"Kein Spaß hier“: Der Hamburger Bilal wollte den IS in Syrien unterstützen und merkte zu spät, was das bedeutet. © LvF

Der IS-Kämpfer Bilal klingt wie ein Rapper, der seinen Kumpels von einem miesen Hotel abraten will. "Erst war alles baba", sagt er. "Baba" heißt "okay", der 17-Jährige mischt arabischen und Hamburger Slang. "Aber Digga, das kein Spaß hier." Im Hintergrund hallen Kinderstimmen, Männer unterhalten sich, Musik läuft. Heiß sei es in dem Haus, klagt er. Wie in einem Gefängnis sei es dort.

"Jetzt kommt das Derbste, Bruder", sagt Bilal und erzählt, wie sein Befehlshaber die Kämpfer behandele. Es gebe keine Taktik, die Männer müssten ohne Plan an die Front. "Er schickt die einfach in den Tod. Das ist so, du kannst gleich 'ne Pistole nehmen und dir in Kopf schießen."

Bilal, in Hamburg aufgewachsen, ist im Mai vergangenen Jahres nach Syrien gereist, gemeinsam mit weiteren Kämpfern. Er wollte den "Islamischen Staat" im "Heiligen Krieg" unterstützen. Dann merkte er, wie wenig die Bedingungen vor Ort mit dem zu hatten, was ihm vorher vermittelt wurde. Er nahm eine Sprachnachricht auf, in der er mit dem IS abrechnete. Kurz darauf, drei Monate nach seiner Ankunft, war er tot.

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Hat der IS Bilal bestraft?

Die Ursache seines Todes ist nicht bekannt. Bei den Hamburger Salafisten gebe es aber Gerüchte, der IS habe Bilal für seine Kritik bestraft, heißt es vom Verfassungsschutz. "Bilal wollte mit dieser Nachricht vor allem seine Szene und seine ehemaligen Glaubensbrüder warnen", sagt Sprecher Marco Haase. "Er wollte ausdrücklich, dass die Botschaft öffentlich wird."

Bilal verteilte in der Hamburger Mönckebergstraße gemeinsam mit Glaubensbrüdern Korane. © LvF

Der Hamburger Verfassungsschutz hat die Aufzeichnung daher Anfang der Woche verbreitet. Wie sie in seine Hände geraten ist, verrät er nicht. Mit Details will er sich bedeckt halten. Bilal heißt eigentlich auch anders. Seinen echten Name nennen die Behörden nicht, aus Rücksicht auf die Angehörigen, mit denen die Veröffentlichung abgesprochen ist. Klar ist nur, dass Bilal die Nachricht in Rakka aufgenommen hat, der einst liberalen Stadt im Südwesten Syriens, die heute vom IS besetzt ist und als Zentrum der Terrormiliz gilt.  

Mit der Audioaufnahme will der Verfassungschutz diejenigen erreichen, die sich wie Bilal dem IS anschließen könnten. Die Zahl der Salafisten in Deutschland hat sich in den vergangenen vier Jahren von 3.900 auf 8.600 verdoppelt. Mehr als 740 Anhänger sind bisher nach Syrien und in den Irak ausgereist. 65 davon kamen aus Hamburg. Gelegentlich gelingt es den Sicherheitsbehörden vorher einzuschreiten. 20 Ausreisen konnten zum Beispiel in Hamburg verhindert werden – etwa, indem den Islamisten die Pässe abgenommen wurden.

Bessere Ergebnisse erzielen die Präventionsprojekte, in die Bund und Länder mittlerweile Millionenbeträge stecken. In Hamburg kümmert sich der Verein Legato um gefährdete Jugendliche und berät verzweifelte Eltern. Mehr als 100 junge Menschen habe dieser im vergangenen halben Jahr davon abgehalten, in den Krieg zu ziehen, sagt Legato-Chef André Taubert. "Wir treten an jeden Jugendlichen unterschiedlich heran", sagt er über seine Arbeit. "Manchmal diskutieren wir auf Augenhöhe, manchmal wenden wir uns erst einmal an das soziale Umfeld und manchmal hilft am besten eine Therapie."