Zelte für Flüchtlinge in Hamburg-Ohlstedt, Januar 2016 © dpa
Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

ich hatte es ja schon prophezeit: Zu den gestern hier erwähnten abbaubaren, in Hamburg allerdings chancenlosen Kotbeuteln erreichten mich etliche Nachrichten. Einmal fragten Leserinnen, was an den Öko-Beuteln so neu sei: "Von dem Etikett ›Kot‹ abgesehen, gibt es die seit Jahren in jedem Drogeriemarkt." Mag sein. Andererseits kommt es aber oft gerade aufs Etikett an. Dann meldeten sich leidenschaftliche Hundehalter, im Vergleich zu sonst sehr freundlich: "Korrekt, dass Sie Spießer wenigstens auf die nicht unerhebliche Steuer hinweisen, die mein treues Tier zahlt."

Und dann war da noch die ebenso korrekte Anmerkung einer – hundelosen – Leserin. Die schrieb: "Wir zahlen auch Steuern und machen deswegen trotzdem nicht auf die Straße!"

Unterbringung von Flüchtlingen: "Das geht nicht gegen den Willen der Hamburger"

Seit Februar kommen in Hamburg deutlich weniger Flüchtlinge an als prognostiziert. Waren es im Januar noch 4044 Menschen, sank die Zahl im Februar schon auf 2841. Im März kamen bis vor Ostern noch 1347 Geflohene, dauerhaft unterbringen muss Hamburg davon 413. Damit haben seit Jahresbeginn deutlich weniger Neuankömmlinge einen Asylantrag in Hamburg gestellt, als vom Senat erwartet: Die ursprüngliche Prognose für 2016 liegt bei rund 40.000, die man unterbringen müsse. Zeit für Fragen an den Hamburger Flüchtlingskoordinator Anselm Sprandel.

Herr Sprandel, angesichts des geringeren Zustroms an Flüchtlingen verlangt CDU-Fraktionsvize Karin Prien, die geplanten Großsiedlungen zu stoppen ...

Derzeit verfolgen wir unsere Planungen weiter, da nach wie vor viele Menschen in prekären Unterkünften wie Baumärkten – und in kleiner Zahl in Zelten – untergebracht sind. Auch können derzeit noch nicht alle Flüchtlinge aus Erstaufnahmeeinrichtungen in einer Folgeunterkunft untergebracht werden.

Schon bei den bisherigen Flüchtlingszahlen herrscht ja Unsicherheit. Auf eine Anfrage der FDP-Fraktion konnte der Senat keine genaue Auskunft geben, wo 21.000 der insgesamt 61.600 Flüchtlinge, die 2015 nach Hamburg kamen, geblieben seien. Sind die einfach weg?

Zahlreiche Flüchtlinge, die sich zunächst gemeldet hatten, waren später bei der Personenregistrierung nicht mehr in der zugewiesenen Übernachtungsmöglichkeit anzutreffen. Die Erfahrungen in Hamburg und in anderen Bundesländern zeigen, dass viele weitergereist sind, ohne sich nochmals zu melden, zum Beispiel in andere Aufnahmeeinrichtungen oder nach Skandinavien. Zudem gab es Flüchtlinge, die sich mehrfach meldeten und aufgrund der Erfassung per Hand zunächst doppelt registriert wurden.

Auch bei den Februar-Zahlen gibt es Verwirrung. Gemäß dem Königsteiner Schlüssel hätte Hamburg eigentlich nicht mehr als 2300 Flüchtlinge aufnehmen müssen, sondern viel weniger.

Von 2841 Personen im Februar blieben 2342 in Hamburg, 499 wurden auf andere Bundesländer verteilt. Diese Zahl ist aus unterschiedlichen Gründen sehr gering ausgefallen. Zum einen gab es im Februar eine Sonderrate von 10.000 Flüchtlingen aus einem Bayern-Kontingent zu verteilen. Und es sind überproportional viele Flüchtlinge mit Verteilungsentscheid für Hamburg aus  anderen Bundesländern nach Hamburg gekommen.

Trotz allem: Jetzt sinken die Flüchtlingszahlen. Und ist die Stadt nicht schon dabei, ihre Strategie zu überdenken? Der Senat hat schließlich  schon die Verkleinerung von Folgeunterkünften angeboten, etwa in Neugraben-Fischbek.

Es ist noch zu früh, für das Gesamtjahr 2016 von einer Entlastung auszugehen. Aber mit der Verringerung der Zahlen an einigen Standorten sind wir auch den Wünschen der Anwohnerinnen und Anwohner entgegengekommen, da es wichtig ist, die vor uns liegenden Integrationsaufgaben gemeinsam zu lösen. Das geht dauerhaft nicht gegen den Willen der Hamburgerinnen und Hamburger.    

Erdoğan gegen "extra 3"

Eine Satire des NDR-Magazins "extra 3" über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan hat diplomatische Verwicklungen ausgelöst. Das Außenministerium in Ankara bestellte schon vorige Woche den deutschen Botschafter Martin Erdmann ein, um gegen den knapp zweiminütigen Videoclip zu protestieren. Der spießt zur Melodie von Nenas "Irgendwie, irgendwo, irgendwann" unter dem Titel "Erdowie, Erdowo, Erdoğan" Erdoğans Vorgehen gegen Medien, Demonstranten und Kurden satirisch auf – Textprobe: "Ein Journalist, der irgendwas verfasst, was Erdoğan nicht passt, ist morgen schon im Knast." Türkischen Diplomatenkreisen zufolge verlangte man vom Botschafter bezeichnenderweise den Stopp der weiteren Ausstrahlung des Videos. "In Deutschland ist politische Satire erfreulicherweise erlaubt", sagte uns Andreas Cichowicz, NDR-Chefredakteur Fernsehen. "Darunter fällt auch der ›extra 3‹-Beitrag."

Der türkische Staatschef habe "offenbar die Bodenhaftung verloren", so Frank Überall, Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands, und sich zum Gespött der sozialen Medien gemacht. Dort war der Clip ein großes Thema. "›extra 3‹ sehen die wenigsten", twitterte eine Frau, "aber das Video kennen jetzt alle!" Bis gestern Nachmittag wurde derClip auf YouTube fast 450.000-mal abgerufen. Mittlerweile gibt es ihn auch mit englischen und türkischen Untertiteln. Kritiker werfen Erdoğans Regierung vor, immer heftiger gegen kritische Journalisten und Bürger vorzugehen. Auch die EU moniert den Druck auf die Medien in dem Land, das so allen Ernstes der EU beitreten will. Mehr dazu auf ZEIT Online

Zum Tod von Roger Cicero

Der Mann mit dem Hut ist gegangen. Wie erst gestern bekannt wurde, starb der erst 45-jährige Jazzsänger und -musiker Roger Cicero schon am letzten Donnerstag an den Folgen eines Hirninfarktes. "Wir sind fassungslos und unendlich traurig", erklärte das Management des Künstlers, der aus Berlin stammt, aber seit Jahren in Hamburg lebte. Mit seinen Songs, einer Mischung aus Pop, Jazz und Swing mit meist amüsanten Texten kam der "Männerversteher" immer wieder in die Charts, gewann zweimal den Musikpreis Echo und trat im Jahr 2007 mit "Frauen regier’n die Welt" für Deutschland beim Eurovision Song Contest an. Sein Markenzeichen, den Hut, trug "Mister Swing", verriet er einmal dem "stern", wegen des Wiedererkennungswertes – aber auch umgekehrt: "Ohne Hut werde ich weniger erkannt. Das ist ganz herrlich." Sich selbst sah er eher als Handwerker denn als Künstler. Ende 2015, er hatte eben sein neues Livealbum "Cicero Sings Sinatra"veröffentlicht, musste er wegen eines akuten Erschöpfungssyndroms mit Verdacht auf Herzmuskelentzündung die Konzerttermine bis Ende des Jahres absagen. Im April wollte er die ausverkaufte Tour fortsetzen. Einen Tag nach einem Auftritt am 18. März im Bayerischen Rundfunk kam der Sänger, so dessen Management, mit "akuten neurologischen Symptomen" in die Klinik. Ciceros Zustand habe sich rapide weiter verschlechtert, bevor er "im Kreise seiner Lieben" starb.

Nach dem Tatort ist vor dem Mord? Was wollen Sie im Fernsehen sehen? Ergebnisse unserer Umfrage

