Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

präventive Hausbesuche sind in Mode. Polizisten besuchen amtlich bekannte Einbrecher, um ihnen freundlichst zu sagen, dass sie lieber den Job wechseln sollen. Beamte besuchen auch gewaltbereite Fußballfans, um sie zu bitten, sich ja am Boxsack im Keller auszutoben, statt beim nächsten Spiel. Dann sind da die Hausbesuche von falschen Ablesern und Feuerwehrleuten, die angeblich die Rauchmelder, in Wahrheit aber die Wertsachen checken.

Und nun wollen auch noch SPD und Grüne Senioren präventiv zu Hause besuchen – nein, ganz freiwillig. Und nur, um zu helfen. Sie zu beraten, damit sie möglichst lange selbstständig in den eigenen vier Wänden leben können. Sie zum Beispiel auf die Idee zu bringen, dass ein Treppenlift von Vorteil wäre und vielleicht auch, nicht mehr mit dem eigenen Auto zum Supermarkt zu fahren wie vor 60 Jahren, sondern  sich die Getränke einfach liefern zu lassen, und sei es um der armen unschuldigen Fußgänger willen.

Es wird nur schwer sein, die Senioren davon zu überzeugen, dass man es, anders als die falschen Feuerwehrleute, wirklich gut mit ihnen meint. Kaum machte der NDR den Plan bekannt, kam schon der Verdacht auf, die Politiker wollten vielleicht einfach nur ausspähen, wo bald große Wohnungen frei würden. Oder vielleicht sogar etwas nachhelfen ...

Doch keine Sorge. Aus der Idee wird wohl sowieso nichts. Denn natürlich kommen die Politiker nicht selbst. Das muss jemand vom sozialen Dienst tun. Und da wurde schon so gespart, dass das Personal offenbar nicht mal reicht, um zu verhindern, dass Problemeltern ihren Kindern etwas antun.

Keine neuen Regeln nach dem Fall Tayler

Im Fall des kleinen Tayler macht die Jugendhilfeinspektion dem Jugendamt Altona und dem privaten Träger Rauhes Haus in ihrem Bericht, der schon am Wochenende bekannt wurde, schwere Vorwürfe. Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) hält neue Kinderschutzregeln dennoch für unnötig. Stattdessen dringt sie auf strikte Umsetzung der vorhandenen. "Die konsequente Anwendung dieser Regelungen hätte (...) möglicherweise zu anderen Entscheidungen geführt", sagt Leonhard. Mit den Bezirksamtsleitern wolle sie nun darüber sprechen, "wie diese sicherstellen, dass diese Prozesse auch wirklich an jedem Schreibtisch ankommen". Nachdem Tayler im August 2015 wegen eines Schlüsselbeinbruchs ins Krankenhaus gekommen war, bestand laut Bericht Einigkeit, dass das Kind vorerst in einer Pflegefamilie leben sollte. Doch schon im Oktober erhielt die 23-jährige Mutter ohne weitere Überprüfungen das Kind zurück – obwohl die Umstände seiner Verletzungen weiter nicht geklärt waren. Auch für Sozialsenatorin Leonhard ist diese Entscheidung aus heutiger Sicht nicht nachvollziehbar. Warum ging die Sozialarbeiterin nicht davon aus, dass die Mutter oder deren Freund für die Verletzungen des Kindes verantwortlich sein könnten? Warum bemerkten die Familienhelfer vom Rauhen Haus sechsmal schwere Blessuren bei dem Kind, ohne Alarm zu schlagen?! Altonas Bezirksamtsleiterin Liane Melzer (SPD) ordnete nach dem Bericht an, dass künftig in allen Fällen von Kindeswohlgefährdung eine kollegiale Beratung stattfinden müsse. Die Deutsche Kinderhilfe forderte mehr Personal für das Jugendamt. Bei Kindeswohlgefährdungen sollte ein Mitarbeiter nicht mehr als 28 Fälle bearbeiten – in Hamburg seien es aber im Durchschnitt immer noch mehr als dreimal so viele.

