Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

nun ist klar, welche Folgen der 29. Februar für Hamburg hatte: 65 Kinder kamen an diesem Tag, den es nur einmal alle vier Jahre gibt, zur Welt, angeblich so viele wie noch nie. Das passt zu dem Babyboom, den die Stadt sowieso gerade erlebt. In der Asklepios Klinik Barmbek, recherchierte das "Hamburger Abendblatt", gab es sogar einen geplanten (!) Kaiserschnitt. Die Mutter habe es gut gefunden, dass ihr Kind künftig nur alle vier Jahre Geburtstag feiert, wird ein Sprecher zitiert; klar, Geschenke sind teuer.

Trotzdem: Auch wir haben gerade Nachwuchs bekommen: Wenn Sie die aktuelle ZEIT aufschlagen, finden Sie darin gleich zwei Magazine: das "normale" ZEITmagazin und die erste Ausgabe des ZEITmagazins HAMBURG. Genau – nach den von Charlotte Parnack verantworteten ZEIT-Hamburg-Seiten bekommt nun auch das Magazin eine Hamburger Regionalausgabe. Zweimal im Jahr erkundet künftig die ZEITmagazin-Redaktion unter Leitung von Chefredakteur Christoph Amend den Stil dieser Stadt. Fragestellung der ersten Ausgabe: Welchen Stil haben Hamburger Jugendliche heute – und was hat das mit dem Lebensgefühl hier zu tun? (Da scheint es durchaus einen Zusammenhang zu geben.) Auch Helmut Schmidt kommt vor, ein bisschen. Und, für alle Lokalpatrioten, die das letzte halbe, nassdunkle Jahr überstanden haben: Martenstein, der Mann ohne Vornamen, schreibt darüber, wie man Hamburg eigentlich nennen müsste – nein, das verrate ich jetzt nicht!  

Flüchtlings-Großunterkünfte I: Unterschriften im Akkord

Gerade mal fünf Tage hat es gedauert, da hatte die Hamburger Volksinitiative "Hamburg für gute Integration" 26.000 Stimmen zusammen. Ein Rekord – noch nie wurden so viele Unterschriften in so kurzer Zeit gesammelt. Die große Zahl "hat uns sehr überrascht", sagte selbst Initiativensprecher Klaus Schomacker gestern bei der Übergabe der 13 Ordner mit den Unterschriftenlisten im Rathaus. Die guten Integrierer fordern, maximal 300 Menschen in einer Flüchtlingsunterkunft unterzubringen, und wollen zwischen zwei Standorten mit mehr als 100 Flüchtlingen einen Mindestabstand von einem Kilometer. Nachdem die Unterschriften gestern dem Landeswahlleiter zur Prüfung übergeben wurden, darf die Stadt jetzt vier Monate über ihr weiteres Vorgehen beraten. Selbst Rot-Grün gab sich von dem Ergebnis beeindruckt: "Respekt, dass die Initiative in einem solchen Sprint die erste Hürde nimmt", räumten die Fraktionschefs Andreas Dressel (SPD) und Anjes Tjarks (Grüne) ein. Sie sicherten zu, dass "machbare Vorschläge in den politischen Prozess einfließen" würden und "umgesetzt werden". Es gebe zwar Differenzen in der Sache. Allerdings seien sich alle einig in der Beurteilung der schwierigen Rahmenbedingungen. Welch eine Vorlage für die Opposition: Wenn die Initiative in so kurzer Zeit so viele Unterstützer finde, sagte CDU-Fraktionschef André Trepoll in der Bürgerschaftssitzung, "dann ist die Sache in der Stadt entschieden". Ein Kurswechsel sei unumgänglich. Opposition zu sein ist für Politiker oft hart, weil man keine eigenen Lösungen umsetzen kann. In diesem Fall sind viele Bürgerschaftsabgeordnete darüber vermutlich heilfroh.

