Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

  Hamburg hat einen neuen Helden. Ein 42-Jähriger aus Rotherbaum wurde von der Polizei für seine Verdienste im Kampf gegen die Kriminalität ausgezeichnet – eben als "Hamburgs Held". Wie "Bild" berichtet, arbeitete der Mann vormittags zu Hause, als er Geräusche im Treppenhaus hörte. Schuhlos verließ er seine Wohnung und sah drei Frauen, die eben die Tür der Nachbarswohnung aufgebrochen hatten. Die Frauen flohen. Der Rotherbaumer verfolgte sie auf Strümpfen durchs rutschige Treppenhaus, doch nicht er stürzte, sondern eine der Einbrecherinnen, und erst dann stürzte auch er sich auf sie und schrie um Hilfe. Die Frau erlitt einen Knöchelbruch. Nachbarn riefen die Polizei. Und "Bild" zitiert Uwe Rehmke, den Vize-Chef der Soko "Castle", die eigentlich selber gegen Einbrecher in Hamburg kämpfen soll: "Sie haben absolut richtig gehandelt." Und wir alle wissen nun, was von uns erwartet wird.    

Do-it-yourself-Flüchtlingsunterkunft

Hamburg braucht neue Flüchtlingsunterkünfte. Und viele der Geflüchteten, die in der Hansestadt landen, wollen nur zu gerne arbeiten. Was schließt Rot-Grün daraus? Lasst die Leute doch einfach selbst ihre Unterkünfte bauen! Mit dem Projekt "Hilfe zur Selbsthilfe bei der Errichtung von Wohnraum für Geflüchtete", das gestern in der Bürgerschaft abgesegnet wurde, sollen die Geflüchteten helfen, die Wohngebäude zu planen und zu bauen. "Dies bietet ihnen gleichzeitig die Chance, sich fachlich zu qualifizieren und ihre Deutschkenntnisse zu verbessern. Die Menschen können so ihre beruflichen und wohnlichen Perspektiven verbessern", sagte Olaf Duge, wohnungspolitischer Sprecher der Grünen Bürgerschaftsfraktion. Und fügte hinzu: "Wir wollen nicht Fehler der Vergangenheit durch mangelnde Einbindung wiederholen." Eigentlich eine gute Idee. Gibt es doch das Projekt "W.I.R – work and integration for refugees" der Sozialbehörde und der Agentur für Arbeit, das seit Oktober 600 erwerbsfähige Asylsuchende beriet. Das Ergebnis: Die Hälfte von ihnen hatte eine Ausbildung, allerdings konnten nur 60 das auch nachweisen. Doch fast keiner der 600 spricht Deutsch, was auch einer beruflichen Fortbildung erst mal im Wege steht. Hieß es nicht, man wolle die Menschen schneller integrieren?

Deal mit Kiel

Flüchtlinge hätten das anders geplant: Die Erstaufnahmeeinrichtungen in Hamburg sind überlastet, im Nachbarland Schleswig-Holstein stehen 50 Prozent aller Betten leer. Nun haben beide Länder vereinbart, dass so schnell wie möglich 1500 Geflüchtete von Hamburg nach Schleswig-Holstein ziehen sollen. Erst mal für sechs Monate; Hamburg übernimmt die Kosten. 1000 weitere Flüchtlinge sollen nach Niedersachsen verschickt werden. Das Sonderbare an dem Deal mit Kiel: Die Menschen sollen nach Bad Segeberg, obwohl die dortige Erstaufnahmeeinrichtung noch gar nicht betriebsreif ist. Bezahlt die Stadt Hamburg etwa so viel, dass man davon die Gebäude fertig bauen kann? Nein, versichert der Sprecher des Innenministeriums in Schleswig-Holstein Patrick Tiede. Es werde zwar noch über die Kompensation verhandelt, aber da gehe es eher um die Verteilung der laufenden Kosten wie Polizei und Security. Und noch eine Frage: Wieso werden überhaupt neue Unterkünfte gebaut, obwohl jetzt die Hälfte leer steht? "Wir wollen vorbereitet sein, falls es den gleichen Ansturm wie im letzten Jahr gibt", erklärt der Sprecher. So beeindruckend kann Flüchtlingspolitik sein, wenn man genug Platz hat.

