Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

nein, wir sind nicht der amtliche Hamburger Skiferienletter, aber die Diskussion um Sinn und Unsinn der Hamburger Skiferien wird unter unseren Lesern so heftig weitergeführt, dass ich noch auf einen – letzten! – Punkt eingehen muss. Letzte Woche schrieb uns ja ein Abonnent, er habe erfahren, dass die Umfrage, ob die Hamburger die Ferien im März behalten oder lieber auf April verlegen wollten, damals nur an Gymnasien gelaufen sei. "Kann das sein?", mailten viele Leser ungläubig bis empört.

Besagte Umfrage fand im Jahr 1995 statt. Die damalige Schulsenatorin Rosemarie Raab, SPD, plante, die Skiferien abzuschaffen, die FDP schimpfte empört, die Senatorin wolle Familien "in die teure Hochsaisonzeit zwingen". Und dann also kam sie, die Umfrage. Laut einer Notiz, die unser Meteorologe strahlend aus dem Archiv holte, fand diese nicht nur an Gymnasien statt – aber Sie wissen, wie es um die Glaubwürdigkeit von Meteorologen steht.

Doch auch einer unserer Leser bestätigt: "Die Umfrage wurde in allen Hamburger Schulen durchgeführt. Ich war als junger Schulleiter verantwortlich für die korrekte Durchführung der Befragung an unserer Grundschule – und (als begeisterter Schi-Läufer: damals wie heute) schon ein wenig nervös vor der Auszählung ..." 

Kurz: Es sieht so aus, als sei derjenige, der das mit der Bevorzugung der Gymnasien schrieb, wohl einem urbanen Mythos aufgesessen. "Alle Kinder bekamen ein Formular mit, auf dem die Eltern ankreuzen sollten, ob sie für Oster- oder für Skiferien wären", erinnert sich eine ehemalige Grundschullehrerin. "Das Ergebnis: Die Formulare der Skifahrer wurden von den Kindern zurückgebracht, die der eventuellen Befürworter der Osterferien wurden nie wieder gesehen."

Am Ende sprachen sich 56 Prozent der Schüler und Eltern für die Beibehaltung der Skiferien aus, acht Prozent war es egal.

Für die Olympia-Abstimmung wäre das ein Traum gewesen. 

Gewalt gegen Rettungskräfte

Ihre Doktorarbeit sorgte für Aufsehen: Janina Lara Dressler befragte für das Kriminologische Seminar der Uni Bonn Feuerwehrleute und andere Rettungskräfte, ob diese bei ihrer Arbeit An- und Übergriffen ausgesetzt seien – und stellte eine erschreckend hohe Dunkelziffer fest. Wir sprachen mit Philipp Baumann, 32, Feuerwehrbeamter in Hamburg.

Sind Übergriffe auf die Feuerwehr in Hamburg Alltag?

Nein, Alltag auf keinen Fall. Aber mir und jedem meiner Kollegen sind schon Übergriffe passiert: Wir werden bepöbelt, bespuckt, getreten, manchmal werfen Menschen mit Flaschen oder Feuerwerkskörpern nach uns. In den zwölf Jahren, in denen ich bei der Feuerwehr arbeite, ist das Problem größer geworden – wir werden als ein Teil einer Staatsmacht verstanden, die angegriffen wird. Die steigende Respektlosigkeit begegnet uns in allen Gesellschaftsschichten, aber tätliche Übergriffe kommen eher in Brennpunkten vor.

Um ehrlich zu sein, es klingt im ersten Moment erstaunlich, dass Notfallsanitäter und Feuerwehrleute Aggressionen auf sich ziehen.

Wir werden oft dorthin gerufen, wo Menschen viel Alkohol getrunken oder Drogen genommen haben, oder zu Personen, die unter einer akuten Psychose leiden. Oft wissen diese Menschen gar nicht mehr genau, was sie tun. Dann sprechen wir einen Menschen an, der irgendwo betrunken auf dem Boden liegt, und der fängt dann an zu treten, das ist mir neulich erst passiert. Was mich selbst auch immer wieder überrascht. Ich mache den Job doch, um Leben zu retten, nicht um zur Zielscheibe von Gewalt zu werden.

In der Untersuchung spricht Frau Dressler von etwa 1600 strafrechtlich relevanten Übergriffen in Hamburg im Jahr 2015 – klingt das für Sie realistisch?

Realistischer als die 45 Anzeigen, die es offiziell gab, ganz bestimmt. Ich würde tippen, mir passieren zwei bis vier Übergriffe im Jahr. Bei 250.000 Rettungseinsätzen, die wir im Jahr in Hamburg fahren: Das kann schon hinkommen.

Warum werden nicht viel mehr Fälle gemeldet?

Ein Grund ist wahrscheinlich, dass wir uns daran gewöhnt haben. Man stumpft davon auch ab. Außerdem sind wir nur Menschen – klar wollen wir um drei Uhr morgens nicht noch Strafanträge stellen, sondern einfach nur ins Bett. Und oft nimmt die Staatsanwaltschaft auch keine Ermittlungen auf.

Sie haben selbst eine Bachelorarbeit zum Thema Gewalt gegen Rettungskräfte geschrieben und herausgefunden, dass es ein klares Täterprofil gibt: Männer im Alter von 20 bis 39 unter dem Einfluss von Drogen oder Alkohol. Glauben Sie, höhere Strafen würden da helfen?

Leider nein. Die Täter denken ja in diesem Moment nicht über Folgen nach. Was uns hilft, ist eine sensibilisierte Bevölkerung – mich haben schon einige Male ganz normale Bürger unterstützt, wenn eine Situation außer Kontrolle geriet. Wir müssten außerdem mehr Zeit für Deeskalationstrainings bekommen. Und wahrscheinlich wäre es besser, wenn wir uns angewöhnen würden, wirklich alle Vorfälle zu melden.

Ermittlungen um Ex-Tourismuschef

Es wirkte schon fast wie ein tragischer Fall – der Rücktritt des Hamburger Tourismuschefs Dietrich von Albedyll im Februar, zwei Monate vor dem offiziellen Ende seiner Amtszeit. Denn Albedyll hatte den Namen Hamburgs so erfolgreich wie keiner vor ihm vermarktet. Doch dann soll er private und öffentliche Interessen vermengt haben, indem er mit dem PR-Berater Wolfgang Raike eine Tourismusfirma gründete, während er noch bei der Stadt angestellt war. Seither geht es um die Frage, ob das zulässig war. Und vor allem: warum Albedyll seinen Ruf derart in Gefahr brachte. Weil er gern weiterarbeiten wollte, wie ZEIT:Hamburg-Redakteurin Hanna Grabbe hier schreibt? Oder weil er Insiderinformationen nutzen wollte, solange er noch im Dienst der Stadt war? Nun ermittelt, erfuhr das "Hamburger Abendblatt", auch die Dienststelle Interne Ermittlungen gegen Albedyll. Der hatte einen Auftrag für eine "Tagestourismuskampagne" im Wert von 20.000 Euro an die Firma seines Geschäftspartners Raike vergeben – ohne Ausschreibung. Alle formalen Regeln seien beachtet worden, hieß es vonseiten des Senats. Dennoch, das Misstrauen scheint groß: Wie es heißt, kontrollieren die Wirtschaftsprüfer jetzt auch, ob Albedylls Reisen gerechtfertigt gewesen seien.

Ende der Riesenschiffe?

Je größer ein Containerschiff, desto mehr Ware kann es mitnehmen, desto günstiger wird die Fahrt pro transportiertes Stück – so lautet die Logik, der sich die Reedereien und Logistiker seit Jahrzehnten verschrieben haben. Doch der Trend des Immer-größer könnte sich dem Ende nähern: "Die Kostenersparnisse je Container werden mit wachsender Größe immer geringer", sagt Ulrich Malchow, Professor für Maritime Economics an der Hochschule Bremen. Größer wird hingegen das wirtschaftliche Risiko. Denn gespart wird nur, wenn die Schiffe auch wirklich voll beladen sind – sonst rechnet sich der Einsatz eines Riesenschiffs nicht. Schon jetzt aber sind viele Megaschiffe oft nicht ausgelastet. Die Pötte sind zudem praktisch nur auf der Route zwischen Asien und Europa einsetzbar, verringern die Flexibilität der Unternehmen, und Chinas Exporte sowie der gesamte Weltmarkt schwächeln – kein Wunder, dass man bei Hapag-Lloyd einen Beschluss über den Kauf von Giganten mit Raum für 18.000 Standardcontainer seit Monaten vor sich herschiebt und Marktführer Maersk  die ersten dieser Art schon beschäftigungslos aufliegen lässt. Wird aus dem Trend zur Gigantomanie weiter ein Gegentrend, käme das dem Hamburger Hafen natürlich gelegen: Da ist es für die Riesen sowieso etwas eng.

Hamburg wird ökologisches Vorbild

Der Vorstoß von Umweltsenator Jens Kerstan, in Hamburger Behörden die Kaffeemaschinen mit Kapseln zu verbieten, hat ihn weltweit populär gemacht. Wie "Bild" zusammentrug, haben zum Beispiel die BBC aus England und der amerikanische Sender CNN, "Le Monde" aus Frankreich und "El Diario" aus Spanien berichtet. Kerstan alias Mister "ban coffee pods" müsse fast täglich Journalisten erläutern, warum etwa die Zubereitung per Filter weit umweltfreundlicher und insofern deutlich hipper sei als das Kapselzeug. Kerstan freut das, kann er bei der Gelegenheit noch andere Punkte des 150-seitigen Kriterienkatalogs für ökologische Standards der Stadt erwähnen. Und wenn die Welt weiter so auf Hamburg schaut: Vielleicht wird es ja doch noch mal was mit den Umweltzonen. Falls nicht ein Kaffeeröster unseren Senator als Gegen-Clooney engagiert.

Mittagstisch

   

Pilzpolenta für Kunstversteher

   

Spätestens wenn die zarten Ochsenbäckchen auf der Zunge schmelzen, die aromatische, extraschlotzige Pilzpolenta ein warmes Gefühl im Bauch hinterlässt und die Kräuter der Salsa Verde abgestimmt für aufregende Momente sorgen, ist klar: im Fillet of Soul geht es nicht ums Sattwerden. Dieses Essen macht glücklich. Sicher, das hat seinen Preis: Die Ochsenbäckchen kosten 13,50 Euro und die große Maronensuppe mit weißem Portwein und Radicchiomarmelade, ebenso fein abgeschmeckt, 8,50 Euro. Die Karte ist sicher nichts für jeden Tag, aber für besondere Tage, an denen Soulfood überlebenswichtig ist und Inspiration liefert. Wenn Sie etwas Zeit haben: Gönnen Sie sich nach einem köstlichen Kuchen den Besuch der Deichtorhallen, um die Pause perfekt zu machen. Sie werden glücklich und motiviert an den Arbeitsplatz zurückkehren. Einzig die Lautstärke ist manchmal etwas anstrengend für Unterhaltungen: Viele interessante Menschen aus der Hamburger Kunst- und Fotografieszene haben das Fillet of Soul augenscheinlich zu ihrer Kantine erklärt. Täglich wechselnd sieben Gerichte zwischen 8,50 und 13,50 €. Altstadt, Deichtorstr. 2, Mittagstisch: Dienstag–Freitag 12–15 Uhr, Samstag–Sonntag 12–16 Uhr

Stephanie Wilde

 


Was geht

Diskussion: "Könnten wir bitte noch etwas Wasser haben?" – "Vielleicht." Politikwissenschaftlerin Lynn Kuok diskutiert das Thema "Der Konflikt im Südchinesischen Meer". KörberForum, Kehrwieder 12, 18 Uhr

Lesung: Tina Uebel reiste auf dem Landweg von Hamburg nach Shanghai. In ihrem Buch "Uebel unterwegs" erzählt sie von den Wundern des Weges, vom Springbrunnen in Aschgabat, von Maschader Schreckschrauben und Mittelscheiteln in Teheran. Nochtspeicher, 20 Uhr, Bernhard-Nocht-Straße 69a 

Ausstellung: 1937 retten drei Hamburger 200.000 Chinesen. Kein Filmplot, sondern das wahre Leben: "Hamburgs Söhne – die guten Deutschen in Nanking". BallinStadt, Veddeler Bogen 2, 10–15.30 Uhr

Hamburger Schnack

   

Acht Uhr morgens in einer Bäckerei in Eimsbüttel. Vier Mitarbeiter der Stadtreinigung haben Pause und erhellen mit ihrer orangefarbenen Arbeitskleidung den ganzen Laden. Einer der Männer kauft einen Trink-Kakao im Tetrapak. Die Verkäuferin: "Brauchst du da auch einen Becher für?" Der Mann: "Nö, nö. Wir sind ja ein Umweltunternehmen. Da ist ja ein Strohhalm dran!"

Gehört von Isabel Rehmer

 


Meine Stadt

Es gibt Neuigkeiten von der Ampel bei Airbus in Finkenwerder. Sie erinnern sich? Mitte Februar ging die neue Lichtorgel ans Netz. Ihr Auftrag: den Airbus-Pendlern eine stressfreiere An- und Abfahrt aufs und vom Airbus-Gelände zu ermöglichen. Allerdings: Auf der Zufahrtsstraße gab es größere Staus denn je. Am zweiten Tag wurde die Ampel hastig wieder abgeschaltet und gründlich untersucht. Was nun geschieht, das geht aus der Senatsantwort auf eine Anfrage des Bürgerschaftsabgeordneten Wieland Schinnenburg, FDP, hervor: Man will für das 81.000-Euro-Teil eine "verkehrsabhängige Steuerung" installieren. Also quasi eine, die Staus nicht fördert – sondern vermeidet. Genial. Extrakosten: 40.000 Euro.

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns:elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.

Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

 

Ihr

Mark Spörrle


PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr