Man mag es basisdemokratisch beim FC Sankt Pauli. Trotzdem hat der Hamburger Fußballklub seit Neuestem zwei Königinnen. Sie regieren je ein Bienenvolk, deren Stöcke seit letzter Woche auf einem Außenbalkon des Millerntor-Stadions stehen. 

Und das nicht zum Spaß: Die Teams sollen arbeiten und Honig produzieren. Und sie sollen daran erinnern, dass zunehmend Honigbienenvölker aussterben – was nicht nur die Insekten selbst bedroht: Mehr als 80 Prozent aller Nutzpflanzen brauchen Bienen zum Überleben. Kirschen, Äpfel, Birnen? All das gäbe es nicht, würden Bienen beim Pollen- und Nektarsuchen nicht für Bestäubung sorgen, wie zuletzt der Film More than Honey des Schweizer Regisseurs Markus Imhoof vor Augen geführt hat.

"Wir sind Zeeecken... äh... Biiienen!"

Mit etwas Glück werden die Sankt-Pauli-Bienen 30 bis 50 Kilogramm Honig pro Saison produzieren, der dann zu Ehren des Cheftrainers Ewald Lienen unter dem Namen "Ewald-Bienen-Honig" im Fanshop zu kaufen sein wird.

Aber hat sich der Verein das auch gut überlegt? Immerhin sind Bienen königstreu. Ob die Fans die Einführung der Monarchie am Millerntor gut finden? Und was, wenn so eine Kiez-Biene einen Fan sticht, der womöglich eine Allergie hat? Oder einen teuren Spieler – schlimmstenfalls den Star einer Gastmannschaft?

Die Bienen-Webcam am Millerntor

"Natürlich haben wir über so etwas nachgedacht und uns auch erkundigt, ob wir uns gesondert versichern müssen", sagt Christoph Pieper, Pressesprecher des FC Sankt Pauli. Allerdings seien die braun-gelben Neuzugänge ja nicht die einzigen im Stadtteil. Der Urban-Beekeeping-Trend hat längst Einzug gehalten: Rund ums Schanzenviertel und die Reeperbahn leben um die 40 Honigbienenvölker, zum Beispiel auf dem Dach vom East Hotel oder dem Gelände von Tim-Mälzers Bullerei-Restaurant an der Sternschanze. Und die hätten bisher keinerlei Probleme gemacht.

Ich verwette ein Glas Ewald-Bienen-Honig auf den ersten Sankt-Pauli-Fan, dem im Stadion eine unserer Bienen ums Bier schwirrt.
Jetta Leena Ramcke, Imkerin für den FC Sankt Pauli

Außerdem würden die Bienen vom Millerntor eher in Richtung Park, also bis zu Planten un Blomen ausschwärmen, wo es ganzjährige blühende Pflanzen gibt, als sich im Stadion unters Fanvolk zu mischen oder aufs Spielfeld zu fliegen, sagt Imkerin Jetta Leena Ramcke, die in Hamburg die Mini-Imkerei Marleena betreibt, dem Fußballverein die Bienenvölker zur Verfügung stellt und sie auch pflegt. 

"Ich verwette ein Glas Ewald-Bienen-Honig auf den ersten Sankt-Pauli-Fan, dem im Stadion eine unserer Bienen ums Bier schwirrt", sagt sie. "Aber bitte nur ein Foto machen, nicht einfangen oder totschlagen." Anders als Wespen interessieren sich Bienen nämlich nicht für Bier, Currywurst oder Eis. Man müsse schon Honig dabeihaben, um sie anzulocken.

"Come on you bees in brown!"

"Die Bienen fliegen auch nicht auf den Rasen, solange darauf nichts blüht", sagt Ramcke. Außerdem müssten sie dazu von ihrem Balkon an der Außenmauer im dritten Stock der Südtribüne erst mal nach oben über das Dach ins Stadion. "Das machen sie nicht, sie fliegen eher nach unten, weil sie wissen, dass es da Blumen gibt."

