Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

für die Deutschen war es ein EM-Halbfinalspiel mit vielen guten Torchancen – aber nur Chancen, eben. Was bleibt: Die Franzosen haben den besseren Coach in Foul-Schauspielerei. Und der Schiedsrichter war parteiisch. Auch der Lieferdienst, bei dem es mir vor dem Spiel erst beim zweiten Mal gelang, drei Pizzen zu bestellen, war parteiisch. Ebenso das Restaurant in der Osterstraße, das dann nur zwei Pizzen einpackte, und zwar fast kalte Pizzen. Absolut parteiisch war schließlich die Amsel, die nach dem Spiel viel zu früh wieder zu singen begann. Einziger Trost: Die so erleichterten wie sympathischen französischen Fans, die das ZDF nach dem Spiel zeigte. Und das, was die Kollegen von ZEIT Online schrieben: "Frankreich trifft jetzt auf Cristiano Ronaldo, die deutschen Spieler auf ihre Liebsten und den Urlaub. Was ist schöner?" Alles weitere in unserer EM-Kolumne.

Also schnell zum Rest: Hamburger Appell für Kompromiss bei den Flüchtlingen, Polizist räumt im Alleingang (fast) Obdachlosencamp, Doping beim Boxen?, Deutschsein ist keine Frage der Hautfarbe, Pfandringe: Hat Altona abgeguckt?, Mark Spörrle hat sich im EM-Tippspiel der Elbvertiefung wieder mal gründlich vertippt.

Hamburger Appell

"Einigt euch!" So lautet die Forderung eines Bündnisses aus Kirchen, Gewerkschaften und Verbänden an den Senat und die Volksinitiative Hamburg für gute Integration. Die verhandeln seit Wochen über die Unterbringung von Flüchtlingen in Hamburg. Bis Montag sollen sie sich geeinigt haben, aber was, wenn nicht? Sollten die Gespräche scheitern und die Bürgerschaft die Forderungen der Initiative ablehnen, kann es zum Volksbegehren kommen, und dann auch zum Volksentscheid. Aber die Unterzeichner des Hamburger Appells sorgen sich schon jetzt um eine Spaltung der Stadt und eine Reduzierung der Debatte auf die Frage "Flüchtlinge – ja oder nein?". Ein Volksentscheid, so Bischöfin Kirsten Fehrs, "sollte auf jeden Fall vermieden werden. Ich befürchte, dass er letztlich zu einem Referendum wird, bei dem für oder gegen Flüchtlinge abgestimmt wird." Die Unterzeichner fordern einen Kompromiss. Anliegen des Senats ist, möglichst allen Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf zu bieten. Anliegen der Initiative ist eine Obergrenze von 300 Menschen pro Unterkunft und ein Mindestabstand von einem Kilometer zwischen den Flüchtlingsunterkünften, sofern mehr als 100 Menschen dort leben. Wie könnte also ein Kompromiss aussehen? Möglichst kleine Unterkünfte statt großer Flüchtlingsquartiere, eine Verteilung über das gesamte Stadtgebiet, dafür mehr Standorte klingt eigentlich machbar. Bischöfin Fehrs: "Niemand sollte in dieser Situation an Maximalforderungen festhalten."

Fehler einräumen statt Camp räumen

Da geht ein Polizeibeamter zu einem Obdachlosencamp, drückt den Bewohnern eine amtlich aussehende Räumungserklärung des Bezirksamts in die Hände – und löst damit einen kleinen Skandal aus. Wieso? Weil er dazu offenbar keine Befugnis hatte. Geschehen ist das gestern unter der Kennedybrücke an der Alster. Seit Jahren übernachtet hier eine Art Obdachlosengemeinschaft in sechs bis sechzehn Zelten unter der Brücke. Und während sich die Linken-Bürgerschaftsfraktion nach der Aktion des Polizisten schon über diese "Vertreibungspolitik" des Senats echauffierte, kam beim "Hamburger Abendblatt" jemand auf die Idee, da mal nachzuhaken. Die Recherchen ergaben: Das Bezirksamt Mitte hatte nie vor, das Camp zu räumen, der Polizist handelte eigenmächtig. Dem Hamburger Abendblatt gegenüber räumte ein Polizeisprecher ein: "Der Fehler liegt bei der Polizei." Der Beamte sei unerfahren und davon ausgegangen, dass seine Aktion angemessen ist, da Wildcampen in Hamburg ja verboten ist. Die seit Jahren geduldeten Bewohner des Brückencamps – nicht zu verwechseln mit echten Wildcampern – müssen den Schock nun erst mal verdauen.

Fury in the Drugstore?

Im November letzten Jahres verlor der Boxer Wladimir Klitschko, der zeitweise in Hamburg lebt, alle vier Weltmeistertitel – nach mehr als elf Jahren. Als Sieger ging damals der Brite Tyson Fury aus dem Ring; die Überraschung war groß. Morgen hätte der Tag sein sollen, an dem Klitschko sich seine Würde zurückholen wollte, "Rückkampftag". Doch vor zwei Wochen wurde der Kampf abgesagt, Begründung: eine Knöchelverletzung bei Tyson Fury. Gegen den stehen allerdings auch Dopingvorwürfe im Raum. Nach einem Kampf gegen Christian Hammer, auch er Hamburger, im Februar 2015 sollen bei Fury erhöhte Werte des anabolen Steroids Nandrolon festgestellt worden sein, hatte eine englische Zeitung berichtet. Es soll auch eine Anhörung gegeben haben, jedoch ohne Konsequenzen. Sollten sich die Gerüchte bestätigen, hätte der Kampf gegen Klitschko gar nicht stattfinden dürfen. Wäre es am Ende gar auf ein Duell "Dr. Steelhammer (Klitschko) vs. Hammer" hinausgelaufen, das garantiert ein Hamburger gewonnen hätte? "Wir drängen auf Aufklärung und lassen nicht locker", sagte Thomas Pütz, Präsident des Bundes Deutscher Berufsboxer gestern. Wladimir Klitschko gibt sich siegessicher: Auf seiner Homepage verkündet er: "Dann hole ich mir meine WM-Gürtel eben ein paar Wochen später zurück." Wie man derweil den Ausspruch versteht, den Fury vor ein paar Tagen bei Twitter zitierte, bleibt jedem selbst überlassen: "It’s time to stop running away from things that are uncomfortable and hard. It’s time to confront issues in your life."

Deutschsein? Keine Frage der Hautfarbe

Gestern Abend las die afrodeutsche Journalistin und Moderatorin Anne Chebu in der Volkshochschule Hamburg aus ihrem Buch "Anleitung zum Schwarzsein". Die gebürtige Nürnbergerin ist Ende letzten Jahres wieder nach Franken zurückgekehrt, vorher lebte sie dreieinhalb Jahre in Hamburg. Wir haben mit ihr über Alltagsrassismus und Schwarzsein in Deutschland gesprochen.

Elbvertiefung: Ihr Buch ist vor allem für afrodeutsche Jugendliche geschrieben. Was lernen die Leser?

Anne Chebu: Es gibt natürlich keine Anleitung, wie man die oder der perfekte Schwarze wird, das ist eine sehr heterogene Gruppe. Aber ich hoffe, dass der Leser sich danach eine eigene Anleitung zusammenbastelt und sich bewusst mit seiner Hautfarbe auseinandersetzt.

EV: Haben Sie persönliche Erfahrungen mit Rassismus gemacht?

Chebu: Ich selbst habe zum Glück wenig schlimme Rassismuserfahrungen gemacht, aber es gibt natürlich die Alltagsrassismen. Wenn man immer wieder auf die Hautfarbe reduziert wird oder von Fremden an der Bushaltestelle gefragt wird: "Wo kommst du ursprünglich her?", oder auf der Straße auf Englisch angesprochen wird, dann ist das doof und nervt, aber ich muss nicht Angst um mein Leben haben. Wenn ich in einem Club als Erstes gefragt werde, wo meine Eltern herkommen, ist das grenzüberschreitend und übergriffig.

EV: Wie reagiert das Publikum bei Ihren Lesungen?

Chebu: Es gab zwei besonders prägende Situationen. Bei einer Veranstaltung des "Black History Month" in Hamburg hat eine Gruppe schwarzer Jugendlicher gesagt: Wovon redest du? Wir kennen diese Probleme gar nicht. Die gehen mit fünf anderen Afrodeutschen in eine Klasse, und für sie war das gar kein Thema mehr. Das hat mich natürlich gefreut, aber da ist Hamburg speziell. Bei einer anderen Veranstaltung in München wiederum kam eine Frau mit Tränen in den Augen zu mir und hat gesagt, sie habe noch nie so viele schwarze Menschen an einem Ort gesehen.

EV: Und wie kann man Diskriminierung vermeiden?

