Seit Jahren will sich Hamburg zur Fahrradstadt mausern, bei den Velorouten hinkt die Stadt aber ihren eigenen Plänen hinterher. © Lukas Schulze/dpa
Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

unser gestriges Thema, Hamburger Skiferien, hat viele unserer Leser beschäftigt. In den Mails, die uns zu der Debatte der Kollegen Christoph Twickel und Frank Drieschner in der aktuellen ZEIT:Hamburg erreichten, ging es um die Themen Umwelt und Sozialverträglichkeit. Manchmal auch um Neid. "Gestern Abend hat mich meine Nachbarin angerufen, die in Südtirol beim Skifahren ist", schrieb eine Leserin, die anonym bleiben will. "Sie fragte, ob ich denn auch die Elbvertiefung gelesen hätte, lachte und sagte dann, also sie gehe jetzt zum Après-Ski – wirklich schade, dass ich nicht dabei sein könne." Andere waren der Ansicht, die Hamburger sollten sich lieber ehrlich machen, statt sich in südlichen Gefilden einen abzubrechen. "Ein Hanseat auf Brettern ist für die Alpenländer einfach nur lächerlich am Berg; man liebt das Geld aber nicht den Menschenschlag", schrieb uns Leser Felix Feuchtner. Und fragt sich, "warum Hamburg es sich leisten kann, auf die Osterferien als gesellschaftsverbindliches Fest mit Ferien zu verzichten". Weil es hier schlechteres Wetter und also weniger Christen gibt als in Bayern?

Und ein Abonnent der Elbvertiefung hat schon vor Jahren bewussten Umfragen hinterherrecherchiert, nach denen die meisten Hamburger dafür seien, die Skiferien beizubehalten: "Ich stellte fest, dass diese Umfragen in grauer Vorzeit nur an den Gymnasien durchgeführt wurden ... Warum hat man das bei Olympia nicht auch so regeln können? Vielleicht wäre es dann was geworden?"

Manchmal, wenn die Rede auf Hamburger Skifahrer kam, kochten die Emotionen allerdings hoch. "Nur weil eine gewisse, von Zinsen lebende Oberschicht in Hamburg, die während des Skifahrens ihren Nachwuchs gezeugt hat, einmal im Jahr das freudige Erlebnis feiern will", schrieb ein Leser, "ist dies noch lange kein Grund, den Rest der Schulgesellschaft nördlich der Elbe zurückzulassen."

Reaktionen von Skifahrern erreichten uns dagegen kaum. Kein Wunder, die meisten sind gerade auf der Piste. Wenn man also, nur theoretisch, jetzt schnell noch mal abstimmen würde ...

Freie Fahrt für Hamburgs Radler?

Seit Jahren will Hamburg sich zur Fahrradstadt mausern. Helfen soll dabei ein Netz sogenannter Velorouten, auf denen der Radverkehr komfortabel von draußen in die Innenstadt gelangt. Sie sind für alle Bezirke geplant, laufen zum Beispiel von der Feldstraße bis zum Neuen Pferdemarkt oder von der Hammer Landstraße bis zum Sievekingdamm. Schon im letzten Jahr sollten 14 dieser Routen fertig sein – bisher ist es keine. Warum funktioniert das nicht? Wir sprachen mit Kirsten Pfaue, Hamburgs Radverkehrskoordinatorin.

Hat die Hansestadt sich nur übernommen – oder stimmt das mit der viel beschworenen Fahrradfreundlichkeit gar nicht?  

Infrastrukturmaßnahmen brauchen ihre Zeit. Fest steht: Seit Abschluss des aktuellen Koalitionsvertrags im April 2015 ist der Radverkehr in Hamburg ein Topthema. Hamburg wächst und steht vor großen Herausforderungen beim Klimaschutz, bei der Luftreinhaltung und Lärmreduzierung. Moderne Verkehrsplanung setzt deshalb auf das Fahrrad.

Wann sind die Routen denn endlich fertig?

Ziel ist, das Netz bis 2020 auszubauen. Bisher haben wir etwa 80 von insgesamt 280 Kilometern geschafft. Wir setzen dabei nicht nur auf Infrastruktur, sondern entwickeln in Hamburg "Radverkehr als System": Wir planen hochwertige Abstellplätze an Bahnhöfen, zum Beispiel in der Saarlandstraße und in Poppenbüttel. Wir sorgen auch für einen optimierten Winterdienst, fördern das Stadtrad.

Trotzdem gibt es immer wieder Proteste. Gewerbetreibende fürchten, durch weniger Autoverkehr Kunden zu verlieren.

Ich sehe große Vorteile eines gesteigerten Radverkehrsanteils – gerade für den Einzelhandel. Radfahrer besuchen häufig Geschäfte vor Ort. Wichtig sind dort gute Abstellmöglichkeiten. Dann halten Radler oft an – das zahlt sich für das Gewerbe aus.

