Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

manche Rechnung geht einfach nicht auf: 2.500 Fans von Udo Lindenberg, die zusammen mit dem Panikrocker eine Woche lang auf einem Kreuzfahrtschiff auf der "Rockliner"-Tour durchs Mittelmeer tuckeln, kurz nach Veröffentlichung seines neues Werks "Stärker als die Zeit", kurz vor seinem 70. Geburtstag – und nur 720 Liter Eierlikör an Bord! Also lediglich einen guten Viertelliter für jeden. Viel zu wenig, klar! Wo doch Udo den "Feierlikör" als perfektes Getränk "zum Gurgeln fürs Goldkehlchen" entdeckt hat.
Weil also die lückenlose Versorgung mit Eierlikör auf hoher See nicht gefährdet werden durfte, musste Chefkoch Karsten Stumpf gestern in der Küche nachproduzieren. Ob wenigstens die Eier in ausreichender Menge auf dem Schiff waren oder sie eingeflogen und in den Pool abgeworfen wurden, wir wissen es nicht. Wir wissen nur: Alles ging gut, und heraus kam eine nette PR-Meldung anlässlich Udos neuen Albums, über die alle Medien natürlich gerne berichten – upps ...



Wie wollen wir in Hamburg leben?

10.000 statt 6.000 neue Wohnungen jährlich, ein geplantes Vorkaufsrecht der Stadt für St. Pauli, um brachliegende Grundstücke schneller zu bebauen, die Debatten um die Expresswohnungen für Flüchtlinge: Beim Thema Wohnungsbau geht es momentan rund. Jetzt hat auch noch der NABU ein Strategiepapier mit dem Titel "Hamburger Stadtentwicklung der Zukunft" veröffentlicht, in dem die Naturschützer fordern, das für Umwelt- und Lebensklima wichtige Grün zu erhalten. Müssen wir uns tatsächlich Sorgen machen, dass die Entscheidungsträger Teile der Stadt vor lauter Baueifer zur Betonwüste machen? Wie man die Balance zwischen Verdichtung und Grünflächen schaffen kann, darüber sprachen wir mit Jörg Knieling, Professor für Stadtplanung und Regionalentwicklung an der HafenCity Universität.

Herr Knieling, Hamburg wird weiter wachsen. Worauf muss die Stadt dabei besonders achten?

Dass sie nicht die gleichen Fehler macht wie in den 1970ern. Aus den damaligen Modellprojekten sind häufig Problemviertel geworden. 10.000 neue Wohnungen pro Jahr sind ein ambitioniertes Ziel, da entsteht ein gewisser Druck und dadurch die Gefahr, zu schnell zu viel zu bauen.

Das befürchten auch Naturschützer, die sich gegen die Großbauprojekte aussprechen, weil sie Naturschutzgebiete in Gefahr sehen.

Das ist eine wichtige Diskussion. Schließlich ist gerade durch die vielen Grünflächen die Lebensqualität hoch in Hamburg. Mein Rat an die Stadt wäre, nicht zu voreilig Flächen für den Bau freizugeben, sondern vielleicht erst einmal nachzudenken, welche Alternativen es gibt. Gut wäre auch ein Konzept für Freiräume und Grünflächen, in dem etwa festgeschrieben wird, wie diese miteinander vernetzt sein sollen.

Es gibt tatsächlich kein solches Konzept für grüne Flächen in Hamburg?

Meines Wissens zumindest kein aktuelles.

Und Sie halten es nicht für sinnvoll, wie aktuell in Altona geäußert darüber nachzudenken, Parks fürs Bauen zur Disposition zu stellen?

Nein, das ist sogar sehr problematisch. Denn dadurch gefährdet man eben gerade die Lebensqualität. Solche grünen Inseln erfüllen wichtige Funktionen in einem Stadtteil. Sie sind zum Beispiel ein Naherholungsgebiet, aber auch Bodenschutz und gut fürs Klima.

Eine Idee, die vom NABU vorgeschlagen und auch auf einer Expertentagung der Stadtentwicklungsbehörde diskutiert wurde, lautet, bestehende Häuser zu erhöhen. Sinnvoll?

Auf jeden Fall. In Hamburg gibt es einige Bereiche, in denen man höher bauen könnte. Eine Möglichkeit neben einem klassischen Dachausbau wäre beispielsweise, auf Einzelhandelsgebäude und Schulen zusätzliche Etagen aufzustocken. Es gibt aber auch noch Flächen, wo man über Wohnungsbau nachdenken könnte, ohne dass man dabei Naturräume zerstört, etwa in Hamm und Rothenburgsort oder auch im Hafen. Wichtig ist immer eine gemischte Nutzung, also Möglichkeiten zu wohnen und zu arbeiten, sonst drohen Staus. Auch Grünflächen müssen gleich mit eingeplant werden, weil die Menschen eben auch einen Platz zum Erholen brauchen – sonst müssen sie sich dafür wieder ins Auto setzen.

"Zimmerfrei" für junge Flüchtlinge

Wie gelingt die Integration von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen? Ein erster Schritt wäre, ihnen ein Zuhause zu geben – eines, das mehr ist als ein karger Platz im Container. Das Projekt "Zimmerfrei" will Zimmer für junge Flüchtlinge vermitteln, in Privathaushalten und Wohngemeinschaften. Die Sozialbehörde unterstützt das Projekt, betreut wird es von der Lawaetz-Stiftung. Für 750 Flüchtlinge im Alter von 16 oder 17 Jahren sucht man Unterkünfte, Voraussetzung: "Die Jugendlichen müssen eigenständig leben können", sagt Sabine Vielhaben von "Zimmerfrei". Menschen mit schweren Traumata werden nicht vermittelt. Jugendhilfeträger übernehmen die sozialpädagogische Betreuung, private Vormünder erledigen Behördengänge und helfen bei Alltagsproblemen. Miete und Kaution zahlen das Grundsicherungsamt oder das Jobcenter. Gleich am ersten Tag seien zehn Wohnungsangebote und durchweg positive Rückmeldungen eingegangen, so Vielhaben. Die Idee ist nicht neu: Die "Wohnbrücke" vermittelt seit November Privatwohnungen an Flüchtlinge, bis Ende April konnten bereits 115 Menschen in 43 Mietwohnungen untergebracht werden. Probleme während des Zusammenlebens gibt es laut der Vorsitzenden Anne Woywod selten – wohl aber kulturelle Missverständnisse: "Einige Menschen aus arabischen Ländern sind es gewohnt, auf offenem Feuer zu kochen. Auch die Mülltrennung ist ihnen fremd", sagt Woywod. Und zuweilen kollidiere die Gastfreundlichkeit der Zugewanderten mit hanseatischer Distanz: "Viele Flüchtlingsfamilien kochen zum Einzug ein großes Essen und erwarten, dass alle Nachbarn vorbeikommen", so Woywod. "Sie sind dann ganz erstaunt, dass man selbst beim Nachbarn klingeln muss, um sich vorzustellen."

Hebammen fehlen auch hier

Mehr als 2.500 Teilnehmerinnen (und eine paar Männer) tummeln sich noch bis morgen beim Hebammenkongress im CCH – rund ein Viertel aller Hebammen in Deutschland. Sonst sieht es da bei uns weit weniger rosig aus. Das wurde auch bei der Eröffnungsrede der Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) deutlich. Eine Umfrage unter den freiberuflichen Hebammen in Hamburg habe ergeben, dass nur rund die Hälfte aller gebärenden Frauen eine Wochenbett-Betreuung hatte. "Gerade in Ballungsgebieten ist die Situation häufig schwierig, vor allem in sozial schwachen Stadtteilen", sagt Maren Borgerding, Sprecherin des Deutschen Hebammenverbands. Deutlich seltener als anderswo werde die Hilfe einer Hebamme etwa in Rahlstedt und Wilhelmsburg angenommen. Auch sonst ist bei den Hebammen einiges in Schieflage: Die Freiberuflichen unter ihnen kämpfen immer noch gegen steigende Versicherungsprämien. Und die Arbeitsbedingungen in deutschen Kreißsälen werden immer schwieriger. Denkt man daran, dass diese Frauen (und Männer) uns beistehen sollen im Umgang mit dem Wichtigsten, das wir haben, unseren Kindern, klingt das nicht gut. Und kein Wunder, dass bei solchen Bedingungen Hebammen vor allem eins sind: dringend gesucht.

Ewald Lienen: Keine Rente mit 63

Für Ewald Lienen, Cheftrainer des FC St. Pauli, mit 62 Jahren nicht mehr ganz so jung, ist die vorgezogene Rente allem Anschein nach keine Option: Wie der Verein gestern bekannt gab, wurde sein Vertrag bis Juni 2018 verlängert. Keine schlechte Idee – schließlich hat Lienen den Club in der vorigen Saison vor dem Abstieg in die dritte Liga bewahrt und in der laufenden Spielzeit auf Rang vier geführt, und das mit denkbar schlechten Startbedingungen: Zum Amtsantritt Lienens im Dezember 2014 stand der Zweitligist auf der wenig glorreichen Position des Tabellenletzten. Mittlerweile hat Lienen die Braun-Weißen vor allem in der Defensive stabilisiert und sich offenbar eine vereinsinterne Fangemeinde aufgebaut. Vereinspräsident Oke Göttlich schwärmte von seiner "Authentizität, Leidenschaft und menschlichen Führungsstärke", Sportchef Thomas Megle betonte die "hervorragende Zusammenarbeit in den letzten 18 Monaten". Lienen selbst spart zwar an Superlativen, doch auch bei ihm klingt alles nach Harmonie: Er fühle sich "sehr wohl", ließ er verlauten, und arbeite "sehr gerne im Verein, aber auch mit den Mitarbeitern auf der Geschäftsstelle und an der Kollaustraße" zusammen. Das ist weit mehr als das, wonach es sich anhört: "Wenn ich keine Lust mehr hätte, als Trainer zu arbeiten", ließ Lienen Anfang des Jahres gegenüber der "Mopo" verlauten, "dann hätte ich ja auch keine Lust mehr zu leben." So klingt das, wenn einer richtig in seinem Job aufgeht.

Zum Tod von Uwe Friedrichsen

In der Sesamstraße war er einfach der "Uwe" – stets gelassen, großmütig, liebenswert. Am Samstag ist Uwe Friedrichsen, der Schauspieler mit der markanten Stimme, nun gestorben, im Alter von 81 Jahren. "Friedrichsen gehörte auf die Hamburger Theaterbühne wie der Dom auf das Heiligengeistfeld", sagte Bürgermeister Olaf Scholz über ihn. Wohl wahr: Der gebürtige Altonaer Friedrichsen stand seit den fünfziger Jahren und bis ins hohe Alter auf so ziemlich jeder großen Bühne der Stadt. Erfolge feierte er auch am Ohnsorg-Theater in der Rolle des Hans Albers und als Mephisto in einer Inszenierung von Goethes "Faust" – auf Plattdeutsch. Seine Liebe galt auch dem intelligenten Fernsehen; dem großen Publikum wurde Friedrichsen durch die Serie "Schwarz Rot Gold" bekannt, in dem Wirtschaftskrimi spielte er von 1982 bis 1995 einen Zollfahnder. Ebenso unvergessen: Seine Auftritte in der "Sesamstraße" von 1979 bis 1981. Aber "mit welcher Leidenschaft und Energie Uwe Friedrichsen Theater gespielt hat", sagte gestern Christian Seeler, Intendant des Ohnsorg-Theaters, "das hat das gesamte Ensemble tief beeindruckt." Friedrichsen selbst fand eine recht lapidare Erklärung für sein schauspielerisches Können. "Das, was den Schauspieler ausmacht", sagte er einmal, "kann man nicht lernen – das hat man, oder man hat es nicht."

Mittagstisch

Funktionaler Charme, gutes Gewissen

Dass das alternative Hotel Schanzenstern in der Bartelsstraße samt zugehörigem Restaurant der Gentrifizierung zum Opfer fiel, ist ein Jammer. Aber wenigstens in Altona gibt es noch eine Filiale. Mit dem schmucklosen Hinweisschild "Bio-Mittagstisch" wirbt es seit einigen Wochen um hungrige Kunden, der Eingang ist im Innenhof. Gespeist wird im Frühstücksraum des Hotels, der den funktionalen Charme eines gehobenen Jugendherbergsspeisesaals ausstrahlt. Es geht nicht nur rein vegetarisch, sondern auch rein bio zu. Das hat seinen Preis: 8,50 Euro kosten die Gerichte. Neben zwei bis drei täglich wechselnden Mittagsgerichten (wie gebackene Ofensüßkartoffel, Nudelauflauf mit Gemüse, Tortellini in Pilz-Sahnesoße oder nordafrikanischem Gemüsegulasch) stehen noch diverse Alternativen auf der Tafel. Das Essen bietet zwar wenig Überraschungen, ist aber qualitativ auf hohem Niveau..

Altona, Kleine Rainstraße 24–26, Mittagstisch 12–16 Uhr

Thomas Worthmann

Was geht

Kindertheater: Kleine Tierfreunde und Märchenliebhaber aufgepasst! Mit Handschatten wird die Geschichte "Nils Holgersson und die Wildgänse" erzählt. Ein Theatervormittag für Kinder ab fünf Jahren. Fundus Theater, Hasselbrookstraße 25, 10 Uhr

Vortrag: Wer sich für aktuelle Politik interessiert, für den ist die Reihe "Syrien sehen" in der Werkstatt für Internationale Kultur und Politik richtig. Thema der Wirtschaftswissenschaftlerin Salam Said heute: "Dynamiken des Krieges: Syrien zwischen globalen Fronten und Warlordism" – auch mit arabischer Übersetzung. W3, Nernstweg 34, 19 Uhr

Konzert: Ungewöhnliche Klänge schallen durch die Musikhalle, wenn der deutsche Musiker Pantha du Prince romantischen Techno von seinem neuen Album "The Triad" mitbringt. 

Laeiszhalle, Johannes-Brahms-Platz, 21.30 Uhr

Was kommt

Konzert: Leicht lässt er sich nicht beschreiben, der Sound des Electronic-Projekts "Kiasmos". Ólafur Arnalds, isländisches Wunderkind der Minimal Music, und Janus Rasmussen von den Electro-Rockern Bloodgroup schaffen eine Symbiose aus sphärischen Klängen und tanzbaren Beats. Beim "NDR Kultur Neo Klubkonzert" am Freitag, 13. Mai, präsentiert das Duo Tracks und Remixes des Techno-Pioniers Steve Reich. Klingt gut? Dann schicken Sie uns heute bis 12 Uhr eine Mail an elbvertiefung@zeit.dewir verlosen 2 mal 2 Karten.

Schnack

Im Theaterstück Schnee im Thalia in der Gaußstraße: Nach einer guten Stunde Spannung auf der Bühne plötzlich ein dumpfes Geräusch, das Bühnenlicht geht aus. Absolute Stille. In die dunkle Stille hinein flüstert eine Zuschauerin hörbar für das umsitzende Publikum zur Person neben ihr: "War es das wohl?" Und nach weiteren zehn Sekunden atemloser Ruhe: "Bist du noch da?"

Gehört von Martin Woestmeyer


Meine Stadt

Du bist der Verkehr. Gesehen an der Stresemannstraße © Foto: Jutta Rehfeld


Wie verhalte ich mich unauffällig? Hamburg schafft seine Gefahrengebiete ab – und bekommt stattdessen den "gefährlichen Ort". Auch für diesen gelten Sonderrechte ohne Gerichts- oder Parlamentsbeschluss. Aber wo sind die Unterschiede zum Gefahrengebiet – und zum Nichtgefahrengebiet? Die Kollegen von ZEIT Online haben das Thema hier mal friedlich eingekreist.

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr
Mark Spörrle


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