Containerunterkünfte für Flüchtlinge in Hamburg-Harburg © dpa
Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

nachdem Olympia bekanntermaßen nicht nach Hamburg kommt, es bis zum G-20-Gipfel noch dauert, die Elbvieh auch bald eröffnet und nun auch das Stuttgarter Weindorf Geschichte ist, war klar: die pfiffigen Leute vom Stadtmarketing müssen sich ein anderes Event einfallen lassen. Etwas Überraschendes, Spektakuläres, etwas, das die Menschen in hellen Scharen anzieht. Das Ergebnis kennen wir: Vor drei Wochen hatte ein unbekannter Mitarbeiter des Monats die Idee, den Container-Giganten "Indian Ocean" auf Grund zu setzen. Fototechnisch ein Traum, nur das Wetter machte nicht so mit. Und obwohl die Experten die gesamte dramaturgische Klaviatur durchspielten und es dabei ziemlich übertrieben – die Idee, dass der stärkste Schlepper im Hafen aus Konkurrenzgründen nicht bei der Bergung helfen durfte, war schon absurd –, hatte die Reederei des Schiffs dann keine Lust mehr, noch bevor am Ufer die ersten Karussells und Mobilrestaurants aufgestellt wurden. Gestern nahmen die Marketingexperten einen neuen Anlauf. Sie setzten das 166 Meter lange Frachtschiff "Sandnes" in den Elbschlick. Und zunächst schien es, als hätten sie alles richtig gemacht. Prognostiziert war der erste sonnige Sonntag seit Jahren (gefühlt), die Location vor Blankenese war für Einheimische wie für Pinneberger Tagestouristen ideal, die Cafés dort hatten sowieso geöffnet, und ein bekannter Moderator hatte versprochen, vielleicht vorbeizukommen. Doch dann kam die Flut, und das Schiff – schwamm davon. Aber Hamburgs Marketingleute lassen sich nicht unterkriegen. Sie werden ein anderes Schiff finden. Und genau den richtigen Zeitpunkt. Warten Sie ab...

Volksinitiative gegen Massenunterkünfte gegründet

Lange war es angekündigt, jetzt haben die Gegner von Großunterkünften für Flüchtlinge ihre Drohung wahr gemacht und offiziell eine Volksinitiative in Gang gebracht – "Hamburg für gute Integration". Nun haben die Initiatoren sechs Monate Zeit, um zunächst 10.000 Unterschriften zu sammeln, der erste Schritt auf dem Weg zum Volksbegehren. Geht es nach dem Dachverband der Bürgerinitiativen, sollen in Hamburgs Folgeunterkünften in Zukunft nicht mehr als 300 Flüchtlinge aufgenommen werden und zwischen Flüchtlingsunterkünften mit mehr als 100 Flüchtlingen soll es einen Mindestabstand von einem Kilometer geben. Zudem verlangt die Initiative, Bürgermeister Olaf Scholz möge sich gemeinsam mit anderen Bundesländern um einen günstigeren Verteilungsschlüssel bemühen: Nach dem jetzigen muss Hamburg 2,5 Prozent aller in Deutschland ankommenden Flüchtlinge aufnehmen. Auch aus der Politik gibt es Unterstützung. Neben der CDU hat am Sonntag allerdings auch die asylkritische AfD verkündet, die Initiative unterstützen zu wollen. Die Initiatoren des Volksbegehrens versichern zwar, verhindern zu wollen, dass mit ihrer Initiative rechte bis fremdenfeindliche Positionen bedient würden. "Wir werden im Zweifel dazu auffordern, dass diese Menschen, die glauben, gegen Flüchtlinge zu sein, nicht an dieser Volksinitiative teilnehmen", sagte der Sprecher des Dachverbands der Bürgerinitiativen, Klaus Schomacker dem NDR. Aber fragt sich, ob "diese Menschen" auch auf ihn hören.

