Worum es sich in unserem Kulturkreis aufrichtig zu trauern lohnt, dafür gibt es gesellschaftlich definierte Regeln. Menschen verdienen selbst dann ein Höchstmaß an Hochachtung und Pietät, wenn ihr Leben kein ganz so vorbildliches war. Bis auf ein paar Tote der Sorte Hitler habe man demnach nur Gutes über sie zu berichten – oder eben nichts. Danach wird es komplizierter: Der abgehauenen Freundin nachtrauern, drei Punkten beim Heimspiel, gar einer verpassten Folge Game of Thrones? Schwierig, als Außenstehender da ordentlich Anteil zu nehmen. Das ist mit Gebäuden seltsam ähnlich.

Das gilt besonders für jene Stadt, die heute womöglich eine Abrissbirne zum Wahrzeichen hätte, wenn es es nochmal neu vergeben werden würde: Hamburg. Hier fallen Verluste an Bausubstanz weniger ins Gewicht. Diese Stadt gönnt sich ein Denkmalschutzamt, dessen vornehmste Aufgabe darin besteht, den rasanten Abriss des steinernen Gedächtnisses lieber larmoyant zu beklagen als zu verhindern. Was weg muss, muss weg, lautet seit dem Stadtbrand anno 1842 die Devise der Pfeffersäcke.

Zwischen Eppendorf, St. Pauli und Barmbek werden noch die schönsten, solidesten Altbauquartiere für seelenlose aufgereihte Rauputzquader geopfert, ohne dass Widerstand lautstark vernehmbar wäre. Was soll da schon der Ausfall einer kleinen Holzbaracke mit Elbblick auslösen. Doch genau um die trauert zurzeit nicht gerade ganz Hamburg, aber doch ein weithin hörbarer Teil. Der Golden Pudel Club ist abgebrannt, eine Immobilie, dessen pittoreske Pracht rein architektonisch allenfalls zwischen Fachwerkimitat und Fahrradhäuschen zu verorten ist. Für den Musikstandort Hamburg jedoch ist seine Bedeutung größer als die hier zelebrierte Beatles-Nostalgie oder ein neues Opernhaus.

Ein Schmugglerknast aus dem 19. Jahrhundert

Samstagnacht, davon waren die digitalen Netzwerke, aber auch analoge Medien bis weit über die Landesgrenzen hinaus in Echtzeit voll, fing der Dachstuhl Feuer. Die Polizei spricht von Brandstiftung. Bei einer derart morschen Bausubstanz kommt das bei allem gebotenen Optimismus der Vorstufe eines Planierungsauftrags gleich.

Nach 21 Jahren am selben, kapitalumtosten Standort ist somit eine Legende zerstört, die so eigentlich nie hätte entstehen dürfen und gerade deshalb so wunderbar ist, war, puhh. Dass ihr materielles Ende zum Heulen ist, wäre mit "untertrieben" demnach geradezu fröhlich umschrieben.

Nirgends sonst in der zusehends durcheventisierten Musical-Metropole voller Beatles-Memorabilien hatte der "independente" Eigensinn ein liebevoller verwahrlostes Heim mit liebevoller verlotterten Sitten und liebevoller hochmütigem Selbstbewusstsein. Als elektropunkiger Resonanzkörper für die hedonistische Bohème links der Verwertungsmechanik entstanden, war der frühere Schmugglerknast aus dem 19. Jahrhundert Sub- und Leitkultur in einem.

Kultureller Underground und Mainstream, so widerständig wie stilbildend, irgendwie Rot-Grün im Idealzustand. Alles mit den Overground-Anarchisten Rocko Schamoni und Schorsch Kamerun in prominenter Herbergsvaterfunktion, als befänden plötzlich Asylbewerber in der Ausländerbehörde über Aufenthalt oder Abschiebung.