Chebu: Im Alltag sensibler sein und Klischees hinterfragen. Auch gesunder Menschenverstand hilft. Deutschsein kann man nicht anhand der Hautfarbe ablesen. Die meisten Afrodeutschen identifizieren sich als deutsch und haben auch nur dieses Heimatland.

Hat Altona abgeguckt?

Harte Anschuldigungen gegen das Bezirksamt Altona. Der Vorwurf: "Ideenklau"! Die schönen neuen Pfandringe, die in Altona eingesetzt werden sollen, um Flaschensammlern beim Flaschensammeln zu helfen, führen jetzt möglicherweise zu großem Ärger. Der Kölner Designer Paul Ketz wirft dem Bezirksamt nämlich vor, es hätte seine Idee umgesetzt, ohne die Schutzrechte zu respektieren, wie er dem "Hamburger Abendblatt" mitteilte. Stimmt das denn? Martin Roehl, Pressesprecher des Bezirksamts, sagt: "Das muss erst mal geprüft werden." Wir fragen uns (und ihn): Hätte man das nicht vorher prüfen müssen? "Ich weiß nicht, welche Prüfungen stattgefunden haben." Und wir fragen uns: Sollte man das nicht wissen? Ein Vorwurf bezieht sich speziell auf den Begriff "Pfandring", den hat sich der Kölner Designer schützen lassen. Roehl dazu: "Es scheint so zu sein." Allerdings, so seine Ergänzung, der Begriff geistere schon seit mehreren Jahren durch Hamburg. Man könne sich ja auch nicht den Begriff "Laternenmast" schützen lassen. "Beim Patentrecht handelt es sich um komplexe rechtliche Kriterien, mehr kann ich nicht dazu sagen." Vielleicht aber lässt sich ja der Begriff "Laternenring" schützen, oder "Flaschenring" – oder gar "Laternen-Flaschenring"? Wir versuchen das gleich am Montag …

11vertiefung - Die EM-Kolumne von Johan Dehoust

Ich habe Toni Kroos nie so bewundert, wie gestern Abend. Weniger für das, was er auf dem Rasen zeigte, das ist man ja schon gewohnt. Nein, für sein Interview wenige Minuten nach dem Abpfiff. Eine 0:2-Niederlage im Halbfinale und was sagt er? Dass es das bestes Spiel seiner Mannschaft bei dieser EM gewesen sei. Eine Aussage, die beweist, dass er auch außerhalb des Rasens über eine rasante Auffassungsgabe verfügt. Zum einen, weil er damit ganz einfach recht hatte. Die deutsche Elf hat bei diesem Turnier tatsächlich nie so viel richtig gemacht, wie gestern in Marseille. Zum anderen, weil er den Gastgebern dieser EM indirekt ein großes Kompliment machte. Er haderte nicht mit den zwei Szenen, in denen seine Mannschaft ungeschickt in Erscheinung trat, dem Handspiel Schweinsteigers und dem Abwehr-Fauxpas, sondern gestand den Franzosen zu, dass sie ebenfalls sehr gut waren. Letztlich eben einen Tick besser, da ihnen kein einziger folgenschwerer Fehler unterlief.

© DIE ZEIT


Mittagstisch

Glück auf Arabisch

Glücklich kann sich schätzen, wer seine Mittagspause in der Nähe der Rathausstraße verbringen kann. Denn hier gibt es den vortrefflichen libanesischen Imbiss Salam. So sachlich die Speisekarte an der Wand gestaltet ist, so sinnlich gehen die Köche zu Werke: Fleisch und Gemüse sind auf den Punkt gegart, die Soßen fein austariert und die Gewürze perfekt zur Geltung gebracht. Empfehlenswert ist praktisch alles, was es dort gibt, seien es die zwei täglich wechselnden Mittagsgerichte (mit Fleisch 7 Euro, ohne Fleisch 6,50 Euro) oder die Standards wie Falafel, Mazza, Lammwürstchen, Tabouleh, Shawarma sowie die profan Arabische Kabab im Pitabrot genannte Köstlichkeit für 4,50 Euro. Zur Hauptspeisezeit ist es meistens sehr voll, was sich negativ auf die Wartezeit und auf den Lärmpegel auswirkt. Auch wird die Kleidung gelegentlich olfaktorisch in Mitleidenschaft gezogen. Aber für Freunde der arabischen Küche ist all das nebensächlich, denn es gibt weit und breit keine bessere. Jedenfalls nicht für das Geld.

