Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

auf vielfachen Wunsch, Sie werden es unten sehen, verwenden wir in diesem Letter das Wort "Elbphi" nicht. Zumindest nicht in dieser Ausgabe. Wohl aber den Begriff "Elbvieh". Denn schließlich geben wir manchmal ungefragt Tipps, wie sich Hamburg in einen weit über Pinneberg und Berlin hinaus bekannten Ausflugsort verwandeln lässt, ohne jedes Mal gleich ein Schiff auf Grund zu setzen. Dem Westküstenpark in Sankt Peter-Ording ist in dieser Hinsicht ein großer Wurf gelungen, nämlich die Nachzüchtung historischer französischer Alpenschafe der nahezu ausgestorbenen Rasse "Thônes et Marthod". Man darf annehmen, dass Tagestouristen deshalb – Ostern steht vor der Tür! – nun verstärkt den Park mit den putzigen Lämmern ansteuern werden, statt nachzusehen, was in Hamburg so auf der Elbe aufläuft (oder eben nicht). Und natürlich wäre es schick, wenn Hamburg nun seinerseits einen Trumpf aus dem Ärmel ziehen könnte, einen größeren: die Nachzucht eines Tieres, das bereits völlig ausgestorben ist. Ein Mammut? Zu groß. Eine rotbäuchige Schmalbeutelratte? Zu wenig kuschelig. Aber vielleicht das hier: Der sardische Pfeifhase, ausgestorben 1800, ein netter schnuppeliger großer Hase ohne Schwanz, der laut Zeichnungen so ähnlich aussieht wie diese schwanzlosen hasenartigen Tiere, die im Tierpark Hagenbeck überall frei herumlaufen. Weswegen man, wenn man skrupellos genug wäre, auch eins von denen nehmen, umtaufen und rechtzeitig vor Ostern (!) der staunenden Öffentlichkeit als sensationelle Hamburger Wiederzüchtung präsentieren könnte. Und natürlich müsste man dieser Hamburger Unterart einen passenden Namen verpassen – nämlich, genau: Elbvieh.

Wohnungen statt Messe?

Während die Volksinitiative gegen Großsiedlungen zuletzt in nur fünf Tagen 26.000 Unterschriften sammelte, denken Hamburger Architekten in Sachen Flüchtlingsunterbringung ganz andere Wege: Nach einem dreitägigen Workshop schlugen sie vor, neue Stadtteile zu bauen. Nicht nur am Hafen und auf dem Kleinen Grasbrook, wo ursprünglich das Olympia-Zentrum entstehen sollte, sondern auch auf dem bisherigen Messegelände. Klingt erst mal irre –  oder? Wir haben bei Berthold Eckebrecht nachgefragt, Landschaftsarchitekt und Vizepräsident der Hamburger Architektenkammer.

Herr Eckebrecht, Sie wollen unter anderem das Messegelände mit Wohnungen zubauen. Klingt, gelinde gesagt, nach einer ziemlich großen Veränderung.

Unsere Vorschläge sind nicht als kurzfristige Lösungen für die Erst- oder Folgeunterbringung gedacht. Sie könnten aber in einigen Jahren relevant werden. Wenn die Zahl der zuziehenden Flüchtlinge in etwa konstant bleibt, wird es nach unseren Annahmen in zwei bis drei Jahren kaum mehr Spielraum für Wohnflächen geben. Wir glauben daher, dass es wichtig ist, jetzt über die Folgejahre nachzudenken. Dabei müssen viele Flächen unvoreingenommen in Betracht gezogen werden.

Es würde noch enger werden in der Stadt. Wie viel Erholungsraum bleibt da für die Bewohner noch übrig?

Wenn sich Städte verändern, tut das immer auch weh. Dieses Verlustempfinden muss ernst genommen werden. Deshalb muss auch überlegt werden, wie auch ein Vorteil entstehen kann; unter anderem sollte die Nutzung des öffentlichen Raums neu verhandelt werden. Wenn mehr Wohnungen gebaut werden und die Stadt dichter wird, muss der Raum für Freizeit und Aufenthalt dennoch gegeben sein. In Form von Grünflächen, Plätzen, aber auch breiten Bürgersteigen. Das zu ermöglichen heißt wiederum, über andere Veränderungen nachzudenken, etwa über weniger Parkplätze. Dass so viel Blech in den Straßen rumsteht, muss nicht sein.

Die Freiheit nehm ich dir

Ist es zu viel der Bevormundung, wenn Flüchtlinge statt Taschengeld direkt ein paar vorher festgelegte Produkte und Leistungen bekommen? In Baden-Württemberg wird das Taschengeld für Flüchtlinge ab Sommer nur noch auf Geldkarten gebucht; so entfalle der Anreiz, wegen Bargelds nach Deutschland zu fliehen, trotzdem könnten die Menschen ihren persönlichen Bedarf decken, sagt Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). Katharina Fegebank, Grüne und Zweite Bürgermeisterin, hat sich jetzt noch einmal gegen dieses Sachleistungsprinzip ausgesprochen: "Wenn eine Geldkarte dazu dient, die Verwendung des Geldes auf wenige Konsumgüter einzuschränken, bin ich damit nicht einverstanden." Kretschmanns Vorstoß hat einige Kritiker auf den Plan gerufen, die in dem Konzept eine Bevormundung sehen, andere haben Angst vor dem Verwaltungsaufwand. 

Aussortieren statt Fördern  

Seit fünf Jahren gibt es in Hamburg als zweite weiterführende Schulform neben dem Gymnasium die Stadtteilschule. Im Februar zeigten zurückgehende Anmeldezahlen, dass dieses Schulmodell, das Hauptschule, Realschule und Gesamtschule zusammenführt, bei den Eltern doch nicht so gut ankommt. Und jetzt wissen wir auch, dank einer kleinen Anfrage der fraktionslosen (ehemals linken) Abgeordneten Dora Heyenn, dass etwa ein Fünftel der Schüler zwischen den Klassen 5 und 10 das Gymnasium wieder verlassen und doch auf eine Stadtteilschule gehen. Korrekturen einer zu ehrgeizigen Schulwahl, könnte man meinen. Allerdings: "Laut Schulgesetz darf nach Ende der 6. Klasse gar nicht mehr gewechselt werden", sagt Heyenn. "Hier wird das Elternwahlrecht nicht wahrgenommen." Schülern und Eltern würde von den Lehrern häufig nahegelegt, dass sie nicht am richtigen Ort seien. "Dabei müssten Gymnasien genauso wie Stadtteilschulen mit Schwierigkeiten bei Schülern umgehen, statt einfach abzuschulen", sagt Heyenn. Doch statt zu fördern, sortiere man aus: "Und das bedeutet Stress – der Schulformwechsel ist für einen Schüler eine der schädlichsten Maßnahmen im Schulwesen." Heyenns Anfrage zeigt auch, wie sehr es offenbar vom sozialen Umfeld abhängt, ob ein Gymnasiast wechselt oder doch "durchgeschleppt" wird: Bei Gymnasien mit sogenannter "bevorzugter sozialer Lage der Schülerschaft" schaffen es etwa 90 Prozent der Schüler bis zur 10. Klasse. Bei Jugendlichen aus Gymnasien in einer sozial belasteten Umgebung nur etwa die Hälfte.

Elbphilharmonie nur vier Meter hoch!

Mit dem Tourismus ist das in Hamburg ja so eine Sache. Das liegt nicht daran, dass wir uns regelmäßig über die Besuchermassen am Michel aufregen. (Außer natürlich über Ben Becker. Der ist eigentlich Berliner, aber wir verstehen, wenn er von dort wegwill – besonders wenn er so brilliert wie am Freitag in seinem Solostück "Ich, Judas".) Es liegt eher daran, dass das, was in Hamburg touristisch am erfolgreichsten ist, auch immer eine Kehrseite hat: Bei der Internationalen Tourismusmesse in – zugegeben: Berlin rührt Hamburg ab Mittwoch die Werbetrommel. Zum einen für den Hamburger Kreuzfahrttourismus. Der boomt, belastet aber die Umwelt. Zum anderen bewerben die Touristiker auf der ITB auch zum ersten Mal die Elbphilharmonie. Die sieht zwar schick aus, aber… Sie wissen schon. Für die ITB wurde eigens ein vier Meter hohes Modell des neuen Hamburger Wahrzeichens konstruiert, das auf einer Seite die gläserne Fassade und auf der anderen einen offenen Querschnitt durch das Gebäude zeigt. "Die Elbphilharmonie wird durch das Modell sichtbar, multimedial erlebbar – und erfahrbar", sagte ein Sprecher von Hamburg Tourismus. Hat man eine Minischienenbahn eingebaut, auf der Berliner mit eingezogenem Kopf eine Runde durch das Modell drehen dürfen? Für die weltweite Werbekampagne für die Elbphilharmonie sieht die Stadt insgesamt ein Budget von beachtlichen zehn Millionen Euro vor. Wenn das nicht gesprengt wird, wovon wir aber ausgehen können, bleibt vorerst nur noch die Frage: Ist das Modell der Elbphilharmonie eigentlich schon fertig?

Nichts für Zahnärzte

Kennen Sie das? Man schlendert an einem Sonntag durch die Stadt und bleibt am Schaufenster einer Galerie hängen. Meist sieht man dann irgendwas Abstraktes. Große Formen, häufig Blumen. Ganz nett, ist der erste Gedanke. Ein bisschen zu gefällig, der zweite. Und außerdem hängt das schon beim eigenen Zahnarzt /Anwalt/Therapeuten im Wartezimmer. Bei Menschen also, deren Hauptberuf es ist, ihre Klientel zu beruhigen, statt sie mit interessant Gewagtem zu verstören. Sehr selten bleibt man jedoch hängen bei einer Galerie, und der erste Gedanke ist: Wow! Der zweite – auch. So geht es einem mit den Malereien von Philipp Kummer. Kummer ist Jahrgang 1979, freier Künstler, jung und wild im besten Sinne: Er schraubt auf seinen Bildern Köpfe in Einweckgläser, malt nackte Frauen in Hängematten vor grün-rosa-weißem Blumen-Dschungeldickicht. Köpft eine Eisbärenfigur, rotes Blut auf weißem Fell. Wie abgefahren, ist der erste Gedanke. Dann merkt man, dass das gemarterte Raubtier irgendwas in einem auslöst. Was? Darüber sollte man vielleicht mal mit seinem Therapeuten sprechen.

"It’s a jungle out there: Philipp Kummer." Noch bis zum 15. März in der Galerie Reinhardt & Partner, Hongkongstraße 3.

Mittagstisch 

   

Zu Besuch im Kaffeehaus

   

Ein Restaurant mit koscheren Speisen sucht man in Hamburg vergeblich. Auf die jüdische Küche muss derweil nicht verzichtet werden: Im Café Leonar im Grindel, Hamburgs ehemaligem Jüdischen Viertel, kann man mittags Borschtsch oder Hühnerbouillon schlürfen (beides für 6 Euro). Neben einer Karte mit Klassikern aus aller Welt gibt es eine wöchentlich wechselnde Mittagskarte mit fünf Speisen zwischen 5,80 Euro und 8,90 Euro. Es ist gemütlich in dem Café, das 2008 eröffnete und an die Tradition des alten Kaffeehauses anschließen will, in das man nicht nur zum Essen hineinhuschte, sondern sich aufhielt, debattierte und las. Diesem Anspruch wird das Leonar gerecht: Nach dem äußerst leckeren gebratenen Kabeljaufilet mit Meerrettichsauce auf Estragon-Gurken und Kartoffelpüree (8,90 Euro) sinkt man tief in das weiche Sofa, Bücher und Zeitungen locken in den Regalen zur Lektüre. Die überaus nette Bedienung empfiehlt den hausgemachten jüdischen Apfelkuchen und Kaffee. Kurz ist man geneigt zu verweilen – gibt es denn nicht am Abend sogar eine Lesung? Dann eilt man mit einem Seufzer zurück an den Schreibtisch. Café Leonar; Grindelhof 59; Mittagstisch montags bis freitags von 12 bis 15 Uhr

Elisabeth Knoblauch

 

                 

Was geht

Natursehnsucht: Volker Koepp erzählt in seinem Film "Landstück" über Menschen, die lieber auf dem Land als in der Stadt leben – von Bienen und Blumen, von Sorgen und Nöten. Metropolis, Kleine Theaterstraße 10, 21.15 Uhr