Sexuelle Übergriffe auf Flüchtlingsfrauen und -kinder

Sexuelle Übergriffe auf Frauen und Kinder in Flüchtlingsunterkünften nehmen zu – oder werden mehr gemeldet. Wie aus der Antwort der Bürgerschaft auf eine kleine Anfrage der FDP hervorgeht, gab es allein in den Unterkünften von "Fördern & Wohnen" nach zehn Vorfällen im ganzen Jahr 2015 bereits fünf Fälle seit Beginn dieses Jahres. Doch was tut man dagegen? "Jeder Übergriff ist eine Straftat und wird verfolgt", sagt Marcel Schweitzer von der Sozialbehörde. "Voraussetzung hierfür ist, dass die Frauen sich gegenüber Vertrauenspersonen offenbaren und wir eine Chance haben, ihnen zu helfen." Da viele sich dafür schämen, was ihnen geschah, oder Angst vor ihren Peinigern haben, ist das mit dem Sich-Offenbaren nicht so einfach. Hermann Hardt vom Flüchtlingsrat Hamburg sieht das grundlegende Problem in den Massenunterkünften: "Deshalb fordern wir die Unterbringung in ganz normalen Wohnungen – dann kommt es auch nicht zu solchen Übergriffen." Wo das nicht möglich sei, müsse wenigstens darauf geachtet werden, dass Frauen und Kinder nicht gemeinsam mit alleinstehenden Männern untergebracht würden. Mehr Aufklärung über unsere Werte und Regeln würde an den Übergriffen übrigens nichts ändern. "Es ist bei Flüchtlingen in den Herkunftsländern genauso tabu, Frauen zu missbrauchen." Bei uns fehlt es aber ganz offensichtlich an abschreckenden Konsequenzen und am richtigen Personal, um diese Werte durchzusetzen. Vor allem nachts, wenn in den Unterkünften nur noch der Sicherheitsdienst ist, haben viele Flüchtlinge auch sonst das Gefühl, den Rücksichtslosen unter ihnen ausgeliefert zu sein. "Sicherheitsdienste sind keine ausgebildeten Betreuer", sagt Hermann Hardt vom Flüchtlingsrat. "Sie sind nicht die idealen Ansprechpartner für die persönlichen Probleme der Menschen."

CDU will Flüchtlinge durchsuchen

Die CDU-Fraktion hat eine Geschäftsidee: Sie will Flüchtlinge künftig an den Kosten ihrer Unterbringung beteiligen. In einem Antrag forderte sie den Senat auf, "das Vermögen von Asylbewerbern – bis auf einen Selbstbehalt in Höhe von 350 Euro (…) – zu beschlagnahmen". Praktisch hieße das, man würde Asylbewerber bei ihrer Ankunft in der Erstaufnahmestelle auf Dokumente, Wertsachen und Geld durchsuchen. In der Innenbehörde hält man wenig von dem Vorschlag."Derzeit gibt es bei uns keine regelhafte Durchsuchung von Flüchtlingen auf Barmittel", sagte uns Sprecher Christoph Lührs. "Aus unserer Sicht macht es auch keinen Sinn, Flüchtlinge regelmäßig zu durchsuchen. Der Aufwand stünde in keinem Verhältnis zum Nutzen. Und selbst wenn man in der Anfangsphase den einen oder anderen Treffer landete, würden sich die Flüchtlinge nach kurzer Zeit darauf einstellen und kein Bargeld – sofern sie tatsächlich solches besitzen sollten – mit sich führen." In Bundesländern wie Bayern und Baden-Württemberg, wo das Einziehen des Vermögens teilweise schon gängige Praxis ist, stelle sich die Situation unmittelbar nach dem Grenzübertritt der Flüchtlinge möglicherweise anders dar, sagt Lührs. Die CDU begründet ihren Vorstoß mit dem Asylbewerberleistungsgesetz, nach dem vorgesehen ist, dass Flüchtlinge zuerst ihr eigenes Vermögen aufbrauchen, bevor sie staatliche Leistungen erhalten. Die Bürgerschaft befasst sich in der kommenden Woche mit dem Antrag.

