Wenn es nach Schulsenator Ties Rabe (SPD) geht, ist das Hamburger Schulsystem eine einzige Erfolgsgeschichte. Am Montag präsentierte er im Rathaus die aktuellen Zahlen zum Schuljahr und kam aus dem Verkünden von Rekorden kaum heraus: 2.100 zusätzliche Stellen für Lehrer seien geschaffen worden, wohl noch nie habe es so viele Lehrer an den Schulen gegeben, seit Jahrzehnten sei ein Pädagoge rechnerisch nicht mehr für so wenige Schüler zuständig. Die Zahl der Abiturienten sei so hoch wie noch nie, der Anteil der Schulabbrecher habe sich in den vergangenen zehn Jahren halbiert, der Ganztagsunterricht sei mittlerweile Standard. Andere Bundesländer, so lobte sich der Senator ausgiebig selbst, blickten neidisch nach Hamburg.

Alles gut also, in der Hamburger Bildungspolitik?

Nein, sagt der ehemalige Hamburger Schulleiter Kay Stöck. "Die Ansprüche der Politik scheitern an der schulischen Realität." Stöck war zehn Jahre Leiter der Stadtteilschule Stübenhofer Weg in Wilhelmsburg. Ende Januar wurde er pensioniert – und geht nun an die Öffentlichkeit. Mehr als sechs Stunden hat er mit der ZEIT über seine Erfahrungen und seine Lehren aus dem derzeitigen Schulalltag gesprochen. Das Interview ist ab Donnerstag im Hamburg-Teil der aktuellen ZEIT zu lesen.

"Die Politik hat sich selbst den Mund verboten", sagt Stöck in dem Interview. Auch Schulleiter und Lehrer trauten sich nicht in die Öffentlichkeit: "Wenn einer in der Presse über Schattenseiten spricht, heißt es nachher: Wenn ihr solche Probleme habt, könnt ihr denn überhaupt eure Schu­le empfehlen?" Stöck will mit seiner Kritik Schulleitern und Lehrern Mut machen, über die Probleme an den Schulen zu sprechen – und damit eine Debatte über die nicht erfüllbaren Anforderungen an Schulen anstoßen.

Als Ausgangspunkt für diese Debatte haben wir in der Redaktion der ZEIT:Hamburg gemeinsam mit Stöck seine Erkenntnisse auf fünf Thesen reduziert:

1. Politiker wollen nicht öffentlich über Probleme in den Schulen sprechen, deshalb müssen es Schulleiter, Lehrer und Eltern tun.

2. Wir erreichen einen Teil unserer Schüler nicht. Wir entlassen Jugendliche ins Leben, die nicht ausreichend lesen, schreiben und rechnen können.

3. Wir trichtern Schülern Wissen ein, geben ihnen aber kaum Chancen, es anzuwenden.

4. Lehrer müssen aufhören, sich als Einzelkämpfer zu sehen, und sollten sich in der unterrichtsfreien Zeit gemeinsam vorbereiten, statt in der Schulzeit 50 Stunden und mehr zu arbeiten.

5. Die Ausbildung unserer Lehrer ist praxisfern: Schüler brauchen keine Fachgenies, sondern Pädagogen, die ihre Probleme verstehen.

Über diese Punkte würden wir in den kommenden Wochen gerne mit Lehrern, Eltern, Schülern und Experten reden: Hat Kay Stöck Recht? Über Zustimmung, Widerspruch und Erweiterung der Thesen freuen wir uns in E-Mails unter hamburg@zeit.de, auf facebook.de/zeithamburg oder über den Twitter-Account @zeit_hh.

Das komplette Interview mit Kay Stöck lesen Sie ab dem 18. Februar im Hamburg-Teil der ZEIT.