Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

in den letzten Monaten haben es die Gewerkschaften geschafft, sich durch Streiks bei vielen unbeliebt zu machen: Eltern mussten wochenlang Kita-Aushilfe spielen, Postempfänger bekamen noch weniger Pakete, und der Teil der Bevölkerung, der versuchte, in Hamburgs City zu arbeiten, wurde regelmäßig durch laute Musik und Trillergepfeife entnervt.

Nun hat offenbar Uwe Polkaehn, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbunds Nord (DGB Nord), beschlossen, alles wieder gutzumachen: Er will den Reformationstag (31. Oktober) zum gesetzlichen Feiertag in Hamburg und Schleswig-Holstein werden lassen. Polkaehn sagt, der Norden habe bei Feiertagen Nachholbedarf gegenüber den katholisch geprägten Bundesländern, und hallo, damit hat er recht: Während Bayern 13 Feiertage hat, das Angestelltenparadies Augsburg sogar 14, hat Hamburg ganze neun! (Allein drei davon benötigen seine Einwohner, um sich von den Trillerpfeifen zu erholen.)

Und rechnerisch haben die Hamburger in diesem Schaltjahr sogar noch einen Feiertag weniger – zumindest haben alle Angestellten gestern, am 29.2., unentgeltlich einen Tag mehr gearbeitet.

Ergebnisse unserer Leser-Umfrage: So hat sich Ihr Leben durch die Flüchtlingskrise verändert

Vergangenen Freitag baten wir Sie, uns zu erzählen, ob und wie sich Ihr Leben durch die Flüchtlingskrise verändert hat. Über 2000 Leserinnen und Leser haben sich die Zeit genommen, unsere Fragen zu beantworten – vielen Dank für die Eindrücke und Ihre Offenheit! Die Teilnehmer unserer Umfrage kamen aus allen Altersgruppen; knapp die Hälfte ist 50 Jahre und älter. 56 Prozent von ihnen sind Frauen.

1. Viele Gespräche, wenig Kontakt

Die allermeisten Befragten, 91 Prozent, reden oft oder fast täglich mit Freunden oder der Familie über das Thema Flüchtlinge. Selber mit Neuankömmlingen gesprochen hat die Mehrheit, etwa 55 Prozent, aber noch nie. "Die Diskussion um das Thema beeinflusst den Alltag mehr als die Geflüchteten selbst", kommentiert eine unserer Leserinnen ganz treffend. Mit dem Eindruck ist sie wohl nicht allein. Fast 40 Prozent derer, die uns antworteten, haben "selten" Kontakt zu Flüchtlingen, und nur 24 Prozent begegnen ihnen fast täglich – überwiegend, in etwa 60 Prozent aller Fälle, in öffentlichen Verkehrsmitteln und im Stadtzentrum. Nicht verwunderlich, dass viele spontane Gespräche zwischen Hamburgern und Flüchtlingen einfach nur Wegbeschreibungen sind, Hilfe beim Umsteigen in der U-Bahn Unterstützung beim Fahrkartenkauf. Ansonsten entsteht Kontakt über die Kinder, über die Arbeit und, natürlich, bei ehrenamtlichem Engagement. Um es zusammenzufassen: Das Thema ist allgegenwärtig, die Flüchtlinge sind es nicht. "Wie sollen 20 000 von knapp 1,8 Millionen mein Leben beeinflussen?", fasst ein Leser seine Eindrücke zusammen.

2. Positives – und Angst

Etwa zehn Prozent der Befragten schilderten uns, wie ihr Alltag durch die Flüchtlingskrise konkret beeinflusst wird. Viele von ihnen finden es positiv, eine Aufgabe zu haben, Menschen aus anderen Kulturkreisen kennenzulernen, sprechen von der Erweiterung des eigenen Horizonts. Aber da sind auch Sorgen: Frauen schreiben beispielsweise, mehr Angst auf der Straße zu haben. "Wenn ich nachts allein in Altona nach Hause gehe, habe ich mich schon immer unwohl gefühlt, wenn ich an einer Männergruppe vorbeimusste. Nun ist dieses Gefühl noch verstärkt", schreibt eine Leserin. Eine andere hat sich Pfefferspray besorgt. Auch Männer haben Angst vor Konfrontationen. Lediglich ein paar Teilnehmer berichten aber tatsächlich von negativen Erlebnissen, von unhöflichem Benehmen in der U-Bahn über unangenehmes "Anbaggern" bis hin zu einem tätlichen Übergriff.

Demgegenüber gibt es die Gruppe derer, die eher positive Erfahrungen gemacht haben. 13 Prozent der Umfrageteilnehmer geben an, sich für Flüchtlinge zu engagieren, was bei einigen den Nebeneffekt zu haben scheint, dass auch sie sich auf einmal besser vernetzt fühlen. "Ich wohne seit 1992 in Ohlstedt", schreibt einer, "und habe in den letzten Monaten so viele Nachbarn kennengelernt wie in den 22 Jahren zuvor nicht." Was auffällt, ist, dass Engagierte das Wort "Angst" seltener erwähnen. Vielleicht eine Sache der Persönlichkeit. Vielleicht hängt es aber auch damit zusammen, dass sich eine Situation beherrschbarer anfühlt, wenn man etwas unternimmt.

Natürlich hat sich auch das Leben derer geändert, die einen Beruf haben, der sie mit Flüchtlingen in Kontakt bringt. "Während meiner Tätigkeit als Lehrerin an einer Stadtteilschule in einem belasteten Stadtteil habe ich viele Erfahrungen machen können, wie schwierig es ist, muslimische männliche Jugendliche in unsere Gesellschaft zu integrieren", schreibt eine Leserin. Eine Mitarbeiterin einer Beratungsstelle berichtet von gestiegener Arbeitsbelastung – aber auch von höherer Anerkennung für ihren Beruf. Und einige schreiben von Dankbarkeit. "Für den Wohlstand, in dem ich lebe: Ich bin gesund, ich wohne in einem sicheren Land, meine Familie ist in meiner Nähe, ich habe einen sicheren Job und ausreichend Ressourcen ... Das führt auch zu einer gewissen Demut", formuliert es eine Leserin.

3. Sorge wegen der Rechten und um Europa

Fast so viele Antworten wie zum Thema Angst vor Flüchtlingen haben wir übrigens zum Stichwort Angst vor Deutschen bekommen. So schreibt ein Leser, er empfinde das "erschreckende Wiederauferstehen des Nazitums in Deutschland und Europa" als alltägliche Bedrohung. Andere äußerten sich ähnlich zum Rechtsruck, der "in der Gesellschaft und in den Medien" zu spüren sei, und zum mangelnden Verständnis vom Rechtsstaat. Diese Angst geht oft einher mit Sorgen um Europa, Deutschland, unsere Gesellschaft. Sorgen darüber, dass Verteilungskonflikte entstehen könnten, die Menschenwürde missachtet werde, die europäische Union zerbrechen könne.

4. Veränderung? In unseren Köpfen!

Die große Veränderung, so verstehen wir die Ergebnisse dieser Umfrage, findet also vor allem in unseren Köpfen statt. Im alltäglichen Leben bemerken nur die wenigsten bisher konkrete Auswirkungen. Und vielleicht geht es genau um diese Diskrepanz: Wir debattieren zu Hause und mit Kollegen. Wir müssen Position beziehen, uns erklären, uns rechtfertigen. Und vielleicht ist für viele von uns auch dies die große Überraschung – und die große Verunsicherung: nicht die Fremdheit gegenüber Fremden. Sondern die Fremdheit gegenüber Menschen, von denen wir bisher einfach annahmen, sie seien unserer Meinung.

Bank – ohne Krise!

Man hat sich so sehr an Horrormeldungen aus dem Finanzsektor gewöhnt, dass die Bilanz der Hamburger Sparkasse (Haspa) eine echte Sensation ist: Keine rasanten Gewinne, keine abgrundtiefen Verluste, sondern einen gleichbleibenden Gewinn von 80 Millionen Euro verkündete Hamburgs größtes Geldinstitut gestern. Ist das jetzt verdächtig? Nein: Die Haspa profitiert erstens davon, dass Hamburg wächst: 70 000 neue Kunden hat sie im vergangenen Jahr gewonnen. Und obwohl Haspa-Chef Harald Vogelsang unumwunden zugibt, die Niedrigzinsen bedeuteten "die schleichende Enteignung all derer, die etwas anlegen und für das Alter vorsorgen", profitiert die Haspa zweitens natürlich genau davon: Die kaum verzinsten Spareinlagen stiegen um rund 575 Millionen Euro, denn viele wissen nicht, was sie sonst mit ihrem Geld anfangen sollen. Aber weil auch viele erkannt hätten, dass ohne Aktien so gut wie keine Rendite mehr möglich sei, so Vogelsang, stiegen auch die Verkaufsprovisionen. Zugleich verlieh die Haspa 700 Millionen Euro mehr Geld als im Jahr zuvor, insofern eine gute Nachricht, als fast alles zurückgezahlt wird: "Für extrem geringe Ausfälle in diesem Bereich", heißt es seitens der Haspa, sorge der "positive" Hamburger Immobilienmarkt. Davon kann jeder Mieter ein Lied singen.

