten in den Club gegangen. Wenige Stunden später brannte der Pudel. Und wir sind gespannt auf die nächste Folge.

Barschel: Es war Selbstmord

Vielleicht erinnern Sie sich noch: Vor fast 30 Jahren wurde der ehemalige Kieler Ministerpräsident Uwe Barschel tot in der Badewanne im Hotel Beau-Rivage in Genf aufgefunden. Seither wird immer wieder wild über die Todesursache spekuliert. Der Hamburger Rechtsmediziner Werner Janssen hat sich nun in der ZEIT zum ersten Mal zum Fall Barschel geäußert und Mutmaßungen über einen Mord zurückgewiesen. "Es war Suizid", sagt Janssen in der aktuellen ZEIT, "für eine andere Annahme gab es keine Anhaltspunkte." Der heute 91 Jahre alte Janssen, Professor für Pathologie und Rechtsmedizin und damals Direktor des Hamburger Universitätsinstituts für Rechtsmedizin, hatte den Leichnam Barschels damals obduziert. Am Ende kam er gemeinsam mit seinem leitenden Oberarzt Klaus Püschel und dem Hamburger Toxikologieprofessor Achim Schmoldt zu dem Schluss: Suizid durch Medikamentenmissbrauch. Die Ärzte fanden in Barschels Körper außerdem Spuren von Schlaf- und Beruhigungsmitteln. Uwe Barschel war von 1982 bis 1987 Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. Im Wahlkampf wurde ihm vorgeworfen, seinen Konkurrenten Björn Engholm ausgespitzelt zu haben, woraufhin Barschel zurücktreten musste. Mehr dazu lesen Sie in der aktuellen ZEIT.

Mittagstisch

   

Skandinavisch gut

   

Wer zum Mittagessen einen Kurztrip nach Skandinavien machen will, der geht am besten ins Saltkråkan in der Großen Bergstraße. Die türkisfarbenen Stühle sehen aus wie in einem Kinderzimmer. Die Gerichte sind auf einer alten Schultafel aufgemalt, auf einer zum Umklappen mit Linien zum Schreiben. Dass dies ein kinderfreundliches Lokal ist, stellt dann keine Überraschung mehr dar: Es gibt Bücher an der Wand, einen großen Schrank mit Spielsachen und genug Platz für mehrere Kinderwagen. Und leckere Zimtschnecken. Wer will, dass die Kleinen mal Ruhe geben, spendiert am besten eine davon. Dann kann man sich schnell dem Food für Erwachsene zuwenden. Es gibt jeden Tag eine andere Suppe, Quiches und Aufläufe. Oder kleine "Tunnbröd-Röllchen", gefüllt mit Käse und Lachs. Der Mittagstisch kostet zwischen 5 und 7 Euro. Saltkråkan, Große Bergstraße 191, 9 bis 19 Uhr

Simon Gruber

 

Was geht

Klassik: Spiel zum Abschied leise Töne: Gustav Mahlers letztes vollendetes Werk, die "Sinfonie Nr. 9 D-Dur", wird vom NDR Sinfonieorchester unter Thomas Hengelbrock aufgeführt. In der Laeiszhalle, Johannes-Brahms-Platz, 20 Uhr

Theater: Das Mailprogramm blinkt: "Sie haben Post." Daniel Glattauers E-Mail-Romanze "Gut gegen Nordwind" entfaltet ihre Kraft auch als Bühnenstück. Das Schiff, Nikolaifleet, Holzbrücke 2, 19.30 Uhr

Kino: Der Film "Chuck Norris und der Kommunismus", halb Doku, halb Krimi, erzählt von einem Mann und einer Frau, die im abgeschotteten Rumänien der achtziger Jahre Hollywood-Filme ins Land schmuggeln, synchronisieren und verbreiten. Lichtmeß-Kino,
Gaußstraße 25, 20 Uhr

Hamburger Schnack

   

Zwei Damen im Fahrstuhl.


Die eine stöhnt: "Ja, man darf nicht alt werden."
Die andere: "Wie alt sind Sie denn?"
Antwort: "Ich bin 93. Und Sie?"
"Ich bin 78."
Darauf die Ältere: "Na da haben Sie aber noch viel vor."
Ausstieg.

Gehört von Liesl Lappat

 


Meine Stadt

 

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, worüber wir unbedingt berichten sollten? Haben Sie hochwertigen, selbst gehörten Schnack für uns? Fotos, die das Herz unserer Fotochefin erweichen? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.

Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

 

Ihr

Mark Spörrle


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