Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

am Samstagabend zur Langen Nacht der ZEIT war gefühlt halb Hamburg und die gesamte ZEIT-Belegschaft auf den Beinen. Ich allerdings nicht durchgehend. Man hatte mich auserwählt, beim Pecha Kucha im Uebel & Gefährlich mit einem Thema aus meiner Hamburg-Kolumne "Warum funktioniert das nicht?" aufzutreten, und zwar mit der Frage: "Warum weichen Hamburger Tauben niemals den Radfahrern aus?" Und ich hätte mir eigentlich denken können, dass diese renitenten Vögel sich irgendetwas einfallen lassen würden, um meinen Auftritt zu verhindern. Als ich also hupend und klingelnd auf einem Fahrrad auf die Bühne raste – eine kreative Idee von Veranstalterin Linda, die eigens eine Tauben-Leggins trug –, schoss mir plötzlich ein Schatten entgegen, ich verriss den Lenker und knallte auf die Bretter. Raunen im Saal, Gemurmel: "Cooler Stunt!" Trotzdem schaffte ich es, meinen Vortrag zu Ende zu bringen. Und beim Rausgehen fand ich dann – eine Feder.

Und wie war es sonst? Ich hatte Sie aufgerufen, uns zu schreiben. Hier eine kleine, zwangsläufig unvollständige Auswahl:

 "Es war beeindruckend, lehrreich, einzigartig. Hoffentlich nicht einmalig. Schäuble als Nachfolger von Helmut Schmidt wäre wirklich eine Überlegung wert. So ganz schien er auch gar nicht abgeneigt zu sein." (Juliane Röttger) + "Vielen Dank für die großartige Veranstaltung. Sie haben uns die Möglichkeit gegeben, Herlinde Koelbl persönlich zu erleben mit Ausschnitten aus ihrem beeindruckenden Werk." (Joseph und Karin Kittsteines) + "Fritzi Haberlandt und Harald Martenstein als Duett im Thalia Theater – eine großartige Idee!" (Hanns Landa) + "Enttäuschend: Ich interpretiere meine Einladung so, dass ich simultan gegen Magnus Carlsen hätte spielen sollen. Davon war dann bei der Veranstaltung keine Rede mehr." (Anonym) + "Herzlichen Dank für zwei sehr unterhaltsame und anregende Literaturveranstaltungen mit Ulrich Greiner, dessen Literaturkritiken ich als Schülerin schon vor fast 30 Jahren im Deutsch-LK analysiert habe." (Wiebke Hansen) + "Ein sehr kluger und unterhaltsamer Abend mit Herrn Scholz und Herrn Delay! Und natürlich der ZEIT… P.S. Ihr Newsletter ist so was von sexy ;) da stehe ich gerne um 6 auf." (Andrea Zander)

Danke, Danke und an Andrea Zander ganz besonders!!! Wir haben uns sehr gefreut, dass Sie alle da waren. Da wird man gern noch mal 70! Oder älter.

Und jetzt zu dem, was sonst noch los war.

Scholz: "Da muss man auch mal einen Zaun bauen dürfen"

Bei der "Langen Nacht der ZEIT" hat sich Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) im Gespräch mit ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo  für einen besseren Schutz der europäischen Außengrenzen ausgesprochen. "Da muss man auch mal einen Zaun bauen dürfen", sagte er. Gleichzeitig müssten für Menschen, denen Asyl zusteht, legale Wege der Migration geschaffen werden. Das größte Hindernis für eine gemeinsame europäische Lösung sei die Tatsache, "dass wir auf andere außerhalb Deutschlands angewiesen sind", sagte Scholz. "Wie bei der Banken- und Staatsschuldenkrise hat Europa noch nicht genügend Staatlichkeit entwickelt." Von den USA forderte Scholz, mehr Verantwortung zu übernehmen: "Ein Teil der heutigen Problematik geht auch auf die falsche Entscheidung zurück, Krieg gegen Irak zu führen." Ein Video des Gesprächs finden Sie hier

