Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

drei Donnerschläge hallten am Sonntagabend durch die City, dreimal schüttete die Konfettikanone auf dem Heiligengeistfeld schwarz-rot-goldenen Glitter über die 30.000 jubelnden Besucher des Public Viewing aus. 3:0 schlug Deutschland die Slowakei, unsere Mannschaft spielte endlich Fußball. Aber das wissen Sie längst, und was das nun bedeutet, steht unten in der EM-Kolumne.

Was Sie aber nicht wissen: Unser Meteorologe ist völlig zerknirscht. Okay, er hat Verwandte in England, die jetzt auf einmal ganz schnell herkommen wollen. Aber das ändert nichts daran, dass er mit dem Freitag-Wetter komplett danebenlag. Von wegen blauer Himmel mit ein paar Wölkchen – es donnerte und schüttete wie aus Kübeln. Ihnen ist das natürlich nicht entgangen. "Jetzt ist es wirklich so weit, dass Sie Ihren Wettermann rausschmeißen sollten", schrieben einige von Ihnen und fragten. "Wäre da nicht ein Wetterfrosch im Glas die bessere Wahl?!"
Vielleicht. Aber würden das wieder andere von Ihnen nicht für Tierquälerei halten?

Das Wetter machte am Wochenende auch anderen Probleme. Bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg fiel die Premiere vom "Schatz im Silbersee" wegen Sturzregens buchstäblich ins Wasser. Die Windjammerparade der Kieler Woche mit über hundert Traditionsseglern dagegen fand statt – obwohl das Wetter wirklich zum windjammern war. "Ein Leben, eine Welt ohne Kieler Woche ist möglich, aber sinnlos", bilanzierte Kiels Oberbürgermeister (sic!) Ulf Kämpfer am Sonntag. 

Ein Leben ohne Harley Days dagegen wäre durchaus sinnvoll, sieht man sich einmal an, was dabei, just for fun, an Lärm und Dreck entsteht. Wir fordern erst mal eins: Gehörschutzverbot für Harley-Fahrer, sofort! Warum, steht unten.

"Oh my God – what have we done?!"

Nach dem Referendum die große Ernüchterung: Kaum haben die Briten mit knapper Mehrheit für den EU-Austritt gestimmt, scheint es, als würden sie alles am liebsten wieder rückgängig machen – "Oh my God – what have we done?!" Auch in Hamburg herrscht Katerstimmung nach dem Brexit. Fritz Horst Melsheimer, Präses der Handelskammer, warnt im "Hamburger Abendblatt" vor "verschlechterten Rahmenbedingungen im Außenhandel, bei der Entsendung von Mitarbeitern und bei Investitionsentscheidungen". Unsicherheit würde die wirtschaftlichen Beziehungen zu den Briten in den nächsten Jahren prägen. Mehr als tausend Hamburger Unternehmen pflegen wirtschaftliche Verbindungen nach Großbritannien, rund 200 von ihnen haben dort Niederlassungen, fünf produzieren auf der Insel. Der britische Staat ist obendrein zweitwichtigster Abnehmer Hamburger Waren und viertgrößter Zulieferer. Durch die Abwertung des britischen Pfunds könnte die Zahl britischer Touristen zurückgehen, britische Fluggesellschaften wie easyJet könnten ihre Zulassung für Flugverbindungen über Hamburg verlieren. Und: Die deutsche Wirtschaft, sagte Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen Instituts für Weltwirtschaft im NDR-90,3-Interview, kann sich schon mal auf ein geringeres Wachstum einstellen.

Wenn Sie Schulsenator wären – was würden Sie tun?

Es gibt eine gewaltige Schieflage im Hamburger Schulsystem, in dieser Analyse scheinen Schulsenator, Opposition und Praktiker sich inzwischen weitgehend einig: Immer mehr Schüler gehen aufs Gymnasium, das zur Gesamtschule zu werden droht. Immer weniger besuchen die Stadtteilschule, die auf dem besten Weg ist, zur "Restschule" zu werden. Wie kann man diese Entwicklung stoppen? Die Leiter der Stadtteilschulen erläutern in der aktuellen ZEIT:Hamburg ihren Weg: die fairere Verteilung der Lasten auf beide Schulformen, am Ende am liebsten eine Schule für alle. Dem folgte gleich ein Aufschrei der Konservativen, das sei nun wirklich die falsche Lösung. Aber einen Vorschlag, der alle überzeugt, hat bisher keiner parat. Daher macht unser ZEIT:Hamburg-Kollege Oliver Hollenstein auf Facebook derzeit ein Experiment in Sachen Crowdsourcing. Er fragt: "Wenn Sie Schulsenator wären, wie würden Sie dieses Problem lösen?" Er sammelt Vorschläge, die von Politikern und Praktikern diskutiert werden. Mehr als 130 Ideen sind bereits eingegangen, es gibt weit mehr als 500 Kommentare dazu. Wenn Sie mögen, diskutieren Sie mit. Hier geht es zur Debatte. Können Sie auf Facebook nicht dabei sein, bitte mailen Sie Ihren Vorschlag an hamburg@zeit.de.

Verboten lautes Knattern und viel zu viel Feinstaub

Wer zwischen Großmarkt und Reeperbahn wohnt, tat am Wochenende gut daran, die Fenster zu schließen: Die Harley Days dominierten die City. Denn wenn 16.000 Biker durch die Stadt knattern, wird es: laut. Während der großen Abschlussparade am Sonntagnachmittag führte der Nabu Hamburg Lärmmessungen durch – und stellte nebenbei noch hohe Feinstaubwerte fest. Wir sprachen mit Malte Siegert, Leiter Umweltpolitik beim Nabu Hamburg.

Elbvertiefung: Herr Siegert, wie laut wurde es bei den Harley Days?

Siegert: So laut, dass es gesundheitsschädigend ist. Wir haben Werte von 90 bis 110 Dezibel gemessen. Zum Vergleich: Ein Presslufthammer, aus zehn Metern Entfernung gemessen, ist 100 Dezibel laut. Wenn ein Arbeitsgerät über 85 Dezibel laut ist, ist ein Gehörschutz gesetzlich vorgeschrieben.

EV: Das liegt daran, dass die Motorräder getunt werden, damit sie mehr Lärm machen?

Siegert: Harleys sind ohnehin schon sehr laut, doch einige Biker nehmen auch noch die Schalldämpfer heraus oder manipulieren sie. Großflächige Kontrollen durch die Polizei sind bei der Menge an Bikes nicht möglich. Die meisten Fahrer tragen ja selbst Gehörschutz, weil sie das Motorengeheul nicht ihren Ohren zumuten wollen...

EV: … und müssen dann natürlich umso lauter knattern, damit sie es trotz ihrer zugestopften Ohren laut genug haben. Sie haben nebenbei auch die Feinstaubwerte gemessen.

Siegert: Als wir die Ergebnisse sahen, waren wir völlig baff. Die Harleys verbreiten 220.000 Feinstaubpartikel pro Kubikzentimeter. An einer stark befahrenen Straßenkreuzung werden normalerweise 30.000 bis 40.000 Partikel gemessen, in Planten un Blomen sind es 3.000 bis 4.000. Die hohen Feinstaubwerte sind kein Spaß, der Staub geht durch die Lungenwände in die Blutbahn über, kann Alzheimer und Herzkrankheiten auslösen.

EV: Sollte Hamburg auf die Harley Days verzichten?
Siegert: Gegenfrage: Ist es nötig, Menschen in der Stadt, die ohnehin ständig Lärm und Abgasen ausgesetzt sind, auch noch an einem Sonntag Zehntausende stinkende Motorräder zuzumuten? Wir sind nicht grundsätzlich gegen große Events in der Stadt, die jeweilige Belastung für die Bürger ist entscheidend. Und mit den Harley Days ist das Ende der Fahnenstange erreicht.

Feldstraßen-Bunker: Grün oder Grau?

Ein riesiger grauer Klotz: Nein, schön ist der Feldstraßen-Bunker nicht. Und dass er grün werden soll, mit mehrstöckigem Stadtgarten, und dabei auch um fünf Stockwerte erweitert werden soll, darüber wird schon lange diskutiert. Ebenfalls darüber, dass Investor Thomas Matzen seine Investitionen von 25 bis 30 Millionen Euro tatsächlich (aber mal ehrlich: wenig überraschend) durch kommerzielle Angebote wieder rein holen will. Wie genau das aussehen soll und wo die Konfliktlinien verlaufen, das hat ZEIT:Hamburg-Kollege Johan Dehoust vor seiner Zeit als unser EM-Kolumnist hier aufgeschrieben. Ob die Pläne realisiert werden oder nicht, darüber wollen die Fraktionen des Bezirks am 5. Juli abstimmen. Die Linken finden schon mal: Seit 2009 steht der Bunker unter Denkmalschutz – und er soll auch in Zukunft nicht mehr bieten als die Erinnerung an dunkle Zeiten. "Der Flakbunker wurde 1942/43 von über 1.000 Zwangsarbeitern innerhalb von 300 Tagen errichtet. Dieses letzte Mahnmal seiner Art gegen Krieg und Verfolgung muss in seinem Zweckcharakter erhalten werden", heißt es in einem Antrag. Aber wäre das Grün auf diesem Mahnmal nicht auch eine Farbe der Hoffnung?

Dürfen Hamburgs Tagesweintrinker hoffen?

Sind die Krisenzeiten in Sachen norddeutsch-schwäbischer Völkerverständigung demnächst vorüber? Fließt auf dem Rathausmarkt mitten am Tag bald wieder schwäbischer Wein? Sie erinnern sich: Weil das Bezirksamt Mitte die Platzmiete für das Stuttgarter Weindorf auf dem Rathausmarkt verdreifacht hatte, sagte der Betreiber Pro Stuttgart das Festival der Trinkkultur ab. Die Revanche der Schwaben ließ nicht lange auf sich warten: Erstmalig sollte nun auch in Stuttgart eine Platzmiete fällig werden – und zwar für den Hamburger Fischmarkt, der dort wiederum elf Tage im Jahr gastiert. Die Folge sind hitzige Debatten und die Frage: Sollte die kulinarische Städtepartnerschaft wegen des Streits am Ende etwa langfristigen Schaden nehmen? Doch nun scheint die Eiszeit beendet. Eine Delegation von Stuttgarter Politikern war Ende vergangener Woche in Hamburg zu Gast, um sich mit Falko Droßmann, Leiter des Bezirksamts Mitte, zur Aussprache zu treffen. Ob dabei Wein floss, wissen wir nicht. "Es war ein gutes Gespräch", sagte Droßmann der "Mopo". Die Stuttgarter wollen nun Vorschläge für das weitere Vorgehen unterbreiten. Und die Hamburger Viertelesschlotzer mit Tagesfreizeit haben allmählich wieder Hoffnung.

© DIE ZEIT

11vertiefung - Die EM-Kolumne von Johan Dehoust

Ein 3:0 der Deutschen, ein 4:0 der Belgier: Was für ein furioser Abschluss des Wochenendes! Besonders die Darbietung der DFB-Spieler hat mir imponiert. So richtig versöhnt bin ich mit dieser Europameisterschaft trotzdem noch nicht wieder. Die beiden torreichen Siege sind bislang Ausnahmen, viel zu oft sendet dieses Turnier die Botschaft aus, dass man nur gut verteidigen muss, um erfolgreich zu sein. Wales? Liefert sich mit Nordirland ein Duell, das ein hochroter Mehmet Scholl vollkommen zu Recht als viertklassig bezeichnet – und steht jetzt im Viertelfinale. Portugal? Spielt auf einmal Mauerfußball – und steht jetzt im Viertelfinale. Ich hoffe sehr, dass bald Strategien gefunden werden, mit denen sich all diese Spielzerstörer-Mannschaften verlässlich dekonstruieren lassen.

© DIE ZEIT

Mittagstisch

Bon appétit!

Wer französisches Bistro-Flair sucht, ist im Café Délice richtig. Dezente Klaviermusik, dunkle Holzmöbel, die Bedienungen in weißen Hemden und schwarzen Schürzen. Mittags hat der Gast die Wahl zwischen Suppe, Pasta und Plat du Jour (4,90 bis 8,50 Euro). Die Gerichte wechseln täglich. Hier gibt es Tomatencremesuppe, Käsetortellini in Salbei-Butter sowie Thunfisch-Reis-Kroketten mit Rote Bete und Salat – dazu ein Körbchen mit Baguettescheiben. Sollte nicht das Passende dabei sein, warten in der Vitrine noch üppig belegte Baguettes, zum Beispiel mit mariniertem Hühnchen und Avocado oder mit Ziegenrolle und Feige (ab 3,90 Euro). Wenige Minuten nach der Bestellung stellt die Kellnerin mit einem "Bon appétit!" die Tortellini auf den Tisch. Die Portion ist ausreichend groß, das Essen schmeckt. Hinterher noch einen Café au Lait mit Herz im Milchschaum und – falls sich noch ein Plätzchen im Magen findet – ein Éclair oder eine andere Süßigkeit. Savoir-vivre eben.

Eimsbüttel, Osterstraße 168, Mittagstisch, Dienstag bis Freitag, 12 bis 15 Uhr

Kathrin Fromm

Was geht

Theater: "Rien ne va plus!" Im Stück "Der Gott des Gemetzels" streiten zwei Pariser Paare mit vollem Einsatz über ihre schlimmen Kinder. Schauspielhaus, Kirchenallee 39, 20 Uhr

Lesung: Was bedeutet Schwarzsein in Deutschland? Wann wird die Hautfarbe zum Stigma? In ihrem Buch "Anleitung zum Schwarzsein" geht die NDR-Journalistin Anne Chebu diesen Fragen nach – und spricht offen über Vorurteile und Alltagsrassismus. Buchhandlung im Schanzenviertel
, Schulterblatt 55
, 20 Uhr

Kochseminar: Bei der Küchenparty After Work kochen Teilnehmer schnelles und gutes Feierabendessen. Kochschule Pottcooker, Heinrich-Hertz-Straße 106, 18.30 Uhr

Was kommt

Klassik: Am 8. und 9. Juli wird die HafenCity zum Konzertsaal. Unter der Leitung des polnischen Gastdirigenten Krzysztof Urbanski spielt das NDR Elbphilharmonie-Orchester beim "Hafencity Open Air" Antonín Dvořáks 9. Sinfonie e-Moll "Aus der neuen Welt", die Ouvertüre aus "Ruslan und Ludmill" von Michail Glinka und Dimitrij Schostakowitschs Cellokonzert Nr. 1. Gastmusikerin an beiden Abenden ist die internationale Star-Cellistin Sol Gabetta. Klingt gut? Dann schicken Sie bis spätestens morgen um 18 Uhr eine Mail an elbvertiefung@zeit.de – wir verlosen 2 mal 2 Karten. Baakenhöft, HafenCity, 8. und 9. Juli, 21 Uhr

Neuerscheinungen: Lektüre-Empfehlungen für den Urlaub gesucht? Beim "Gemischten Doppel" werden neueste Werke kurzweilig vorgestellt, von NDR-Kulturredakteurin Annemarie Stoltenberg und dem Leiter des Literaturhauses Hamburg, Rainer Moritz. Literaturhaus, Schwanenwik 38, Mittwoch, 19.30 Uhr

Theater für Kinder: Rahel ist neun und hat eine besondere Freundin: Frau Loosli ist achtzig Jahre alt und hat noch nie das Meer gesehen. Gemeinsam brechen die beiden auf, verreisen in den Süden – "Einmal ans Meer" ist eine Parabel vom Aufbrechen, Ankommen und ein Loblied auf die Freundschaft. Für Kinder ab 6 Jahren. JungesSchauSpielHaus Gaußstraße, Gaußstraße 190, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag, 10.30 Uhr 

Hamburger Schnack

Meiner Bettnachbarin im Krankenhaus erzähle ich, dass mir die Schwester etwas Heparin-Salbe gegen die blauen Flecken nach zahlreichen Einstichen gegeben hat. Frau X hat es noch schlimmer erwischt. Als die Schwester zum Fiebermessen kommt, fragt sie mit einem Fingerzeig auf einen Bluterguss am Handgelenk: "Ach, Schwester, ob ich wohl auch etwas von der Hepatitis-Kreme (hamburgische Aussprache) haben dürfte?"

Gehört von Franziska Lorenz

Meine Stadt

"Die besten Rasenmäher der Stadt" gibt es in Wilhelmsburg an der Ernst-August-Schleuse. © Foto: vincentxadam via Instagram

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!


Ihr

Mark Spörrle


PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.

© DIE ZEIT