Der S-Bahnhof Hamburg-Eidelstedt – bald Ausgangspunkt eines aufgewerteten Stadtteils? © Ulrich Perrey/ dpa
Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

aus dem unterfränkischen Landkreis Rhön-Grabfeld erreicht uns die Nachricht, dass die Mittelschule Mellrichstadt vorerst nicht in Udo-Lindenberg-Schule umbenannt wird. Eigentlich hatte man die auch von Flüchtlingskindern besuchte Inklusionsschule in der kommenden Woche nach dem 69-jährigen Panikrocker taufen wollen, er macht sich seit 40 Jahren stark für die Rechte von Minderheiten, für Frieden, Menschlichkeit und einen respektvollen Umgang in einer bunten Republik Deutschland.

Doch die Umbenennung wurde nun auf Eis gelegt, sagte Schulleiter Egon Bauß, weil die Staatsanwaltschaft Hamburg Anklage gegen den Rockmusiker erhoben habe. Bei dem war im Jahr 2014 auf dem Hamburger Flughafen ein Kleinkaliberrevolver im Handgepäck entdeckt worden. Udo Lindenberg werde unerlaubter Besitz einer Schusswaffe samt Munition vorgeworfen, war seitens der Staatsanwaltschaft zu hören, es sei aber noch nicht entschieden worden, die Sache zur Hauptverhandlung zuzulassen.

Ob es doch noch mit der Umbenennung klappe, so Schulleiter Bauß, selbst ein Lindenberg-Fan, das hänge nun vom Ausgang des Verfahrens ab.

"Wir suchen nach den besten Gesetzen der Welt"

Die Zukunft der Erde sichern und sie zu einem gerechteren Ort machen, voll Gewaltfreiheit, Nachhaltigkeit und Respekt – Jakob von Uexküll, 71, der Gründer des "Alternativen Nobelpreises", hat sich noch nie mit kleinen Themen aufgehalten. Vor knapp zwölf Jahren schuf er mit einer Anschubfinanzierung der Stadt Hamburg und Spenden des Unternehmers Michael Otto den Weltzukunftsrat (World Future Council). Am Wochenende tagte der Rat wieder.

Herr von Uexküll, Zukunftsgerechtigkeit ist dem Weltzukunftsrat sehr wichtig. Sie haben in Wales daran mitgewirkt, dafür einen Ombudsmann einzuführen, und Sie sind drauf und dran, einen UN-Hochkommissar für die Rechte zukünftiger Generationen zu etablieren. Wieso konzentrieren Sie sich in Ihrer Arbeit so stark darauf, die Gesetzgebung zu beeinflussen?

Gesetze sind der schnellste Weg, um Veränderung herbeizuführen. Sie sind nachhaltig. Ein Gesetz gibt Menschen Rechte, auf die sie pochen können. Man ist kein Bittsteller, wenn man es einfordert. Deshalb ändern Gesetze viel mehr als freiwillige Abkommen oder Hilfsprojekte. Bei denen geht der Regierung oder den Spendern das Geld aus, und schon war es das.

Und wie entscheiden Sie, welche Gesetze Sie anstreben?

In dem Fall haben nicht wir, sondern hat die Welt das schon entschieden. Bei der UN-Versammlung in Johannesburg wurden Kriterien für zukunftsgerechte Gesetzgebung verabschiedet. Die wenden wir nur an. Wie immer: Wir suchen beständig nach den wirkungsvollsten integrierten Gesetzen, die es auf der Welt schon gibt. Und dann helfen wir, sie zu verbreiten. Im Jahr 2009 hat etwa die brasilianische Stadt Belo Horizonte unseren Future Policy Award gewonnen, weil der Bürgermeister dort ein innovatives Paket an Maßnahmen und Gesetzen zur Nahrungssicherheit etabliert hat. Die Grundidee: Jeder Einwohner hat das Recht auf eine gesunde Mahlzeit am Tag. Um das zu gewährleisten, werden zum Beispiel sowohl die Produktion als auch der Verkauf von gesundem Essen bezuschusst. Und damit ist die Kindersterblichkeit um 60 Prozent gesunken.

Und dieses sehr sinnvolle Gesetz wird nun auch anderswo etabliert?

Genau. Bürgermeister aus Namibia hatten Interesse an dem Projekt. Namibia leidet stark an den Folgen des Klimawandels, wegen der Dürre ziehen immer mehr Menschen vom Land in die Städte, große Slums mit großem Hunger entstehen. Um den Bürgermeistern zu helfen, haben wir zunächst 50 von ihnen nach Belo Horizonte geflogen und ihnen gezeigt, wie das Gesetz dort funktioniert. Dann wurden die brasilianischen Experten nach Namibia gebracht. Dort hat man daran gearbeitet, das Gesetz vor Ort zu verankern. Denn Gesetze müssen zur Kultur passen, sie lassen sich nicht einfach überstülpen.

