Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

das Hamburger Oberlandesgericht verurteilte IS-Kämpfer Harry S. zu drei Jahren Haft, das Stuttgarter Weindorf macht wieder von sich reden,es ist Derby-Woche, und wer will, kann auf Pferde wetten wie unser Autor, Alten-WGs sind im Trend, und in Wilhelmsburg ist ein Schulexperiment mit Waldorf gescheitert. Darum geht es hier und heute.

Und unser erstes "Literarisches Duett" kam gut an.Die ZEIT-Kantine war voller Leserinnen und Leser, die zum Gespräch über den Roman "Hippiesommer" von ZEIT Leo-Chefredakteurin Inge Kutter gekommen waren. Die Autorin las, Adam Soboczynski, Ressortleiter des ZEIT-Feuilletons, sprach mit ihr über die Hippie- und 68er-Bewegung, den im Buch skizzierten Generationenkonflikt und die Frage, wie viel Autobiografisches denn eigentlich in Hauptfigur "Elena" stecke. Ganz unabhängig davon stellten in der anschließenden Diskussion vor allem Besucherinnen fest, dass in ihnen selber – oder in engen Bekannten – sehr viel von Elena stecke.

Schön, dass Sie da waren!

Noch etwas Kunst:

Kurz nach dem Ende von Christos Kunstinstallation "Floating Piers" auf dem italienischen Iseo-See kann man ein Stück der Installation erwerben – hoffentlich. Im Internet werden Stoffstücke zur Versteigerung angeboten, bei denen es sich um Teile des rund drei Kilometer langen Stegs aus Schwimmpontons und Stoffbahnen handeln soll, auf denen die 1,2 Millionen Besucher auf dem See in der Nähe von Mailand übers Wasser wandeln konnten. Vor Ort waren Stoffreste kostenlos verteilt worden, nun werden im Netz schon ein paar Dutzend Euro geboten. Nur zur Sicherheit: Der echte Stoff war orangefarben.

Und nun zum schnöden Fußball:

Genauer zu unserem EM-Tippspiel, bevor Sie womöglich Betrug wittern (gar Wettbetrug!), weil sich über Nacht Ihre Punktezahl verändert hat: Doch das ist korrekt. Ab sofort veröffentlichen wir nämlich die Tabelle, in der die Punkte aus der Bonusfrage schon eingerechnet sind. Jener Bonusfrage, die ich ganz am Anfang einmal gestellt habe – Sie erinnern sich? Nein? Nicht so schlimm. Wir stellen jetzt, wo es richtig spannend wird, noch ein paar neue Bonusfragen, mit denen Sie Zusatzpunkte gewinnen und sich vielleicht noch in Richtung Spitze schieben können. Die erste Frage finden Sie unten in der EM-Kolumne. Viel Glück!

Drei Jahre Haft für Ex-IS-Kämpfer

Er ging zum "Islamischen Staat" nach Syrien, absolvierte eine Kampfausbildung, spielte in Propagandavideos mit – doch dann bereute Harry S. seine Entscheidung. Der 27-Jährige ergriff die Flucht, im Juli 2015 kehrte der Sohn ghanaischer Eltern in seine Heimatstadt Bremen zurück. Vor dem Hamburger Oberlandesgericht wurde der Ex-IS-Kämpfer nun zu drei Jahren Haft verurteilt. Erstmals stand hier ein Mann vor Gericht, der zugibt, Mitglied der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) gewesen zu sein. Harry S. habe sich der Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation schuldig gemacht und gegen das Waffen- und das Kriegswaffenkontrollgesetz verstoßen, sagte Klaus Rühle, Vorsitzender der Strafkammer, in der Urteilsbegründung. Besonders sein Mitwirken an einem IS-Propagandavideo wurde Harry S. zur Last gelegt. "Die große Prägekraft von Bildern terroristischen Mordens lässt die Bilder selbst zu Waffen werden", so einer der Bundesanwälte. Am Ende war es das umfangreiche Geständnis des Angeklagten, welches das Gericht milde stimmte: Die Höchststrafe für seine Taten hätte bei zehn Jahren gelegen. "Sie sind heute kein Terrorist mehr. Und Sie werden, da bin ich sicher, auch nie wieder einer werden", so Richter Rühle. Eine richtige Einschätzung, glaubt man den Worten des Verurteilten: "Dass ich in Syrien war, war der größte Fehler meines Lebens. Ich hoffe, dass ich irgendwann anderen Jugendlichen helfen kann, nicht diesen Weg zu gehen." Kollegin Elke Spanner war für ZEIT Online im Gerichtssaal dabei und schildert den letzten Akt eines Prozesses, den es so noch nie gab.

Stuttgarter Weindorf – fünfte Folge des Nervendramas

Ein Gläschen Weißwein in einer Holzlaube süffeln, während die in Tracht gekleidete Bedienung dampfende Maultaschen serviert? Oder lieber zwischen schmucklosen Imbisswagen stehen, ins kalte Matjesbrötchen beißen und dem Geschrei von "Aale-Dieter" lauschen? Stuttgarter Weindorf und Hamburger Fischmarkt haben nicht viel gemeinsam, und vielleicht gerade deshalb gab es 30 Jahre lang eine Art Austausch-Programm zwischen Hamburg und Stuttgart. Dann kam der Eklat: Die Stuttgarter sagten ihr Weindorf auf dem Rathausmarkt ab, weil sie erstmals Platzgebühren zahlen sollten. Bezirksamtsleiter Falko Droßmann übte sich in Streitschlichtung, doch bei der Absage für dieses Jahr bleibt es, wie Axel Grau, Geschäftsführer von "Pro Stuttgart" bestätigt. Die Platzmiete sei für die Stuttgarter nicht drin. Und ein anderer Platz undenkbar. "Wir tragen schon hohe Material- und Personalkosten, immerhin rüsten wir unsere traditionellen Holzlauben extra fürs stürmische Hamburger Wetter auf", sagt Grau. Und jetzt? "Prüfen wir, unter welchen Bedingungen wir 2017 wiederkommen", sagt Grau. Na dann. Übrigens: Bei den Schwaben sei das alljährliche Fischmarkt-Intermezzo beliebt. "Wenn Sie einen Stuttgarter auf Hamburg ansprechen, wird ihm als Erstes der Fischmarkt einfallen", so Grau. "Kühles Bier und Fisch in guter Qualität, dazu diese raue Atmosphäre: Das ist mal etwas anderes."

Kein Waldorf mehr in Wilhelmsburg

"Das Beste aus zwei Welten" sollte das Projekt an der Ganztagsschule Fährstraße in Wilhelmsburg vereinen. Doch nach zwei Jahren ist der viel beachtete Versuch, Waldorfpädagogik an der staatlichen Grundschule umzusetzen, gescheitert. Der Verein für interkulturelle Waldorf-Pädagogik beendet zum Ende des Schuljahres die Zusammenarbeit mit der Ganztagsschule. Zweifel an dem Schulexperiment  gab es bereits kurz nach dem Start – zumal die bildungsbürgerliche Reformpädagogik in den Augen einiger Pädagogen nicht so recht zum angeblichen Problemstadtteil Wilhelmsburg passen wollte. Gute Idee, falscher Stadtteil also? Ganz so einfach geht die Rechnung wohl nicht auf: Henning Kullak-Ublick, Vorstandsmitglied des Bundes der Freien Waldorfschulen, berichtet im Gespräch mit ZEIT:Hamburg-Kollegen Johan Dehoust von hierarchischen Strukturen an der Schule und nicht eingehaltenen Vereinbarungen zwischen den Pädagogen. "Am Ende war das keine Waldorfpädagogik mehr, sondern ein Etikettenschwindel. Künstlerischer Unterricht ist kein beliebiges Add-on", sagt Kullak-Ublick. Waldorf in Wilhelmsburg könne aber sehr wohl funktionieren, sagt er. Dass es beim Umgang mit Schülern mit Migrationshintergrund eher auf Disziplin ankomme und nicht auf freies Lernen, sei schlichtweg "Unsinn". 

Hopp, hopp, hopp...

Die Hamburger Derby-Woche ist in vollem Gange – oder in vollem Galopp – der eigentliche Höhepunkt folgt jedoch erst am Wochenende: Am Sonntag, 10. Juli findet das Hauptrennen des 147. Derbys statt. Insgesamt geht es beim Rennen der Galopper um nicht weniger als 650.000 Euro. Sie können mit dem traditionsreichen Pferdesport (immerhin wird das Derby seit 1869 in Hamburg gelaufen!) nicht viel anfangen? ZEIT-Kollege Stephan Lebert, der nach eigener Aussage "42 Jahre auf Rennbahnen verbracht" hat, schildert in der neuen ZEIT:Hamburg-Ausgabe sehr eindrücklich, welche Faszination von den galoppierenden Vierbeinern ausgeht. Tierquälerei, Wettschwindel, Halbwelt? "Alles Unsinn", findet Lebert. Im Gegenteil: Pferderennen seien eine "Schule des Lebens". Und über allem, so Lebert, liege doch eine einfache und irgendwie beruhigende Philosophie: "Gewinnst du heute nicht, gewinnst du morgen. Deine Zeit wird kommen, ja, und sie wird auch wieder vergehen." Geheimfavorit unseres Autors ist übrigens das Pferd Larry: Drei Jahre alt, hat zwar erst zwei Rennen gelaufen und ist trotzdem jede Wette wert. Wetten? Mehr dazu in der neuen ZEIT:Hamburg.

Alten-WGs im Trend

Der Hamburger Ex-Profifußballer Jens Duve baut sein Wohnhaus im Landkreis Harburg zur Wohngemeinschaft für ältere Menschen um. Gemeinsam kochen, putzen, einkaufen – die Nachfrage nach Senioren-WGs steigt. Ulrike Petersen leitet die Koordinationsstelle für Wohn- und Pflegegemeinschaften, die pflegebedürftigen Senioren ein Zimmer in speziellen Wohnprojekten vermittelt: Bis zu 12 von ihnen leben in einer WG, organisieren ihren Alltag selbst, werden aber, wenn nötig, rund um die Uhr durch Pflegekräfte betreut.

Elbvertiefung: Frau Petersen, die Koordinationsstelle für Wohn- und Pflegegemeinschaften gibt es seit elf Jahren...

Petersen: Anfangs war das Angebot kaum bekannt, inzwischen ist die Nachfrage enorm gestiegen. Wir führen jede Woche drei lange Beratungsgespräche mit Interessenten.

EV: Wie läuft die Vermittlung konkret ab?

Petersen: Wir nehmen Interessenten in unseren Verteiler auf, so erfahren sie sofort von frei werdenden Zimmern, die ihren Bedürfnissen entsprechen. Meistens gibt es dann ein klassisches "WG-Casting". Beim Einzug bekommt jeder Bewohner einen eigenen Mietvertrag über sein Einzelzimmer und die dazugehörigen Gemeinschaftsräume.

EV: Wie viele Wohn-Pflege-Gemeinschaften gibt es in Hamburg? Und wie sind diese aufs Stadtgebiet verteilt?

Petersen: Es gibt 31 WGs. Mit dem Sprung über die Elbe hat es etwas gedauert – doch inzwischen gibt es in jedem Bezirk Wohnprojekte. In Wandsbek, Eimsbüttel und Eppendorf übersteigt die Nachfrage aber noch das Angebot.

EV: Welche Bedingungen muss eine Wohnung erfüllen?

Petersen: Ohne Barrierefreiheit geht gar nichts. 300 bis 400 qm müssen die WGs groß sein, ein ambulanter Pflegedienst ist immer vor Ort. Dieser wohnt aber nicht mit in der WG: Auch wenn eine Betreuung rund um die Uhr gewährleistet sein muss, ist uns wichtig, dass die WG keinen Einrichtungscharakter hat. Wichtig ist auch die Infrastruktur: Bus und Bahn müssen in der Nähe sein.

EV: Welchen Vorteil hat das Wohnen in der WG gegenüber einem Platz im Heim?

Petersen: In der WG leben Individuen zusammen, die nicht nur herumsitzen und auf die Essensausgabe warten. Sie organisieren das gemeinsame Kochen oder Einkaufen selbst, fühlen sich als wichtiger Teil einer Gruppe. Und: Die Wohngemeinschaft beauftragt den Pflegedienst selbst, kann ihn auch wieder kündigen, ohne dass jemand sein Zimmer verliert. Anders als im Heim: Dort ist alles "all inclusive", die Senioren müssen sich arrangieren.

11vertiefung - Die EM-Kolumne von Johan Dehoust

Gareth Bale behauptet, er hätte sich vor dem Spiel seiner Waliser heute gegen die Portugiesen mit Cristiano Ronaldo über die bisherigen Leistungen ihrer Mannschaften unterhalten. Was für ein Quatsch. Bale hat von Ronaldo, mit dem er alltags zusammen in Madrid trainiert, seine unverwechselbare Freistoßtechnik kopiert! Und nicht nur das: Während von Ronaldo geschossene Freistöße bei dieser EM bislang in der Mauer oder auf der Tribüne endeten, hat Bale in Frankreich so schon zwei Mal ins Tor getroffen. Den Ball hinlegen, drei bis fünf Schritte zurück, einen zur Seite, breitbeinig hingestellt, kräftig durchprusten, tänzelnd anlaufen und dann mit dem Spann schießen – Ronaldo wird sich ohne Ende ärgern, dass sich auf so etwas kein Patent anmelden lässt. Und er wird deshalb alles daran setzen, heute Abend zu beweisen, dass er als Urheber immer noch am besten mit seiner Technik umzugehen weiß. Wird ihm das gelingen? Oder wird Bale ihn etwa abermals düpieren? Eine Frage, die sich vor dem heutigen Fernsehabend geradewegs aufdrängt. Die Redaktion der Elbvertiefung hat daher beschlossen, sie in ihr Tippspiel aufzunehmen. Was meinen Sie, liebe Mittipper, fällt heute Abend ein direktes Freistoßtor? Für die richtige Antwort zu vergeben, immerhin: zwei Punkte.


Mittagstisch

Die ganz große Bühne

Ach, die Welt. Bisschen groß, um sie in ein Restaurant zu stopfen. Und dann noch aufzuhübschen mit "cognacfarbenen Ledercouches, die einen generösen (Schulter-)Blick" zulassen und vom Chefdesigner eines Hamburger Mode-Labels eingekleideten Bedienungen. Ganz schön gespreizt, diese Weltbühne. Wie auch die täglich wechselnde Mittagstischkarte, die "Papardelle in Pfifferlingsrahm mit Kochschinken" (7,90 Euro) anbietet und damit breite Bandnudeln meint oder einen Salat mit Stiefmütterchen-Dekoration kredenzt, bei dessen Verzehr man sich fortwährend fragt, ob das auch wirklich so gemeint war mit dem Verspeisen. Reichlich merkwürdig auch, dem Gast hier das große Nichts anzubieten: "Wo der Mühelose Zeit findet, um seiner Lieblingsbeschäftigung nachzugehen, das Nichtstun", steht auf der Website. Speisen hier doch vorrangig Vertreter des mittleren Managements und Banker – weswegen es auch ein Business-Lunch mit 3 Gängen für 15,80 Euro gibt. Andererseits – vielleicht macht gerade dieses Zuviel von allem den Charme dieser Lokalität aus.

Mitte, Gerhart-Hauptmann-Platz 70, Mittagstisch Mo bis Fr 12 bis 15 Uhr

Lotte Auwald

 


Was geht

Kino: Seit die Brüder Lumière 1895 erstmals Bilder zum Laufen brachten, gilt Frankreich als Wiege des Kinos. Bei den französischen Filmtagen können sich Cineasten davon überzeugen, was das französische Kino noch heute zu bieten hat – etwa eine Dokumentation über "Charlie Hebdo"-Gründer François Cavanna.
"Cavanna", Metropolis-Kino, Kleine Theaterstraße 10, 19 Uhr

Konzert: Der Sommer glänzt gerade zwar durch Abwesenheit, die "Accoustic Sommersessions" vorm Knust gehen trotzdem weiter: Zum heutigen Bergfest der Konzertreihe spielen Lilly Among Clouds, Ben Schadow Band und The Caper.
Knust (Lattenplatz), Neuer Kamp 30, 18 Uhr

Zeitreise im Museum: Das Archäologische Museum lädt zu einer Reise in die Steinzeit ein: Großeltern und ihre Enkel entdecken die Welt der Archäologie – und erleben, wie Feuermachen auf Steinzeitart funktioniert.
Archäologisches Museum Hamburg, Harburger Rathausplatz 5, 15 bis 16 Uhr

Hamburger Schnack

Eine Kita-Gruppe spaziert an der Rothenbaumchaussee entlang. Eine der beiden Erzieherinnen trägt ein Oberteil, dessen Rückenansicht ein "Peace"-Symbol ziert. Plötzlich lacht die Frau auf und wiederholt glucksend die Frage eines ihrer Schützlinge: "Ja, warum trage ich eigentlich eine Brezel auf meinem Rücken?"

Gehört von Folko Damm

 


Meine Stadt

"Mitten in der sonst so gepflegten City gibt es wunderbar farbenfrohe Hinterhöfe." © dorisimis via Instagram


Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

 

Ihr

Mark Spörrle


PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.

 

© DIE ZEIT