Gericht ohrfeigt Senat

Erneute Niederlage für die Stadt Hamburg: Das Verwaltungsgericht hat die Pläne, in Klein Borstel eine Wohnanlage für Flüchtlinge in Betrieb zu nehmen, gestoppt. Das Vorhaben solle auf einer Fläche verwirklicht werden, die nach dem Bebauungsplan der gärtnerischen, friedhofsbezogenen Nutzung vorbehalten sei, erklärte das Gericht. Davon weiche die erteilte Baugenehmigung ab. Mehr noch, das Gericht bezweifelt die städtische Unterbringungsstrategie: Man habe nicht ausreichend begründet, warum man die Flüchtlinge unbedingt in Klein Borstel ansiedeln müsse.

Auch in Neugraben-Fischbek lehnte die Bezirksversammlung den Bauantrag für den ersten Bauabschnitt einer Großunterkunft ab. In Bergedorf hingegen hat das Verwaltungsgericht den Weg für eine Flüchtlingsunterkunft frei gemacht – vorübergehend. Es entschied, dass die Vorarbeiten für die geplante Anlage mit 780 Wohnungen für bis zu 3400 Flüchtlinge am Mittleren Landweg fortgesetzt werden dürfen. Parallel läuft jedoch schon ein gerichtliches Eilverfahren dagegen. Das Thema Flüchtlinge dürfte Bürgermeister Olaf Scholz wohl noch manche schlaflose Nacht bereiten.

Die fabelhafte Welt der Fabrique

Endlich, das Gängeviertel ist in die Gänge gekommen: Das Herzstück des historischen Quartiers öffnete gestern nach eineinhalb Jahren Sanierung wieder seine Türen. Die Fabrique am Valentinskamp feiert ihre Auferstehung mit einem langen Veranstaltungswochenende. Auf fünf Ebenen und rund 1700 Quadratmetern ist ein Kulturzentrum entstanden, mit Fotostudio, Radiosender, Probebühne und Kunstwerkstatt. Hier wird es auch Konzerte und andere Kulturevents geben. Dem Happy End gingen turbulente Jahre voraus: 2009 hatte die Initiative Komm in die Gänge die vom Abriss bedrohten Gebäude des Gängeviertels besetzt und den damaligen schwarz-grünen Senat zum Rückkauf bewegt. Immer wieder gab es Streit, besonders Anfang 2015, als die Aktivisten das Quartier als Genossenschaft verwalten wollten, ohne Eigentümer zu sein. Schließlich kam doch ein Genossenschaftsmodell zustande. Knapp drei Millionen Euro kostete die Sanierung des Gewerbehauses aus der Spätgründerzeit. Ganz fertig wird es zwar erst Anfang Juni sein, dann werden in dem Areal noch zwölf Wohnhäuser saniert. "Komm in die Gänge" feiert aber schon jetzt, "wofür das Gängeviertel seit fast sieben Jahren kämpft: Möglichkeitsräume für Kultur und Politik; Platz für neue Ideen; Zugänglichkeit für Jung, Alt, Arm oder Reich".

Fabrique, Valentinskamp 34a, Eingang über die Brache Speckstraße. Heute, 20 Uhr, Experimente und Überraschungen live und am Plattenteller; Samstag, 14 bis 22 Uhr Tag der offenen Tür, ab 24 Uhr WOW-Party; Sonntag, 14 bis 17 Uhr, Tag der offenen Tür, ab 17 Uhr "Freizeit ohne Kontrollen"- Buchvorstellung und Diskussion zum Thema Jugendzentren

Mit Messer und Buch gegen den Fachkräftemangel

1300 Aussteller präsentieren von heute an auf der Internorga Highlights rund um Nahrung und Küchentechnik. Eines der wichtigsten erklärten Ziele der Branche ist es außerdem, dem Fachkräftemangel zu begegnen. "Trotz der Kochshows im Fernsehen ist es nicht gelungen, den Beruf attraktiv zu machen", bedauert Fernsehkoch Johann Lafer. "Allein in Hamburg gibt es 5000 freie Stellen in der Gastronomie." Ungünstige Arbeitszeiten und schlechte Bezahlung spielten natürlich eine Rolle dabei, räumt Lafer ein, doch hätten sich gerade diese Faktoren zuletzt verbessert. Um das zu kommunizieren, sind auf der Messe unter anderem ein Start-up-Wettbewerb für Gastronomie-Konzepte und ein Wettkampf für Jungköche geplant: Jeder erhält vier identische Zutaten, aus denen er in 60 Minuten ein innovatives Gericht kochen soll. Der Sieger darf ein eigenes Kochbuch veröffentlichen.

Ob das den Fachkräftemangel wirklich beendet?

Kunsthalle: Einigung mit jüdischer Familie

Sie bleiben in Hamburg, die zwei Zeichnungen "Zusammenkunft der Pharisäer" von Claes Moeyaert und "Sitzender Mandolinenspieler" von Johann Septimius von Joerger. Die Werke "Französische Berglandschaft mit Fluss, Brücke und Ortschaft" (Constant Bourgeois) und "Verfallenes Bauernhaus" (Eugène Isabel) dagegen werden die Kunsthalle verlassen: Darauf hat sich das Museum jetzt mit der Erbengemeinschaft des früheren jüdischen Kunstsammlers Michael Berolzheimer (1866–1942) geeinigt. Dessen Familie war während der NS-Zeit 1938 in die USA emigriert und musste ihre Kunstsammlung größtenteils zurücklassen. Sie wurde von den Nazis versteigert. Die  vier obigen Werke gelangten in den Besitz der Kunsthalle. Zwei der Zeichnungen hat das Museum nun den Erben abgekauft. Dass die anderen beiden an die Familie zurückgingen, betonte Direktor Hubertus Gaßner, sei eine Selbstverständlichkeit.

Mittagstisch

   

Fisch, so frisch, so … Sushi

   

Dass in diesem winzigen Laden eines der besten Sushi-Restaurants der Stadt steckt, mag man kaum glauben: Willkommen im Sushi Yami in Winterhude. Da es nur wenig Platz bietet, gibt es zum Glück alle Köstlichkeiten auch außer Haus. Hat man glücklich einen der Tische ergattert, lässt es sich hier mittags entspannt schlemmen. Im Sommer gibt es noch eine kleine Terrasse zur Straße hin. Am besten schmeckt natürlich der frische Fisch. Zur Wahl stehen etwa verschiedene Sushi-Variationen rund um zehn Euro – Lachs, Garnelen, Kaviar und Thunfisch. Auch Hähnchen oder Ente landen in den pechschwarzen Rollen. Dazu serviert das Team mittags eine heiße Suppe und Tee, als Absacker hat sich der japanische Reiswein bewährt. Noch ein Highlight: Während der Gast wartet, wetzen die Köche am offenen Tresen die Messer und rollen kleine Algenhaufen zu Meisterstücken. Sushi Yami, Winterhude, Poelchaukamp 20, Montag bis Donnerstag von 12 Uhr bis 14 Uhr und 17.30 Uhr bis 22 Uhr. Freitags von 12 Uhr bis 14 Uhr

Elmar Stein

 


Was geht

Hinwatscheln: In "Das Geheimnis der roten Ente" verrät ein Wasservogel seine Träume vom Meer und dem großen Glück. Das Tandera Theater spielt im Fundus für Kids ab sechs Jahren. Heute, 16 Uhr, Fundus Theater, Hasselbrookstraße 25

Politik tanzen: In "Sun" verbindet Star-Choreograf Hofesh Shechter politischen Tanz mit elektronischer Musik. Stoff genug bietet das tagesaktuelle Geschehen ja. Heute, 20 Uhr, Kampnagel, Jarrestraße 20

Irritierende Musikträume:The KVB machen Musik zum Träumen, aber Träume sind nicht immer angenehm. Fordern Sie Ihre Ohren heraus mit elektronischen Klängen zwischen Wave und Psychedelia. Heute, 21 Uhr, MS Stubnitz, Kirchenpauerkai 26

Was kommt

Kubanischer Hüftschwung: Die Musiker von The Bar at Buena Vista: Grandfathers of Cuban Music spüren noch immer den Rhythmus im alten Blut.Die Legenden begeistern mit Salsa bis Rumba. Hingehen, mitwippen. Samstag, 20 Uhr, Laeiszhalle,Johannes-Brahms-Platz

Tierische Vorfreude: Auf der VeggieWorld schmeckt nicht nur Grünzeug. Mit Vorträgen, Workshops und natürlich Kostproben für Veganer – oder solche, die es werden wollen. Samstag, 10 bis 18 Uhr, MesseHalle Hamburg-Schnelsen, Modering 1a

Fisch statt Sonntagsbraten: Bei einer Schiffsfahrt mit anschließender Einkehr im Vierländer Landhaus gibt es "Stint satt". Sie wissen, was Stinte sind? Diese kleinen Fische, die nach frischer Gurke riechen. Lecker! Sonntag, 11 bis 16 Uhr, Anleger Bergedorf, Alte Holstenstraße 64

Kunst eines Hanseaten: Experimentierfreude zog sich durch das Leben des Zeichners und Grafikers – "Das Horst-Janssen-Archipel" zeigt entsprechend spannende Werke des eigensinnigen Hamburger Künstlers. Sonntag, 10 Uhr, Altonaer Museum,Museumstraße 23

Hamburger Schnack

   

Meine Nichte, 4, überlegt laut, welchen Namen wir unserer ungeborenen Tochter geben sollen. "Rosa", sagt sie, "oder Blümchen". Dann ein Strahlen: "Rosa Blümchen!"

Gehört von Anna Heidelberg-Stein

 


Meine Stadt

"Die Elbphilharmonie macht heute blau." © Gitta Stein

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, worüber wir unbedingt berichten sollten? Sind Sie Skifahrer und bereuen? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende. Montag lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

 

Ihr

Mark Spörrle

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.