Großer Bahnhof für Altona

Die meisten modernen Bahnhöfe sind sich so ähnlich, dass Vielreisende schon mal vergessen, wo sie sich gerade befinden: riesige Gebäude mit viel Glas, Fressbuden und Geschäften (im Werbesprech: Food Court). Dem soll der neue Fernbahnhof in Altona-Nord am Diebsteich in nichts nachstehen. Zur Eröffnung 2023 möge auf dem Gelände ein großes und repräsentatives Empfangsgebäude stehen, mit Empfangshalle, Geschäften und vielleicht einem Hotel. Darauf haben sich jetzt der Senat und die Deutsche Bahn geeinigt. Ursprünglich war seitens der Bahn nur eine schlichte Bahnhofshalle vorgesehen, und schließlich trägt die Stadt nun den größten Anteil der Baukosten in noch unbekannter Höhe (!!!). Aber ein Bahnhof ohne Brimborium, fanden Kritiker, werde dem zweitgrößten Bahnhof Hamburgs nicht gerecht. Hamburgs Oberbaudirektor Jörn Walter sprach gleich von einem "Hundehütten-Komplex". Nein, und da stimmen alle Zugreisenden zu: Man sollte eine Reise mit der Bahn wenigstens stilvoll antreten; im Zug selber erlebt man den Ausnahmezustand schließlich oft genug. Jetzt haben die Hamburger den Salat: im Idealfall nämlich den Leipziger Hauptbahnhof in Klein. Im schlimmsten Fall eine zweite Elbphilharmonie, nur ohne Musik. Aber vielleicht macht man das mit den Bauverträgen ja diesmal geschickter?

Trostlos genug für Beckett?

Zwei Männer, reichlich abgerissene Gestalten, gestrandete Typen, philosophieren zwei Stunden lang über ihr Schicksal: Ihr Kaputtsein und ihre weitgehend unbegründete Hoffnung auf einen Dritten, der sie vielleicht erlösen könnte – das ist "Warten auf Godot", das vielleicht berühmteste Drama nicht nur Samuel Becketts, sondern der klassischen Moderne. In der Regie von Stefan Pucher im Thalia Theater strampeln sich Jens Harzer als Wladimir und Jörg Pohl als Estragon in grellfarbigen Sportklamotten der traurigsten und billigsten Sorte eher tapfer und lebhaft als depressiv an der hoffnungslosen Ausgangslage ab. ZEIT-Autor Jens Jessen war bei der Premiere von "Warten auf Godot" und fragt sich, ob wir trostlos und untröstbar genug für Samuel Beckett sind. Und was eigentlich aus dem absurden Theater der sechziger Jahre wurde. Über die Inszenierung schreibt er in der aktuellen ZEIT:Hamburg: "Puchers Anstrengung, dem absurden Theater realistische Plausibilität zu geben, trägt nicht weit. Der Grund: Becketts Text ist dagegen, er ist zu eigensinnig und zu stark, auch zu poetisch und zu dicht." Die nächsten Aufführungen im Thalia Theater: am Samstag um 20 Uhr und am Sonntag um 17 Uhr.

Mittagstisch

Entspannter Speedlunch

Das beste Wiener Schnitzel der Stadt, keine Frage – aber damit allein ist das Tschebull im Levantehaus noch nicht beschrieben. Die Speisekarte, online einzusehen, vereint gehobene österreichische und internationale Küche (der Chefkoch Alex Tschebull kommt aus der Sternegastronomie); alles frisch, und auch Veganer finden etwas. Eine ausgesucht schöne Weinkarte, ein gut gelaunter, effizienter Service, der auch dem eiligen Gast das Gefühl gibt, nicht abgefüttert zu werden (es gibt einen zweigängigen "Speedlunch" für 22,50 Euro) – so soll Mittagspause sein. Geht natürlich nicht jeden Tag. Zwar gibt es Vorspeisen ab 6,90 Euro und Hauptgänge ab 11,00 Euro, aber da lockt auch anderes, das eben mehr kostet. Und zwar mit Recht!

Gero von Randow


Was geht

Eishockey: Noch nicht genug vom Winter oder keine Zeit für Skiurlaub? Dann ist ein Eishockey-Spiel vielleicht die Lösung. Die Hamburg Freezers spielen gegen die Iserlohn Roosters. Unser Wunsch für den sauerländischen Gegner? Ein bisschen frieren, kein bisschen Freude! Barclaycard Arena, Sylvesterallee 10, 19.30 Uhr 

Ladeneröffnung: Print ist tot, es lebe das "HEFT". So zumindest heißt der Laden, der ab sofort liebevoll gestaltete Independent-Magazine verkauft. Eröffnet wird heute Abend mit Bier und Börek. HEFT, Karolinenstraße 2a (Hinterhof), 20 Uhr 

Metall-Festival:Demon, Bestial Raids und Mountain Witch – die Namen der Bands werden Ihnen nichts sagen, selbst wenn Sie schon mal beim Wacken-Festival waren und irgendwo hinten im Schrank ein Iron-Maiden-Shirt liegen haben. Beim "Hell Over Hammaburg" spielen heute und morgen Heavy-Metal-Bands aus der Underground-Szene. Gäste und Musiker kommen aus der ganzen Welt. Markthalle, Klosterwall 11, ab 17 Uhr 

Was kommt

Kleinkunstfestival: Am Samstag verwandelt sich die Fischauktionshalle in eine riesige Outdoor-Galerie. Bei "Hamburg zeigt Kunst" zeigen Maler, Schauspieler, Musiker, Modedesigner und Schriftsteller dem Publikum, was sie das ganze Jahr so treiben. Und ein Extra-Kinderprogramm gibt es auch. Fischauktionshalle, Große Elbstraße 9, 11 bis 20 Uhr 

Performance: Man tritt wohl niemandem auf die Füße, wenn man sagt, Judas sei nicht die beliebteste Figur der Geschichte. Walter Jens schreibt in "Ich, Judas": "Judas ist nichts ohne Jesus ... Aber Jesus ist auch nichts ohne Judas." Ben Becker spielt den Judas und kämpft in einem Monolog für eine differenzierte Wahrnehmung des Jüngers. Musikalisch unterlegt wird das Ganze mit dem Orgelspiel von Domorganist Andreas Sieling. Am Samstag in der Hauptkirche St. Michaelis, Englische Planke 1, 19.30 Uhr

Konzert: Romano kann sich nicht entscheiden, er mag Schlager und Rapmusik gleich viel. Also macht der Musiker einfach beides. Sein letztes Album "Jenseits von Köpenick" ist dem Genre Hip-Hop zuzuordnen. Zum Konzert sollte man aber vor allem, weil der Typ mit den langen geflochtenen Zöpfen und der verstörenden Ähnlichkeit mit Wladimir Putin einfach ein Original ist. Am Samstag im Mojo, Reeperbahn 1, 20 Uhr 

Diskussion: Im Gespräch mit ZEIT-Herausgeber Josef Joffe geht der große Schauspieler Mario Adorf auf eine Tour d’Horizon, die über seine Engagements auf Bühne und Leinwand hinausgeht. Adorf ist stets auch ein wacher Beobachter seiner Zeit, der mit klarer Haltung die Zeitläufte betrachtet. Hamburger Kammerspiele, Hartungstraße 9–11, am Sonntag den 13. März um 11 Uhr. Wir verlosen unter unseren Lesern dreimal zwei Karten für die Veranstaltung. Schreiben Sie einfach bis morgen eine E-Mail an elbvertiefung@zeit.de 

Hamburger Schnack

Ein Junge im Kindergartenalter zu seiner Oma im Zug: "Ich glaub, die Elbe ist länger als das größte Hochhaus hoch. Wenn man das Hochhaus in die Elbe legen würde, würde man sehen, wie lang die Elbe wirklich ist."

Gehört von Leonie Kühr


© Monika Lutz

Meine Stadt

"Am S-Bahnhof Halstenbek entdeckt – toll, was man nach dem Aussteigen noch mit der Fahrkarte machen kann. Oder stammt das vielleicht aus der Werbeabteilung des HVV?"


CDU-Fraktionschef André Trepoll will Hamburg weiter zur kinderfreundlichsten Stadt Deutschlands machen. Und nun verkündete die CDU-Spitze, sie wolle das Ehegattensplitting zugunsten von Familien mit Kindern einschränken. Das klingt gut. Außerdem möchte die CDU bei der Steuer den Grundfreibetrag für Kinder auf Erwachsenenniveau anheben und die Beiträge für die Pflegeversicherung nach Anzahl der Kinder staffeln. Auch das klingt gut, wobei es intelligent wäre, darauf zu achten, dass Kinder von den finanziellen Vorteilen auch tatsächlich profitieren, und sei es durch Bildung. Last not least: Der CDU schwebt ein Ideenwettbewerb vor, an dem sich alle beteiligen können, denn Familien wüssten besser als Politiker (ich wusste es: die haben keine Kinder), wo Verbesserungen nötig seien.

Oh ja, da fiele uns ad hoc der Punkt ein, dass immer pünktlich zu den Schulferien, und nur dann können Familien verreisen, Flug- und Hotelpreise horrende Höhen erklimmen. Was nichts anderes als Wucher ist, und wenn die neue Familienpartei CDU sowieso dabei ist alles zu reformieren, dann…

Ach so, nein: Die Änderungen einführen – oder das, was vielleicht davon übrig bleibt – will die CDU erst "mit einer großen Steuerreform nach der Bundestagswahl 2017".

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende

Am Montag lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle


PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr