Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

erinnern Sie sich noch an die Aufregung um die Foto-Verbotsschilder am Strand von Boltenhagen? Später präzisierte man, es gehe lediglich um das Fotografieren Fremder, und im Osten Deutschlands sei auch viele Jahre nach dem Fall der Mauer die Sensibilität des Volks im Hinblick auf das Beobachtetwerden durch Ferngläser oder Kameralinsen noch hoch.

Nun aber, erfahren wir, haben auch die Strände im Westen ihren Kameraskandal. Und diesmal geht es sogar um – Videos!

Viele Webcams, die an den Stränden von Nord- und Ostsee stehen, damit man von zu Hause aus nach dem Wetter dort sehen kann, seien falsch eingestellt, warnt Schleswig-Holsteins oberste Datenschützerin Marit Hansen. Sie zeigen – Menschen. Und das kann einen Verstoß gegen die Persönlichkeitsrechte darstellen, selbst wenn die Gesichter der Gefilmten im Internet nur verpixelt erscheinen. "Es reicht aus, wenn sie durch etwas Auffälliges – zum Beispiel ihre Kleidung oder das mitgeführte Fahrzeug erkennbar sind", sagte Hansen. 

Etwa, stellen wir uns vor, durch Bekannte oder Familienangehörige, die einen auf dem Kongress in Düsseldorf wähnen. Und sich wundern, warum man gleichzeitig, deutlich identifizierbar durch Goldkettchen und Tigerschlüpfer, mit einer Unbekannten am Strand herumtollt.

Abhilfe schafft meist schon ein anderer Kamerawinkel, manchmal muss die Kamera versetzt werden. Die Kamerabetreiber zeigen sich einsichtig, bevor am Ende Film-Verbotsschilder an den Strandzugängen prangen. Dabei haben die Webcams doch eigentlich nur das geboten, was die Tourismusagentur verspricht: einen "authentischen und werbefreien Blick".

Heftige Kritik an den Harley Days

Die Harley Days sind vorbei, Tausende Biker haben – nicht ohne vorher einmal durch die Stadt zu knattern – Hamburg verlassen. Die hohen Feinstaubwerte und der enorme Lärmpegel aber, den der Nabu Hamburg am Biker-Wochenende gemessen hat, sorgen für Diskussionen. "So viele Anrufe und Mails von Menschen, die die Harley Days am liebsten abschaffen würden, hatten wir noch nie", sagt Malte Siegert, Leiter Umweltpolitik beim Nabu. Der größte Aufreger: der Lärm. 90 bis 110 Dezibel laut waren die schweren Maschinen. Das Bundesgesundheitsamt sieht die gesundheitliche Belastung indes nicht als sehr dramatisch an. "Es stimmt, dass kurzfristige Spitzenschallpegel zu direkten Beschwerden und Gesundheitsschäden führen können. Lernstörungen oder Herz-Kreislauf-Effekte sind aber eher bei längerer Beschallung ein Problem. Eine Motorrad-Parade im Jahr dürfte keine zusätzlichen Schäden anrichten", sagt Andreas Gies, Direktor des Bundesgesundheitsamtes. Und wie sieht es mit dem Feinstaub aus? Immerhin 220.000 Feinstaubpartikel pro Kubikzentimeter wurden gemessen. "Die Feinstaubpartikel bleiben am Entstehungsort nicht lange in der Luft, setzen sich je nach Größe schnell wieder ab", so Gies. Ständige Belastung durch starken Verkehr sei gefährlicher. Aber das haben wir in Hamburg ja auch. Und nun? Eine engagierte Leserin schlug vor, eine Petition gegen die Harley Days zu starten. Vielleicht ein Weg, um die Behörden zu einer Stellungnahme zu bewegen? Eine solche blieb bisher nämlich aus, die Umweltbehörde ist der Ansicht, sie habe "in diesen Fragen keine Zuständigkeit".

Mehr Prävention gegen Salafismus

Die Stadt setzt im Kampf gegen gewaltbereiten Salafismus auf Prävention. Die Förderung des 2014 gegründeten Netzwerks aus staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren wird ausgebaut, gab Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) bekannt: Aus bisher 1,34 Millionen Euro werden 2017 und 2018 bis zu vier Millionen pro Jahr. Eine Investition, die offenbar nötig ist: Laut Verfassungsschutz-Chef Torsten Voß hat sich die Zahl der Salafisten in Hamburg von 2013 bis heute auf 580 verdoppelt. Umso wichtiger sind da Projekte wie die Beratungsstelle "Legato", wo man Angehörige und Freunde junger Muslime, aber auch Lehrer und Sozialarbeiter über die Gefahren des Salafismus aufklärt. Oder theologische Gesprächskreise, organisiert mit der Schura, dem Rat der islamischen Gemeinschaften, in denen ebenfalls Aufklärungsarbeit geleistet wird. Die Opposition ließ an alledem kein gutes Haar: Während die CDU mehr repressive Maßnahmen wie "ein konsequentes Vorgehen gegen Hassprediger" wünscht und die von Salafisten betriebenen Koran-Stände in der Innenstadt verbieten möchte, fordern die Linken, genau andersherum, weniger Repressionen und noch mehr Prävention.

Pilotprojekt für Flaschensammler

Flaschensammler, die in Mülleimern nach Leergut suchen, gehören inzwischen zum Stadtbild. Mit bloßen Händen im Müll zu fischen kann gefährlich sein, ist unappetitlich und würdelos, finden die Grünen – und starten in Altona ein Pilotprojekt mit 100 Pfandringen. Wieso, erklärt Ulrike Sparr, Sprecherin für Umwelt und Energie der grünen Bürgerschaftsfraktion.

Elbvertiefung: Frau Sparr, in der City gibt es bereits Pfandregale an einzelnen Mülleimern, warum setzen Sie nun auf Ringe?

Sparr: Die Pfandregale sind bereits einepraktikable Lösung, um Müll zu verringern und Pfandsammlern das Leben zu erleichtern. Die Ringe ergänzen dieses Angebot: Sie können an Laternenmasten und Straßenschildern befestigt werden – so vermeiden wir Schwierigkeiten beim Leeren der Müllbehälter.

EV: Wer soll die Pfandringe nutzen?

Sparr: Es gibt keine Zahlen dazu, wie viele Pfandsammler in Altona unterwegs sind, kaum zu ignorieren ist aber, dass immer mehr Menschen Flaschen sammeln. Soziologen beobachten das in fast allen sozialen Schichten. Zugleich sind die Straßen belebter als früher, junge Leute treffen sich, "cornern", trinken also ihr Bier direkt auf der Straße. Diese Leute wollen wir dazu anregen, die Pfandringe zu nutzen – so wie alle, die auf der Straße mit einer Pfandflasche unterwegs sind.

EV: In Köln und Berlin wurden die Pfandringe getestet, das fiel ernüchternd aus. Das Fazit: Die Ringe müllen voll, um sie herum gibt es Glasscherben, das Leeren der Mülleimer dauert länger und wird teurer. Haben Sie keine Angst, dass es in Altona ähnlich abläuft?

Sparr: Niemand sollte seinen leeren Coffee-to-go-Becher in den Pfandring stellen. Doch wir vertrauen auf das gute soziale Miteinander in Altona: Hier achten die Menschen aufeinander. Das Bereitstellen von Leergut für Pfandsammler ist eine soziale Geste, die nicht durch Vermüllung oder Vandalismus zunichte gemacht werden sollte! Wir werden die Ringe einige Monate testen, dann evaluieren und hoffen, dass das Projekt zum Vorbild für andere Stadtteile wird.

Führungswechsel: Greenpeace wird Hipp

Greenpeace Deutschland hat ab Anfang Juli einen neuen Geschäftsführer. Roland Hipp arbeitet seit 1991 in der Hamburger Greenpeace-Zentrale, ist seit 2002 stellvertretender Geschäftsführer. Und kämpfte bei den Umweltschützern schon für das Ende der Atomkraft – an den atomaren Wiederaufarbeitungsanlagen im französischen La Hague und im britischen Sellafield "bekamen wir das Leid von schwer kranken Menschen hautnah mit", so Hipp –, gegen die Versenkung der Ölplattform "Brent Spar" und die französischen Atomtests im Mururoa-Atoll. Nun löst der gelernte Industriekaufmann Brigitte Behrens ab – die wechselt nach 17 Jahren auf dem Chefsessel in den Ruhestand.

Schwimmen in der Alster?

Wer kennt das nicht – da sitzt man abends gemütlich am Alsterufer, lässt die Füße ins Wasser baumeln. Und dann kommt er, der Impuls: Warum nicht ein spontanes Bad nehmen, hier und jetzt? Oder: Man hat getrunken, ordentlich sogar, und möchte nur mal testen, ob Jesu Übers-Wasser-Gehen wirklich so ein Kunststück war. Oder aber man denkt schon seit Jahren daran, ES zu tun, irgendwann, aber wenn es heiß ist, kann es doch jeder, und jetzt ist es kühl, und man hat den schicken Tigerschlüpfer an – also, hey, warum nicht?! So richtig können wir uns nicht in den Mann hineinversetzen, der am Montagabend die Binnenalster zu durchqueren versuchte. Aber Passanten waren beunruhigt, alarmierten die Feuerwehr, die zog ihn aus dem Wasser. Ob er das wollte, ist nicht bekannt. Sollten aber auch Sie mit dem Gedanken spielen, Vorsicht: Schwimmen in der Alster ist zwar nicht verboten, aber auch nicht empfehlenswert: Anfang Mai sprang ein 24-Jähriger von der Lombardsbrücke und wurde querschnittsgelähmt, im vergangenen Juli starb ein Mann beim Sprung ins Wasser, das dort nur zwei Meter tief war.

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11vertiefung - Die EM-Kolumne von Johan Dehoust

Ein Tag Pause noch, dann geht es in Frankreich weiter mit dem Viertelfinale. Nicht mehr zu sehen sein werden dann Albin Ekdal, Johan Djourou und Zoltán Stieber, diejenigen Spieler also, die ihren Fußballeralltag in Hamburg verleben, konkreter: beim HSV. Alle drei sind ausgeschieden, Ekdal frühzeitig mit Schweden, Djourou und Stieber etwa später mit der Schweiz und Ungarn. In Frankreich dabei ist dagegen nach wie vor Holger Stanislawski, einst Trainer und Spieler des FC St. Pauli und jetzt Supermarktleiter in Winterhude. Er wird weiter Pfeile und rotierende Kreise über einen Touchscreen ziehen, um den ZDF-Zuschauern innerhalb von 30 Sekunden knifflige Spieltaktiken zu erläutern. Albernes Gedöns? Bislang hätte ich zugestimmt. Von jetzt an werde ich aber mit ihm fühlen. Denn heute fällt mir zu dieser EM auch nichts Pointiertes ein.

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Mittagstisch

Fleischliche Delikatessen

Was kommt eigentlich nach dem Hype um vegane Gerichte und Superfood? Vielleicht ja dieses hier: Fleisch. Von echten Tieren. Ausgewählte fleischliche Delikatessen bekommt man schon jetzt in dem kleinen Uhlenhorster Imbiss Oliv, das mit "Feinkost und Catering" wirbt. Auf der täglich wechselnden Mittagstischkarte stehen etwa Hähnchenbrust mit Rosmarinsoße, mediterranem Gemüse und Kartoffelecken oder Schweinegeschnetzeltes mit Grüner-Pfeffer-Rahm-Soße und Tagliatelle (beides für 6,80 Euro). Es findet sich aber auch immer mindestens ein vegetarisches Gericht wie Käsespätzle mit gemischtem Salat für 6,50 Euro und Gemüsesuppe für 3,50 Euro. Besonders beliebt ist der Imbiss bei den Eltern der nahen Grundschule. Da es dann meist schnell gehen muss mit der Stärkung, bevor die lieben Kleinen abgeholt werden, gibt es etwas auf die Hand. Läuft man langsam, ist es möglich, den hausgemachten warmen bayerischen Leberkäse mit süßem Senf im Brötchen (für 2,50 Euro) auf dem Weg bis zum Schuleingang ratzeputz aufzuessen.

Uhlenhorst, Winterhuder Weg 120; täglich geöffnet von 8 bis 16 Uhr

Lotte Auwald

Was geht

ZEIT-Veranstaltung: Lesung über starke Frauen und den Generationenkonflikt: Inge Kutter, ZEIT LEO-Chefredakteurin und Schriftstellerin, liest aus ihrem Buch "Hippiesommer": Eine junge Frau, Tochter sich selbst verwirklichender Hippie-Eltern, wählt nach einem letzten Sommer voller Freiheit auf der Suche nach ihrem eigenen Leben einen radikal anderen Weg. Adam Soboczynski, Ressortleiter Feuilleton, moderiert die Veranstaltung. Wenn Sie dabei sein und über das sprechen wollen, was Jünger und Älter trennt und verbindet und was für ein Leben jüngeren Frauen heute wichtig ist, melden Sie sich bitte an unter elbvertiefung@zeit.de. Alle weiteren Infos erhalten Sie mit der Bestätigung per Mail. Montag, 4. Juli, Helmut-Schmidt-Haus, 20 Uhr

Benefizabend: Viel Kultur für den guten Zweck: Zunächst singen norddeutsche Vokalsolisten eines der bedeutendsten Chorwerke des 20. Jahrhunderts, die Kantate "Figure humaine" (Menschliches Antlitz) von Francis Poulenc, anschließend werden die syrische Laute und das Chello ausgepackt, und der Archäologe Mamoun Fansa spricht über Aleppo. Kampnagel, Jarrestraße 20, 19 Uhr

Neuerscheinungen: Lektüre-Empfehlungen für den Urlaub gesucht? Beim "Gemischten Doppel" werden neuste Werke kurzweilig vorgestellt, von NDR-Kulturredakteurin Annemarie Stoltenberg und dem Leiter des Literaturhauses Hamburg, Rainer Moritz. Literaturhaus, Schwanenwik 38, 19.30 Uhr

Vernissage: Ob "Der herabschauende Hund" dabei ist? Die von Veit Loers kuratierte Ausstellung "Yoga Dog" zeigt experimentelle Arbeiten, die pico-Bello sind. Galerie Kai Erdmann, Klosterwall 4, 10 - 18 Uhr

Hamburger Schnack

Wie Touristen unsere Stadt sehen: Zwei feine Damen, jenseits der 60, passieren die neue Filiale eines bekannten Fischimbisses am Rathaus. Die eine zur anderen: "Hamburg … überall nur Fußball und Fisch!"

Gehört von Sina Goes

Meine Stadt

»Auch mal Sprünge wagen« an der Großen Elbstraße © Foto: e_4.6. via Instagram

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle

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