Wana Limar © Andreas Rentz/Getty Images

Frage: Frau Limar, auf "MTV Style" erklären Sie Zuschauern in Videos, wie man sich richtig schminkt. Sie sprechen von Contouring und Highlighting. Können Sie das übersetzen?

Wana Limar: Mein erster Anspruch ist es natürlich, der breiten Masse Make-up nahezubringen und ...

Frage: Das muss man?

Limar: Ich denke schon. Schminke kann Kunst sein. Aber es fehlt vielen der Zugang, weil sie nicht wissen, wo sie sich die Infos holen sollen. Meist lesen sie veraltete Frauenmagazine. Selbst Moderedakteurinnen und Bloggerinnen in Berlin haben oft keinen Plan. Ich versuche alles so zu erklären, dass es auch der Letzte versteht.

Frage: Uns zum Beispiel!

Limar: Contouring und Highlighting sind Methoden, um das Gesicht zu modellieren. Man setzt Schatten, wo welche fallen würden, wenn da eine Vertiefung wäre. Durch dunklere und hellere Töne kann man die Wangenknochen höher wirken lassen, die Nase schmälern. Man verkleinert die Stirn, indem man den oberen Teil verdunkelt. Wenn man es gut macht, alles sauber verblendet, erkennt das Gegenüber nicht, dass man gearbeitet hat.

Frage: Wo haben Sie das gelernt?

Limar: Schon als Dreijährige habe ich mich mit rotem Lippenstift von meiner Mutter aufgestylt. Später war ich MTV-Junkie, hab mich von Jennifer Lopez inspirieren lassen. Die war eine Vorreiterin, was Make-up betrifft, und Ende der 90er Jahre die Erste, die den heute so berüchtigten Glow hatte. Weg von einem matten Gesichtsbild, hin zu einem vorteilhaften Glanz: an den Wangenknochen, unter dem Augenbrauenknochen, mit Gloss in Nude und Pfirsichfarben. Ich war zwölf und habe ihre Red-Carpet-Looks nachgeschminkt. Leider gab’s in den Drogerien damals kaum Schminke für meinen Hautton. Deutschland war immer extrem weit zurück, was Beauty-Fragen betrifft.

Frage: Sie machen sich in einem Clip über die schlichten Schminkgewohnheiten der Deutschen lustig: Quittentagescreme, ein wenig Puder, maximal Mascara.

Limar: Die Schminke spiegelt nur die Mentalität wider. Das fängt mit den Umgangsformen an. Wenn ich mit meinen Freundinnen unterwegs bin, die auch einen sogenannten Migrationshintergrund haben, sagen wir: Gib mal die Tasse. Wenn ich mit Vollblutdeutschen unterwegs bin: Bist du so lieb und reichst mir die Tasse? Man ist hier vorsichtig mit seiner Meinung, seinem Kleidungsstil, das sieht man am deutschen Film, der sich an Hollywood orientiert. Jemand, der sich schminkt, wird in die Schublade Tussi gesteckt. Männer denken: Die ist minderbemittelt und leicht zu haben. In Großbritannien, Amerika oder Afghanistan, wo ich geboren wurde, denken die eher, dass man Grippe hat, wenn man sich nicht schminkt. Die kultivierte deutsche Frau trägt wenig Make-up.

Frage: Sie selbst haben gerade eine Viertelstunde bei uns im Redaktionsbad vor dem Spiegel verbracht.

Limar: Inzwischen erlaube ich mir das. Vor Jahren, an meinem ersten Arbeitstag in einer Firma, habe ich mir Gedanken gemacht, wie ich mich anziehe, damit ich bloß nicht den Eindruck erwecke, dass ich den Mädels Konkurrenz machen will. Ich trug Brille, Dutt, ein weites Hemd und null Schminke. So lief ich drei Monate rum! Bis zur ersten Weihnachtsfeier, wo ich mir ein Kleid angezogen habe. Da schauten alle: Wer ist die Neue?

Frage: Sie sind in Hamburg-Langenhorn aufgewachsen, aber in Kabul geboren. Daher wissen Sie: Zu einem afghanischen Make-up gehören pinke Lippen, violette Lider und viel Glitzer.

Limar: Zumindest bei einer Hochzeit. Schließlich müssen auch die Gäste aus der letzten Reihe sehen, was für eine schöne Braut der Bräutigam heiratet. Hochzeiten sind bei uns gefühlt jede Woche. Allein in Hamburg habe ich 20 Cousinen väterlicherseits.

Frage: Der Schriftsteller Khaleid Hossein sagt: "In Afghanistan ist man nie bloß ein Individuum, man versteht sich als ein Bruder von jemandem, Cousin von jemandem, man ist Teil von etwas Größerem als man selbst."

Limar: Deshalb kommen auch 300 bis 400 Gäste zu so einer Hochzeit. Die Vorbereitung beginnt um drei Uhr nachmittags. Ich style meine Mutter, meine Schwester und habe für mich selbst nur noch auf der Autofahrt Zeit. Um sechs Uhr trifft man sich in der Location. Afghanische Säle in Deutschland sind leider nicht alle schön, das sind Hallen in einem Industriegebiet. Aber woanders bekommt man so viele Leute nicht unter. Dafür gibt man sich dann mit der Deko besonders viel Mühe. Das ist für Deutsche wahrscheinlich etwas kitschig.

Frage: Servietten in Tierform auf den Tischen?

Limar: Wenn es ganz fancy ist, liegen um die Teller herum lauter Straßsteine. Überall sind Kameras aufgestellt. Das Spektakel muss ja von Anfang bis Ende gefilmt werden. Die ersten Gäste kommen auf einem roten Teppich in den Saal, links stehen die Frauen der Familien, rechts die Männer. Dann muss jeder jeden erst einmal begrüßen. Das dauert. Nachdem alle sitzen, tanzt zuerst die Familie des Bräutigams, die der Braut hält sich aus Respekt zurück. Gegen neun Uhr kommt das Essen: weißer Reis, roter Reis, Fisch, Rind, Lamm, Hühnchen, unterschiedliche Currys, Spinatsaucen, Salate. Das Allergeilste jedoch: Braut und Bräutigam sitzen auf einem Thron, mal golden, mal weiß. Alle Afghanen werden mich nun hassen, aber ich finde diesen Thron echt schlimm.

Frage: Sie sind mit solchen Bräuchen groß geworden, obwohl Ihre Eltern 1990 mit Ihnen und Ihren zwei Geschwistern über Tadschikistan nach Deutschland geflohen sind.

Limar: Es ist unfassbar schade, dass ich nie wieder, wie soll ich es ausdrücken, in meinem Geburtsland war.

Frage: Wollten Sie gerade Heimat sagen?

Limar: Dieses Gefühl habe ich nur in der Wohnung meiner Eltern. Ohne die beiden halte ich es kaum zwei Wochen aus. Als ich vor zwei Jahren nach Berlin gezogen bin, wollte ich nie die Wochenenden hier verbringen. Ich habe nicht das Gefühl, ich müsste in Berlin sein. Ich will nichts erleben.

Frage: Die ganze Welt kommt genau deshalb in die Stadt.

Limar: Auf dieses Partyding habe ich keinen Bock. Ich gehe gern mit Freunden aus, zum Essen oder ins Kino, aber ich muss keine neuen Leute kennenlernen. Heimat ist das Zuhause in Hamburg. Das gehört zur afghanischen Kultur, die Loyalität zur Familie, die ich von meinen Eltern natürlich vermittelt bekommen habe. Die Umgangsformen unterscheiden sich von denen der Deutschen. Der Respekt vor Älteren ist größer. Das fängt damit an, dass ich meine Eltern nicht duze, sondern den Majestätsplural verwende. Mir würde es nie einfallen, meinen Vater zu fragen, ob er denn blöd sei. Das habe ich einmal gemacht und einen tödlichen Blick bekommen. Gastfreundschaft ist enorm wichtig. Afghanen sind darauf bedacht, einen guten Eindruck zu hinterlassen.

Frage: Deutsche nicht?

Limar: Als ich einmal eine deutsche Freundin besuchte, gab es gerade Abendbrot. Ich durfte nicht mitessen und musste im Kinderzimmer warten, bis die Familie fertig war. Würde es bei Afghanen nie geben! Das ist übrigens ein Running Gag unter Ausländern: Kennst du das auch? Wenn ich darüber rede, habe ich ein unfassbar großes Bedürfnis, nach Kabul zu reisen. So sehr, dass es wehtut.

Frage: Warum fahren Sie nicht?

Limar: Meine Mutter möchte nie wieder hin, sie hat zu viele schlechte Erinnerungen, hat Teile der Familie dort verloren. Und allein, sagt sie, sei es zu gefährlich. Ich werde mich dem bald widersetzen. Das Schlimmste für mich wäre es jedoch, nach Kabul zu reisen, mir das Elend als Tourist anzugucken und wieder zurückzukehren. Ich möchte etwas tun, während ich dort bin, vor Ort helfen.