Laut aktueller Kriminalitätsstatistik ist die Anzahl der Wohnungseinbrüche in Hamburg stark angestiegen. © Patrick Seeger/dpa
Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

endlich unbesorgt einkaufen! Ein Supermarkt in der Innenstadt macht etwas ganz Revolutionäres: Er bietet Desinfektionstücher an, mit denen man den Griff seines Einkaufswagens vor Gebrauch abwischen kann. Ob es das bald auch in der U-Bahn gibt, damit das allgegenwärtige Sichdrücken vor dem mutmaßlich kontaminierten Türknopf endlich aufhört?

Obwohl, der neue Hochbahn-Chef Henrik Falk ist ein Mann des Digitalen. Wenn jemand wie er Desinfektionstücher einführt, dann vermutlich in Form einer App.

Noch etwas. Sollten Sie Schnack gehört haben, der sich für die Rubrik unten eignet: Das ist Ihre Chance! Mailen Sie uns ...

Gefühlte Sicherheit

Eigentlich sieht die Hamburger Kriminalstatistik, die gestern nun auch offiziell präsentiert wurde, nicht so schlecht aus: Weniger angezeigte Körperverletzungen, weniger Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, stabile Zahlen bei Raub und Taschendiebstahl. Gestiegen ist die Zahl der Morde, auf 17 insgesamt, und stark gestiegen die der Wohnungseinbrüche, ein Trend, der sich auch anderswo zeigt. Sicherheit aber bleibt ein schwieriges Thema. Weil es nicht nur darum geht, wie sicher man ist, sondern auch darum, wie sicher man sich fühlt weshalb man derzeit wieder von Bürgerwehren hört, in denen sich Menschen zusammenschließen, um ihre Nachbarschaften sicherer zu machen. Am Samstag gab es in einer Kneipe in Wilhelmsburg einen leichten Zusammenstoß zwischen Linksautonomen und der "Bürgerwehr Hamburg", die auf Facebook auch rechtes Gedankengut geteilt haben soll. Zeit für ein Gespräch mit Nils Zurawski, der an der Uni Hamburg Kriminologie und Soziologie lehrt.

Herr Zurawski, wann bilden sich Bürgerwehren?

Immer wenn dieses Thema wieder hochkocht, herrscht gerade eine angstvolle Stimmung. Da vermischen sich die Sorge um die eigene Familie, das Haus und den Hund mit Angst vor Überfremdung und unkontrollierbaren Situationen. Und dann entsteht, besonders am rechten Rand, schnell so eine Art "Heimatschutz"-Gedanke.

Warum besonders am rechten Rand?

Bürgerwehren haben in Deutschland einen sehr schlechten Ruf. Wir sind da gedanklich sehr schnell bei der Gestapo, der Stasi, dem Blockwart und willkürlicher Privatjustiz. In England ist das zum Beispiel anders. Da gibt es Dörfer und Städte, in denen hängen stolze Hinweisschilder auf die "Neighbourhood Watch". So eine Begeisterung fehlt in Deutschland, nicht einmal sehr Konservative wollen eine Bürgerwehr. Zumal die Polizei hier gut akzeptiert wird.

Die englische Polizei arbeitet sogar mit den "Neighbourhood Watches" zusammen ...

Die deutsche Polizei hat eigentlich keine Lust auf Bürgerwehren, weil die in einer rechtlichen Grauzone agieren – von der politischen Gesinnung mal ganz abgesehen. Außerdem sind solche Gruppen oft nicht besonders langlebig und zuverlässig. Man muss sich schon gut organisieren, um jede Nacht durch ein Viertel zu patrouillieren. Das hat sich meist schnell totgelaufen. 

Beim Sicherheitsgefühl scheint es unterschiedliche Ansichten zu geben. Angesichts der aktuellen Kriminalitätsstatistik sprach die Hamburger CDU von einem "verheerenden Bild" der Sicherheitslage ...

Es gehört ins kleine Einmaleins für die Opposition, die Arbeit der Regierung so schlecht wie möglich darzustellen. Aber die Stabilität der Sicherheitslage infrage zu stellen ist grotesk. Sicher, es gibt mehr Einbrüche, das ist nicht schön. Aber das bedeutet noch nicht, dass Hamburg eine unsichere Stadt ist.

Man darf nicht vergessen, trotz aller Debatten: Wir leben in einem ganz schön sicheren Land.

Hier geblieben!

Albanien ist klein. Eigentlich erstaunlich, dass aus diesem so kleinen Land eine der größten Flüchtlingsgruppen kommt, die es im Jahr 2015 nach Deutschland zog: 55.000 Menschen suchten hier Asyl. Und über sie wird heftig diskutiert: Weil Albanien als sicher gilt, auch wenn das Land sehr arm ist und die Perspektiven für die Bevölkerung oft schlecht sind. Und weil es für alle Seiten schwierig ist, wenn Albaner ihrem Land den Rücken kehren: Es  kostet sie Zeit, Energie und Geld, um nach Deutschland zu kommen und festzustellen, dass sie hier nur in den seltensten Fällen aufgenommen werden. Und Deutschland kostet es Zeit, Energie und Geld, die Menschen zurückzuschicken. Einer, der die Albaner bewegen könnte, in ihrer Heimat zu bleiben, ist der Anwalt Klajd Karameta. Karameta hat selbst in Hamburg Jura studiert und ist vor sieben Jahren nach Albanien zurückgegangen. In Tirana leitet er die erste Kanzlei Albaniens, die ausländische Unternehmen bei der Ansiedlung berät. Wenn Bekannte ihn fragen, wie man am besten nach Deutschland kommt, sagt er: "Lasst es bleiben. Helft eurem Land lieber hier!" Wie Karameta seine Heimat attraktiver macht und welche deutschen Unternehmen sich dort schon engagieren, lesen Sie in Felix Lills Reportage in der aktuellen ZEIT:Hamburg.

Spielplatz für Luftikusse

Beeindruckend, was da gestern von Bürgermeister Olaf Scholz auf Finkenwerder eröffnet wurde: das Zentrum für Angewandte Luftfahrtforschung, kurz ZAL, 26.000 Quadratmeter groß, rund 100 Millionen Euro teuer und mit 600 neuen Arbeitsplätzen. Hier sollen in Zukunft Wissenschaftler der Hamburger Hochschulen und Forscher vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, von Airbus und Lufthansa in enger Zusammenarbeit neue Lösungen entwickeln. Ah, Aerodynamik, Papier als Baustoff und so weiter? Nein. Im ZAL geht es nicht um Grundlagenforschung, sondern um ganz konkrete Fragen. Etwa so was: Wie macht man Flugzeuge leiser? Wie lassen sich Toiletten optimieren? Wie viele neue Sitze passen in ein Flugzeugmodell, und sicher auch: Wie stark darf man den Durchschnittsmenschen quetschen, der als Maßstab dient? "Das ZAL ist ein wegweisendes Beispiel, wie sich eine Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Wissenschaft nachhaltig und erfolgreich gestalten lässt", so Olaf Scholz. Einen offenbar faszinierenden Rundgang haben die Kollegen vom "Hamburger Abendblatt" bereits gemacht, hier  schreiben sie von einer der größten Akustikkammern Europas, von 3-D-Räumen, die James Bonds "Q" wahrscheinlich vor Neid erblassen ließen, und von Robotern, die Arbeitern unter die Arme greifen können, wenn sie etwas über Kopf montieren müssen – aber das kitzelt doch ...

Oscar sei Dank

Eigentlich war der Film "Spotlight" schon dabei, sich aus den Hamburger Kinos zu verabschieden. Doch mit dem Oscar für den besten Film des Jahres hat sich alles geändert, auch der Geschmack des Hamburger Kinopublikums – zum Glück: Jetzt kommt der Streifen wieder. Worum es in dem Film geht? Um das Investigativteam der Zeitung "Boston Globe", das recherchiert, wie die katholische Kirche systematisch Missbrauch vertuscht. Warum man das sehen will? Weil der Film zeigt, wie Tabus eine Gesellschaft prägen. Dass es oft einen Außenseiter braucht, um das Offensichtliche anzusprechen. Und weil Mark Ruffalo und Michael Keaton so brillant die fassungslosen Journalisten spielen, die merken, welches Ausmaß dieser Skandal hat. Was man aus diesem Film für sich mitnehmen kann? Man vergisst zu leicht und zu schnell, dass es so etwas wie institutionalisierten Machtmissbrauch gibt – vermutlich auch in anderen Bereichen. 

Mittagstisch

   

Tränen in der "SuppenNudel"

   

"Je mehr Hamburger Schietwetter, desto exotischer wird’s", behauptet das Restaurant "Die SuppenNudel" auf seiner Karte. Die kulinarische Mischung in dem Winterhuder Lokal stimmt auf jeden Fall: Mittags gibt es mediterrane Kost, feurig-asiatische Gerichte und Klassiker wie Grünkohl. Legendär ist auch das Chili con Carne XL für 5,90 Euro. Selber nachwürzen gehört hier zum guten Ton: Die "Mexican Tears" treiben einem scharfe Tränen in die Augen. Wer es milder mag, der wählt Pasta mit Parmesan – den das Serviceteam frisch aus einem großen Käselaib hobelt. Neben dem täglich wechselnden Mittagstisch (6,50 Euro bis 8 Euro) gibt es Suppen, Salate und Ofenkartoffeln. Die Tomaten-Orangen-Suppe zum Beispiel ist superlecker, ebenso der "Extra-Salat" mit Bio-Ei, Thunfisch, Parmesan und Sour Cream. Wegen der großen Auswahl und des sympathischen Lächelns der Servicekräfte ist das kleine Restaurant immer gut besucht. In der Regel findet man (zumindest zu zweit) trotzdem einen Sitzplatz. Mühlenkamp 18, Montag bis Freitag von 11 Uhr bis 18 Uhr, samstags von 11 Uhr bis 16 Uhr.

Elmar Stein

 


Was geht

Pop: Boyce Avenue sind auf YouTube mit Akustikversionen von Popsongs berühmt geworden. Jetzt touren sie in eigener Sache. Docks, Spielbudenplatz 19, 20 Uhr

Lesung: Vom zeitlosen Wunsch nach Unsterblichkeit handelt Thea Dorns Roman "Die Unglückseligen", in dem eine Molekularmedizinerin nach der Ewigkeit forscht. Literaturhaus, Schwanenwik 38, 19.30 Uhr

Theater: Ausgebeutete Armut, Sarkasmus und Musik – Brecht wusste, wie man einen Klassiker schreibt. Die "Dreigroschenoper", inszeniert von Antú Romero Nunes, im Thalia Theater, Alstertor 1, 19.30 Uhr

Meine Stadt

»Blick auf die Alster« – hat ein bisschen was von Gursky © Ole Flakus

Hamburger Schnack

   

Ein junger Mann setzt sich in der U2 zu einer jungen Frau. Man kennt sich und spricht über dies und das. Dann sie: "Wo arbeitest du denn jetzt?" Er: "Bei Blohm + Voss." Sie: "Ach, verkaufst du Blumen?"

Gehört von Jutta Hoffmann

 


Wir lieben unsere Leser. Dass gestern unsere beiden Fußballstars die Plätze tauschten und Aimen Abdulaziz-Said über den FC St. Pauli schrieb, während sich Erik Hauth dem HSV widmete, wurde zwar rege registriert und als netter Feldversuch eingeordnet: "Toll, dass bei Ihnen die Kollegen mal über dem Tellerrand hinausschauen dürfen." – "Cooler Wechsel; ich hätte nur die Fotos angepasst, damit man es leichter merkt." – "Dürfen die Fotokollegin und der Meteorologe auch mal?"

Niemand, aber wirklich niemand beschwerte sich geradeheraus über das Offensichtliche, dass nämlich aufgrund eines technischen Fehlers die beiden Texte einfach vertauscht worden waren. Sorry, auch an Aimen und Erik – und danke an Sie!   

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, worüber wir unbedingt berichten sollten? Oder haben Sie ein Emoticon für uns entworfen? Schreiben Sie uns:elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.

Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle


PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unterwww.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr