Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

wo sollen nur die ganzen Flüchtlinge hin? Bürgermeister Olaf Scholz sorgte gestern für eine Überraschung: Er setzt auf Bürgermitbestimmung. Die HafenCity Universität entwickelte ein "Stadtmodell zur Flächenfindung für Flüchtlingsunterkünfte in Hamburg". Und ab Mitte April wird es offene Universitätsveranstaltungen geben, und die Hamburger sollen selber ran und beim "City-Science-Lab" versuchen, auf großen interaktiven Stadtkarten virtuelle Flüchtlingsheime mit 300 bis 1500 Plätzen auf freie Grundstücke zu verteilen. Zu jedem potenziellen Ort wird man erfahren, ob es etwas gibt, was den Bau einer Unterkunft eventuell erschwert oder sogar ausschließt. Ein Zähler soll anzeigen, wie viele der geforderten 40.000 Plätze für Flüchtlinge noch fehlen. "Das Tolle ist, es kann sich jeder selbst hinsetzen und es prüfen", sagte Scholz. Es sei ein "Armutszeugnis", sagte CDU- Fraktionschef André Trepoll, dass sich der Senat mit seinem riesigen Behördenapparat nicht in der Lage sähe, selbst vernünftige Lösungen zu präsentieren. Die Linke hingegen findet das Projekt super, aber es komme zu spät. Wir denken: es ist ein kluger Schachzug. Denn vermutlich wird bei dem großen "Siedler von Hamburg"-Planspiel herauskommen, dass das Begehren der Volksinitiative, die Höchstzahl der Bewohner auf 300 je Unterkunft zu beschränken, schwierig werden wird. Zumindest, wenn man private Grundstücke nicht mit einbezieht.

Kaufprämie für E-Autos

Die Umweltminister der Länder wollen vom 1. Juli an den Privatkauf von Elektro- und Hybridautos mit einer Prämie belohnen – im Gespräch sind 5000 Euro. Die Frage ist nur: Woher soll das Geld kommen? Hamburgs Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) hat nun eine Idee: von höheren Steuern auf Diesel-Sprit. Denn Dieselmotoren hätten "einen Hauptanteil an der gesundheitsschädlichen Stickoxid-Belastung", sagte er. Aber: Funktioniert eine solche Prämie auch? Ein Blick nach Skandinavien hilft. In Norwegen sparen Käufer von Elektroautos die "Registrierungssteuer" von bis zu 11.000 Euro. Das hat dazu geführt, dass der Marktanteil der Elektroautos im vergangenen Jahr auf 17,1 Prozent gestiegen ist. Hinzu kommen spezielle Privilegien: Elektrofahrer zahlen weder Parkgebühren noch Maut und dürfen auf der Busspur fahren. In Hamburg können sich die Halter von Elektroautos sogenannte E-Nummernschilder besorgen und damit an allen Parkscheinautomaten bis zur jeweiligen Höchstparkzeit gebührenfrei parken. Nur was das Fahren auf der Busspur angeht, sträubt sich die Stadt: Mit Bussen, Taxis und Krankenwagen sei bereits die Grenze der Belastbarkeit erreicht, heißt es. Oder braucht Hamburg einfach mehr Busspuren?

Widerstand der Sexarbeiter

Heute treffen sich in Hamburg 300 Prostituierte, Vertreter von Gesundheitsämtern, Polizei und Fachberatungsstellen und Wissenschaftler zum "Fachkongress Sexarbeit". Zentrales Thema wird das geplante neue Prostituiertenschutzgesetz sein. Was daran so schlimm ist? Ein Gespräch mit Undine de Rivière, Pressesprecherin des Berufsverbandes Sexarbeit:

Welche Probleme haben Sie mit dem Gesetz?

Es wird zum Beispiel eine Registrierungspflicht für Sexarbeiter vorgeschrieben. Das ist stigmatisierend und datenschutzrechtlich fragwürdig. In Bayern wird eine solche Registrierung in Datenbanken schon jetzt ohne Rechtsgrundlage praktiziert. Das führt immer wieder zu einem Zwangs-Outing vor Freunden und Bekannten, die nichts von der Arbeit der Kollegin wissen. Bei jeder Polizeikontrolle kann der Beamte sehen, ob man als Sexarbeiter registriert ist.

Würde eine Registrierung denn nicht Zwangsprostitution und Menschenhandel erschweren?

Das sehe ich nicht. Betroffene von Menschenhandel und krimineller Ausbeutung werden nicht irgendwo in Osteuropa entführt und hier dann heimlich in einem Keller gehalten. Das sind Leute, auf die permanent psychischer Druck ausgeübt wird. Es ist eine Illusion, zu glauben, dass Behördenkontakt diese Menschen dazu brächte, sich zu offenbaren.

Im Gesetzentwurf geht es auch um Kondompflicht und das Verbot von Flatrate-Angeboten. Zumindest das klingt doch vernünftig...

Eine Kondompflicht lässt sich nicht unter menschenwürdigen Bedingungen kontrollieren. In Bayern, wo es die Pflicht schon gibt, stürmt die Polizei unangekündigt ins Bordell und schaut mit der Taschenlampe, ob das Kondom noch drauf ist. Selbst die Aids-Hilfe ist der Meinung, dass Prävention nur durch Eigenverantwortung und Aufklärung möglich ist. Und was die Flatrate-Angebote angeht: Viele Frauen mögen diese Arbeitsweise. Etwa, weil man nicht aktiv um Kunden werben muss. Außerdem ist der Konkurrenzdruck zwischen den Kolleginnen geringer und somit die Arbeitsatmosphäre besser.

Kampf gegen Schulschwänzer

Schulsenator Ties Rabe (SPD) geht gegen Schulschwänzer vor. Im vergangenen Jahr wurden, das klingt erst mal hart und unerbittlich, gegen Eltern Bußgelder in Höhe von 140.000 Euro verhängt. Einmal trifft das Leute, die ihre Kinder gar nicht erst an einer Schule anmelden. Und dann ist da noch der sogenannte "Absentismus" zwischen der 8. und 10. Klassenstufe. "Da kommen die Schüler in die Pubertät – und wenn sie die geforderte Leistung nicht bringen oder Probleme in der Schule haben, entwickelt sich das Gefühl von Perspektivlosigkeit", sagt Peter Albrecht, Sprecher der Schulbehörde. Fehlt ein Schüler öfter, gibt es zuerst ein Gespräch in der Schule. "Dann bekommen die Eltern in der Regel Besuch von der Schule, vom Rektor oder von einer Lehrkraft", sagt Albrecht. Wenn auch das nichts hilft, kommt die Polizei und spricht mit den Eltern. Und erst wenn das immer noch nicht hilft, gibt es Bußgelder für Eltern, beziehungsweise für Schüler über 16 Jahren. Man muss also schon sehr renitent sein, um endlich zur Kasse gebeten zu werden. Und wenn man nicht zahlt? Droht Arrest. Im letzten Schuljahr mussten 42 Schüler eine Woche lang einrücken. Mal sehen, was sie da fürs Leben gelernt haben. Und wo wir schon beim Thema sind und in wenigen Tagen die Hamburger Skiferien anstehen: Stimmen die Gerüchte, wonach die Polizei am Flughafen oder am Bahnhof Familien aufgreift, die ihre schulpflichtigen Kinder krank melden und dann heimlich früher in den Urlaub wollen? "Die Gerüchte kenne ich auch", sagt Albrecht. "Von unserer Seite gibt es da keine Anweisungen." Aber wenn die Polizei von sich aus sauer auf Schuldrückeberger wäre, man könnte es verstehen.

