Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

ich hoffe, Sie hatten schöne Ostertage, ein Osterfeuer, das nicht gelöscht werden musste, und haben alle versteckten Eier (wieder-)gefunden. Angeblich nämlich bleibt im Schnitt jedes zehnte in Büschen, Astlöchern oder im Gras liegen. Deshalb stapfen in den öffentlichen Grünanlagen auch heute noch etliche Menschen mit gesenktem Kopf über die Wiesen. Wobei sie zwangsläufig auch auf "Gassibeutel" stoßen, diese schwarzen Plastiktüten voll Hundekot, von denen die Stadt allein im letzten Jahr 28 Millionen Stück an Hundebesitzer verteilte – leer natürlich. Und leider werfen nicht alle Hundebesitzer die Säckchen, wenn sie voll sind, in den Müll, manche lassen sie einfach liegen (ich weiß, man wird mir jetzt wieder schreiben, dafür zahle man schließlich Hundesteuern). Bis die Beutel verrotten, dauert es ewig, an manchen Gewässern liegen ganze Trauben davon. Deshalb hat, berichtet das "Hamburger Abendblatt", ein 29-jähriger Hamburger biologisch abbaubare Kotbeutel entwickelt. Die werden in anderen Städten auch schon eingesetzt. Nur die Hamburger Stadtreinigung ist skeptisch. Einmal, weil die abbaubaren Tüten dreimal so viel kosten. Und dann, weil Hundebesitzer glauben könnten, wenn "Öko" draufstehe, dürfe man die Beutel erst recht in die Landschaft werfen.

Ein bisschen Frieden

Es gibt zurzeit genug Gründe, sich mehr Frieden auf der Welt zu wünschen. Müssten da die Ostermärsche die Menschen nicht in Massen mobilisieren? Seit 60 Jahren demonstrieren die Ostermarschierer für Frieden und Abrüstung, und auch am letzten Wochenende fanden sich in Dutzenden Städten deutschlandweit rund 10.000 Menschen zusammen. In Hamburg zogen um die 1100 Teilnehmer mit Plakatsprüchen wie "Stoppt das Töten" oder "Waffenexporte in den Nahen Osten stoppen" durch die Stadt, 300 mehr als letztes Jahr. Zentrale Forderungen waren das Aus für  Bundeswehreinsätzen im Ausland, auch in Syrien, die Aufnahme von Flüchtlingen und die Bekämpfung der Fluchtursachen. Vor allem der letzte Punkt, der in der Öffentlichkeit meist zu kurz kommt, wäre sicher geeignet gewesen, mehr Menschen auf die Straße zu holen. Andererseits wird den Organisatoren, die von kirchlichen Gruppen, Gewerkschaften und Parteien wie der Linken und der DKP unterstützt werden, oft vorgehalten, in überkommenen Denkmustern zu verharren: Forderungen wie die Nato-Auflösung oder die Abschaffung der Geheimdienste seien ebenso unrealistisch wie die Behauptung, die Furcht vor islamistischem Terror werde von "Kriegspropaganda" betreibenden Medien geschürt.

Neue Pläne zur Elbvertiefung

Wie würde sich eine tiefere Fahrrinne auf die Elbe und ihr Ökosystem auswirken? Das wollte das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig  genauer wissen und forderte eine Nachbesserung der Pläne von der Stadt Hamburg. Am Gründonnerstag wurden die Unterlagen vorgelegt, angeblich wurden dafür rund 4000 Hektar Elbufer nach Pflanzen und rund 2000 Hektar nach Vögeln kartiert. "Bessere und breitere Erkenntnisse über einen Flussausbau hat es wohl in Deutschland noch nie gegeben", sagte Wirtschaftssenator Frank Horch dem NDR. Das Resultat der Befürworter, wenig überraschend: Die geplanten Umweltschutzmaßnahmen reichten. Anderer Ansicht ist das Aktionsbündnis Tideelbe, ein Zusammenschluss der Umweltschutzorganisationen Nabu, WWF und BUND. "Das Fazit, es gebe keine Probleme durch die Elbvertiefung, wird weiterhin weder fachlich noch rechtlich belegt", sagt Malte Siegert, Leiter Umweltpolitik beim Nabu Hamburg. Die nachgelieferten Unterlagen seien lückenhaft, wichtige Naturschutzmaßnahmen "auch weiterhin Fehlanzeige", die "unzureichende behördliche Berücksichtigung des Natur- und Artenschutzes an und in der Tideelbe" sei "erschreckend". Und schon jetzt sei eins klar: es müsse weitere Planergänzungen geben.