"Eine Mücke macht noch keine Epidemie" 

Sind Mücken bei uns bloß lästig oder auch gefährlich? Dieser Frage wollen Forscher des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenforschung nachgehen. Bisher gelten Mücken hierzulande lediglich als Plagegeister. Doch mit dem Reise- und Warenverkehr werden auch exotische Mücken nach Deutschland gebracht, und die Hamburger Wissenschaftler befürchten, dass sie und die einheimischen Arten auch bei uns Tropenkrankheiten auf den Menschen übertragen könnten. Um die Blutsauger näher zu untersuchen, starteten die Forscher gestern das neue Projekt "CuliFo" – nach dem lateinischen Wort für Stechmücken, "Culicidae". "Eine einzelne Stechmücke macht natürlich keine Epidemie", sagt der Koordinator des Vorhabens, Egbert Tannich, Leiter der Abteilung Molekulare Parasitologie. "Wir erstellen deshalb eine Risikokarte für Deutschland." Welche der etwa 50 deutschen Mückenarten es in welcher Region gibt und wie viele davon, das erheben Wissenschaftler am Greifswalder Friedrich-Loeffler-Institut schon seit Frühjahr 2015. Nun wollen die Hamburger Forscher prüfen, welche Krankheiten diese Mücken übertragen können. "In Hamburg hat es noch keine Virusinfektion durch Stechmücken gegeben", sagt Tannich. Aber in Südfrankreich und Südosteuropa seien bereits Menschen infiziert worden, auch in Italien ist ein Fall von Denguefieber belegt.

"Alles muss raus" – Pudel, Folge 6

Alle, die ihre Tanzschuhe schon wieder ausgepackt haben, müssen wir mit der heutigen Folge unserer täglichen Golden Pudel Crime Story leider etwas enttäuschen, aber so ist das nun mal in einer Soap. Eben erst hatte der Künstler Rocko Schamoni die erleichternde Nachricht verbreitet: Der Pudel werde bald wieder eröffnen. Doch nun zeichnet sich ab: Das wird wohl länger dauern als die erhofften zwei bis vier Wochen. "Wir müssen die Räume komplett sanieren. Holzverkleidung, Tresen, Möbel, DJ-Pult – alles muss leider raus", sagte Charlotte Knothe, Mitglied des Betreiberkollektivs, dem NDR. "Es stand etwa zehn Zentimeter Löschwasser im Club, es lief überall runter." Inzwischen sieht auch Rocko Schamoni die Sache realistischer und rechnet eher mit bis zu zwei Monaten. Damit könnte der Termin schon in die Nähe der angekündigten Zwangsversteigerung am 20. April fallen. Wie der NDR weiter erfuhr, hat der Club noch einen Pachtvertrag bis zum Jahr 2029. Das Pudel-Kollektiv und die Initiative des angrenzenden gesellschaftspolitischen Projekts Park Fiction möchten das Grundstück schon lange aus dem Kapitalmarkt nehmen und in eine Stiftung überführen. Wie zu hören ist, müsse jeder, der das Gebäude anders nutzen wolle, mit großem Widerstand rechnen. Unterdessen sucht die Polizei weiter nach dem Brandstifter, sicherlich "auf Hochtouren". Sollte sich nun, gemäß der Krimi-Dramaturgie, nicht endlich ein Polizist bei uns melden?

Mittagstisch

   

Eingetrübte Erwartungen

   

Ein wenig ungerecht ist das vielleicht schon, wenn der einzige Maßstab Perfektion ist. Aber wer im Literaturhauscafé an einem der fein gedeckten Tische im Saal Platz genommen hat, wer von den freundlichen Kellnern begrüßt und mit Vorschlägen bedacht wurde, sich in die französische Sprachwolke des Nachbartisches hat fallen lassen, der hat höchste Erwartungen an das Essen. Doch die Vorspeise, die aus einer Selleriesuppe mit Äpfeln besteht, trübt diese in ihrer etwas zu festen Konsistenz ein. Und der Hauptgang Rotbarsch "Müllerin Art" mit Blattspinat und Butterkartoffeln (12,50 €) sieht großartig aus, der Spinat ist aber eine Spur zu salzig, die Kartoffeln schmecken nicht frisch, und die Karotten sind ein wenig zu bissfest. Das Literaturhaus-Café wird seit August vergangenen Jahres von Michael Ränsch und seinem Team betreut. Im Frühjahr beginnt der Ausbau der Terrasse im Innenhof-Garten. Einmal fertig, wird sie die Erwartungen an die Küche ohne Zweifel noch wachsen lassen. Wöchentlich wechselnder Mittagstisch zwischen 10 und 14 Euro Dienstag bis Samstag von 10 bis 14 Uhr. Literaturhauscafé, Schwanenwik 38

Elisabeth Knoblauch

 


Was geht

Filmquiz: Ein Abend für echte Filmliebhaber. Beim Filmquiz im Abaton kommen Kenner auf ihre Kosten. Kleine Ausschnitte bereiten auf die Fragen vor. Geraten wird in Teams. Wer noch keins hat, schließt sich einfach vor Ort einem an. Dem Siegerteam winken Ruhm und Ehre. Abaton, Allende Platz 3, 20 Uhr

Diskussion: Die Gestalt der Vielfalt. Im Philosophischen Café diskutiert Carolin Emcke Verschiedenheit und Zugehörigkeit. "Wurzeln und Flügel – Flüchtlingsgespräche". Literaturhaus, Schwanenwik 38, 19 Uhr

Kindertheater: Danach sind alle mega die Leuchten – versprochen: "Mehr Licht!" lädt Kinder ab drei Jahren ins Labor ein, wo geforscht wird. Watt’n Spaß! Fundus Theater, Hasselbrookstraße 25, 10 Uhr

Hamburger Schnack

   

Die kleine Carolin besucht zum ersten Mal ihren großen Bruder Ole, der aus dem Elternhaus in den grünen Walddörfern nach St. Pauli umgezogen ist. Staunend betrachtet sie die vielen bunten Läden und Lokale und fragt schließlich: "Und wann fahren wir mit der Reeperbahn?"

Gehört von Klaus Ralf

 


Meine Stadt

Mehrere Hundert Trauergäste nahmen gestern auf dem Ohlsdorfer Friedhof Abschied von Roger Willemsen. Der ehemalige Moderator, Bestsellerautor und bekannte Intellektuelle war am 7. Februar mit 60 Jahren einer Krebserkrankung erlegen. Stargeigerin Isabelle Faust spielte die Chaconne von Bach, vom Band erklang Keith Jarretts "Blame It On My Youth", immer wieder kämpfte die Trauergemeinde mit den Tränen. Der Publizist Manfred Bissinger zitierte in seiner Ansprache den so schönen wie anrührenden Satz des Verstorbenen: "Ich möchte die Menschen glücklicher verlassen, als ich sie angetroffen habe."  Später durften die Trauergäste Töpfe mit blühenden Ranunkeln, Willemsens Lieblingsblumen, vom Sarg mit nach Hause nehmen.

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Uns Schnack schicken oder Fotos? (Bitte keine Weihnachtsbäume mehr,  es ist bald Ostern. Aber bitte auch bloß keine Osterhasen!) Schreiben Sie uns:elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Dienstag.

Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!


Ihr

Mark Spörrle



PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.