Verkauf von Lenz-Roman angelaufen

Literaturfans waren überrascht, als vor Kurzem herauskam, dass im Nachlass des Schriftstellers Siegfried Lenz ein bisher unbekannter und niemals veröffentlichter Roman gefunden wurde. Fertiggestellt wurde das Werk schon 1951. Damals wollte Hoffmann und Campe die Geschichte eines Wehrmachtsoldaten, der zu den Russen überläuft, allerdings nicht drucken. Zum Ausgleich entschied der Verlag sich jetzt, den Verkaufsstart von "Der Überläufer" um ein paar Tage vorzuziehen. Ursprünglich hätten Lenz- und Literaturfans bis zum 10. März warten müssen. Seit Anfang der Woche wird nun die Startauflage ausgeliefert, in bestsellerfähiger Zahl von 50.000 Exemplaren.   

Mittagstisch

Vegan für fünf Euro

Die Veganer-Szene wächst von Tag zu Tag. Klar, dass es inzwischen auch schon Imbisse für diese Zielgruppe gibt. Zum Beispiel das goodies im Eingangsbereich des Veganz-Supermarkts im Bahrenfelder Phoenixhof. Das Angebot besteht aus Suppe, Currys, Wraps, Burgern, Bagels, Salaten, Smoothies, Nachspeisen und noch allerlei anderen Kleinigkeiten. Empfehlenswert sind etwa der Babaganoush-Wrap mit Auberginencreme, gegrilltem Gemüse und Rucola oder der "Cheeseburger" mit Grünkernbratling und Süßkartoffeln. Wer nicht satt wird, sollte unbedingt einen Blick auf das üppige Kuchenbuffet werfen und dort vor allem auf den Blaubeer-Cheesecake. Der ist einfach umwerfend. Als Getränk in der kalten Jahreszeit empfiehlt sich der sogenannte Alkalizer, ein Zitronentee mit Ingwer und Goji-Beeren (3,50). Wie üblich bei einem Imbiss, gibt es keine Tischbedienung: Der Gast wählt am Tresen. Die Gemütlichkeit bleibt wegen der Laufkundschaft des Supermarkts und der zwei sich häufig öffnenden automatischen Schiebetüren etwas auf der Strecke. Gerichte um die 5 €. Schützenstraße 21, 9–20 Uhr

Thomas Worthmann

Was geht

Theater: Schon mal geschauspielert? Nein? Sehr gut. Beim "Improvisations-Theater-Workshop" spielen die Teilnehmeraus dem Bauch heraus. Scheitern ist absolut erwünscht! (Ob Politiker zugelassen sind, wissen wir nicht.) Lichthof, Mendelssohnstraße 15 B, 19 Uhr    

Kino: Macht sprachlos: Der Film "Voices of Violence – Stimmen der Gewalt" zeigt, wie Frauen auf der ganzen Welt Opfer von Gewalt werden – nur aufgrund ihres Geschlechts, von Indien über den Kongo bis auf den Balkan. Abaton, Allende-Platz 3, 20 Uhr    

Ratespaß: Ihre Woche war hart? Sie brauchen eine Ausrede, um schon am Mittwoch in die Kneipe zu gehen? Beim Pub-Quiz im Molotow gibt es Preise und Ehre zu gewinnen. Testen Sie Ihr Wissen – beim Bierchen. Molotow, Nobistor 14, 20 Uhr

Meine Stadt

André Kuhnert, Moderator bei Radio Hamburg, hat bei "Wer wird Millionär?" für seinen Todesfall vorgesorgt. Er sei hier, um sich das Geld für eine Bestattung im Weltall zusammenzuspielen, sagte der offenbar kerngesunde 30-Jährige dem verblüfften Günther Jauch. Dessen Redaktion recherchierte live, die letzte Ruhe im All koste bis zu 25.000 Euro. Kuhnert schaffte sogar 64.000. "Das stilvolle Ableben ist gesichert", verabschiedete ihn Jauch.

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Und unserer Fotokollegin und allen anderen, die "das haben, was gerade alle haben", gute Besserung. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!  

Ihr

Mark Spörrle

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.