Um kein Thema haben die Hamburger in den vergangenen Jahren so heftig gestritten wie um die Frage nach dem richtigen Schulsystem.Vor sechs Jahren beendete ein "Schulfrieden" den Krieg der Konzepte – nun geht er offenbar zu Ende. Am vergangenen Freitag haben 51 von 59 Leitern der Stadtteilschulen das Hamburger Schulsystem mit seinen zwei Säulen Gymnasium und Stadtteilschule für gescheitert erklärt. Eine "Schule für alle" sei aus ihrer Sicht die Schulform der Zukunft, heißt es in einem Papier, das am Montag Schulsenator Ties Rabe (SPD) übergeben wurde und heute veröffentlicht wird.

Warum sie eine in vielen Augen gescheiterte Schulform anstreben und eine hoch aufgeheizte Debatte in die Stadt zurückbringen? Das erklären die Sprecher der Vereinigung der Schulleiter an Hamburger Stadtteilschulen: Mathias Morgenroth-Marwedel (Stadtteilschule Blankenese), Thimo Witting (Stadtteilschule Bergedorf) und Helga Wendland (Ida Ehre Schule, Harvestehude). Hier lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Interview, das am Donnerstag im Hamburg-Teil der ZEIT erscheint.

DIE ZEIT: Immer mehr Schüler werden bei den Gymnasien angemeldet und immer weniger bei den Stadtteilschulen. Werden die Gymnasien gerade die neuen Gesamtschulen – und Ihre Stadtteilschulen die neuen Hauptschulen?

Thimo Witting: Das ist eine Gefahr. Und deswegen sagen wir: Unser Schulsystem droht zu scheitern. Das Zwei-Säulen-Modell mit Gymnasium und Stadtteilschule funktioniert nicht. Eigentlich sind wir die erste Säule, auf der man alle Abschlüsse bis zum Abitur machen kann. Das Gymnasium ist eine Spezialschule für eine ausgewählte Schülerschaft, die besonders leistungsfähig ist.

Helga Wendland: Setzt sich der seit Jahren andauernde Trend fort, werden im Jahr 2020 gut 70 Prozent der Schüler das Gymnasium besuchen.

DIE ZEIT: Die Idee der Stadtteilschule war es, alle Schüler zu unterrichten, von den Schwächsten bis zu den Stärksten. Aber die leistungsfähigsten Schüler meiden Ihre Schulen.

Witting: Wir glauben, dass die Stadt jetzt eine Debatte über unser Schulsystem braucht. Darum wenden wir uns als Schulleiter der Stadtteilschulen mit einem Positionspapier an die Öffentlichkeit und sagen: Seht her, mit den Stadtteilschulen gibt es eine Schulform, die passende Antworten hat auf die Herausforderungen, vor denen wir stehen.

DIE ZEIT: Die Hamburger Parteien haben 2010 am Ende eines langen Konflikts ausgemacht, die Schulstruktur zehn Jahre lang nicht anzutasten. Wollen Sie den Schulfrieden beenden?

Mathias Morgenroth-Marwedel: Wir können den Schulfrieden nicht beenden, weil wir keine Politiker sind. Wir sind Praktiker. Wir würden uns aber eine Debatte wünschen, bei der Menschen zu Wort kommen, die etwas von Bildung verstehen.

Wendland: Die Frage des Schulsystems ist doch eine gesellschaftliche: Wie geht eine Stadt mit ihren Bürgern um? Dass Menschen gleiche Rechte haben, dass sie gefördert werden, dass auch Kinder aus sozial schwachen Familien in gute Schulen gehen können, das ist wichtig.

Witting: Und wir glauben, dass das Modell der einen Schule für alle dafür eine gute Lösung ist. Wir schaffen in den Stadtteilschulen Begegnung zwischen sozialen Schichten, unterschiedlichen Herkünften, besonderen Talenten und Neigungen. Schüler lernen bei uns einen respektvollen Umgang miteinander.

DIE ZEIT: Wie wollen Sie den Trend gegen die Stadtteilschule stoppen?

Wendland: Uns stört besonders, dass ein Drittel der Kinder am Gymnasium scheitert. Wir wollen Kindern dieses Gefühl ersparen. Unsere Lösung: Alle Schulen müssen die Kinder behalten, die sie aufnehmen.

DIE ZEIT: Theoretisch könnten dann alle Eltern ihre Kinder aufs Gymnasium schicken. Wenn sie dort alle bleiben müssten, käme das letztlich der Abschaffung des Gymnasiums gleich.

Witting: Nein, das wäre verkürzt dargestellt. Aber wir glauben, dass wir in Hamburg eine Diskussion brauchen. Wenn wir die soziale Ausgrenzung beenden wollen, wenn wir die ungleiche Verteilung von Bildung und Wohlstand in der Stadt angehen wollen, dann müssen wir das Schulsystem ändern.

Das gesamte Interview lesen Sie am Donnerstag im Hamburg-Teil der ZEIT. Digital ab Mittwochabend erhältlich unter: zeit.de/4xzeithh