Neustadt, Rathausstraße 12, Montag bis Samstag, 11 bis 18 Uhr

Thomas Worthmann

 


Was geht

Festival: Heute startet das Kulturflut Festival in Finkenwerder. Die Kleinen können ab 9.30 Uhr mit dem mobilen Kindertheater Pulcinella den Schatz auf der Kokosnussinsel suchen. Für die Großen spielen Bands Indie, Reggae, Ska oder Darkrock.
Finkenwerder, Gorch-Fock-Park, ab 16.30 Uhr

Kopfhörerparty: Zwei Boote, die durch den Hafen schippern, darauf Menschen, die wild tanzen, ohne dass Musik zu hören ist? Das ist die Kopfhörerparty. Bei Frau Hedi gibt’s Hits aus den 80ern, 90ern, Pop, Charts und Hip-Hop, bei Frau Claudia kommt ein Indie-Rock-Mix auf die Ohren.
"MS Frau Hedi", St. Pauli-Landungsbrücken, Brücke 10, 19.30 Uhr. Ab 23 Uhr geht’s im Club Molotow weiter.

Klassik: Ein Konzert mitten im Hafen und unter freiem Himmel: Beim HafenCity Open Air macht das NDR Elbphilharmonie Orchester unter der Leitung von Dirigent Krzysztof Urbański den Baakenhöft erstmals zum Konzertsaal. Stargast ist die Cellistin Sol Gabetta, gespielt werden weltbekannte Werke wie Dvořáks Neunte.
HafenCity, Baakenhöft, Freitag und Samstag, Konzertbeginn 21 Uhr, Einlass 19 Uhr

Nachts im Wunderland: Heute Nacht können Eisenbahnfreunde ganz in Ruhe, ohne Wartezeiten und ohne Massenandrang, die größte Modelleisenbahn der Welt bestaunen – bei einem Rundgang im kleinen Kreis hinter den Kulissen des Miniatur Wunderlandes.
Miniatur Wunderland Hamburg, Kehrwieder 2, Block D, 20.15 Uhr bis 24 Uhr

Was kommt

Mode: Ob hier vielleicht der nächste Star der Hamburger Fashionwelt entdeckt wird? Auf der A+ präsentieren junge Nachwuchsdesigner, Studierende der HAW Hamburg, in zwei Modenschauen ihre Abschlussarbeiten.
Handelskammer Hamburg, Börsensaal, Adolphsplatz 1, Samstag, 17.30 Uhr und 21.30 Uhr

Musik: Mehr als Lalala! Bei der 25. Nacht der Chöre treten – natürlich! – 25 Chöre auf. Von Kammermusik bis Gospel gibt es fast jeden Musikstil zu hören. Wer selbst mitwirken will, kann sich noch ganz spontan dem Projektchor anschließen. Treffpunkt ist um 17.15 Uhr vor der St.-Petri-Kirche, Auftritt dann gegen 20 Uhr. (PS: In einem der Chöre singt eine Kollegin aus unserer Redaktion mit.)
Hauptkirche St. Petri, Bei der Petrikirche 2, Samstag, 15 bis 24 Uhr

Kulinarik: Zum Abschluss der Altländer Kirschenwoche findet am Sonntag in Jork der Kirschmarkt statt. Höhepunkt ist das Kirschkernweitspucken, der Rekord aus dem letzten Jahr liegt bei 16,4 Metern – können Sie das toppen?
Rathausmarkt Jork, Sonntag, ab 11 Uhr

Schnack

Im Wartezimmer eines Hamburger Arztes: Die Ehefrau des Arztes sitzt in der Anmeldung; eine Patientin kommt herein und sagt mit tragischer Betonung auf echt Hamburgisch: "Frau L., ich hab so Probleme im Genialbereich …"

Gehört von Vera Schmiedel

 


Meine Stadt

»Auch wir Hamburger erklären uns mal (wenn auch selten) ...« © Andreas Döge


Wir haben eine Helmut-Schmidt-Stiftung. Ein halbes Jahr nach dem Tod von ZEIT-Herausgeber und Altkanzler Helmut Schmidt im Alter von 96 Jahren hat der Bundestag nun die Gründung einer Stiftung beschlossen. Die soll sich nicht nur um Schmidts Wohnhaus kümmern, sondern auch Analysen zu Deutschlands künftiger Rolle in der Außen-, Sicherheits- und Wirtschaftspolitik liefern. Möge sich der kritische, staatsmännische, weitblickende und auch unbequeme Geist von Helmut Schmidt in dieser Organisation wiederfinden.

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, worüber wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende. Montag lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

 

Ihr

Mark Spörrle

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.


© DIE ZEIT