Pop: Hoch die Tatzen! Die Jungs von Boy & Bear bringen ihren eingängigen Folk-Rock den langen Weg von Australien nach Hamburg. Uebel & Gefährlich, Feldstraße 66, 21 Uhr

Entspannen: Atemlos durch die Nacht? Keineswegs. Bei den "Meditationsabenden in Sasel" lernen Teilnehmer, wie sie Ruhe in den Alltag bringen. Sasel Haus, Saseler Parkweg 3, 20.15 Uhr

Was kommt

Kino: Wer noch immer nicht so ganz verstanden hat, worum es in der Finanzkrise eigentlich ging, kann unterhaltsamen Nachhilfeunterricht nehmen: Die Bankersatire "The Big Short" war in diesem Jahr bei der Oscar-Verleihung als "Bester Film" nominiert – und hätte den Sieg absolut verdient gehabt. Am besten entfaltet sich ihr Humor im amerikanischen Original, zum Beispiel am Dienstag im Abaton, Allende-Platz 3, 22.15 Uhr

Deutschpop:  Ist das alles nur geklaut? Und Küssen etwa verboten? Jetzt haben Sie gleich zwei Ohrwürmer – und bestimmt jede Menge nostalgische Erinnerungen. Bereits seit 25 Jahren gibt es Die Prinzen, zum Jubiläum spielen sie am Dienstag auch in Hamburg. Congress Center Hamburg, Am Dammtor/ Marseiller Straße, 20 Uhr

Kinder: "Dumbo, Knut, Balu! Essen ist fertig!": In der Ferienaktion "Kleiner Tierpfleger" lernen Kids zwischen sechs und zwölf Jahren am Mittwoch alles über einen spannenden Beruf. Tierpark Hagenbeck, Lokstedter Grenzstraße 2, 12 Uhr

Meine Stadt

»Im umgebauten Bahnhof Altona ist jetzt Sparen angesagt – oder die neue Form des bargeldlosen Geldabhebens« © Heiko Sievert

Die Wahrheit liegt auf dem Platz

Erik Hauth, bloggt auf ZEIT ONLINE über den FC St. Pauli

Zum Abschluss der englischen Woche wirkt der FC St. Pauli auswärts gegen den FC Heidenheim erschöpft. In einem unansehnlichen Rumpelkick reicht den abwartenden Heidenheimern ein Torwartfehler von Robin Himmelmann und ein Bilderbuchkonter zum letztlich verdienten 2:0-Heimsieg. Der FC St. Pauli verabschiedet sich damit mit einer müden Vorstellung aus dem Aufstiegsrennen.

Aimen Abdulaziz-Said, schreibt bei ZEIT ONLINE die HSV-Kolumne

Der HSV hat am Sonntag einen großen Schritt in Richtung Klassenerhalt gemacht. Gegen harmlose Berliner gewannen die Hamburger am Ende verdient mit 2:0. Nicolai Müller erzielte beide Treffer. In der Tabelle kletterte der HSV auf den zehnten Platz, damit liegt er nun sieben Punkte vor den Abstiegsrängen. Am nächsten Sonntag treffen die Hamburger auf Bayer Leverkusen.

Unsere Helden des Wochenendes (neben Ben Becker, Sie wissen): Zwei willensstarke Supermarktkassiererinnen aus Osdorf. Kassiererin Nummer eins wurde gegen neun Uhr abends von einem Mann mit einer Glasflasche bedroht – gab ihm aber keinen Cent aus der Supermarktkasse. Der Mann floh. Kassiererin Nummer zwei wurde in einem anderen Supermarkt von einem Mann mit einem Messer bedroht. Und reagierte einfach nicht auf dessen Forderung nach Barem. Der Mann floh, vermutlich, um einen männlichen Kassierer zu suchen. Ob in Osdorf alle Frauen so sind? Vielleicht. Ob die Barschaft in der Kasse das wert war? Eher nicht. Vielleicht wollten die Damen aber auch einfach ein Zeichen setzen angesichts des nahenden Weltfrauentags am 8. März.

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die Woche – lassen Sie es sich gut gehen.

Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle


PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr