Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

mal wieder spaltet die Elbphilharmonie die Gemüter – bei der Opposition, die ein durchdachteres Konzept zur Anfahrt und zum Verlassen des Konzerthauses anmahnt (wie wär’s ansonsten mit mehr Betten für das im Gebäude befindliche Hotel?). Und bei uns meldeten sich Leser, die es ungerecht fanden, dass ich den Kulturtempel als "DPKSEK" bezeichnete – "Die Philharmonie, die kein Schwein erreichen kann". "Die armen Schweine!", so R. W. aus Barmbek. Andere mahnten zur Bescheidenheit: "Wenn Sie in die Laeiszhalle wollen, hält doch auch der Bus nicht vor der Tür!" Das stimmt natürlich – und ist das nicht schon schlimm genug?

Wieder andere wollten wissen, ob es "DPKSEK" als Aufdruck auf T-Shirts gebe (wir klären das). Und Leser Gerd Scheunemann fragte an: "Wie wäre es, wenn die ZEIT einen Wettbewerb unter den Hamburger Friseuren ausloben würde, mit welcher Frisur die Damenwelt – chic aufgebrezelt – trotz der Hamburger Winde sowie den Fallwinden der HafenCity-Gebäude diskriminierungsfrei (mit heiler Frisur) die Ränge in der Elbphi erreicht?"

Und dann gibt es sicher noch einen großen raffinierten Plan von Senat, Hafenbehörde und den Machern des wasserumspülten Kulturhauses.

Denn haben sich die Hamburger nicht schon immer nach italienischer Leichtigkeit und Grandezza gesehnt? Ist man nicht wahnsinnig stolz auf die Bezeichnung "Venedig des Nordens"?

Nur: Was fehlt zu einem perfekten Venedig? Gondeln. Gondeln mit Gondolieri, die überall am Elbufer anlegen, elegant gewandete Konzertbesucher zusteigen lassen, dann mit souveränen Ruderschlägen auf die festbeleuchtete Elbphilharmonie zuhalten und dabei Arien schmettern, solo, im Chor, im Falsett – stellen Sie sich das nur vor: Ein Traum!

Aber wer weiß, ob es je dazu kommt. Denn vielleicht ist das Keiner-kommt-hin-Verkehrskonzept nur eine letzte Vorsichtsmaßnahme. Damit niemand es merkt, falls die Elbphilharmonie wieder nicht fertig wird.

Mehr Moscheen für Hamburg

Der Islam gehört zu Hamburg: Über 150.000 Muslime leben in der Stadt, es gibt etwa 50 Moscheen. Die sind für viele Hamburger unbekanntes Terrain, "Hinterhof-Moscheen" nennt Joachim Reinig die Gebetshäuser. Der Architekt hat an der Studie "Moscheen und Gebetsräume in Hamburg" mitgearbeitet. Und eins zeigt die Untersuchung im Auftrag des Senats, der Schura (Rat der Islamischen Gemeinschaften in Hamburg), des DITIB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion) sowie des VIKZ (Verband der Islamischen Kulturzentren): Die Nachfrage nach muslimischen Gotteshäusern steigt – viele Moscheen klagen über Platznot.

Herr Reinig, was für Moscheen baut man heute?

Das geht von modern bis zu typisch orientalisch mit Kuppel und Minarett. Weil fünfmal am Tag gebetet wird, müssen die Gebäude gut beheizt sein. Wichtig sind auch sanitäre Anlagen, denn das Gebet gilt im Islam nur nach einer rituellen Waschung. Vielen Muslimen ist vor allem eines wichtig: Sie wollen sichtbar werden im Stadtbild. Der Bau von Moscheen ist ein wichtiger Schritt der Integration.

Also nicht, wie manche fürchten, ein Zeichen von Überfremdung?

Minarette im Stadtbild sind kein Zeichen der Abschottung, im Gegenteil: Sie zeigen, dass Muslime ihren Platz in Deutschland haben. Sie haben sich entschieden, hier zu bleiben, und sind bereit, viel Geld in Gebäude zu investieren. Hier entsteht also keine Parallelgesellschaft. Sichtbare Moscheen signalisieren Muslimen, dass sie friedlich bei uns leben können, ohne Angst haben zu müssen um ihre Herkunft und Kultur.

In Stammtischgesprächen wird immer wieder vor großen Moscheen in den Städten gewarnt.

Das ist Unsinn. Gerade jugendlichen Muslimen wird in Moscheen der Wert von Bildung vermittelt: In westafrikanischen Gemeinden etwa stellen wir  einen hohen Bedarf an Weiterbildungsräumen fest, für Nachhilfe oder Computerkurse. In ganz Hamburg ist uns nur eine Moschee bekannt, in der Hassprediger auftreten und Jugendliche radikalisiert werden.

Ist es also eher die Befürchtung, statt der gewohnten Kirchenglocken könne bald der Muezzin-Ruf durch die Stadt schallen?

Die Gebetsrufe werden nur innerhalb der Moscheen und Gebetsräume übertragen. Das liegt nicht daran, dass es Auflagen seitens der Stadt gäbe – bisher hat einfach keine Moschee den Muezzin-Ruf per Lautsprecher beantragt.

Wo braucht man laut Ihrer Untersuchung Moscheen in Hamburg?

Es fehlen vor allem Stadtteilmoscheen im Osten und Süden der Stadt – etwa in Harburg und Wilhelmsburg oder Schnelsen.

Am Donnerstag präsentiert Reinig seine Ergebnisse im Rahmen der Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung "Raus aus dem Hinterhof" in der neuen Al-Nour-Moschee in Horn, der ehemaligen evangelischen Kapernaum-Kirche, die sich derzeit noch im Umbau befindet. Davor befand sich die Moschee 20 Jahre lang in einer Tiefgarage.

Aus für die Freezers

Bis zum Schluss kämpften gestern die Hamburg Freezers ums Überleben – es war ein Krimi, aus ganz Deutschland schwappte dem Eishockey-Club eine Welle der Solidarität entgegen. "Hamburger, rettet eure Hamburg Freezers. Es geht um mehr als nur Sport", schrieb Wladimir Klitschko auf Twitter. Auch Fußballweltmeister Thomas Müller sprach den Hamburgern Mut zu: "Ich drücke die Daumen!" Noch rührender als so viel prominente Solidarität war nur die Treue der Fans: Mehr als 100 Anhänger versammelten sich bis kurz nach 23 Uhr zu einer Mahnwache an der Geschäftsstelle und sangen "Freezers geben niemals auf". Der Club stand vor dem Aus, weil, wir in Hamburg kennen das ja mittlerweile, das amerikanische Großunternehmen Anschutz Entertainment Group (AEG) nicht mehr als Sponsor auftreten wollte. Freezers-Mannschaftskapitän Christoph Schubert rief auch bei uns zum Spenden auf, um etwas zu bewegen und sei es nur den Sponsor. Gestern Abend war allein durch Crowdfunding etwa eine halbe Million Euro zusammen, dazu lockte angeblich eine Großspende in ähnlicher Höhe. Immer wieder kam Hoffnung bei den Unterstützern auf. Es hätte die Geschichte eines tollen Kampfes und einer tollen Rettung werden können: Bis Dienstagnacht 24 Uhr hätte der Verein, wenn AEG gewollt hätte, doch noch die Lizenz für die nächste Saison beantragen können. Aber schon gegen 23.15 Uhr kam die Nachricht, dass die Hamburg Freezers nicht mehr aufs Eis gehen werden. "Wir sind einfach nur unfassbar sprachlos und traurig", twitterte Christoph Schubert. Und ein anderer schrieb: "Die halbe Million würde ich übrigens in die Gründung des Hamburg Freezers e.V. stecken und ganz unten neu anfangen."

Mietpreisbremse bremst nicht

Sie zahlen eine exorbitant hohe Miete? Nun, man kennt ja den Hamburger Wohnungsmarkt, es ist so schwer, eine Bleibe in guter Lage zu finden… Gedankengänge, die viele Hamburger wohl gut nachempfinden können und die deshalb bei neuen Mietverträgen lieber schweigen, als Protest einzulegen. Denn obwohl seit Juli 2015 die Mietpreisbremse gilt, nutzen Mieter das Instrument bisher kaum, sagt Sylvia Sonnemann vom Verein Mieter helfen Mietern. "Die Mietpreisbremse wirkt nicht, weil viele Mieter zu wenig darüber wissen", so Sonnemann. "Zwölf Euro pro Quadratmeter finden viele normal. Dabei liegt der Mietenspiegel in vielen Gegenden bei nur acht Euro." Bei Abschluss eines neuen Mietvertrags darf die Miete nicht mehr als zehn Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen. Ausnahmen: Die Wohnung wird zum ersten Mal vermietet, wurde saniert, oder die Miete lag bereits zuvor über dem Mietenspiegel. Dass die Mietpreisbremse bisher wenig Erfolg gebracht hat, legt auch eine Auswertung von Schülern des Gymnasiums Ohmoor nahe: 12,54 Euro pro Quadratmeter werden in Wohnungsannoncen im Durchschnitt verlangt. Und bezahlt. "Wenn die Mieter sich nicht wehren, passiert nichts. Der Verstoß gegen die Mietpreisbremse ist keine Ordnungswidrigkeit, es gibt keine Kontrolle der Stadt", so Sylvia Sonnemann. "Aber viele scheuen Konflikte mit dem neuen Vermieter." "Hinz und Kunzt" will es jetzt genau wissen: Das Straßenmagazin ruft dazu auf, Informationen über Mietverträge einzuschicken, um Tricksereien auf dem Wohnungsmarkt aufzudecken.

Öffentliche Toiletten? Nicht für Obdachlose

Hamburgs Toiletten sollen schöner werden – so entschied die Umweltbehörde: Die mehr als 200 öffentlichen WCs in der Stadt sind, so das Ergebnis einer Standortanalyse, zwar in der Regel sauber, jedoch oft schlecht ausgeschildert und nicht immer barrierefrei. Gestern legte die Behörde nun ein Handlungskonzept vor: Eine Million Euro sollen Neubau und Modernisierung aller städtischen Toiletten kosten, an "stark touristisch frequentierten Standorten" kann die Nutzungsgebühr künftig von 50 Cent auf 80 Cent angehoben werden, erklärt Behördensprecher Jan Dube. Für die etwa 2000 Obdachlosen in der Stadt bringt die städtische Klo-Offensive dagegen wenig. "Wer auf der Straße lebt, hat nicht mal eben 50 oder 80 Cent übrig. Obdachlose sind auf die sanitären Anlagen in den meist überfüllten Aufenthaltsstätten angewiesen. Oder sie gehen auf die Kaufhaus-Toiletten", sagt Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer.  Besonders schwierig – und auch gefährlich – ist der Toilettengang für obdachlose Frauen, weiß Gudrun Greb, Geschäftsführerin von Ragazza, einer Beratungsstelle für Prostituierte. "Gerade wohnungslose Frauen sind oft Gewalt durch Männer ausgesetzt, sie brauchen daher geschützte Räume für sich, doch es gibt viel zu wenige kostenfreie Toiletten", sagt sie. Mehr noch: "Wenn die Frauen in Kneipen in der Innenstadt eine Toilette nutzen wollen, müssen sie sexuelle Dienste verrichten. Das berichtet man uns immer wieder. Um dem zu entgehen, ziehen sie lieber bei Zuhältern oder Freiern ein." Fehlende sanitäre Anlagen, sagt Greb, trieben die Frauen "so noch mehr in Abhängigkeit und Prostitution". Einziger Ausweg: mehr kostenfreie Toiletten für Obdachlose. Das kann doch nicht so schwer sein, oder?

Mittagstisch

   

Grillspieß und Tantuni

Manche zählen das Akdeniz Tantuni am Steindamm 68 zu den großen Grillstuben Hamburgs. Ob es das wirklich ist, muss wohl einer genaueren Prüfung unterzogen werden, die Konkurrenz in Wilhelmsburg, Billstedt oder gleich um die Ecke ist auf jeden Fall nicht klein. Zumindest ist das Akdeniz Tantuni ein gutes Mittagslokal, was man schon daran erkennt, dass es ab 12 Uhr immer gut besucht ist und dort Menschen jeglicher Altersgruppe und Herkunft speisen. Der Fokus liegt auf Tantuni-Rollen aus Yufka-Teig sowie Spießen mit Lammhack, in vier Varianten, scharf gewürzt mit Kräutern, mit oder ohne Knoblauch. Dazu solche mit Lammfleisch oder Huhn sowie Innereienspieße mit Nierchen und Leber. Als Teller gibt es die Spieße für 7,50 Euro, serviert mit Reis, Bulgur, Ezme (einem Tomaten-Paprika-Dip), Kaymak (einer Art Joghurt) sowie Petersilien-Zwiebel-Salat. Bevor man Letzteres isst, sollte man sich gut überlegen, ob danach noch Termine anstehen. Gut sind auch die frisch gebackenen, mit gehacktem Lammfleisch und anderen Zutaten gefüllten Tantuni. Zumindest nach dem Verzehr der größeren Variante ist man definitiv satt.

St. Georg, Steindamm 68, Gerichte zwischen 5 und 12 € 

Steffen Richter

 


Was geht

Jazz-Konzert: Absolute Blechheit, dass Trompeter-Talent Nils Wülker nicht öfter nach Hamburg kommt! Bald pustet er Fans den Kopf frei. Tuut-gut! Mojo Club, Reeperbahn 1, 20 Uhr

Lesung mit John Irving: Der Bestsellerautor liest aus seinem neuen Buch "Straße der Wunder": Die Geschichte vom hochbegabten Müllkippenkind Juan Diego, der später Schriftsteller wird. Es geht um Verlust und Gewalt, Glauben und Kirche – ein opulentes Werk, voll groteskem Humor. Es gibt noch Restkarten! Thalia Theater, Alstertor, 20 Uhr

Bootsfahrt mit Swing: "DJane Malinka" ist die Meisterin der Dauer-Welle, sie serviert pausenlos gute Musik. "Hedi Sundowner Party" mit Balkan, Ska und Swing. "Frau Hedis Tanzkaffee", Landungsbrücken, Brücke 10, 19 Uhr

Hamburger Schnack

   

"Wenn du bis heute Mittag dein Zimmer nicht aufgeräumt hast, bekommst du keinen Nachtisch." – "Das ist Erpressung!" – "Ja, stimmt, eine Sonderform. Man nennt es Erziehung."

Gehört von Ulrike Dürkes und Dieter Muhl

 


Meine Stadt

»Die Folgen der zum Teil durchaus pessimistischen Wetterbotschaften haben marktwirtschaftlich brisante Folgen.« © Uwe Jung

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

 

Ihr

Mark Spörrle

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.