Flüchtlings-Großunterkünfte II: Das will doch niemand

Die Forderungen der Volksinitiative gegen Großunterkünfte für Flüchtlinge hält Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz nicht für realistisch. "Bei der Schaffung neuer Unterkünfte stoßen wir an Grenzen", schreibt er in einem Gastbeitrag in der aktuellen ZEIT:Hamburg. Der freie Wohnungsmarkt sei sowieso erschöpft, die Hotels fast das ganze Jahr über von Touristen belegt, Gartenlauben und Schiffe als Wohnungen nicht zugelassen. Hamburg werde dennoch im Laufe des Jahres 40.000 zusätzliche Plätze schaffen müssen. Erst für knapp die Hälfte seien bislang Baugrundstücke identifiziert worden. Deshalb führe kein Weg am Bau neuer Unterkünfte vorbei. Auf die Forderung der Volksinitiative, möglichst kleine Unterkünfte zu bauen, entgegnet Scholz, dies geschehe: "Zu Recht!" Und führt dann an, dass maximal 800 Wohneinheiten nichts mit den 9.000-Wohnungs-Ghettos der sechziger Jahre zu tun hätten. Was der Initiativensprecher Klaus Schomacker von Scholz' Argumenten hält, steht übrigens in der kommenden ZEIT:Hamburg.

Flüchtlings-Großunterkünfte III: Offene Hallenhaltung

Wie unkomfortabel die Lage für Geflüchtete übrigens in Erstaufnahmeeinrichtungen in Hamburg ist, haben die Kollegen von "Spiegel Online" herausgefunden. Sie werteten aus, wie die einzelnen Bundesländer mit Geflüchteten umgehen. Hamburg war dabei nur in einer Kategorie Spitzenreiter: In der Hansestadt ist nahezu die Hälfte aller Geflüchteten in Hallen untergebracht, die zu Erstaufnahmeeinrichtungen umgebaut wurden. 45,8 Prozent, das sind 8776 Menschen in stressfördernder Umgebung und ohne ordentliche Privatsphäre – mehr als in jedem anderen Bundesland.

City-Höfe: bald weg?

Betrachtet man das Chilehaus von der richtigen Stelle aus, prangen dahinter vier massive, 42 Meter hohe Betonquader, die City-Höfe. Und während das Kontorhausviertel und die Speicherstadt UNESCO-Weltkulturerbe sind, sollen die vier klotzigen Hochhäuser bald abgerissen werden. Dagegen regt sich Protest, wie ZEIT:Hamburg-Autor Christoph Twickel schon im vergangenen Oktober schilderte. Bei der jüngsten Ausschusssitzung der Stadtentwicklungsbehörde waren die Sachverständigen allerdings unterschiedlicher Ansicht, wie bedeutsam die denkmalgeschützten Hochhäuser denn nun eigentlich sind. Während Berthold Burkhardt vom Internationalen Rat für Denkmalpflege beklagte: "Nicht einmal ein Jahr nach der Aufnahme in die Welterbe-Liste macht Hamburg nun Schlagzeilen mit dem geplanten Abriss eines Denkmals in der Pufferzone", nannte Kunsthistoriker Hermann Hipp von der Universität Hamburg die Höfe frei heraus einen "städtebaulichen Störfaktor". Einig waren sich die Experten nur darin, über den aktuellen Investor, das Hamburger Unternehmen Aug. Prien, nicht begeistert zu sein. Die Firma will die Gebäude abreißen und einen neuen Komplex mit Hotel, Wohnungen, Büros und Geschäften an dieselbe Stelle setzen. Die Fachleute forderten einen neuen Investorenwettbewerb. Bisher konnte man davon ausgehen, dass die Bürgerschaft am 31. März zugunsten Aug. Prien entscheiden würde.

Alsterradweg: Huch – plötzlich weg!

Jetzt ist er also doch weg: der Radweg an der Außenalster zwischen der Alten Rabenstraße und dem US-Generalkonsulat ist eine einzige Baustelle – auf 500 Meter Länge aufgerissen und nicht mehr befahrbar. Die Aktion kam so überraschend, dass niemand der Radwegschützer Alarm schlagen konnte. Kalkül der Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation? Im Vorhinein war der Protest auf jeden Fall groß. Als im September verkündet wurde, dass der Radweg durch eine Fahrradstraße ersetzt werden soll, beschwerten sich all diejenigen, die sich auf der Straße keine Survivalübungen mit wuchtigen SUVs und Doppelstockbussen liefern wollten. Damals beruhigten die Behörden die Vorsichtigfahrer mit dem Verweis auf die geplante Fahrradstraße von der Krugkoppel- bis zur Kennedybrücke. Und die Vorsichtigfahrer beruhigten sich selber damit, dass sie den alten Radweg weiter benutzten, solange das noch möglich war. Doch der ist jetzt Geschichte und die Fahrradstraße wohl bis Mitte 2017 Zukunft. Allein die Opposition versucht, die Gegenwart durch verbale Kaftakte erträglicher zu machen: "Die Planer der Verkehrsbehörde sind offensichtlich durchgedreht", sagte FDP-Verkehrsexperte Wieland Schinnenburg. Und der CDU-Verkehrsexperte Dennis Thering: "Das ist eine absolute Fehlplanung und ein weiterer Akt von rot-grüner Verkehrserziehung und Zwangsbeglückung."