In Gärten und auf Balkonen rund drei Kilometer ums Heiligengeistfeld werden sie Futter suchen. Jeder, der seine Blumenkästen bienengerecht bepflanzt, erhöhe die Chance, Besuch von ihnen zu bekommen. Eine passende Samenmischung will der Fanshop ebenfalls anbieten. In Planten un Blomen werden sie auch Nektar und Pollen exotischer Pflanzen finden. "Ich rechne aber damit, dass vor allem Lindenhonig rauskommt", sagt Ramcke.

Den lässt die Imkerin vom Institut für Bienenkunde in Celle dann auch testen, um zu erfahren, wie gut er ist und welche Blüten die Kiez-Bienen ansteuern. Mit Schadstoffen im Honig müsse man nicht rechnen. "Stadthonig ist meist sogar weniger belastet, weil es anders als auf dem Land keine Pestizide gibt." Und wenn, fände man Rückstände in den Bienen oder im Wachs – aber nicht im von den Insekten verarbeiteten Honig.

"You never hum alone"

Besichtigen können die Fans die beiden Bienenvölker vorerst nicht – der Balkon ist zum Schutz vor Dieben nämlich abgeschlossen. Dafür können sie per Webcam live verfolgen, was die Kiez-Bienen machen. Für die Kinder der clubeigenen Kita Piraten-Nest wird sie aber aufschließen, um ihnen zu erklären, wie der Honig entsteht.

Bienenraub kommt tatsächlich vor. "Aus dem Alten Land berichten Imker das immer wieder", sagt FCSP-Sprecher Pieper. Immerhin koste ein Volk um die 150 Euro. Für die beiden Bienenvölker hat Imkerin Ramcke aber nichts bezahlt. Eines stammt – passend zum Lokalkolorit des Vereins – direkt aus dem Schanzenviertel. Ramcke hat das ausgeschwärmte Volk samt Königin am Schulterblatt eingefangen und es aufgepäppelt.

Dass so etwas auch am Millerntor passieren könnte, sollte eine Königin entscheiden, mit ihrem Volk umzuziehen, weiß Imkerin Ramcke zu verhindern. "Und wenn, würden die Bienen, die dann unter hohem Stress stehen und eine neue Bleibe suchen, sich vermutlich in den nächsten Baum hängen."

Wird der Verein als nächstes also "Bienen-Retter"-Shirts drucken? Eher nicht. Als echte Retter im Kampf gegen das Bienensterben wollen sich die Sankt Paulianer nicht aufspielen. "Wir wissen, dass wir mit zwei Völkern nur ein Zeichen setzen können", sagt Sankt-Pauli-Sprecher Pieper. Und Imkerin Ramcke sagt: "Das Beste, was Hamburger für die Honigbienen tun können, ist: lokalen Honig kaufen statt importierten."

Und wie finden die Bienen selbst es im Stadion? Haben sie keine Angst vor Menschenmassen, grölenden Fans oder dem Dom, der mehrmals im Jahr das ganze Heiligengeistfeld Las-Vegas-artig bestrahlt und beschallt?

"Bienen sind weitgehend taub", sagt die Imkerin, wobei es Studien gäbe, wonach sie Vibrationen spüren und so auch kommunizieren.

Da aber selbst am Rollfeld des Hamburger Flughafens seit Jahren Bienenstöcke stehen und sich gut entwickeln, glaubt Ramcke, dass die Bienen das Millerntor mögen werden. "In ihrem Stock ist es dunkel, nachts sind sie nicht aktiv – und da stören auch Lichter nicht." Stärkere Erschütterungen würden sie aber wahrnehmen. "Sie kriegen schon mit, wenn ein Tor fällt." Dann nämlich, wenn unter ihnen die Ultras auf den Stehplätzen vor der Südtribüne trampeln – dem neuen Honigkuchenblock.