Bremsen quietschen, es ruckelt, der Zug steht. Die Reisenden schauen aus den Fenstern und sehen nicht den nächsten Bahnhof, sie schauen auf Felder und Äcker in der schleswig-holsteinischen Provinz. Mitten im Nirgendwo hat der Regionalexpress, RE 21814, Abfahrt am 16. April um 11:09 Uhr in Büchen, geplante Ankunftszeit in Lübeck 11:52 Uhr angehalten. Lisa Schmidt*, Kuratorin aus Berlin, reist mit ihrer sechs Wochen alten Tochter in die Hansestadt. Auf einer Tagung will sie einen Vortrag halten. Doch dorthin kommt sie erstmal nicht.

In der Nähe des Zuges brennt es auf den Schienen. Ein Anschlag. Vermutlich haben Linksextreme einen Brand gelegt, um Rechtsradikale aufzuhalten, die im Regionalexpress auf dem Weg nach Bad Oldesloe sind. Dort wollen sie gegen die Asylpolitik demonstrieren, gegen die Aufnahme von Ausländern in Deutschland. Zwischen diese Fronten, zwischen Linke und Rechte, gerät Lisa Schmidt.

Nachdem der Zug stehen bleibt und minutenlang nichts passiert, sorgt sie sich zunächst, dass sie zu spät zu ihrem Vortrag kommen wird. Doch schon bald sorgt sie sich mehr wegen einiger Passagiere an Bord. Schwarz gekleidet, Kapuzenpullover, grobe Hosen. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie Linksradikale – doch Schmidt erkennt die Codes und die Klamotten der rechtsextremen Szene: Einige der rund 40 dunkel gekleideten Mitreisenden tragen die bei Rechtsradikalen angesagte Modemarke Thor Steinar: Eine Gruppe von mindestens 20 Neonazis, vermutlich Autonome Nationalisten, sitzen mit ihr im selben Zug.

Was auf der Strecke passiert ist, erfahren die Reisenden per Durchsage des Zugführers: "Vor uns brennt es, wir können erstmal nicht weiterfahren." Minuten verstreichen, dann gibt es schließlich eine weitere Ansage: "Das kann dauern, da brennen Autoreifen." So schildert Lisa Schmidt die Ereignisse. Sie hört, wie im Mittelteil des Kurzzuges ein schwarz gekleideter, junger Mann telefoniert. Er spricht sehr laut in sein Mobiltelefon: "Die Linksradikalen haben hier nen Anschlag gemacht. Es wird später."

"Die Toilette versagt ihren Dienst"

Draußen brennen 15 Reifen auf den Schienen in der Nähe vom Bahnhof Güster. Es sieht so aus, als ob die Rechtsradikalen nicht zu ihrer Kundgebung kommen. Darunter leidet auch Lisa Schmidt. Denn die Neonazis benehmen sich bald so, als kontrollierten sie den Zug.

Der Regionalexpress, zwei Türen auf jeder Seite, ist klein: ein Dieseltriebzug der Baureihe 648 (LINT), ein leichter, innovativer Nahverkehrstriebwagen, maximal 130 Sitzplätze. Nur ein Angestellter der Bahn ist zunächst vor Ort. "Im Zug war ein Mitarbeiter, der Triebfahrzeugführer", teilt das Unternehmen mit. Der Mitarbeiter habe Polizei und Feuerwehr alarmiert, Durchsagen gemacht und sei durch den Zug gegangen. Die Bahn spricht von "Unregelmäßigkeiten im Zug".

Lisa Schmidts Version der Ereignisse klingt nach mehr als nur Unregelmäßigkeiten. Die Türen des Zugs werden geöffnet. "Die Schwarzgekleideten im Zug sammeln sich nach und nach an den offenen Türen. Sie rauchen dort, was der Zugführer ihnen erlaubt hat." Fast eine Stunde vergeht, der Zug steht immer noch. "Die Toilette versagt ihren Dienst", schildert Lisa Schmidt die Situation an Bord. Aussteigen soll keiner der Fahrgäste, doch die Neonazis machen, was sie wollen. Einer der schwarz gekleideten jungen Männer geht nach draußen, hinter die Büsche.

Gegen 11:27 Uhr geht bei der Bundespolizei in Lübeck, die für Bahnangelegenheiten zuständig ist, die Meldung ein, dass es einen "gefährlichen Eingriff in den Bahnverkehr" gegeben habe. 42 Minuten später treffen drei Bundespolizisten beim wartendem Zug ein, zwei Beamte der Landespolizei sind bereits vor Ort.

Die Bundespolizisten waren bereits über eine Gruppe Schwarzgekleideter in der Bahn informiert worden. Der Triebwagenführer hatte vermutet, so berichtet es ein Polizeisprecher, dass Linksextreme an Bord seien. Vor Ort stellen die Beamten dann aber fest, dass es sich um "20 Personen aus dem rechten Spektrum" handelte, teilt der Sprecher mit. Die Extremisten aus beiden Lagern seien ja kaum noch auseinanderzuhalten. Ansonsten machen die Beamten an Bord "keinerlei Auffälligkeiten" aus: "Reisende sind befragt worden, ob sie Hilfe brauchen, alle haben verneint."