Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

"ich finde, dass wir sieben Stadtteilmoscheen brauchen, für jeden Bezirk eine", sagte die religionspolitische Sprecherin der grünen Bürgerschaftsfraktion, Stefanie von Berg. Danach war am Wochenende auf Twitter und Facebook einiges los, Sie können sich wahrscheinlich denken, welche Zeitgenossen bestimmter Couleur sich prompt auch einschalteten. Laut Heinrich-Böll-Stiftung gibt es für die mehr als 150.000 Muslime in Hamburg etwa 50 Moscheen und Gebetsräume. Es fehlten vor allem Stadtteilmoscheen im Osten und Süden der Stadt, hatte der Architekt Joachim Reinig, der eine Studie dazu erstellte, am Mittwoch im Gespräch mit uns gesagt. 

Apropos wir: Jetzt gibt es diesen Letter schon sieben Monate, und ich möchte Sie mal wieder um Ihre Meinung bitten. Was Sie davon halten, dass bei uns im Team ab und an süddeutsche Einflüsse durchbrechen ("Samstag"!, "Oberbürgermeister"!, "Unterschiedlicher wie gestern Abend kann eine Stadt wohl nicht klingen"!!!), damit halten Sie ja nicht hinter dem Berg. Glücklicherweise auch nicht damit, was Sie gut finden – bitte machen Sie weiter so!

Was das Grundsätzliche angeht, wie Sie also unsere ganze Elbvertiefung so finden, dazu haben wir Sie vor ein paar Monaten schon einmal befragt. Und vielleicht haben Sie es gemerkt: Wir konnten seither auch die eine oder andere Anregung umsetzen.
Nun starten wir also wieder eine Fragerunde in eigener Sache. Unter allen Teilnehmern verlosen wir 3 mal 2 Karten für das Passage-Kino. Zur Umfrage geht es hier.

Kinder- und Jugendhilfe: "Mehr Gespräche statt starker Kontrollen"

Chantal, Yagmur und zuletzt Tayler: Immer wieder kommt es in Hamburg zu dramatischen Todesfällen, die kein gutes Licht auf die Kinder- und Jugendhilfe werfen. SPD, Grüne und Linke wollen deshalb laut "Hamburger Abendblatt" noch vor der Sommerpause gemeinsam eine Enquetekommission zur Verbesserung des Kindeswohls einberufen. In einem zivilgesellschaftlichen Aufruf schließen sich auch zahlreiche Einrichtungen, Verbände und Wissenschaftler dieser Forderung an. Einer von ihnen ist Timm Kunstreich, Sozialwissenschaftler und emeritierter Professor an der Hochschule Rauhes Haus.


Elbvertiefung: Herr Kunstreich, was kann eine Enquetekommission bringen, wenn die Sozialbehörde zwar Regeln aufstellt, etwa für Pflegefamilien, diese aber in vielen Fällen von Jugendämtern und Bezirksamtsleitern so nicht umgesetzt werden?

Kunstreich: Das ist ein Grundproblem in der derzeitigen Kinder- und Jugendhilfe: Es gibt eine Überregelung. Selbst wenn sich Sozialarbeiter daran halten wollen, ist das nicht einfach, weil es sehr viel und kompliziert ist. Ein anderes Problem ist, dass neben der ganzen Reglementierung oft gar nicht berücksichtigt wird, was Kinder und Familien wirklich wollen. Deshalb ist die Kommission wichtig, um die Wünsche der Kinder wieder in den Mittelpunkt zu rücken.

EV: Aber besteht durch weniger Regeln nicht die Gefahr, dass sich die Probleme eher verschärfen?

Kunstreich: Eher nicht, gerade durch die Kontrollorientierung werden Familien häufig in die Isolation geführt. Statt der starken Kontrollen sollte es lieber mehr Gespräche geben. Heute melden sich nur noch wenige Familien mit Problemen selbst bei den Jugendämtern und anderen Einrichtungen, weil sie Angst haben, dass ihnen die Kinder weggenommen werden. Das war früher anders. Es sollte wieder mehr Anlaufstellen für Kinder und Familien geben, sich passende Hilfe zu holen, quasi ein demokratisches Hilfesystem.

EV: Aber würde das ernsthaft die Fälle verhindern, in denen Kinder von den eigenen Eltern oder Pflegefamilien vernachlässigt oder misshandelt werden?

Kunstreich: Auch diese Eskalationsstufe ließe sich – meiner Meinung nach – mit einem System, das mehr auf Vorsorge statt auf Kontrolle setzt, verhindern.

EV: Ein Vorwurf von Gegnern der Enquetekommission, etwa der CDU, lautet, dass dadurch Probleme verschleppt werden könnten, schließlich ist eine Laufzeit von zwei Jahren geplant.

Kunstreich: Ein Kurswechsel braucht natürlich Zeit. Aber die Alternative wäre, weiterzumachen wie bisher. Der Dreh- und Angelpunkt ist nun, auf welche Frage sich die Parteien für die Kommission einigen. Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel, wie sich die Rechte der Kinder stärken lassen. Eine andere, deutlich engere Fragestellung wäre, welche Maßnahmen im Kinderschutz erfolgreich sind.

Luftfracht macht attraktiv

Das Geschäft mit Luftfracht stagniert in Deutschland. Dennoch nimmt heute am Flughafen ein neues Cargo Center mit einer Halle so groß wie drei Fußballfelder den Betrieb auf. Eine schlechte Idee? "Nein, in Hamburg gibt es ein großes Potenzial, das derzeit nicht ausgeschöpft wird", sagt Heiner Siegmund, Luftfrachtexperte und Herausgeber der Plattform CargoForwarder Global. Nur etwa 20 Prozent der Luftfracht aus dem Großraum Hamburg sei bislang über Fuhlsbüttel verschickt worden, der Rest ging per Lkw an andere Flughäfen, oft auch ins Ausland, nach Amsterdam etwa. Dabei gebe es gerade hier viele Express-Güter, zum Beispiel Ersatzteile für Flugzeuge und Schiffe, die schnell in alle Welt verschickt werden müssen. Ein Großteil der Luftfracht, das wissen die meisten Passagiere gar nicht, fliegt im Bauch von Linienfliegern. In dem neuen, modernen Zentrum lassen sich dann bis zu 150.000 Tonnen Fracht jährlich umschlagen – mehr als das Doppelte der 2015 abgefertigten Menge. Damit kann auch der Standort Hamburg künftig punkten, wenn es um die Vergabe von Langstreckenflügen nach Asien oder Nordamerika geht. Bedeutet das: Es wird insgesamt mehr Flüge geben? Das könne man nicht vorhersagen, so Siegmund. Das neue Zentrum erhöhe sicherlich die Attraktivität des Flughafens. Allerdings: Hamburg ist kein fliegerisches Drehkreuz wie Frankfurt, sondern ein Endflughafen.

Flüchtlinge in die Messe und ins Springer-Haus?

Huch, was war das?, dürfte sich wohl mancher Shoppingtourist gefragt haben, als am Samstagnachmittag bei strahlendem Sonnenschein eine bunte Parade durch die Innenstadt zog: Um die 700 Menschen mit Megafonen, Plakaten und selbst gebastelten Hochhäusern in der Hand (kleinen Hochhäusern!), dazwischen mobile Baugerüste und kreativ geschmückte Fahrzeuge, etwa ein zum fahrbaren Wohnzimmer verwandelter Lkw samt Stehlampe. Angeführt wurde der Zug von einem Transparent: "Hamburg, ich will ein Haus von dir". Denn genau darum ging es dem Netzwerk "Recht auf Stadt", das zusammen mit weiteren linken und sozialen Initiativen den Zug organisierte: Alternativen in der aktuellen Wohnungsdebatte aufzuzeigen. Startpunkt waren die Messehallen, ein großes zentrales Gebiet mit Gebäuden darauf, die die meiste Zeit des Jahres leer stehen. Die Idee deshalb: Die Messe zieht an den Stadtrand, und hierhin kommt sozialer Wohnungsbau. Unterstützt wird diese Idee von der Architektenkammer. Und auch für Pläne des Netzwerks bezüglich des Axel-Springer-Hochhauses, wo die Parade endete, gibt es laut einem NDR-Bericht prominente Unterstützung: Professoren der HafenCity Universität können sich ebenfalls vorstellen, hier bis zu 8.000 Flüchtlinge unterzubringen, in getrennten Zimmern statt in großen Hallen. Geht natürlich nicht, sagen nun alle nicht linken Gruppen: In den Bau soll doch bald das Bezirksamt Hamburg-Mitte. Aber die Idee, so abwegig sie erst klingt, sie hat etwas.

Der Rapper und die Buchhaltung

Stress mit der Steuer? Kann vorkommen. Auch die Coolsten bleiben davon nicht verschont, wie Rapper Samy Deluxe jetzt im Interview mit ZEIT:Hamburg-Autorin Sarah Levy verrät. Zumindest am Anfang seiner Karriere ging da etwas gründlich schief: "Wir waren 20, 21, hatten vorher nichts verdient. Wir wussten nicht, dass wir fast 50 Prozent zurücklegen sollten." Und so kam es, dass das Finanzamt von dem Musiker auf einmal 230.000 Euro Steuern nachforderte, der aber nur 50.000 auf dem Konto hatte. Autsch! Da hieß es erst einmal, viele Jahre durchgehend arbeiten, um dieses Loch zu stopfen. Heute weiß es Samy Deluxe besser, auch dank seiner Mama, die seit zehn Jahren seine Buchhaltung macht ("Mama weiß genau, wo ich wie viel Cent ausgebe"). Als Promi will sich der 38-Jährige, der gerade sein neues Album "Berühmte letzte Worte" veröffentlicht hat, übrigens nicht sehen: "Ich bin ein Musiker, den die Leute auf der Straße erkennen." Zu viel in den Medien sein will er auch nicht. Egal, ob "DSDS"-Juror, "Dschungelcamp" oder "Promi-Dinner" – alles abgesagt. Eine Ausnahme gibt es allerdings: "Talkshows mache ich gern, da kann ich zu mehr oder weniger schlauen Themen meine Meinung sagen." Warum Samy Deluxe auch bei "Sing meinen Song" aufgetreten ist, welche Rolle Joints in seiner Eimsbütteler WG gespielt haben und was für Aufgaben Mama sonst noch übernimmt, steht in der aktuellen Ausgabe der ZEIT:Hamburg.

Mittagstisch

Urbane Tiroler Knödel

Wen es kulinarisch in den Alpenraum zieht, aber nicht unbedingt in die gigantischen und trubeligen Hamburger Hofbräuhäuser, dem empfehlen wir das kleine Tiroler Lokal "Marend" in der Feldstraße. Man serviert typische Tiroler Küche, die hier, abgesehen vom leckeren Rindergulasch und einer Aufschnittplatte mit Speck, rein vegetarisch ist: Spinat-, Käse- oder Rote-Beete-Knödel mit Salatbeilage, Schlutzkrapfen (die Tiroler Variante der Ravioli) mit Spinat-Ricotta-Füllung, Käse- oder Aufschnittbretter oder einfach nur Salat, natürlich mit Kürbiskernöl-Dressing. Die Einrichtung ist puristisch-rustikal, mit bierzeltgarniturähnlichen Holztischen, Melkschemeln, Bauernstühlen und dezenter Gebirgsmalerei an der Wand. Urban und trotzdem alpin. Mittags sind ausgewählte Gerichte zwei Euro günstiger als abends.

Karolinenviertel, Feldstraße 29, Preise zwischen 7,50 und 11,80 Euro, Montag bis Freitag, 11–22 Uhr

Thomas Worthmann

Was geht

Kindertheater: Eine Seefahrt, die ist lustig... Frei nach diesem Motto begeben sich die kleinen Passagiere beim Stück "Mary L. von Cook... Eine Seequatschgeschichte" auf große Fahrt.
Planten un Blomen, Große Wallanlagen, 10.30 und 16 Uhr

Fotografie: Einen Einblick in die Untertage-Welt gibt der schwedische Fotograf Jens Olof Lasthein in seiner Serie "Home among black hills". Die Bilder zeigen den Verfall eines ehemaligen belgischen Zentrums der Kohle- und Stahlindustrie und sind noch bis 3. Juni zu sehen.
Freelens Galerie, Steinhöft 5, 11–18 Uhr

Vortrag: Einfach mal raus! Dmitrij Leltschuk erzählt in "Komische Arktis – Rentierzüchter am Polarkreis" über das Leben der Komi-Nomaden und warum dieses durch die russische Erdölindustrie gefährdet ist.
Museum der Arbeit, Wiesendamm 3, 19 Uhr

Was kommt

Fußball: Anstoß! In knapp zwei Wochen beginnt die EM. Wir haben dazu morgen noch eine Überraschung für Sie, aber heute erst mal das: Wer noch nicht weiß, wo er das Deutschland-Spiel gegen Nordirland am Dienstag, 21. Juni, gucken soll, für den haben wir einen Tipp: Wie wäre es bei der ZEIT, im Helmut-Schmidt-Haus? Einlass zum Public Viewing ist ab 16.30 Uhr, das Spiel beginnt um 18 Uhr. Unter Anleitung des stellvertretenden ZEIT-Chefredakteurs Moritz Müller-Wirth wird die Partie fachkundig analysiert von den ehemaligen Fußballprofis Thomas Hitzlsperger (Vize-Europameister 2008) und Katja Kraus (Europameisterin 1995). Anschließend gibt es noch ein Get-together auf unserer nagelneuen Dachterrasse mit Panoramablick über das Fahnen schwenkende und ausgelassen jubelnde Hamburg (behaupten wir jetzt einfach mal… Sind Sie anderer Ansicht? Dann lesen Sie morgen mehr). Der Eintritt ist frei, aufgrund der beschränkten Platzzahl bitten wir um Anmeldung hier.

Film: Es muss nicht immer lang sein... Wer so denkt, kommt bis 6. Juni beim KurzFilmFestival auf seine Kosten. Neben dem Festivalzentrum im Kolbenhof sind verschiedene Kinos dabei. Das genaue Programm und mehr Infos gibt es hier.
Eröffnung: Zeise Kinos, Friedensallee 7–9, Dienstag, 19.30 Uhr

Literatur: 500 Briefe schrieben sich der Schriftsteller Thomas Bernhard und Verleger Siegfried Unseld. Was drin steht, erfährt man bei der Lesung aus "Der Briefwechsel".
Elb Lounge, Elbchaussee 486, Mittwoch, 19 Uhr

Schnack

Eine junge Dame in einem Café in der Schanze: "Ich hätt’ gern ’nen Kaffee to go, aber zum Mitnehmen!"

Gehört von Peter J. Lund


Unsere beiden Fußballkolumnisten Aimen Abdulaziz-Said und Erik Hauth gehen nun in die Sommerpause, bis die Bundesliga wieder startet. Sie finden bis dahin hier auch am Montag Hamburger Schnack. Wenn Sie der Ansicht sind, es käme in dieser Rubrik zu viel Kindermund vor: Vielleicht hören Sie ja in der U-Bahn, auf der Reeperbahn, in der Badewanne mal etwas anderes? Bitte an elbvertiefung@zeit.de. Nur keine Weihnachtsbaumsprüche und Fritzchen-Witze!

Meine Stadt

"Hier spielt die Musik schon …" © Katrin Petersen

Die Nummer 110 ruft an. Die Polizei!? Falsch. Mithilfe dieses  technischen Display-Tricks versuchen gerade Diebe in Hamburg, Wohnungen auszuspionieren. Sie fragen nach Vermögenswerten und kündigen, wenn die Antwort gut klingt, auch den Besuch eines "Kollegen" an. Der ist dann natürlich ein Kollege der Diebe. Die Polizei warnt deshalb mit Nachdruck vor den Anrufern: "Die Rufnummer 110 wird NIE im Display angezeigt, wenn die Polizei bei Ihnen anruft!!!!" (Ja, vier Ausrufezeichen, so steht es in der Pressemitteilung.) Fragt sich: Wann teilt man den Dieben endlich ihre eigene Telefonnummer zu?

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.