Frieden schaffen ohne Waffen

Am Wochenende traf sich die Synode der Nordkirche in Lübeck-Travemünde, und es wurde über die ganz großen Themen gesprochen – über Krieg und Frieden. Die Bundeswehr ist seit Dezember 2015 an der Operation Counter Daesh beteiligt, deren Ziel die Bekämpfung des sogenannten Islamischen Staates in Syrien ist. Am Sonnabend forderten die Kirchenparlamentarier die Bundesregierung in einer Erklärung auf, den Einsatz militärischer Mittel in Syrien umgehend zu beenden. "Waffen bringen keinen Frieden", heißt es in der Resolution. Andreas Tietze, der Präses der Synode, sagte am Ende der dreitägigen Sitzung: "Die Synode ist der Ansicht, dass eine Friedensperspektive für das vom Bürgerkrieg zerrissene und vom Terrorismus heimgesuchte Syrien nur auf dem Verhandlungsweg erreicht werden kann." Das kommt etwas spät, da die deutschen Tornado-Piloten sich nun schon mental darauf vorbereitet haben, eventuelle Nachtflüge mit Sonnenbrille zu absolvieren, der extremen Instrumentenbeleuchtung wegen, aber wir sind dennoch gespannt auf die Antwort der Politik. Und nicht nur die ganz großen Themen wurden auf der Synode behandelt. So zeichnete man unter anderem das Harburger Flüchtlingscafé Refugio mit dem Eine-Welt-Preis aus; den vergibt die Synode der Nordkirche jedes Jahr an Projekte, die sich für eine bessere Welt einsetzen. Mit dem Ehrenpreis wurde übrigens eine Schülerfirma der Stadtteilschule Hamburg-Stellingen ausgezeichnet. Die will Plastikmüll bekämpfen. Und wahrscheinlich wird sie sogar Erfolg haben.

Flüchtlinge wollen sich vernetzen

Normalerweise wird ja immer über Flüchtlinge gesprochen – jetzt kamen die Geflohenen selbst zu Wort: Mehr als 2.000 Schutzsuchende und Unterstützer trafen sich am Wochenende zur internationalen Flüchtlingskonferenz "The struggle of refugees – how to go on?" bei Kampnagel. Die Parolen waren selbstbewusst bis kämpferisch. "Wir sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört!", stand auf einem Transparent. Ziel der Veranstaltung sei es, Wege zu finden, das Leben der Geflohenen besser zu machen, sagte Abimbola Odugbesan von der Hamburger Flüchtlingsgruppe Lampedusa. Wie man dies am besten erreichen könnte, darüber wurde auf dem Podium und in verschiedenen Workshops diskutiert. Ein Begriff fiel dabei immer wieder: Vernetzung. Der Aktivist Patrick Konde von CISPM Italien, einer Vereinigung von Migranten ohne Papiere, forderte Asylsuchende aller Herkunftsländer dazu auf, sich zusammenzuschließen. "Wir müssen gemeinsam kämpfen – für die Rechte und die Bewegungsfreiheit von Flüchtlingen in Europa", erklärte Konde.

Salafisten-Messe in Hamburg?

Die Messe Frühlingserwachen verspricht ihren Besuchern im Music House in Bramfeld für kommenden Sonnabend nette Dinge: leckeres Essen, Shopping, Ausspannen. Geladen sind ausschließlich muslimische Frauen, für die es ohnehin zu wenig Veranstaltungen in der Stadt gibt, so weit, so harmlos – aber dann gab das Hamburger Landesamt für Verfassungsschutz eine Warnung heraus: "Die Initiatorin weist nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes deutliche Bezüge zum salafistischen Spektrum auf." Hinter der Messe steckt anscheinend keine nette Verkaufsveranstaltung sondern, so der Verfassungsschutz, eine Eventagentur aus Nordrhein-Westfalen, die bereits im November "eine ähnliche Messe" in Köln organisiert habe. "Salafisten versuchen auf vielfältige Art und Weise, ihr Unterstützerpotenzial zu vergrößern", warnen die Ermittler. Oft gäben sie sich nach außen einen harmlosen Anstrich, selbst viele der Verkäufer hätten gar keine Ahnung, auf was für einer Veranstaltung sie ihre Ware anböten. Die Messe Frühlingserwachen wird im Internet von der salafistischen Frauengruppe Akhauat fi Deen unterstützt, diese weist laut Verfassungsschutz wiederum "Verbindungen zu salafistischen Hilfsorganisationen auf, die verdächtig sind, dschihadistische Gruppen in Syrien und im Irak zu unterstützen". Viel Wirbel, aber nur einer kann wirklich etwas tun: Nach Auskunft des Landesamtes überlegt der Vermieter nun, ob er die Messe platzen lässt oder nicht.

Alter Kahn wird fit

Leinen los und tschüs: Die "Cap San Diego" hat abgelegt. Das Museumsschiff verließ gestern Nachmittag den Hamburger Hafen. Das Ziel? Bremerhaven. Denn dort wird der Kahn, der zum Hamburger Hafenpanorama gehört wie die Speicherstadt oder der Michel, in den nächsten Wochen gründlich überholt. Also nicht von anderen Schiffen, nein: Er wird renoviert. Rostschäden werden beseitigt, Decks geschweißt, Tanks gereinigt, Rumpf und Ladebäume gecheckt. Das wird alles in allem wohl rund eine Million Euro kosten. Warum der ganze Aufwand? Die "Cap San Diego", ab 1961 auf dem Atlantik unterwegs, seit 1988 vertäut an den Hamburger Landungsbrücken, in Schuss gehalten von 45 Seebären im Ruhestand, ist nicht nur ein Wahrzeichen des Hamburger Hafens, sondern auch weltweit das größte noch fahrtüchtige Museumsschiff. Am 22. März soll sie zurückkommen. Und wer weiß, ob sich das Hamburger Stadtmarketing zur Begrüßung nicht ein tolles Event überlegt und sie gekonnt auf eine Sandbank setzt.