So richtig fulminant kam er in der Kritik nicht weg, der Oster-Event-Tatort mit Heike Makatsch, die als schwangere Kommissarin mit komplizierter Familiengeschichte im beschaulichen Freiburg ermittelt, dem Krimi zufolge einem wahren Paradies für (Er-)Würger. Und überhaupt: Wollen Sie im Fernsehen wirklich immer Mord und Totschlag sehen? Das fragten wir vor Ostern. Und die Antwort ist eindeutig: Nur 10,7 Prozent der Teilnehmer unserer Umfrage gaben an, ein Krimi sei genau das Richtige zum abendlichen Entspannen. Überwältigende 49,3 Prozent waren dagegen der Ansicht, es gebe im Fernsehen schon zu viele Krimis und Thriller. Da sei ein mordloser Konflikt aus der Arbeitswelt, wie es vor den Feiertagen Uwe Polkaehn vom Deutschen Gewerkschaftsbund Nord gefordert hat, doch mal was Neues. 10 Prozent der Befragten erinnerten daran, dass es mit "Mad Men" oder "Stromberg" bereits aktuelle Konflikte aus der Arbeitswelt gebe. Weitere 10 Prozent interessierten sich weder für Krimis noch für Arbeitswelt, 8,7 Prozent schauen ihre Serien längst nicht mehr im Fernsehen. Und 8,4 Prozent (rechnen Sie das mal hoch, liebe Programmdirektoren!) folgten unserer Anregung, eine Serie über streikende Kita-Mitarbeiter zu initiieren. Jetzt müssen wir nur noch deren Zusammentreffen mit den völlig entnervten, weil berufstätigen Eltern so hinkriegen, dass dabei nicht Mord und Totschlag passiert.

Mittagstisch

   

Grandiose Vorstadtpizza

   

In Hamburg herrschte nach dem Zweiten Weltkrieg Wohnungsnot, es wurden viele Siedlungen gebaut, meist am Stadtrand. Zu den ersten gehörte jene rund um den Waldreiterring, weit draußen im Norden Volksdorfs. Um den Neubewohnern etwas zu bieten, baute man auch eine Gaststätte. Diese hieß lange Zeit Waldherrenhof, heute beherbergt sie das italienische Restaurant Mediterraneo. Man erkennt die Fünfziger noch an den hölzernen Wandpaneelen, ansonsten ist alles hell und freundlich, die Betreiber sind echte Italiener, der Service wirkt manchmal etwas chaotisch. Die Küche dort ist okay, warum man aber hingehen sollte, ist die wirklich grandiose Pizza. Der Boden ist dünn und leicht knusprig, beim Testessen waren die gewählten Zutaten von Parmaschinken bis zum Seafood allesamt einwandfrei. Einzig für Diavola war eine scharfe italienische Salami angekündigt, die aber alles andere als teuflisch war – wohl ein Zugeständnis an empfindliche Vorstadtgäste.

Volksdorf, Waldreiterring 22a, außer Montags geöffnet 12–22 Uhr, im Sommer mit Außenterrasse. Pizzen zwischen 7 und 11,50 Euro

   

Steffen Richter

 

Was geht?

Performance: "Hin und weg" oder "Hin und zurück"? In "Aller et Retour" treffen burkinische Künstler in Deutschland auf Flüchtlinge – alles klar? Premiere. Kampnagel, Jarrestraße 20, 19.30 Uhr

Klassik: Wer sich dafür Zeit nimmt, bekommt viel zurück: Jeden Mittwoch läuft die "Stunde der Kirchenmusik" mit Werken für die Seele. Und schön anzuhören ist es auch noch. St. Petri, Bei der Petrikirche 2, 17.15 Uhr

Event: Messieursdames! Der Geist ist willig – und das Fleisch ist stark! Bei "Butcher, Beer & BBQ" des Magazins "Beef" dreht sich alles um den Einfluss des abnehmenden Mondes auf die vegane Ernährung. Quatsch! – es geht natürlich um: "Fleischgenuss". Große Freiheit 36, 19 Uhr

Hamburger Schnack

   

In der S-Bahn Richtung Bergedorf ist nur auf der letzten Bank noch ein Platz frei – neben drei "Punks": zwei Mädels und einem jüngeren Herrn, mit Tattoos, Piercings, alle Klischees bedienend. Nach circa 10 Minuten wendet sich der Kerl an mich:

"Möchten Sie ein Stück Kuchen, mit Eierlikör? Hat meine Oma extra für mich gebacken ..."

Über die Klischees muss ich noch mal nachdenken.

Gehört von Hans Jörg Winkel

 

Meine Stadt

Meinen Kollegen Erik Hauth kennen Sie von seiner Kolumne über den FC St. Pauli. Die fiel in der gestrigen nachösterlichen bundesligalosen Ausgabe aus. Aber nun entpuppt sich Erik, Spross einer Fischerfamilie, in seinem Blog-Beitrag auf ZEIT Online als profunder Kenner der Sitten und Gebräuche rund um die Blankeneser Osterfeuer. Die es in diesem Jahr womöglich zum letzten Mal gab. Warum, das lesen Sie hier

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

 

Ihr

Mark Spörrle

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr