In der vergangenen Woche hat der vor Kurzem pensionierte Schulleiter Kay Stöck hier seine Thesen über das Hamburger Schulsystem vorgestellt und in einem großen Interview erläutert. Wir haben unsere Leser gebeten, Stöcks Thesen zu kommentieren und von ihren Erfahrungen mit den Hamburger Schulen zu berichten. Seitdem haben wir mehr als 350 Antworten erhalten – per E-Mail, in den Sozialen Medien und in den Kommentarspalten auf ZEIT ONLINE.

Die große Mehrzahl der Leser stimmt Stöck in seiner Kritik an den Schulen zu – vor allem viele Lehrer schrieben uns, um zu bekräftigen, dass es auch an ihren Schulen so zugeht. Diese Themen haben unsere Leser besonders bewegt:

1. Redet die Behörde die Probleme schön und verteilt Maulkörbe?

Kay Stöck sagt, in der Hamburger Schulpolitik werde über die wichtigen Themen gar nicht mehr gestritten. Und fordert deswegen Schulleiter, Lehrer und Eltern auf, die Probleme öffentlich anzusprechen.

Aus der politischen Opposition kam der Einwand, es werde sehr wohl diskutiert – viele Diskussionen würden nur von der Regierung geblockt. Auch viele Leser haben den Eindruck, dass die Behörde die Probleme vor Ort mit immer neuen Zahlen und Statistiken zu relativieren versuche. "Die Pressemitteilungen der Behörde lesen sich immer wie Jubelmeldungen und so, als ob es kaum Probleme gäbe", schreibt ein Lehrer. "Diese Meldungen erinnern mich oft in fataler Weise an ähnliche Meldungen in der ehemaligen DDR."

Viele Lehrer haben uns gebeten, sie nur anonym zu zitieren – aus Angst vor Konsequenzen. Mehrere berichten, dass die Behörde sehr restriktiv mit Lehrern umgehe, die sich in der Öffentlichkeit zur Schulpolitik äußerten. Eine Leserin schrieb etwa: "Ich kenne mehrere Beispiele, in denen Lehrer für ihr öffentliches Engagement gerüffelt wurden. So etwas verschreckt. Da braucht man ein gutes Standing und ein breites Kreuz, um für die Sache kämpfen zu können." Und die Gewerkschaft GEW schreibt: "Sobald Lehrkräfte Probleme offen ansprechen, werden sie vielfach seitens der Behörde mit arbeits- und beamtenrechtlichen Konsequenzen bedroht. So zerstört man die demokratische Diskussionskultur in den Schulen."

2. Was soll Schule leisten – und was kann sie leisten?

Stöck spricht im Interview davon, dass ein Drittel der Schüler auch heute am Ende der zehnten Klasse nicht gut genug für eine Ausbildung ist. Er berichtet von versagenden Eltern in sozialen Brennpunkten, die ihren Kindern kaum Lernanreize bieten – und sich im Elterngespräch vor Wut auf den Boden schmeißen. Für Kinder solcher Eltern seien Lehrer die ersten konstanten Bezugspersonen in ihrem Leben, manchmal gar Elternersatz, sagt Stöck. Auf diese Herausforderungen seien viele Lehrer aber unzureichend vorbereitet.

Das hat viele Leser zu Fragen veranlasst: Können Lehrer das überhaupt leisten? Tragen nicht laut Grundgesetz die Eltern die Verantwortung für die Erziehung? Ist es nicht zu viel verlangt von Schulen, der Reparaturbetrieb der Gesellschaft zu sein?

"Schule kann niemals und nirgends die Defizite des Elternhauses vollständig auffangen", schreibt etwa ein Leser im Forum auf ZEIT ONLINE. "Kinder aus bildungsfernen Schichten werden immer benachteiligt bleiben. Bessere Schüler würden auch von einer besseren Schule stärker profitieren und der Abstand nach unten bliebe gleich. Die Eltern tragen die Hauptverantwortung für ihre Kinder."

"Es werden den Schulen immer mehr Aufgaben, die früher von Eltern, Großeltern, Verwandten, Vereinen, Musikschulen und andere übernommen wurden, aufgehalst", berichtet auch ein Hamburger Gymnasiallehrer. Die Begehrlichkeiten an Schule werden immer größer, es kommen immer mehr Wünsche, was Schule alles übernehmen soll: mehr Digitalisierung, jeder soll Gebärdensprache lernen, Informatik soll Pflichtfach werden, alle sollen eine bestimmte Sprache, jüngster Vorschlag Arabisch, lernen. Kein Mensch denkt anscheinend daran, dass mit Neueinführungen immer etwas anderes wegfallen muss."

3. Muss ein Lehrer Fachgenie oder Pädagoge sein?

Viele Lehrer sind überfordert von den großen Herausforderungen, sagt Stöck – und kritisiert, dass viele Lehrer schlecht auf den Job vorbereitet seien. "Die Ausbildung unserer Lehrer ist praxisfern: Schüler brauchen keine Fachgenies, sondern Pädagogen, die ihre Probleme verstehen", schreibt er in einer seiner Thesen – und hat damit jede Menge Widerspruch bei Lesern hervorgerufen.

Viele Lehrer und Experten weisen daraufhin, dass in Studien inzwischen eindeutig belegt sei, wie wichtig das Fachwissen der Lehrer für den Wissenserwerb der Schüler ist. "Lehrkräfte müssen natürlich sicher in ihrem Fachwissen sein, auch um einschätzen zu können, ob eine Fachdidaktik sich aus der jeweiligen Fachwissenschaft ableitet oder gar etwaigen Ideologien entspringt", erklärte eine Lehrerin. "Wer keine Fachkompetenz hat, kann auch nicht didaktisch reduzieren, um Schüler altersgerecht zu unterrichten", schreibt ein Schulleiter.