Ärger um Schanzenhöfe

Es war eigentlich ein normales Schanzenfest am Samstag – tagsüber blieb alles friedlich, die Menschen wagten schon mal ein erstes Eis des Jahres. Und abends kam es zu Osterfeuern auf der Straße und Krawallen gegen Gentrifizierung, die von der Polizei mit Wasserwerfern aufgelöst wurden. Also dieselbe Krawallfolklore wie immer? Diesmal gab es einen konkreten Hintergrund. Die Schanze verliert eins ihrer Herzstücke: die Schanzenhöfe. Die standen früher mal für kluge Stadtteilpolitik: 1990 kaufte der Senat die ehemalige Montblanc-Fabrik und vermietete die Räume günstig. Zum Beispiel an eine Boxschule, die wegen des hohen Migrantenanteils und des kostenlosen Unterrichts für Flüchtlinge als Beispiel für gute Integration gelten könnte. An das Programmkino 3001, das Hostel Schanzenstern mit Biorestaurant, die Suchtberatungsstelle Palette. Doch 2006 verkaufte der CDU-Senat die Gebäude. Die jetzigen Eigentümer, die Investoren Maximilian und Moritz Schommartz, hoben die Mieten an und planen in den Höfen ein Design-Hotel. Der Boxclub ist bereits ausgezogen. Und der Stadtteil kämpft darum, sein Gesicht zu erhalten. So war das nette Familienfest vom Samstag als "Widerstandsfest" etikettiert, um "gegen Aufwertung und Umstrukturierung aktiv zu werden". Wobei die meisten Anwohner wohl lieber Unterstützung aus der Politik hätten als von Zündlern und Steinewerfern. 

Crime-Story Golden Pudel Club (11): Was ist bloß des Pudels Kern?

Es gibt Neuigkeiten in unserer Crime-Story. Die Zwangsversteigerung des Pudel-Gebäudes, eigentlich für den 20. April angesetzt, wurde verschoben, weil das Verkehrswertgutachten neu erstellt werden muss. Und auch die Sanierungsarbeiten des Hauses, an dem im Februar ein Feuer Schaden anrichtete, gehen nicht voran – weil es den Betreibern nicht gelingen will, sich auf ein gemeinsames Vorgehen zu einigen. Laut NDR hält Wolf Richter, Betreiber des Cafés Oberstübchen, sogar den Mietvertrag des Clubs für hinfällig. Und laut Pudel-Kollektiv soll Richter kaum erreichbar sein und erst bei Drohung mit Schadensersatzforderungen eine Plane auf das Dach gezogen haben, sodass es nicht weiter ins Haus regnen kann. Da scheint sich ein neuer Höhepunkt der Story anzubahnen. Wir warten nun auf ein Statement aus Italien oder von Helge Schneider. Und besuchen den Mini-Pudel-Salon, den die Aktivisten von Park Fiction auf der Treppe oberhalb des Gebäudes aufbauen wollen. Den soll man sogar betreten können – aber er wird wohl kaum groß genug sein, um den Pudellosen Hamburgs ein neues Zuhause zu bieten.

Premiere am Schauspielhaus: Gestatten, Frau Peer Gynt

Ibsens Peer Gynt ist ein Träumer. Er will alles erleben, nicht gebunden werden im engen Käfig der Normen. Er sucht Liebe und flieht, sobald sie zur Kleinfamilie wird. Er wird mit Sklavenhandel reich und kehrt später gebrochen heim. Kurz: Peer Gynt ist eine klassische Männerfigur, ein Charakter für Rebellion, Aufbruch, Abenteuer und Zerrissenheit. In Simon Stones  Inszenierung, die am Mittwoch Premiere hatte, ist Peer Gynt eine Frau – nein, drei Frauen sind es, eine für jeden Lebensabschnitt. Tochter, Mutter und Großmutter brechen aus ihrer Kleinbürgerhölle aus, erobern die Welt, suchen und zerstören sich. Die Männer sind die wartenden Statisten. Genderklischees also, mal andersherum? Jein. Denn gerade durch den Tausch werden andere Konflikte beleuchtet: Die Vorwürfe der Männer an ihre Frauen haben eine andere Qualität, die Mütter, die ihre Babys zu Hause zurücklassen, zeigen, wie wenig wir solche Handlungen von Frauen erwarten – und wie sehr von Männern. Die drei weiblichen Peers sind ein Geniestreich: Gala Othero Winter, die ein Lied von Lana del Rey singt, anfangs noch mädchenhaft hauchend, bis die Stimmung kippt, sie röhrt und grölt. Maria Schrader, die ihren Geliebten wie ein Spielzeug hält und mit Antiquitätenhandel den Terror finanziert. Angela Winkler, die die Wut über den Schlussmonolog von der Bühne brüllt. Es ist eine spielerische Inszenierung voller popkultureller Referenzen und Theater-Metaebenen-Diskurse: Trollwelten werden zum Drogenrausch mit Clownsfiguren, Ibsen tritt als kleine Nebenfigur vom Balkon auf. Es könnte auch eine brillante Inszenierung sein. Wenn die witzigen, klugen und ruhigen Szenen nicht verloren gingen zwischen jenen, die überdeutlich und laut zugespitzt wurden, damit jeder die Botschaft auch ja versteht. Schade.

Mittagstisch

   

Gloria, Gloria, Halleluja

   

Das Gloria bietet gleich drei große Räume im Vintage-Stil. Am Anfang weiß man gar nicht, wo man hinsoll. Aber tritt man erst mal in den hinteren Raum, findet man leicht Platz. Rote Wände, schöne Tische aus dunkelbraunem Holz und eine große Fensterwand, durch die sich das Geschehen auf der Straße beobachten lässt. Das hilft dann auch beim Warten auf das Essen. Die Gerichte mit frischen, saisonalen Zutaten wechseln täglich,. Zum Beispiel der Rinderbraten mit Serviettenknödel (12,50 Euro). Könnte ein bisschen mehr Soße gebrauchen, aber ansonsten sehr gut. Oder Nudeln mit Pilzen (9,50 Euro). Dazu gibt’s immer dieselben Klassiker, darunter Quiche mit Süßkartoffeln (7,50 Euro) oder Schnitzel "Wiener Art" mit Bratkartoffeln (14,50 Euro). Und hinterher noch ein Käffchen. Läuft.

Eimsbüttel, Bellealliancestraße 31, täglich von 10 bis 3.30 Uhr

Shayn Weiss

 

Was geht

Lesung: Jüdische Identität, israelische Politik, deutsche Geschichte: Norbert Gstreins Roman "In der freien Welt". Literaturhaus, Schwanenwik 38, 19.30 Uhr


Pop: Als kreuzten sich David Bowie und Depeche Mode: die britische Postpunk-Band And Also the Trees. Knust, Neuer Kamp 30, 21 Uhr

Kino: Ob Hitchcocks Filmangebot an Fürstin Grace eine Rolle in ihrem Leben spielte, erfährt man in "Grace of Monaco". Mit Nicole Kidman. Metropolis, Kleine Theaterstraße 10, 19 Uhr

Was kommt

Theater: "Ich bin eine Möwe!" Die letzten Aufführungen der traditionellen Inszenierung des Tschechow-Klassikers "Die Möwe" am Thalia Theater. Alstertor, Mittwoch, 19.30 Uhr, und am 24.4. um 19 Uhr 

Konzert: Punk auf dem Partyboot: MS Frau Hedi nimmt die Mädels von GURR mit. Die machen Garagenpop, und das passt herrlich zum Hafen und zur Barkasse. Freitag, 19.30 Uhr, Landungsbrücke 10

Stadtführung: Sie wissen immer sofort, wer der Mörder war? Dann haben Sie vielleicht Spaß bei Corpus Delicti, einer kriminologischen Stadtführung mit eigenem, fiktivem Fall. Casino Esplanade, Stephansplatz 10, täglich um 10, 12.30, 15 und 17.30 Uhr, fiktives Ermitteln ab 3 Teilnehmern möglich

Meine Stadt

Hier geht's lang! (gesehen im Karoviertel) © Hannes Helfer

Hamburger Schnack

   

Zwei junge Mädchen im Bus hinter mir. "Schenk ihr doch ein Buch!" "Nee, sie hat schon eins."

Gehört von Sabine Ruesch

 


Die Kollegen von der "Bild Hamburg" haben etwas aufgedeckt: In der neuen zentralen Erstaufnahme für Flüchtlinge in Meiendorf soll es, neben 260 normalen Toiletten, auch 100 Plumpsklos geben. Und die seien viel teurer als die anderen. Was man in dem Zusammenhang noch erwähnen sollte: Plumpsklos sind auf der Welt verbreiteter als Sitzklos. Viele Flüchtlinge dürften sich wohler dabei fühlen, sie zu benutzen. Und: Die 100 Luxusplumpsklos kosten zwar insgesamt 50.000 Euro mehr, das sind aber lediglich 0,00042 Prozent der (bereinigten) Gesamtausgaben Hamburgs aus dem Jahr 2014. Das klingt, als müssten wir über die Toiletten nicht weiter reden. Wenn der CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Karl-Heinz Warnholz sich nicht hätte folgendermaßen zitieren lassen: "Sind Hock-Toiletten der richtige Weg für eine Integration in Deutschland? Da bin ich skeptisch." 

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

 

Ihr

Mark Spörrle


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