Mittagstisch

Fräulein Fritz fischt frische Cannelloni

Das Fräulein Fritz verbindet die zwei Seiten St. Georgs, die schicke und die raue. Die zwei Betreiberinnen haben früher im exquisiten Cox gekocht, in der Langen Reihe, zwischen Boutiquen und Bars. Dann haben sie rübergemacht, in die Lindenstraße 21, an einem Ende Lidl, am anderen Siemens. In ihrem kleinen Restaurant mit großer Fensterfront bieten sie nun wochentags von 12 bis 15 Uhr zwei Hauptgerichte an, meist ein vegetarisches und ein fleischhaltiges. In einer offenen Küche bereiten sie zu, wonach ihnen gerade der Sinn steht, mal etwas Gewagteres wie Lammrollbraten, mal etwas Gewöhnlicheres wie Ratatouille oder Spinat-Cannelloni. Was immer gleich bleibt, ist die Qualität – frische Zutaten, ideal verarbeitet. Wer dem nicht traut, kann immer noch zu Tagessalat oder Suppe ausweichen. Mittagstisch 8,50 Euro, 12 bis 15 Uhr, Lindenstraße 21

Johan Dehoust


Was geht

Lesung: Erleben Sie Literatur aus erster Hand. Zwei Jungautoren stellen ihre Debütromane vor: Die gelernte Drehbuchschreiberin Marie Malcovati liest aus ihrem Buch "Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte", Markus Flohr, der als Journalist und Autor in Hamburg arbeitet, aus seinem Roman: "Alte Sachen". Kulturhaus 73, Schulterblatt 73, 20 Uhr

Performance: Ein Gebäude – aber ein Zuhause? Das Stück "Das Haus des Paul Levy" erzählt von jüdischen und linksliberalen Mietern der Rothenbaumchaussee 26. Im Bucerius Kunst Forum, Rathausmarkt 2, 20 Uhr

Film: Mögen Sie die Beach Boys? Kann man nicht nur hören, sondern auch sehen. Der Film "Love & Mercy" erzählt die Geschichte des genialen, aber kranken Frontmanns Brian Wilson. Mit John Cusack in der Hauptrolle. Metropolis, Kleine Theaterstraße 10, 19 Uhr

Was kommt

Lesung: Studio-Braun-Drittel, Profi-Meckerer, Fraktus- Gründer und Autor Heinz Strunk liest aus seinem neuen Roman "Der goldene Handschuh". Wird er dabei ganz beiläufig den Golden Pudel erwähnen? Am Dienstag im St. Pauli Theater, Spielbudenplatz 29–30, 19.30 Uhr

Pop: Die Band Nothing But Thieves kommt nach Hamburg, um ihr gleichnamiges Debütalbum vorzustellen. Mit im Gepäck haben die Jungs aus Essex einen frischen Electro-Alternativ-Rock. Am Mittwoch im Knust, Neuer Kamp 30, 21 Uhr

Ausstellung: Westliche Vorstellungen von Schönheit machen auch vor dem afrikanischen Kontinent nicht halt. Dennoch haben sich in Afrika eigene Schönheitsideale entwickelt. Wie die aussehen, kann man in der Ausstellung "Africa’s Top Models. Schönheitsideale – Ideale Schönheit" sehen. Am Freitag im Museum für Völkerkunde, Rothenbaumchaussee 64, 10 Uhr

Meine Stadt

© Mark Spörrle

Für unseren armen, von uns gedissten, von unseren Lesern verteidigten Meteorologen war dieSocial Media Week "das schönste Erlebnis, seit ich euch kenne". Leserin Barbara Schirmer nämlich überreichte mir – unglaublich! – selbst gebackene und liebevoll verzierte Zimtsterne (siehe oben). Nicht für mich, nein, für diesen windigen, wetterwendischen Wetterfrosch. Wie auch immer, nun ist er glücklich. Auch ich fühlte mich auf der Social Media Week von einem großartigen Publikum sehr gut aufgenommen: Nachdem ich unsere Elbvertiefung vorgestellt und Andrea Frahm aus dem Beirat mich interviewt hatte, kamen jede Menge anregende Fragen und gute Anregungen. Und die sympathische Speakerin nach mir fragte, ob ich nicht gleich auf der Bühne bleiben und jonglieren könne. Danke, #SMWHH

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende

Am Montag lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle


PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr