Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

Hand aufs Herz: Wo lesen Sie das gerade? Oder eben deshalb: nicht Hand aufs Herz! Laut einer repräsentativen Onlinestudie des Meinungsforschungsinstituts YouGov nehmen 45 Prozent der Deutschen nämlich Smartphone, Tablet und Co mit auf die Toilette. Je jünger, desto normaler wird das: Von den 18- bis 29-Jährigen waren nur 13 Prozent noch niemals auf dem WC (und) im Internet.

Damit hat die Elektronik das frühere Lieblingsmedium deutscher Toilettengänger auf Platz zwei verdrängt: Nur noch 40 Prozent lesen Zeitschriften und Zeitungen. Bücher, o tempora, o mores!, wurden offenbar gar nicht mehr abgefragt.

Stattdessen kam die Gretchenfrage. Die nach dem Händewaschen. 78 Prozent tun es. 5 Prozent tun es nie. Und der Rest? Wäscht stattdessen das Smartphone?

Vielleicht ist es ganz gut, das nicht zu wissen.

Stunk um den Diesel

Hamburg, die einstige Umwelthauptstadt, hat Ärger wegen Luftverschmutzung: Der Anteil an Stickstoffdioxid in der Hamburger Atemluft übersteigt die EU-Grenzwerte, das Verwaltungsgericht verdonnerte den Senat zum Nachbessern. Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) hat jetzt eine Idee: Gern sähe er das auch nicht, druckste Kerstan im NDR-Interview herum, aber "am Ende" werde man bei Dieselfahrzeugen "aller Voraussicht nach um Fahrverbote wahrscheinlich nicht herumkommen". Er legte sich sogar ein bisschen mit der Automobilindustrie an, die endlich "gesundheitsförderliche Fahrzeuge" bauen müsse – was auch immer das sein könnte, Tretautos vielleicht oder solche mit Massagesitzen zur Lymphdrainage, man weiß es nicht. Umweltschützer jedenfalls feiern: "Das ist eine echte Ansage!", findet Malte Siegert vom Nabu. Gar nicht begeistert ist dagegen die FDP, die nun ein "Machtwort" von Wirtschaftssenator Frank Horch (parteilos) fordert. Argument: Fahrverbote brächten in Hamburg nichts. Ein wunder Punkt, denn wie Sprecher Jan Dube bestätigt, misst die Umweltbehörde gar nicht, ob bisherige Luftschutzmaßnahmen überhaupt wirken. So kommt es wohl auch, dass Jens Kerstan Landstromanlagen für Kreuzfahrtschiffe und die Power-Barge im Hafen zu den Errungenschaften seines Hauses zählt – zwei gute Ideen, die sich sicher zauberhaft auf Hamburgs Emissionsbilanz auswirken würden – wenn sie denn genutzt würden.

Suding will nach Berlin

Katja Suding hat große Pläne: Die Landesverbands- und Fraktionsvorsitzende der Hamburger FDP will die Liberalen zurück in den Bundestag bringen. Am Montag gab sie ihre Bewerbung um Platz 1 der Landesliste für die Bundestagswahl 2017 bekannt. Hamburg will sie trotzdem treu bleiben.

Elbvertiefung: Frau Suding, Sie wollen nach Berlin, dabei gelten Sie als beste Frau – wahlweise auch bester Mann – der Hamburger Liberalen. Lassen Sie jetzt Ihren Landesverband einfach im Stich?

Katja Suding: Nein, das habe ich nicht vor. Ich möchte auch gerne Landesvorsitzende bleiben. Aber mit der Bundestagswahl im nächsten Jahr haben wir als Freie Demokraten die wohl wichtigste Wahl aller Zeiten zu bestreiten. Das wird kein Selbstgänger, deshalb müssen wir alle Kräfte bündeln. Natürlich würde es einen Wechsel an der Spitze der Bürgerschaftsfraktion geben, wenn ich das Mandat abgäbe. Aber da sind wir in der luxuriösen Situation, dass es neben mir noch acht sehr fähige und engagierte Mitstreiter gibt.

EV: Ihr Internetauftritt ist eine einzige Liebeserklärung an Elbe und Alster. Nicht an die Spree ...

Suding: Ich lebe ja seit 1999 in Hamburg – eine ganze Weile, aber nicht von Geburt an. Als Hamburger Bundestagsabgeordnete werde ich hier in meinem Wahlkreis weiterhin ein Standbein haben. Außerdem bin ich jetzt schon jede Woche in Berlin, weil ich mich seit 2011 im Bundesvorstand engagiere.

EV: Was wollen Sie denn in Berlin für die Menschen in Hamburg erreichen?

Suding: Vieles, für das ich mich einsetzen will, ist nicht nur für Hamburger wichtig. Wir sehen, dass es im Bundestag keine Opposition mehr gibt, die der Regulierung der sozialen Marktwirtschaft entgegentritt. Unsere Bürgerrechte werden geschwächt mit Verweis auf Terrorgefahr. Da braucht es eine starke liberale Kraft, die Alternativen aufzeigt. Speziell für Hamburg sehe ich, dass wir eine Vertretung für die Interessen des Stadtstaates brauchen. Ganz deutlich ist das bei der Verteilung von Flüchtlingen: Der Königsteiner Schlüssel berücksichtigt die Wirtschaftskraft und Einwohnerzahl, aber nicht die Fläche. Das ist für Hamburg sehr schwierig. Hamburger Interessen müssen daher mehr Gehör in Berlin finden.

Witzigkeit kennt keine Grenzen

Mit Humor und Charme gegen die AfD – diese Strategie empfehlen die Grünen zur Entspannung rechter Tendenzen in Hamburg. Zwar sollte man mit dem gebotenen Ernst für freiheitliche Werte und Toleranz einstehen, raten die Bundestagsabgeordnete Anja Hajduk und der Hamburger Justizsenator Till Steffen – doch mit gelassener Heiterkeit komme die Gesellschaft oft weiter, wie das kollektive Feixen zeigte, als die AfD sich über Kinderfotos von Nationalspielern ausländischer Herkunft auf der Kinderschokolade echauffierte. In ihrem Thesenpapier "Toleranz und Pluralismus verteidigen!" raten die beiden Politiker davon ab, die Weltsicht einzelner AfD-Anhänger mit dem Geist des Parteiprogramms gleichzusetzen. Nicht alle könnten pauschal als Rassisten oder Rechtspopulisten bezeichnet werden, viele seien einfach unsicher und hätten den Draht zur etablierten Politik verloren. Ganz so, als wüssten sie nicht mehr, wie politische Arbeit in einer parlamentarischen Demokratie überhaupt funktioniert. "Wenn sich alle mit uns beschäftigen, machen wir offensichtlich alles richtig", frohlockte daraufhin der AfD-Landesvorsitzende in Hamburg, Bernd Baumann. "Und Kinderschokolade finden wir auch ganz lecker!" In der nächsten Sitzung werde man den Grünen in der Bürgerschaft eine "Tafel" mitbringen. Sollten die AfD-Abgeordneten also künftig verspätet erscheinen, waren sie wohl noch mit Aussortieren beschäftigt: Schweinsteiger – ja, Hummels – ja, Podolski – nein, Müller – ja, Boateng … ach, Sie wissen schon.

Crimestory entschieden (14): Der Pudel ist – gerettet!

Verkokelt, begossen, gefeiert und gerettet – der Streit um den legendären Golden Pudel Club ist offenbar entschieden. Monatelang hatten Fans und Freunde des Partyschuppens am Fischmarkt um sein Überleben gebangt. "Mit größter Freude, Herzrasen & Wahnwitz darf der Golden Pudel Club verkünden: Das mit ihm verwachsene Stückchen Erde mit dem Namen St. Pauli Fischmarkt 27 konnte den hitzigen Klauen einer drohenden Zwangsversteigerung entrissen werden!", teilten die Clubbetreiber am Montagnachmittag mit. Die Mara & Holger Cassens Stiftung habe den Anteil des Cafébetreibers Wolf Richter gekauft mit dem Ziel, den Pudel als gemeinnütziges Projekt zu erhalten. Auch der Anteil des Musikers und Künstlers Rocko Schamoni soll künftig gemeinnützigen Zwecken dienen. Schon lange vor dem Brand des Golden Pudel Clubs im Februar war zwischen den einstigen Kompagnons ein Streit entbrannt. Mit einer Zwangsversteigerung wollte Wolf Richter der Eigentumsgemeinschaft ein Ende setzen – worin Pudel-Fans die Gefahr sahen, ihre kulturelle Heimstatt an profitorientierte Investoren zu verlieren. Mehr dazu lesen Sie hier

TSV Sasel schmeißt den Hauptsponsor – nicht raus!

Der TSV Sasel legt eine diplomatische Glanzparade hin: Nils W. wird nicht aus dem Club geschmissen. Dabei hätte man dazu allen Grund gehabt – der Mann gefährdet die Existenz des ganzen Vereins. Nils W. war seit seiner Kindheit im TSV, kickte in der Altherrenmannschaft, finanzierte das Ligateam als Hauptsponsor. Er baute sogar sein Haus am Spielfeldrand – und das war der Anfang vom Ende. Schlimmstenfalls das Ende des TSV Sasel. Als Nils W. in sein neues Haus einzog, änderte sich nämlich alles. Jahrelang hatte er selbst Schuss um Schuss aufs Tor geballert, nun nervten die scheppernden Pfosten. Anpfiff, Torjubel, Fanparolen – in seinen Ohren nur noch Lärm. Nils W. beantragte die Stilllegung des Platzes. "Ich bin fassungslos", sagt Marcus Benthien, Vorsitzender des TSV. "Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man darüber lachen." Erst vor drei Jahren ließ der Verein die Kunstrasenplätze anlegen, gegen die Nils W. vorgeht. Nun könne der Verein endlich ganzjährigen Spielbetrieb anbieten, immer mehr Kinder und Jugendliche hätten sich seitdem angemeldet. Ohne die neuen Plätze sei der Verein am Ende, "eine schwierige Lage" nennt es Benthien. Denn rein juristisch betrachtet, hätte Nils W. das Recht auf Ruhe vor seinem Haus. Dennoch brachte es die Versammlung am Montagabend nicht übers Herz, ihn rauszuwerfen. "Wir haben uns überlegt: Wie muss sich das Ganze wohl für ihn anfühlen? Es ist sinniger, miteinander zu reden, als jetzt Tischtücher zu zerschneiden." Ob die Deeskalationsstrategie der Saseler Diplomaten auch den Verein rettet, ist offen.

Mittagstisch

Wenn Kaffeemacher kochen

Im Due Baristi geht es – wie der Name schon sagt – um Kaffee. Die zwei oder mehr Kaffeemacher hinter der Theke wirbeln herum, um Koffein-Junkies den Tag zu versüßen. Der Espresso ist sensationell! Und ja, man kann davor auch etwas essen. Sehr lecker sogar. Der täglich wechselnde Mittagstisch wird auf einer Tafel am Eingang präsentiert. Zum Beispiel Gemüsesuppe mit Thymian, Reis und gerösteten Mandeln (4,90 Euro), Salat mit Ei, Thunfisch, Drillingen und Oliven (8,20 Euro) oder Tagliatelle mit Hähnchenbrust, Pfifferlingsauce und Parmesan (8,40 Euro). Die Nudeln sind mit fein geschnittenem Schnittlauch verziert, eine vegetarische Variante ist auch möglich. Danach empfiehlt sich einer der Kuchen, wie der cremig-feine Cheesecake. Bei Sonne findet sich ein Platz an den Tischen auf der Terrasse, sonst im Innern an einem der dicht gedrängten, runden Bistro-Tische oder an der langen, rustikalen Holztafel. Da drüber baumeln Lampen aus italienischen Kaffeedosen, klar, Baristi eben.

Due Baristi, Langenfelderdamm 2–4, Mittagstisch, Dienstag bis Freitag, 12 bis 15 Uhr

Kathrin Fromm


Was geht

Lesung: Nichts ist vorgeschrieben: "Schulhausroman – große Abschlusspräsentation" stellt Werke Hamburger Schüler und Schülerinnen vor. Literaturhaus, Schwanenwik 38, 19.30 Uhr                                        

Open-Air-Kino: Zum Glück soll der Dienstagabend trocken bleiben – die Sneak Preview überrascht im Rahmen des "zeise open air" mit einer OmU-Fassung. Innenhof Rathaus Altona, Platz der Republik 1, 22 Uhr. Bei Regen im zeise indoor, 22.30 Uhr

Kunst trifft Poesie: Die Ausstellung "AnGEDICHTet" im Gedok zeigt Wechselwirkungen zwischen Literatur und bildender Kunst. Zur Vernissage am Dienstagabend gibt’s dazu noch Klaviermusik. Kunstforum der Gedok, Koppel 66, 19 Uhr                                   

Schnack

Im Stadtteil Borgfelde parkt ein junger Mann sein Rennrad und zieht sein Handy aus der Hosentasche. Ein sehr viel älterer Mann geht auf ihn zu, stoppt und fragt: "Na, hast du einen Pokémon gefangen?"

Gehört von Lars aus Borgfelde


Meine Stadt


Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

 

Ihr

Mark Spörrle

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.