Gibt es denn auch Gesetze, die für Hamburg interessant wären?

Natürlich! Zum Beispiel haben wir ein umfassendes Gesetz zur Umwelterziehung in den USA, in Maryland, entdeckt. Dort ist ökologische Grunderziehung verpflichtend. Jedes Kind sollte dieses Wissen haben, damit es später verantwortungsbewusster Ingenieur oder Banker werden kann. Das möchten wir gerne in Hamburg umsetzen – und sind nun in den ersten Gesprächen.

Wie viel Herz für Eidelstedt?


"Rahmenprogramm Integrierte Stadtteilentwicklung", kurz RISE (sprechen Sie das mal auf Englisch aus, und denken Sie an die Übersetzung) heißt das Programm, das greifen soll, wenn die Stadt sich um einen Stadtteil sorgt – zum Beispiel weil dort immer mehr Läden leer stehen, nur noch Billiggeschäfte eröffnen und nach Ladenschluss kein Leben mehr stattfindet. Nun will man im Zentrum Eidelstedts investieren: Der Wochenmarkt soll entwickelt, das Bürgerhaus als Treffpunkt gestärkt, Grünflächen und Spielplätze sollen "aufgewertet" werden. Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt (SPD) forderte die Eidelstedter gestern bei der Präsentation der Pläne auf, sich mit Vorschlägen und Initiativen zu beteiligen. Künftig soll auch Harburg von RISE profitieren. Heike Sudmann, stadtentwicklungspolitische Sprecherin der Linken, begrüßte das alles, kritisierte aber gleichzeitig, RISE sei in letzter Zeit doch sehr zusammengekürzt worden. 2010 hätten für das Programm noch 30,9 Millionen Euro zur Verfügung gestanden, in den Jahren 2016 und 2017 seien bisher jeweils nur 15 Millionen Euro vorgesehen. "In einer Stadt wie Hamburg mit einer hohen Armutsgefährdungsquote muss der Senat mehr Mittel für die Stadtteile zur Verfügung stellen, nicht weniger." Na ja, Moment: Allein die Werbekampagne für die Elbphilharmonie kostet doch schon zehn Millionen.

Wohin mit dem Hafenmuseum?

Für alle Schiffs- und Hafenfreunde war es eine erfreuliche Meldung: In Hamburg soll ein deutsches Hafenmuseum gebaut werden, auch der beeindruckende historische Viermaster "Peking", der zurzeit in New York liegt, kehrt nach Hamburg zurück, und der Bund gibt für beide Projekte 120 Millionen Euro dazu. Ende letzten Jahres war die Begeisterung in Hamburg groß, man erhofft sich von dem Projekt eine auch kulturelle Strahlkraft, wie sie beispielsweise im Ruhrgebiet die Zeche Zollverein entfacht. Außerdem: Man muss nicht bei null anfangen. Es gibt bereits ein Hafenmuseum an den 50er-Schuppen, das mit historische Exponaten die Arbeit im Hafen und die Geschichte der Elb-Schifffahrt darstellt. Falls Sie das nicht wissen, beziehungsweise nicht, wo diese 50er-Schuppen sind, wären wir schon bei einem Teil des Problems: Laut "Welt" findet Kultursenatorin Barbara Kisseler den Standort schlicht zu abgelegen (wir wollen Sie nicht länger auf die Folter spannen: Die historischen 50er-Schuppen aus der Kaiserzeit liegen hinterm kleinen Grasbrook). Außerdem: Wenn die "Peking" den Hafen verschönern soll, muss sie vermutlich so platziert werden, dass man sie sehen kann. Alternative: Man nimmt eine neue Barkassenlinie in Betrieb. Da gibt es doch diesen schwimmenden Bus eines Stadtrundfahrtveranstalters, dem die Port Authority erst gestern die Zulassung zur Personenbeförderung auf der Elbe erteilte...

Arm, aber sexy?

Das Leben könnte so schön sein für HSV-Fans. 2:0 gegen Hertha, raus aus der Abstiegszone, das entspannt. Wenn da nur die Sache mit dem Geld nicht wäre. Berichten des NDR zufolge war es im vergangenen Herbst so knapp, dass nur ein Darlehen des Logistik-Unternehmers Klaus-Michael Kühne in Gesamthöhe von 9,25 Millionen Euro die Liquidität des Vereines sichern konnte. Dieses sei im Januar in weitere Anteile übertragen worden, sodass der Mäzen nun elf Prozent der Anteile hält. Der HSV reagierte mit folgendem Statement: "Der HSV hat im November 2015 – wie bereits im Konzernlagebericht zum 30.6.2015 dargestellt – Vereinbarungen zur Absicherung der Liquidität getroffen. Neben der laufenden Saison wurden dort insbesondere auch Bedarfe für 2016/17 finanziert." Wie auch immer: Denkt man an das Los der HSV-Handballer, dürfen sich die Fußballer glücklich schätzen, dass es Herrn Kühne gibt.

"Jeder Mann ist ein potenzieller Vergewaltiger" ist okay

Vielleicht erinnern Sie sich: Nach den Ereignissen der Silvesternacht auf der Reeperbahn hatte Michael Gwosdz, stellvertretender Landesvorsitzender der Grünen, in einer Facebook-Direktnachricht zu den Vorfällen sehr subjektiv Stellung bezogen: "Als Mann weiß ich, jeder noch so gut erzogene und tolerante Mann ist ein potenzieller Vergewaltiger. Auch ich." Die Nachricht gelangte an die Öffentlichkeit, und ein Shitstorm brach über Gwosdz herein. Einige Männer fühlten sich so beleidigt, dass sie Anzeige erstatteten. Nun berichtet das "Hamburger Abendblatt", die Staatsanwaltschaft habe die Ermittlungen bereits am 27. Januar eingestellt: Volksverhetzung läge nicht vor, und für den Straftatbestand der Beleidigung sei die Gruppe zu groß. 

Gwosdz wird mit der Bemerkung zitiert, er habe keinen anderen Ausgang erwartet.

Mittagstisch

   

Quiche aus der Vitrine

   

Bei dem Namen Speisekammer denkt man vielleicht an einen dunklen kleinen Raum, gefüllt mit Konserven. Und klein ist die Speisekammer schon. Aber dunkel ist es nicht: Zwei Stufen rauf, und schon steht man mitten im gemütlichen Café-Bistro mit hellem Holzboden. In der Vitrine kann man Quiche und Kuchen des Tages bewundern. Doch bevor man sich voreilig für die Quiche mit knackigem Salat entscheidet, lohnt sich immer ein Blick auf die Tafel mit aktuellen Leckerbissen wie zum Beispiel Flammkuchen mit Entenbrust. Im Sommer gibt es auf der kleinen Terrasse vor dem Laden exzellente, windgeschützte Sonnenplätze, die schnell belegt sind. Wenn der Laden voll ist, kann es manchmal etwas länger dauern mit dem Service, aber wen stört das schon, wenn er hier einen kleinen Urlaub macht? Eimsbüttel, Weidenstieg 5a, Hauptspeise um 8 Euro

Franziska Bulban

 


Was geht

Konzert: "Nova Heart" – Sängerin Helen Feng wuchs als Kind chinesischer Auswanderer in den USA auf, zog als MTV-Moderatorin zurück nach Peking und stürzte sich dort als Kreative in die Indie-Szene. Was dabei rauskommt? Chinesischer Discofunk. Hafenklang, Große Elbstr. 84, 20 Uhr

Diskussion: Wer hält die Krise in Grenzen? Die Frage "Scheitert Europa in der Flüchtlingspolitik?" diskutieren Stefan Kornelius ("SZ") und Ralf Fücks (Heinrich-Böll-Stiftung). KörberForum, Kehrwieder 12, 19 Uhr

Kinder: "Dumbo, Knut, Balu! Essen ist fertig!": In der Ferienaktion "Kleiner Tierpfleger" lernen Kids alles über diesen Beruf. Von 6 bis 12 Jahren. Tierpark Hagenbeck, Lokstedter Grenzstraße 2, 12 Uhr

Meine Stadt

»Sonntagnachmittag bei den Literaten zu Kaffee und Kuchen an der Alster« © Martin Becker

Hamburger Schnack

   

Auf dem Wochenmarkt am Gemüsestand. "Das Kind schreit aber laut!" "Ein Glück! Es ist das Kind! Ich dachte schon, es wär ein Tinnitus."

Gehört von Eva-Juliane Brockstedt

Fällt Ihnen da noch mehr Schnack aus Erwachsenenmund ein? Schreiben Sie uns!

 


Mit gezielten Tritten machte ein Mann am Dienstag vor dem Hamburger Hauptbahnhof Jagd auf Tauben. Als ihn Beamte der Bundespolizei ansprachen, habe der 53-Jährige erklärt, er hasse die Vögel und wolle sie töten. Von dem Hinweis der Beamten, dass dies strafbar sei, habe er erkennbar wenig gehalten, sagte ein Polizeisprecher. Gegen den "äußerst uneinsichtigen Hamburger" sei ein Strafverfahren eingeleitet und ein Platzverweis ausgesprochen worden. Bei der Attacke wurden laut Polizei keine Taube getötet oder verletzt. Warum der Mann die gurrenden Kuscheltiere nicht erwischte, das können Sie übrigens in dieser Folge meiner Zeit:Hamburg-Kolumne "Warum funktioniert das nicht" nachlesen.

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, worüber wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns:elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Mittwoch.

Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen! 

Ihr

Mark Spörrle


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