Grüne: Bedingungen für den G-20-Gipfel

Bei ihrer Landesmitgliederversammlung haben sich die Grünen mit dem Koalitionspartner SPD angelegt. Der G-20-Gipfel 2017 in Hamburg sei zwar beschlossene Sache, aber man akzeptiere das nur unter bestimmten Auflagen. "Wir wollen, dass das öffentliche Leben von dem Gipfel möglichst wenig beeinträchtigt wird", heißt es im Leitantrag. Senat und Bürgerschaft hätten dafür zu sorgen, dass Hamburg während des Treffens nicht zu einer Festung wird. Demonstrationen müssten in Sicht- und Hörweite des Austragungsortes möglich sein. Noch steht dieser nicht fest, aber die Möglichkeiten, 6000 Teilnehmer, 3000 Journalisten und 10.000 Sicherheitskräfte an einem Ort zu versammeln, sind begrenzt. Vorstellbar wären das Rathaus oder das Congress Centrum Hamburg (CCH). Doch einen Gipfel in unmittelbarer Nähe zum alternativen Karoviertel hält etwa der stellvertretende Landesvorsitzende Michael Gwosdz für keine gute Idee. Weiter fordern die Grünen einen Alternativgipfel für alle, die nicht eingeladen sind, und natürlich sollen die Kosten offengelegt werden. Dass die Partei so offen auf Krawall gebürstet ist, hängt vielleicht auch damit zusammen, dass sie nach eigenen Angaben nicht in den Entscheidungsprozess eingebunden war. Im Antrag steht ganz offen: "Wir Grüne haben zu keinem Zeitpunkt die Idee verfolgt, den G-20-Gipfel nach Hamburg zu holen." Einzig Urgestein und Querdenker Jo Müller verteidigte das Gipfeltreffen: "Besser die Leute reden miteinander, als wenn sie aufeinander schießen."

Fall Tayler: Versäumnisse des Jugendamtes

Am 12. Dezember 2015 kam der zwölf Monate alte Tayler ins Krankenhaus, sieben Tage später starb er, mutmaßlich an einem Schütteltrauma. Endgültig klären soll das ein Obduktionsbericht bis Ende des Monats. Aufklärung an anderer Stelle schafft schon jetzt der Prüfbericht der Jugendhilfeinspektion, der heute vorgestellt wird und bereits mehreren Medien vorliegt. Darin werden dem Jugendamt Altona und dem Rauhen Haus schwere Versäumnisse vorgeworfen. Das Risiko für das Leben des Kleinkindes sei falsch eingeschätzt worden. So habe eine Mitarbeiterin ohne Rücksprache entschieden, dass Tayler zurück zu seiner Mutter solle, obwohl Ärzte nach einem Schlüsselbeinbruch das Kindeswohl gefährdet sahen. Mehrfach seien Familienhelfer bei dem Baby gewesen, ohne dessen sichtbare Verletzungen an Körper und Kopf zu melden. Laut Bericht waren das Fehler und Verstöße gegen klare Vorschriften. Dennoch soll es "keinen unmittelbaren Zusammenhang" zwischen dem Handeln des Jugendamtes und dem Tod des Kleinkindes gegeben haben. Gegen die 23-jährige Mutter und ihren Freund wird ermittelt. Nach dem Tod mehrerer Babys und Kleinkinder standen die Hamburger Jugendämter in den letzten Jahren wiederholt wegen ihres Umgangs mit sozial problematischen Familien in der Kritik. Schon vor einiger Zeit forderte Die Linke eine Enquetekommission, die das Hamburger Jugendhilfesystem untersuchen soll. Das ist offenbar bitter nötig. 

Golden Pudel (5): Einziger Zeuge in Abschiebehaft

Hier kommt sie, die Fortsetzung der Daily Crime Soap um den rätselhaften Brand im "Golden Pudel Club". Tatsächlich hat sich bei uns nun die geheimnisvolle Frau gemeldet, nach der wir beim letzten Mal fragten. Sie ist private Unterstützerin des einzigen Zeugen, der den Brandstifter gesehen haben könnte, ein Flüchtling aus Ghana, der in dem Schuppen wohnte, in dem das Feuer ausbrach. Weil dabei alle Papiere des Mannes verbrannten und er sich neue besorgen wollte, nahm man ihn fest. Nun sitzt er in Abschiebehaft in Eisenhüttenstadt, der Abschiebetermin nach Italien Mitte März steht schon. Dabei habe er, erzählt die Unterstützerin, gerade vor der Entscheidung gestanden, freiwillig nach Ghana zurückgehen zu wollen oder nach Italien, wo er registriert ist. "Er ist zu jedem Termin bei der Ausländerbehörde erschienen und hat alle Anweisungen befolgt", sagt die Frau, die anonym bleiben will. "Aus meiner Sicht gibt es keinen Grund, warum man ihn plötzlich in Abschiebehaft stecken musste." Der Flüchtling kann den Täter vielleicht identifizieren: Wie berichtet, war bei ihm im Schuppen vor dem Brand ein mysteriöser Mann aufgetaucht. Unterdessen gibt es für die 2800 Unterstützer, die am Freitagabend für den Erhalt des Szeneclubs auf die Straße gegangen sind, eine gute Zwischennachricht: Die Versicherung sei bereit, die Kosten für Notmaßnahmen am Gebäude zu tragen, sagte Mitbesitzer und Künstler Rocko Schamoni dem "Hamburger Abendblatt". Bis zur anstehenden Zwangsversteigerung kann dann also wohl noch gefeiert werden.

Mittagstisch

   

Rote Bete mit portugiesischem Touch

   

Im Café Sera Bel gehen vor allem Vegetariern die Augen über: Das Angebot an Gemüse ist groß und frisch. Ein Auflauf mit roter Bete, Pasta mit scharfen Linsen – empfehlenswert ist eigentlich alles. Unbedingt probieren sollte jeder Gast den köstlichen Joghurt-Dip und das Brot – schmeckt wie frisch gebacken. Außerdem gibt es Panini, Oliven mit Mandeln, Salate, alles für 4,50 Euro aufwärts. Am süßen Nachmittag locken Kaffee-Variationen, Muffins oder Natas (diese leckeren portugiesischen Vanilletörtchen). Der Innenbereich des Cafés ist eher spartanisch eingerichtet, bei gutem Wetter gibt es aber auch Tischchen im Freien. Café Sera Bel, Dorotheenstraße 136, täglich außer Sonntag von 7–17 Uhr

Elmar Stein

 

Was geht

Gespräch: Tanzen gegen Parkinson. Studien haben gezeigt, dass Tanzen nicht nur gut für die Beweglichkeit ist, sondern einen direkten positiven Effekt auf die Symptomatik der Krankheit haben kann. Marc Vlemmix und Andrew Greenwood haben deshalb 2012 die Stiftung Dance for Health gegründet. Heute Abend stellen sie ihre Arbeit vor. Kampnagel, Jarrestraße 20, 19.30 Uhr

Konzert: Die Hardrock-Legenden Mike Portnoy (ehemals Dream Theater), Billy Sheehan und Richie Kotzen (beide Mr Big) haben zueinandergefunden und nennen sich jetzt Winery Dogs. Dabei kann eigentlich nur Gutes herauskommen. Knust, Neuer Kamp 30, 21 Uhr

Theater: Als Börsen- und Finanzmakler Bernard Madoff plaudert Schauspieler Bruno Bachem über Geld, Politik und Verbrechen. Der Monolog in "Madoffs Traum" ist fiktiv, der Aufstieg und Fall des ehemaligen Nasdaq-Vorstandes real. Atelier Andreas Neuffer, Rellinger Straße 3, 19.30 Uhr

Was kommt

"Social Media Week": Von heute bis Freitag wird in ganz Hamburg über Social Media diskutiert. Wie wird 2020 kommuniziert werden, was macht Bild Content erfolgreich, und warum ist Snapchat authentischer als Instagram? Wenn Sie jetzt nur Bahnhof verstehen, wird es höchste Zeit, sich für eine Veranstaltung anzumelden. Wenn Sie wissen, worum es geht, sind Sie wahrscheinlich sowieso schon dabei. Am Freitag stelle ich übrigens um 13.30 Uhr in der Großen Markthalle unsere kleine Elbvertiefung vor. Kommen Sie vorbei. Und keine Sorge: Ich steige nicht aufs Fahrrad, versprochen! Alle Infos zur "Social Media Week" finden Sie hier

Diskussion: Feierabendparlament oder mehr – wie ernst nehmen die Hamburger ihre Bürgerschaft? Darüber diskutieren der CDU-Fraktionsvorsitzende André Trepoll, Manfred Brandt von Mehr Demokratie e. V. und der Politikwissenschaftler Florian Grotz am Donnerstag bei "Bürgerschaft und Volkes Stimme". KörberForum, Kehrwieder 12, 19 Uhr

"Dramaturgisches Quartett": Was erwartet den Zuschauer in dieser Spielzeit in Hamburgs Theatern? Welche neuen Stücke, Klassiker, Romanadaptionen werden auf die Bühne gebracht? Darüber diskutieren die Direktorin der Theaterakademie Sabina Dhein, Schauspieler Ingolf Lück, Regisseur Martin Woelffer und ZEIT-Redakteur Peter Kümmel. Die Veranstaltung wird von Hamburg 1 aufgezeichnet und ausgestrahlt. Wir verlosen dreimal zwei Karten, wenn Sie bis morgen eine E-Mail an elbvertiefung@zeit.de schreiben. Montag, 29. Februar in den Hamburger Kammerspielen, Hartungstraße 9–11, 20 Uhr

Die Wahrheit liegt auf dem Platz

Aimen Abdulaziz-Said, schreibt bei ZEIT ONLINE die HSV-Kolumne

Der HSV hat ja seit vergangener Woche ein neues Leitbild. Da stehen viele tolle Sachen drin. "Wir sind immer erstklassig. Wir sind klar wie die Raute. Wir sind der HSV." Oder: "Unser sportliches Ziel ist die Etablierung unter den fünf besten Mannschaften in Deutschland und eine ständige Teilnahme an internationalen Wettbewerben." Wie der HSV dieses Ziel erreichen möchte, erschließt sich einem nicht so richtig. Angesichts der aktuellen Situation beim HSV mutet das allerdings fast schon satirisch an. Das erste Spiel mit dem neuen Leitbild endete übrigens 0:0 – gegen Eintracht Frankfurt.

Erik Hauth, bloggt auf ZEIT ONLINE über den FC St. Pauli

HSV-Schmierereien am Millerntor, ein fulminantes Feuerwerk der St. Pauli Ultras zum Einmarsch. Bereits vor dem Anpfiff des Spiels gegen den FSV Frankfurt war die Aufmerksamkeit auf St. Pauli geteilt. Die Frankfurter aber zeigten sich hochkonzentriert und konterten die Kiezkicker nach deren Führung durch Rzatkowski gnadenlos aus. Sie siegten verdient mit 3:1.

Am Ende ergab sich ein ganzes Stadion in diese erste Niederlage dieses Jahres. Es war eben einfach nicht gelungen, den "epischen Fight" (Ewald Lienen) gegen Leipzig aus der Vorwoche zu wiederholen. Alles in allem nicht schlimm, es war trotzdem genug los auf St. Pauli diese Woche.

Meine Stadt

Hamburg ist stolz auf seineBeziehung zu den Beatles. Weil die am 17. August 1960 im berüchtigten Hamburger Club Indra auftraten, hat die Reeperbahn die Beatles ja quasi auch ein kleines Stück mit berühmt gemacht. Jetzt wurde bei einer Auktion in den USA für angeblich 35.000 Dollar eine zehn Zentimeter lange Haarlocke versteigert, die John Lennon gehört haben soll. Sie stammt von dem Hamburger Friseur und Maskenbildner Klaus Baruck. Der soll dem Musiker im Jahr 1966 die Locke abgeschnitten – und sie in weiser Voraussicht aufbewahrt haben. Und es wäre doch gelacht, wenn die übrigen Beatles nicht auch mal beim Friseur gewesen wären...

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen

Ihr

Mark Spörrle

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.