Mittagstisch

Was Männern gefällt

Die Kantine der Finanzbehörde ist eine der letzten öffentlichen Kantinen der Stadt. Noch, denn Ende März geht der Betreiber in den Ruhestand, und einen offiziellen Nachfolger gibt es noch nicht. Dem Essen wird nicht jeder hinterhertrauern. Der in Ei gebratene Reis mit Gemüsestreifen in Currysoße für 3,30 Euro lässt geschmacklich zu wünschen übrig. Trost stiftet allein die Cola. "Das können die nicht so gut", erklärt ein Mann vor Ort entschuldigend. "Die sind besser in deftigen Speisen. Braten, Currywurst, Schweinegeschnetzeltes. Was Männern halt gefällt." Das erklärt wohl die guten Bewertungen im Internet: Auf den zweiten Blick sind es vor allem Männer, die Fleischgerichte und die süßen Nachtische loben. Kein Wunder also, dass das Publikum ebenfalls zu 90 Prozent männlich ist. Sollte sich ein Koch oder eine Köchin jetzt berufen fühlen, den Herren in der Finanzbehörde Nachhilfe in gutem Geschmack zu geben – oder einfach die Frauenquote zu steigern –, dann ist das wohl die Chance... Gänsemarkt 36, Montag bis Freitag 8 bis 15 Uhr

Elisabeth Knoblauch


Was geht

Country: Fans von Eric Church beten ihn für seine innovative Countrymusik an. Denn anstatt einen auf Provinz-Cowboy zu machen, vermischt er seine Gitarrenmusik lieber mit Rock, Funk und Hip-Hop. Seine Alben erreichen schon mal Platinstatus. Und er wurde gerade ausgezeichnet als "heißester Live-Act 2015". Gruenspan, Große Freiheit 58, 20 Uhr 

Vernissage: Er will nicht nur spielen – Robert Sturmhoevels vermeintlich kindliche Kunst geht plötzlich in abstrakte Kompositionen über. Damit provoziert er gleichzeitig eine beklemmende Stimmung und eine seltsame Vertrautheit. Jetzt stellt der ehemalige Meisterschüler von Johannes Spehr in Hamburg aus. "peccadillo (frame) tales" in der Evelyn Drewes Galerie, Burchardstraße 14, 18 Uhr 

Kino: Die 13-jährige Anne Frank lebt versteckt vor den Nazis in einem Hinterhaus in der Prinsengracht 263 in Amsterdam. In einem Tagebuch beschreibt sie ihre Ängste, Träume und den schwierigen Alltag. Das Haus ist inzwischen zum Museum umgebaut, das Buch ist bis heute Pflichtlektüre in jeder Schule, und in den nächsten Wochen werden die Schulklassen wohl in Scharen die Neuverfilmung "Das Tagebuch der Anne Frank" im Kino sehen. Zum Beispiel im Abaton, Allende-Platz 3, heute um 15, 17 und 20 Uhr

Hamburger Schnack

Vor dem Pampers-Regal bei Budnikowsky steht eine junge Mutter. Eine ältere Dame kommt vorbei und sagt: "Das Kind hat einen ganz roten Kopp. Ist bestimmt zu warm angezogen." Darauf die Mutter: "Das Kind kackt. Herrgott, es kackt!"

Gehört von Eva Brockstedt


© Barbara Schirmer

Meine Stadt

"Spaziergang auf der Elbinsel Kaltehofe, Wasservögel gucken. Oh, welch hübsche Stadt dort hinten"



Falls es Ihnen tatsächlich entgangen ist: In und um Hamburg herrschte gestern verkehrstechnischer Ausnahmezustand. Erst schafften es vier Lastwagen, zusammenzustoßen und den Elbtunnel lahmzulegen: zehn Kilometer Stau. Und dann wurde der S-Bahn-Citytunnel zwischen Hauptbahnhof und Altona wegen Fehlalarm gesperrt. Schuld war ein Arbeiter. Der Mann hatte Staub aufgewirbelt, denn er hatte an einem Aufzug gearbeitet, wahrscheinlich hatte er versucht, etwas zu reparieren. Und das war offenbar nicht vorgesehen.

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende

Am Montag lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle


PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr