Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

zum Schießen, nein, zum Tuten: Da hatte die Reederei Cunard sich für die schiffsbegeisterten Hamburger etwas Besonderes ausgedacht: Drei Wochen, solange die "Queen Mary 2" zur Überholung bei Blohm + Voss liegt, sollte Punkt 12 Uhr mittags das Schiffshorn des Kreuzfahrtriesen ertönen. Nur eins von dreien. Das am Schornstein in Fahrtrichtung links. Es ist auf ein tiefes A gestimmt, wiegt 650 Kilo und ist auf hoher See mehr als 18 Kilometer weit zu hören. "Das geht ganz schön in den Bauch", schwärmt Cunard-Sprecher Ingo Thiel. Bis Fuhlsbüttel sollte der "durchdringende Basston" zu hören sein.

Doch es gab Hamburger, die das nicht mochten. Obwohl das Schiff  Schlag 12 nur dreimal tutete und nicht zwölfmal Laut gab, wie das in Bayern jede anständige Kirchturmglocke tut, hagelte es Beschwerden. So viele, dass, bevor amtliche Stellen einschritten, die Reederei die Lautstärke freiwillig drosselte. Jetzt reicht der Sound nicht mal mehr nach Eimsbüttel. Aber wer das Horn dennoch mittags um 12 Uhr hören will, der kann das mit diesem Link tun. Selbst in Wellingsbüttel.

Ein Trost bleibt: Die Hamburger sind offenbar lärmsensibler, als ich dachte. Wird es da nicht allmählich Zeit für Protest gegen die Wahnsinnigen, die Tag und Nacht mit extralauten Auspuffen an ihren Autos durch die Stadt röhren?

CDU will raus aus der Opposition

Opposition ist Mist, finden nun auch die Christdemokraten. Mit einem neuen Team will die Hamburger Union deshalb wieder an die Macht. Etwa die Hälfte aller Posten soll mit neuen Gesichtern besetzt werden, jünger und weiblicher soll die Partei werden. Der Altersdurchschnitt sinkt von 54 auf 45 Jahre, der Frauenanteil steigt von 36 auf 44 Prozent. "Wir verfolgen ein ganz klares Ziel mit der Truppe – die Regierungsfähigkeit der CDU in Hamburg bis 2020 wieder herzustellen", verkündete Parteichef Roland Heintze am Mittwoch. Am 11. Juni soll der CDU-Parteitag über das vom Vorstand vorgeschlagene Team abstimmen. Die CDU hat einiges aufzuholen. Mit nur 15,9 Prozent bei der Bürgerschaftswahl 2015 kassierte die Partei in Hamburg ihr schlechtestes Ergebnis aller Zeiten. "Wir müssen neuen Herausforderungen begegnen. Und dafür brauchen wir eine neue Truppe", sagte Roland Heintze am Mittwoch. Er selbst will an der Parteispitze bleiben. Auf den vier Vizeposten aber tauchen gleich drei neue Kandidaten auf: Christoph Ploß (30), Kreisvorsitzender der CDU Hamburg-Nord, die Bürgerschaftsabgeordnete Birgit Stöver (45) und Christoph de Vries (41), der CDU-Kreisvorsitzende von Hamburg-Mitte. Zudem soll sich künftig eine Landesmitgliederbeauftragte um Fragen und Wünsche von Hamburger Christdemokraten und solchen, die es werden wollen, kümmern. Denn besonders bei den 20- bis 40-Jährigen schwinden die Mitgliederzahlen. Friederike Höher soll das Ruder herumreißen – als 28-Jährige passt sie ja auch bestens zum neuen Gesicht der hansestädtischen Konservativen.

Putzfimmel im Bezirk Mitte

Hamburg-Mitte soll sauberer werden – das hat sich der neue SPD-Fraktionschef Arik Willner auf die To-do-Liste geschrieben. Spätestens im Oktober soll ein Aktionsplan stehen: Wo besteht Verschönerungsbedarf? Was ist zu tun? Und wer packt mit an? All das will Arik Willner in einem "Dialog der Sauberkeit" klären. Von Behörden bis zur Stadtreinigung, von Hafenbehörde und Bahn bis hin zu engagierten Anwohnern sollen möglichst alle dabei mitreden können (das ist gerade in der Hamburger Politik en vogue). Stellt sich die Frage: Was heißt hier eigentlich "sauber"? Weniger Müll dürfte es schon sein – da geben viele Willner Recht. Nicht nur Hamburger ärgert der Abfall am Straßenrand, auch Neubürger und Touristen schütteln den Kopf über Dreck und Hundekot auf Fußwegen, am Straßenrand und auf Grünflächen. Und für den unsichtbaren Schmutz – die Abgase in der Stadtluft – hat die Stadt sogar schon Rügen von der EU kassiert. Trotzdem scheinen nicht alle einer Meinung zu sein. "Der Kiez bleibt dreckig" heißt es an manchen Häuserwänden. Und auch wer nicht auf Graffiti und bröckelnde Fassaden steht, könnte bei der Ansage einer "Sauberkeitskampagne" ein mulmiges Bauchgefühl entwickeln. Was ist mit Menschen, die nun mal nicht sauber aussehen? "Ich will einen Aktionsplan, keinen Aktionismus", sagt Arik Willner. Sicher, es werde eine Herausforderung, sich zu einigen – wie schon heute am Hansaplatz, wo öffentlicher Dosenbiergenuss bisweilen mit elterlicher Fürsorge kollidiert. "Man muss Regeln aufstellen für das Miteinander", sagt der SPD-Fraktionschef. "Die Frage ist: Wie kann man eine Koexistenz aller, die den Platz nutzen wollen, organisieren?"

"Lernen, die richtigen Fragen zu stellen"

Ruhe bewahren und offen miteinander umgehen – dazu raten die Experten für Radikalismus-Prävention vom Projekt "Al Wasat – Die Mitte" in Harburg. Das Islamische Wissenschafts- und Bildungsinstitut will mit dem Projekt Menschen beistehen, die muslimische Jugendliche vor Radikalisierung bewahren wollen. Eine wichtige Hilfe, sagen Bund und Stadt, die das Projekt fördern. Tatsächlich ist der Rat der Fachleute zum Umgang mit gläubigen und bisweilen extrem gläubigen muslimischen Jugendlichen stadtweit gefragt. Ali Özgür Özdil, Leiter des Projekts, hat uns erklärt, woran das liegt.


Elbvertiefung: Wie arbeitet Al Wasat?

Ali Özgür Özdil: Wir als Islamwissenschaftler und Theologen gehen dorthin, wo unsere Schlüsselpersonen – Lehrer, Jugendarbeiter, Imame, Eltern oder Polizisten – sitzen. In Moscheen, Schulen und Sozialraumteams führen wir Gruppengespräche. Jeder, der Bedarf hat, kann sich bei uns zur Prävention von Radikalismus beraten lassen. In den vergangenen drei Monaten haben wir dazu schon 22 Fortbildungsseminare gehalten.

EV: Was unterscheidet Ihr Präventionsmodell von anderen?

Ali Özgür Özdil: Unsere Kompetenz liegt auch in unserem islamwissenschaftlichen und theologischen Fachwissen. Damit können wir auf vieles reagieren, was Lehrer oder Eltern überfordert, und ihnen Rat geben. Wenn ihnen also jemand sagt: "Das steht so im Koran", können sie entgegnen, dass es auch Koranverse gibt, die mehrdeutig oder an bestimmte Bedingungen gebunden sind. Oder dass es Überlieferungen vom Propheten gibt, die als authentisch gelten, und andere, die als gefälscht oder schwach eingestuft werden. Lehrer, Eltern und andere Schlüsselpersonen sollten keine theologische Diskussion anfangen. Aber sie sollten die richtigen Fragen stellen: "Ist denn dieser Vers wirklich eindeutig, oder gibt es unterschiedliche Interpretationen?" Das regt zum Nachdenken an und wirkt viel besser, als zu sagen: "Ihr seid doch alle Islamisten." Unser Rat ist grundsätzlich: Kritisiert die Sache, aber diffamiert nicht die Person.

EV: Was sind denn die häufigsten Konflikte, von denen Ihre Seminarteilnehmer berichten?

Ali Özgür Özdil: Wir leben in einer Gesellschaft, in der viele Menschen mit Religion überhaupt ein Problem haben, nicht nur speziell mit dem Islam. Weil aber der Dialog fehlt, kommt man dann schnell mit Verdächtigungen oder Ängsten: Ist die Schülerin, die plötzlich Kopftuch trägt, radikal geworden? Könnte sich hinter dem betenden Schüler vielleicht ein Salafist verbergen? Auch wenn Jugendliche sich zum Beispiel gegen Demokratie aussprechen oder sich ein Kalifat wünschen, sollte man nachfragen: Was meinst du damit? Oft steckt ganz einfach die Suche nach Idealen dahinter, nach Identität, Halt oder Zugehörigkeit.

EV: Wie sollten Eltern, Lehrer oder Sozialpädagogen darauf reagieren?

Ali Özgür Özdil: Wir müssen die Mechanismen durchbrechen, die sonst zu Radikalisierung führen können. Zum Beispiel wenn sich Jugendliche diskriminiert fühlen oder anderswo Diskriminierung wahrnehmen, ist es wichtig, dass wir ihnen helfen, diese Erfahrungen richtig einzuordnen. Ausgrenzung gibt es in allen Gesellschaften – wir müssen selber stark genug sein, um über solchen Dingen zu stehen und nicht im Gegenzug andere abzuwerten.

Falscher Alarm hat auch was Schönes

Ein Jogger in Hamm verursachte einen Polizeieinsatz mit 30 Streifenwagen und 60 Beamten – Terrorverdacht, die Trainingsweste sah so nach Sprengstoffgürtel aus. Außerdem sei er an der Ampel "herumgetänzelt", wie ein Zeuge sagte. Zum Glück nur falscher Alarm, der arme Sportler ist auch wieder frei. Aber der Schock sitzt. Vor allem nach dem Amokverdacht am Dienstag, den ein verwirrter Mann in Bergedorf im Regionalzug ausgelöst hatte. Der hatte immerhin selbst angekündigt, am Hauptbahnhof um sich schießen zu wollen. Zack – Polizei rein ins Abteil und mitsamt Verdächtigem wieder raus. Eine Schusswaffe hatte der Mann gar nicht dabei.
Die Polizei ist wachsam, das ist gut. Aber: Vielleicht zu wachsam? Müssen Menschen mit mehrdeutiger Kleidung künftig mit präventiven Festnahmen rechnen? Zieht Terrorverdacht auf sich, wer an der Ampel nicht still steht? Einige Leute sehen es vielleicht so – und dann reicht bisweilen schon ein Anruf unter 110, um einen Großeinsatz auszulösen. Sowohl beim Jogger als auch beim Bahnpassagier sei die Polizei vom "Echtfall" ausgegangen, sagt Polizeisprecher Jörg Schröder. "Was wäre denn die Alternative?" Ob sich häufiger besorgte Bürger melden, seit Europa offiziell in abstrakter Terrorgefahr schwebt? "Solche Fälle haben wir auch vor dem 11. September schon gehabt", sagt  Schröder. Es bleibt dabei: Lieber eine Warnung zu ernst nehmen als eine Gefahr nicht ernst genug. So ein falscher Alarm hat ja auch eine beruhigende Seite. Wie die Aussage des Polizeisprechers: "Uns liegen keine Anhaltspunkte für eine konkrete Terrorgefahr in Hamburg vor."

EM-Tippspiel

Sie erinnern sich an die Bonusfrage unseres EM-Tippspiels? Die, mit der man auf Anhieb so viele Punkte abstauben kann, als hätte man einen Spielausgang richtig vorhergesagt – und mit der man sich so vom Start weg einen Vorsprung in unserer Tabelle holt? "Es ist mir egal, wie es ausgeht. Hauptsache, wir gewinnen" – wer hat das wann gesagt? Eigentlich sollte die Frist ja gestern enden. Aber nur so viel: Ich habe mal in die Antworten geschaut. Und wissen Sie, was – unter uns? "Mark Spörrle" ist – nicht so ganz richtig. Ich geben Ihnen noch eine Chance. 24 Stunden. Franziska Bulban, die Sie während meines Urlaubs hier kennenlernten, würde Ihnen nun mit einem freundlich-ironischen Lächeln Glück wünschen. Ich aber, es geht hier um Fußball!, sage mit unbewegter Miene: Beeindrucken Sie mich! Und treten Sie unter www.zeit.de/tippspiel gegen uns von der ZEIT an.

Mittagstisch

Fisch in Fünfziger-Jahre-Ästhetik

Es gibt nicht viele Restaurants, an denen die Zeit fast spurlos vorübergegangen ist. Die "Veddeler Fischgaststätte" gehört dazu. Hier, in einem schmucklosen Flachdach-Bungalow inmitten schönster Industrie-Ästhetik, umtost von schweren Lkw, wird der wohl beste Backfisch der Stadt serviert: 3 Stück für 5,80 Euro, 5 für 10,10 Euro oder 7 für 13,10 Euro. Dazu gibt es Kartoffelsalat und ein frisch gezapftes Astra. Man speist in museumsreifem Fünfziger-Jahre-Ambiente an Resopaltischen neben Brummifahrern, Hafenarbeitern und Bewohnern der Veddel. Die Astra-Leuchtreklame hängt bis heute über dem Tresen, wie überhaupt das ganze Lokal einen Drehort für einen Detlev-Buck-Film abgeben könnte. In der Hauptrolle Serviererin Monika in weißer Kittelschürze. Die kann schon mal fünsch werden, wenn sich Gäste ungefragt an den falschen Tisch setzen oder sich trauen, Sonderwünsche zu äußern. Den schlimmsten Fauxpas aber begeht, wer nach einem Messer verlangt. Denn gegessen wird der Fisch hier mit zwei Gabeln.

Veddel, Tunnelstraße 70, Mo–Fr, 11–17.45 Uhr

Maren Preiß

Was geht

Surf & Skate Festival: Mit einer Filmpreview des Surferstreifens "Peninsula Mitre" im Savoy startet heute das Festival für alle, die auf Bretter(n) stehen. Weiter geht es bis Sonntagabend mit Musik, Kunst, Sport und Spaßwettkämpfen und Flohmarkt. Savoy Filmtheater, Steindamm 54, 20.45 Uhr                          

Tanz: Nicht nur für Elise: "Beethoven! The Next Level – Beethoven trifft Urban Dance" ist eine Show für die ganze Familie plus Elises Freunde. Laeiszhalle, Johannes-Brahms-Platz, 20 Uhr                               

           
ZEIT CAMPUS-Gespräch: Aller Anfang ist das Thema beim ZEIT CAMPUS-Gespräch in der Leuphana-Universität in Lüneburg: Vertreter renommierter Unternehmen und Experten aus der Praxis diskutieren über "Die ersten 100 Tage im Job". Essenziell für Ex-Studis und solche, die es werden wollen. Im Rahmen der Podiumsdiskussion kann man Fragen stellen oder auch beim Get-together mit den Referenten und Partnern, ZEIT CAMPUS, Techniker Krankenkasse und Leuphana Career Service, plaudern. In zwei interaktiven Workshops geben erfahrene Coaches handfeste Tipps. Unter anderem auf dem Podium mit dabei: Martha Hannappel, Team Lead Business, XING Campus, und Carolin Ochsendorf, Personalabteilung, Google Germany.
Leuphana-Universität Lüneburg, Campus Scharnhorststraße, HS 3, der Eintritt ist frei, aber um Anmeldung wird hier gebeten.

Hamburger Schnack

Im Supermarkt an der Wursttheke. "Ich hätte gern ein Stück Eichsfelder Stracke." Verkäuferin: "Ham wir nicht. Hatten wir noch nie." Ich: "Doch, die haben Sie. Ich habe schon oft Eichsfelder Stracke bei Ihnen gekauft." Verkäuferin: "Nein, ich bin hier die Wurst-Einkäuferin. Ich muss das wissen. Wir haben Stracke." Daraufhin ich: "Sehen Sie, Sie haben also doch Eichsfelder Stracke. Die Wurst kommt aus dem Eichsfeld und heißt aus diesem Grund Eichsfelder Stracke". Die Verkäuferin hält dagegen: "Kenn ich nicht. Ich war noch nie im Eisfeld." Schließlich einigen wir uns dann doch noch auf ein Stück "Eisfelder Stracke".

Erlebt von: Katharina Bösch


"Die Alster-Krokodile schwimmen wieder" © Martin Becker

Meine Stadt

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Haben Sie mehr Schnack? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!


Ihr

Mark Spörrle


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