Es gibt nichts Langweiligeres als einen Baum im Winter. Ein verkümmertes Symbol des Lebens, ein Gerippe. Das ganze Jahr über wird er überladen mit Bedeutung: Eine Geburt? Eine Hochzeit? Ein Toter? Gleich wird ein Baum gepflanzt. Nur im Winter nicht. Da ist die Erde knüppelhart und Bäume unsichtbar.

Auf der Verkehrsinsel an der Grindelallee steht ein Trompetenbaum, seit 70 Jahren schon. An diesem trüben Tag aber nimmt ihn niemand wahr. Ein Passant nur schielt aus seiner Fellkapuze auf das am Stamm verdrahtete Plakat eines SPD-Mannes. Ansonsten richten sich die Blicke nach unten, auf die vom Streusalz knirschenden Schuhe. Niemand blickt hoch in den wolkenverhangenen Himmel, hinauf in die Krone des Trompetenbaumes. Niemand sieht, wie Seile seine schweren Äste zusammenhalten.

Niemand, außer Harald Vieth.

Harald Vieth steht vor dem Trompetenbaum und sieht weit oben kleine, bräunliche Früchte an den Zweigen hängen. Er freut sich über sie genauso wie über seine weiß-gelb-violetten Blüten im Frühling. Toll, diese brechbohnenähnliche Form!

Herr Vieth, buschiger Bart, acht Jahre älter als der Baum, wendet sich auch im Winter nicht ab. Es gibt viele, die sich in Hamburg um Bäume kümmern – Gärtner und Landschaftsarchitekten etwa – keiner aber tut es mit so viel Hingabe wie er. Bäume sind für ihn nicht nur eine Zier, sie haben einen Habitus. "Man erkennt ihn am besten, wenn die Blätter abgefallen sind", sagt er.

Deshalb fährt Harald Vieth auch jetzt, in der Kälte, mit seinem Fahrrad durch die Stadt, fasziniert von den ungeschminkt dastehenden Pappeln, Ulmen und Buchen. Er guckt sie nicht nur an, er charakterisiert sie. Den Trompetenbaum, dünne Borke, ausladende Krone, nennt er schlicht "den Schönen".

Der Schöne: Herr Vieth hat ihn tausendfach betrachtet, er hat ihn fotografiert – und er hat über ihn geschrieben. Max Brauer, Hamburgs erstem frei gewählten Bürgermeister, ist er bis heute dankbar, weil er den Trompetenbaum 1948 davor bewahrte, gefällt zu werden, indem er Bebauungspläne für die kleine Grünfläche stoppte.

Kümmert sich um Hamburgs Bäume: Harald Vieth, Buchautor und Verleger © Johan Dehoust

Manche legen sich im Alter einen Hund zu oder ein Aquarium, Harald Vieth schreibt Bücher über Hamburgs Bäume. Gerade ist das vierte erschienen, es heißt Hamburgs Grün – Interessante Bäume und Sträucher. Herausgebracht hat er es wie immer selbst, im Vieth Verlag. Die Auflage, sie liegt bei etwa 2.000 Exemplaren.

Ein älterer Herr, der durch Hamburg strampelt und Bücher über Bäume schreibt? Man kann Harald Vieth als Freak bezeichnen, er selbst hat nichts dagegen. Nur: Richtig fühlt sich das nicht an. Ein Freak, das ist ein Sonderling, ein Ausgeflippter, ein Besessener. All das ist Vieth nur ein Stück weit.

Schon rein optisch fällt er in seiner schwarzen Outdoor-Jacke, aus der ein blauer Hemdkragen hervorsteht, nicht auf neben den Fußgängern, die an ihm vorbeiziehen, während er vom Trompetenbaum schwärmt. Er ist keiner dieser Ökos oder Esoteriker, die Bäume umarmen, um ihre Energiekreise anzuzapfen. Keine Sandalen über Wollsocken, er trägt solide Halbschuhe.

Harald Vieth führt ein Leben, das man getrost als bürgerlich bezeichnen kann. Mit seiner Frau lebt er in einem stattlichen Haus in Eimsbüttel, etwa hundert Meter entfernt vom Trompetenbaum. Eine Wohnung mitten in der Innenstadt, langer Flur, Holzfußboden, hohe Decken, heute kostet so was viel Geld. Herr Vieth hat Glück, er ist schon in den Räumen aufgewachsen, Mieter in zweiter Generation. Das macht es günstiger.

Und vielleicht gibt ihm das, neben dem Umstand, sein offizielles Berufsleben bereits hinter sich zu haben, die Gelassenheit, waghalsig zu sein: Er vereint zwei Bereiche, die schon für sich genommen nur selten für Furore sorgen – Bäume und Sachbücher. Warum nur tut er das?