Tuten, Blasen und Feuerwerk

Was assoziieren Sie mit Zuckerwatte, Menschenmengen und Schiffschaukeln? Übelkeit und Bauchschmerzen? Dann empfehlen wir vom 5. bis zum 8. Mai einen Wochenendausflug aus Hamburg raus. Allen anderen sei gesagt: Juchhuuu! DerHafengeburtstag dauert dieses Jahr, der 5. ist nämlich Christi Himmelfahrt, einen Tag länger. (Trotzdem haben Sie danach einen Feiertag weniger.) Mehr als 300 Schiffe werden erwartet und etwa eine Million Menschen, denen es nichts ausmacht, dass nur die Schiffe Paraden zum Ein- und Auslauf bekommen. Am 5. Mai gibt es einen ökumenischen Eröffnungsgottesdienst. Am 7. Mai um 15 Uhr tritt das legendäre Schlepperballett auf die Bühne, äh, Elbe und zeigt Kunst mit Kraft. Warum zur besten Kaffeezeit? "Wir sind tideabhängig", sagte Hafenkapitän Jörg Pollmann. Will sagen: Wenn die Containerschiffe reinkommen, werden die Schlepper andernorts gebraucht. (Und wenn irgendwo wieder eins auf Schlick liegt – nein, lassen wir das …) Und am selben Tag wird das neue Flaggschiff von Aida Cruises getauft, das Kreuzfahrtschiff "Aidaprima", und abends mit Lichtspiel und Feuerwerk in die Welt verabschiedet. Wer den Taufjob übernimmt, wird noch nicht verraten. Wir spekulieren auf Til Schweiger, Helene Fischer oder Tim Mälzer – oder aber auf Tim Mälzer, Helene Fischer oder Til Schweiger. Was glauben Sie?

Schönste Nebensache der Welt?

Am Freitag ist es bei einem Landesliga-Spiel zwischen HSV III und Teutonia 05 zu einer Schlägerei mit Folgen gekommen: Das "Hamburger Abendblatt" berichtet, ein HSV-Anhänger habe einen dunkelhäutigen Teutonia-Spieler mit rassistischen Beleidigungen provoziert. Mit Frust über den Spielstand kann niemand argumentieren, der HSV III lag mit drei Toren in Führung. Wegen der Provokation sei es dann zu einer Schlägerei gekommen, bei der ein Spieler einen am Boden liegenden HSV-Fan getreten habe.Der Hamburger Fußballverband zeigt sich schockiert. Beim Fußball habe die Respektlosigkeit insgesamt zugenommen, so ein Sprecher. Die Fans des HSV III sind schon häufiger wegen Fehlverhaltens aufgefallen, zum Beispiel durch den Einsatz von Pyrotechnik. Vertreter des HSV wollen dem Verband nun Videos des Vorfalls zur Verfügung stellen, damit ein Sportgericht in einer öffentlichen Verhandlung über Strafen entscheiden kann.

Mittagstisch

Was Leichtes

Würde man nicht am Speersort arbeiten, sondern zum Beispiel im Geomatikum, ginge man mittags wohl öfter mal ins Sapa. Das ist ein vietnamesisches Restaurant am Kleinen Schäferkamp, relativ klein und nicht besonders teuer. Dort gibt es einen Mittagstisch, der sicherlich okay ist, der Autor isst dort aber am liebsten eine Pho-Nudelsuppe (7,90 €). Ganz einfach, weil sie leicht ist und somit vor nachmittäglichen Müdigkeitsattacken durch zu schweres Essen schützt. Die Suppen sind sehr appetitlich, wahlweise mit gebratenem oder gekochtem Rindfleisch, gekochtem Huhn oder Tofu. Dazu frische Minze, Koriander, Chilis und Limettensaft. Wer es doch schwerer braucht: unbedingt Nem Ran, die vietnamesische Frühlingsrollen mit Schweinefleisch essen (3,90 €). Schön knusprig im Fett gebacken – und gut.

Steffen Richter


Was geht

Lesebühne: Premiere im Grünen Jäger für "Liebe für alle! Die Lesebühne". Ab jetzt stellt immer am ersten Dienstag des Monats ein Autorenteam etwas aus seinem Werk vor: mal Romanauszüge, mal Kurzgeschichten, mal Comics. Grüner Jäger, Neuer Pferdemarkt 36, 20.30 Uhr

Psychoanalyse: Nicht auf der Couch, sondern im Club! Der Psychoanalytische Salon beschäftigt sich mit "Radikalisierung". Golem, Große Elbstr. 14, Einlass 20.00 Uhr

Vortrag: Kritik von ihren schönsten Seiten: Jan Philipp Reemtsma spricht über das "Schöne in der Literatur". Freie Akademie der Künste, Klosterwall 23, 19 Uhr

Hamburger Schnack

Ein älteres Paar steht Hand in Hand vor den Auslagen eines Dessousladens in der Spitalerstraße. Sie: "Schau mal, wie nett das aussieht." Er legt ihr fürsorglich den Arm um die Schulter und sagt: "Kauf das nicht, Schatz, du bekommst sonst wieder Rheuma." Liebe im Wandel der Zeiten!

Gehört von Brita Rosemann


© Alfredo Illner

Meine Stadt

"Schaufenster in HH-Neustadt"
(bekommt noch jemand davon eher schlechte Laune und Gedanken an Steuererklärungen als Einkaufslust?) 




Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende

Am Montag lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle


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