Die Baustelle des ersten Wohnquartiers von Mitte Altona © dpa
Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

in Hamburger Restaurants, berichtet das "Hamburger Abendblatt", wird der gesetzliche Nichtraucherschutz immer laxer ausgelegt. In dem einen Lokal qualme man im Vorzimmer, in dem anderen stelle man abends die Aschenbecher auf den Tisch – "das stört doch nicht, oder?" Welcher Nichtraucher, um den herum gierig die Feuerzeuge schnappen, wird da schon laut "Doch!" sagen?! Und was könnte er sonst schon tun? Sich beim Bezirksamt beschweren? Das kontrolliert dann zwar, aber nur "im Rahmen der personellen Möglichkeiten", ein kreativer Begriff, in dem jede Menge Unverbindlichkeit mitschwingt. Verständlich, wenn sich Nichtraucher die Anzeige sparen und tun, was realistisch ist: nach draußen schleichen, tagelang die Kleider lüften und dieses Lokal künftig meiden. Und das, so entnehmen wir dem "Abendblatt"-Artikel, ist den Restaurantbesitzern ohnehin egal: Ihnen käme es nicht auf ein paar Nichtraucher an, sondern auf die großen Gruppen von Gästen, "und in denen ordnen sich die Nichtraucher unter". Denken die eigentlich, die Sprüche auf den Zigarettenschachteln seien erfunden?

Mitte Altona: Das Grün lässt auf sich warten

Viele Hamburger assoziieren die Hafencity mit unwirtlichen Backsteinschluchten. Das liegt auch daran, dass sich zwischen den Steinen immer noch sehr wenig Grün findet. Die Zahl der Straßenbäume ist übersichtlich, die der Gärten erst recht – im Juli soll endlich der Lohsepark eröffnen; vier Hektar groß, 500 Bäume stark. Jeder einzelne zählt, denn Grün in der Stadt ist nicht nur wichtig für Lebensqualität und Gesundheit, sondern ebenso – das betont stets auch Umweltsenator Jens Kerstan für den Klimaschutz. Und Grün, das rankt sich nicht von allein hinter den Mülltonnen hoch, das muss man einplanen. Wird es die Stadt denn beim zweitgrößten Wohnprojekt nach der Hafencity richtig machen, bei Mitte Altona? 1600 Wohnungen sollen ab jetzt im ersten Bauabschnitt auf dem Gelände des früheren Güterbahnhofs entstehen, der Drittelmix aus Sozial-, Miet- und Eigentumswohnungen soll helfen, den Wohnungsmarkt zu "entspannen". Den Beginn macht der Immobilienentwickler Formart mit 283 Wohnungen: "Anfang 2018 sollen die Bauarbeiten abgeschlossen sein", sagt Marie-Louise Roßmy, die das Projekt betreut. Und Bäume und Büsche? "Die Gebäude sind in Vierecken angeordnet, zwischen ihnen entsteht ein Innenhof – und, wenn die Bagger abgezogen sind, auch Grün", so Roßmy. Hm. Zumindest sollen die Häuser an den geplanten Park Mitte anschließen, etwa acht Hektar groß soll der werden – aber leider: Laut Umweltbehörde ist noch nicht klar, wann er öffnet. Klingt vage. Herr Kerstan, übernehmen Sie?!

Der Fall Rana: Was lief schief? 

Zehn Monate wurde Rana alt. Vier Monate, also fast die Hälfte ihres Lebens, verbrachte das Flüchtlingsmädchen in einer Hamburger Erstaufnahmeeinrichtung, einem ehemaligen Baumarkt in Osdorf – bis sie Anfang Februar auf der Intensivstation des UKE starb, offiziell an "multiplem Organversagen". Seit Wochen beschäftigt sich Hamburg mit der Frage, ob Rana noch leben würde, wenn sich Mediziner und Betreuer besser und früher um das Kind gekümmert hätten: Ranas Eltern hatten das Mädchen in ihrer Unterkunft von einer Ärztin untersuchen lassen; diese sah keinen Anlass für eine Überweisung ins Krankenhaus. Die Staatsanwaltschaft untersucht den Fall und erklärte nun nach einer Obduktion, ein Fremdverschulden könne nicht ausgeschlossen werden. In der aktuellen ZEIT:Hamburg fragt sich Christoph Twickel, was schieflief – und spricht unter anderem mit einem der 28 Kinderärzte, die in Hamburger Erstaufnahmeeinrichtungen arbeiten: Zwar sei die Situation insgesamt inzwischen zufriedenstellend, so der Mediziner, der anonym bleiben möchte, dennoch gebe es Mängel. Und zudem hänge es stark vom Engagement der Leitung ab, wie gut die Gesundheitsversorgung organisiert sei. "In einigen Einrichtungen läuft es inzwischen super, in anderen geht es ziemlich träge zu." Mehr dazu lesen Sie in der aktuellen ZEIT:Hamburg. Heute Abend befasst sich der Gesundheitsausschuss der Bürgerschaft mit dem Fall.

Ende fürs Stuttgarter Weindorf: Von Fischköppen und Schwabenland

Wir dachten all die Jahre beim Bogenschlagen um die Viertelesschlotzer schon, diese Veranstaltung diene nur dazu, sich tagsüber einen hinter die Binde zu kippen – aber weit gefehlt: In Wahrheit ging es beim Stuttgarter Weindorf um hanseatisch-schwäbische Völkerverständigung. Und ja, "ging" ist richtig, denn jetzt ist es mit der süffigen Schwaben-Folkore vorbei: Der Grund ist laut Veranstalter Pro Stuttgart e.V. eine Kostensteigerung um 170 Prozent für die Nutzung des Rathausmarktes. Seit 30 Jahren richten die Schwaben alljährlich ihr Weinfest ohne reguläre Standgebühren in Hamburg aus, weil als Gegenveranstaltung ein Hamburger Fischmarkt in Stuttgart stattfindet – der nicht ganz so viele Tage dauert. Deshalb zahlte man in Hamburg bisher ein paar Sondernutzungsgebühren. Wie zu hören ist, sei das ein Freundschaftspreis gewesen. Passenderweise: "Diese Partnerschaft entstand mal aus persönlichen Sympathien zwischen dem ehemaligen Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel und einem Hamburger Lokalpolitiker", sagt Wilfried Thal, Geschäftsführer der Werbegesellschaft des Ambulanten Gewerbes und der Schausteller mbh, die den Fischmarkt in Stuttgart organisiert. Nun schlagen die Wellen der Entrüstung hoch: Die Wirte von Pro Stuttgart e.V. monieren, der Weinausschank lohne sich zu den höheren Gebühren nicht mehr. Die CDU-Bürgerschaftsfraktion spricht von einer "Provinzposse". Und Thal sagt, er sei "einfach traurig". Ist jetzt etwa auch der Hamburger Fischmarkt in Stuttgart in Gefahr? Werden die Schwaben die Standgebühren nach oben schrauben, für jeden verkauften Matjes Sonderaufschlag verlangen? "Bislang habe ich keine solchen Reaktionen aus Stuttgart bekommen", so Thal. Er sieht vor allem das norddeutsche Image angekratzt: "Wir sind eben die Fischköppe da unten und bringen norddeutsches Flair – cool, ein bisschen barsch, aber doch herzlich. So war das Verhalten der Stadt aber nicht."

Wie ein Hamburger Student für Leonardo DiCaprio trommelt

Jetzt, wo das Nordlicht Steven Gätjen nicht mehr bei ProSieben die Oscars moderiert (sondern zum ZDF gewechselt ist; wir berichteten), befürchteten wir schon, dass der wichtigste Filmpreis am Sonntag ganz ohne Hamburger auskommen muss. Aber dann fanden wir mit gewissem Stolz: Gunnar Kötke. 25 Jahre alt, Politikstudent, seit vier Jahren Wahlhamburger – und Mitwirkender im Oscarfilm "The Revenant", in dem Leonardo DiCaprio auf einen Rachefeldzug zieht. Denn Kötke spielt auch Schlagzeug, unter anderem im "Frantic Percussion Ensemble" – und das wurde vor einiger Zeit für ein ominöses Filmprojekt gebucht. "Archaisch sollte unser Sound klingen, rhythmisch. Viel mehr wussten wir nicht." Mit 30 Instrumenten nahmen die vier Musiker nach Anleitung des Komponisten Ryuichi Sakamoto in zwei Hamburger Studios Trommelsounds auf. "Ich dachte erst, das ist so ein Kunstfilm", sagt Kötke. "Erst als da in den Szenebeschreibungen der Name DiCaprio auftauchte, dämmerte es." Für zwölf Oscars ist der Film von Alejandro González Iñárritu nominiert – aber nicht für die Musik selbst. Während DiCaprio, der bislang noch keinen Oscar gewann, am Sonntag wieder mal bibbern muss, wird Kötke die Verleihung daheim vorm Fernseher gucken. Seinen Ruhmesmoment erlebt er dafür im Kino: Im finalen Kampf zwischen DiCaprio und seinem Widersacher ist ein lautes "Bumm" zu hören. "Das stammt höchstwahrscheinlich von mir", sagt Kötke, "weil ich vor allem die großen Trommeln eingespielt habe." 

Golden Pudel (8): Vor dem großen Finale

In jeder Daily Crime Soap kommt der Moment der Besinnung vor dem große Finale. Blicken wir also zurück: Tagelang hetzten wir der Story um den abgebrannten Club und die Schuhgröße des Täters hinterher, entflochten Wirren um den Aufenthaltsstatus des Schuppenbewohners und um übereilte Neueröffnungstermine des Clubs. Aber nun: Funkstille. Zum ersten Mal meldet sich niemand, um die Story voranzutreiben. Das ist verdächtig. Normalerweise würde nun eine weibliche Kommissarin auf den Plan treten, würde der Abschiebehäftling von einem geheimnisvollen Fremden befreit werden, Rocko Schamoni endlich das lang erwartete letzte große Interview geben. Würde Heinz Strunk, der bislang mit alledem nicht viel zu tun hat, eine Stelle aus seinem Frauenmörderbuch "Der Goldene Handschuh" vortragen, die alles ändert. Mindestens aber müsste ein grinsender, den Nichtraucherschutz missachtender Investor auftauchen, der exakt dort, wo der Pudel steht, ein Bürogebäude hochziehen will, O-Ton:"Ich scheiß euch zu mit meinem Geld!" Des Weiteren fehlen noch eine knackige Liebesgeschichte und der Leibwächter von Udo Lindenberg. Aber all das kann ja noch kommen. Wir halten Sie auf dem Laufenden, versprochen!

Mittagstisch

   

Globalisierung auf dem Teller

   

Kaum hat man Platz genommen im Kleinen Speisesaal, steht das warme Brot auf dem Tisch, und die Karte wird gereicht. Die Hausspezialität "Angebratener Thunfisch auf Salat" überzeugt. Der Salat ist knackig und frisch, der von schwarzem Sesam ummantelte Thunfisch ein Gaumenschmeichler. Mit Wasabi-Soße und eingelegtem Ingwer überrascht das Gericht mit seiner asiatischen Note und dem Zusammenspiel von warm und kalt. Der Restaurantchef Kai Krassmann, den hier alle "Kai" nennen, legt einem dazu den hausgemachten Aceto balsamico ans Herz. Drei Herren empfiehlt er "Kohlrouladen mit Rosenkohl". Die stehen zwar nicht auf der Karte, sind aber noch zu haben. Denn die Speisekarte – gleichermaßen für mittags und abends (pro Gang ca. 7 bis ca. 30 €) – wechselt zwar immer dienstags, einige Klassiker gehören aber zum festen Repertoire. Das besteht aus saisonalen und regionalen Produkten, neu interpretiert mit mediterranen und asiatischen Einflüssen. Damit hat sich das Mitte 2010 eröffnete Restaurant in Winterhude schon fest etabliert. Mittagstisch Montag bis Freitag ab 12 Uhr, Kleiner Speisesaal, Dorotheenstraße 33

Elisabeth Knoblauch

 


Was geht

Performance: Die "Kwiskotheka" stellt Fragen zu Migranten und deren Feinden – im ersten Teil untersucht Branko Šimić eine Gesellschaft, die sich spaltet in Pegida und Willkommenskultur. "Wie das Lächeln aus dem Gesicht von Beate Zschäpe verschwindet", Kampnagel, Jarrestraße 20, 19 Uhr

Pop: Von "Zelda" bis  "Final Fantasy": Die YouTuberin Taylor Davis wurde mit genialen Violine-Covern von Melodien aus Videospielen zum Star. Wir glauben: Stradivari wäre Fan gewesen. Mojo Club, Reeperbahn 1, 21 Uhr

Philosophie: Was ist Mut? Und wer bestimmt, was ihn ausmacht? Mit großen Fragen setzt sich das das plattform-Festival bis zum Samstag auseinander. Am Donnerstag interpretieren jugendliche Performer dazu Michel Foucault zwischen theoretischer Analyse und körperlicher Improvisation. Ernst Deutsch Theater, Friedrich-Schütter-Platz 1, 19 Uhr

Hamburger Schnack

In der U-Bahn: Im Fahrgastfernsehen erscheint die Meldung, dass es bald eine vergleichsweise kurvige Barbie geben wird, um die Puppe den Lebensrealitäten vieler Menschen anzupassen. Zwei circa 15-jährige Mädchen kommentieren: "Das geht ja gar nicht, das ist irgendwie so Adele-Style."

Gehört von Marco Barsda

Haben Sie auch einen Schnack aufgeschnappt? Vielleicht sogar von Erwachsenen? Wir freuen uns darüber: elbvertiefung@zeit.de, Stichwort: Schnack


Meine Stadt

Wegen ständiger Anfeindungen auf dem Platz haben Hamburgs Amateurschiedsrichter die Kampagne "Hamburgs Fußball zeigt Flagge" gestartet. Schirmherr ist "Sportschau"-Moderator Gerhard Delling, Vereine können erst mal ein Schild mit der Aufschrift "Wer den Schiedsrichter oder die Schiedsrichterin beschimpft, muss mit der Verweisung von der Sportanlage rechnen. Der Vorstand" bestellen. Die Schiris erwägen aber auch einen gemeinsamen Spieleboykott. Nicht nur gewalttätige Ausschreitungen machten ihnen das Leben schwer, klagen die Unparteiischen. Es seien auch ehrgeizige Eltern.

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, worüber wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen guten Donnerstag – und, man kann es nie zu früh sagen, schon jetzt ein erholsames Wochenende.

Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr